One love, one standard: Protest ja, aber nur, wenn er nix kostet

Meinung Manuel Neuer und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erleben gerade ein ganz klein bisschen das, was auch die Letzte Generation gerade erlebt
Manuel Neuer trägt die One-Love-Binde im WM-Vorbereitungsspiel gegen den Oman
Manuel Neuer trägt die One-Love-Binde im WM-Vorbereitungsspiel gegen den Oman

Foto: Imago/Ulmer/Teamfoto

„One love“, sang einst Bob Marley, „one heart: let’s get together and feel alright“.

Was aber, wenn man sich, wie derzeit die DFB-Elf bei der WM der Schande in Katar, zwischen „one love“ einerseits, und „getting together and feeling alright“ entscheiden muss, sprich, zwischen einer (Pardon) wertebasierten Fußballaußenpolitik, und der Teilnahme am lukrativsten Sportereignis der Welt in einer queer-, frauen und migrant*innenfeindlichen Petrodiktatur?

Die Antwort des deutschen Profi-Männerfußballs, dieser abstoßend korrupten, gesellschaftlich rückwärtsgewandten Bastion des cisheteromännlichen Normalwahnsinns, wird niemanden überraschen: Scheiß auf „one love“, wir wollen die Kohle!

Ich gebe zu, dass ich, wie viele radikale Queers, zuerst einmal ein bisschen beleidigt und ein bisschen belustigt war, als ich zum ersten Mal diese Pseudoregenbogenbinde um Manuel Neuers Arm sah: „Ach, schau an“, dachte ich, „hier zeigt sich Deutschland mal wieder in bekannter moralischer Höchstform: so tun, als würde man was ändern wollen, als hätte man *Werte*, aber in Wirklichkeit das ganz normale Business as usual weiterfahren.“

Protest und Solidarität

Der politische Konflikt um die Binde, so albern sie ursprünglich auch gewirkt haben mag, hat sie zu einem tatsächlichen Symbol für die Frage „Bist Du solidarisch mit queeren Menschen?“ gemacht, was Manuel Neuers Versuch, in der DFB-Elf damit aufzulaufen, zu einem realen Akt des Protests und der Solidarität gemacht hätte.

Hier aber greift das neue Prinzip, das in Deutschland für politischen Protest etabliert werden soll. Vielleicht immer schon grundsätzlich galt: Protest ist so lange gut, wie er uns gut aussehen lässt, solange er es „uns Deutschen“ ermöglicht, uns als „die Guten“ zu sehen. Sobald er aber anfängt, in relevante Aspekte unserer „Normalität“ einzugreifen, sobald er Symbole (patriarchaler) Macht angreift – Museen, Autobahnen, KÖNIG FußBALL! – und dabei ökonomische Kosten oder symbolische Kränkungen verursacht ... dann hat sich’s halt ausprotestiert, dann ruft Papa an und sorgt dafür, dass wieder Ruhe herrscht.

In diesem Sinne erleben Manuel Neuer, erlebt die deutsche Männerfußballnationalmannschaft ein ganz klein bisschen das, was der Letzten Generation gerade gezeigt wird: Ein bisschen Wertegefasel ist ja schön und gut. Aber jetzt geht’s ums Geld. Also haltet’s Maul, reiht euch ein, und macht weiter das, was euch gesagt wird.

Zeit, an einen anderen Bob Marley Song zu denken: Get up, stand up. Die WM der Schande sollte boykottiert werden, der DFB zerschlagen – und verdammt nochmal: Es muss endlich ein aktiver männlicher Profifußballer sein schwules Coming-out haben.

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