One world, two tits

Jargon des Unpräzisen In Yadé Karas Debüt »Selam Berlin« will ein junger Türke den Osten erobern

Wer kann diese Tage je vergessen? Als wir das glücklichste real existierende Volk waren, und der Himmel über Westberlin vom Ausstoß knatternder Trabanten verdunkelt wurde? Als glitzernder Ramsch aus den türkischen Import-Exportläden längs der Kreuzberger Wrangelstraße von glückstrahlenden Friedrichshainern über die Oberbaumbrücke getragen wurde. Was waren das für Zeiten, als wir Westler im Osten den schwarzweiß melancholischen Charme der sechziger Jahre neu entdeckten, durchquert von grauer Tristesse. Wer so glücklich war, dabei gewesen zu sein, wird diese Zeit des Aufbruchs, jenseits von allen Beschwerlichkeiten und seither gestrickten Legenden und Mythen, nicht vergessen können. Und umso genauer das Kolportierte betrachten. Denn seither wurde viel geredet über diese aufregende Zeit und noch mehr geschrieben. Für wen erzählt die 1965 in Cayirli (Türkei) geborene Yadé Kara die Geschichte von Hasan Selim Khan Kazan, der auszog, den Osten zu erobern?

Karas Idee ist bestechend. Die Geschichte aus der Sicht eines türkischen Kreuzbergers verspricht irritierende Blicke auf allzu Bekanntes. Ein neunzehnjähriger Pendler zwischen Abend- und Morgenland, zwischen Berlin (West) und Istanbul, stürzt sich in den Wendestrudel. Er schert sich nicht um die düsteren Prognosen seines zielstrebigen Bruders Ediz, den es nach Boston oder New York zieht: »Dort bist du immer Kanacke, ob mit Abi oder ohne, Kanacke bleibst du immer in Berlin.« Die sich vereinigende Stadt im Umbruch erscheint Hasan verlockender als das brausende Istanbul am Goldenen Horn. Berlin ist seine Stadt, Kreuzberg sein Viertel. Im Schatten der Mauer, »seiner Graffitimauer«, hat er mit den Freunden gespielt. Später reiste er in den Sommerferien von Istanbul an, um im Reisebüro seines Vaters, Oranien- Ecke Adalbertstraße Tickets zu verkaufen. Während der Vater samt Kompagnon auf Bananenhandel umgestiegen ist, zieht der Sohn los. Ein echter Abenteurer, der Hansi, wie ihn Oma Wessel ruft. »An einem kalten Morgen machte ich mich auf den Weg. Checkpoint Charlie war meine erste Station. Hier war was los. Hier war riiichtig was los. Ey man, ich sag´s euch, hier war Action, hier war Revolution, hier war ein Taifun losgebrochen. Niemand konnte ihn stoppen, und ich war mitten drin.«

Es ist still im Auge des Taifuns. Hasan scheint das nicht zu wissen. Er wundert sich, wie schweigsam, geradezu bedrückt sein Vater abends auf der Couch hockt. Ist es das Ende der sozialistischen Utopie, um die der eingefleischte Linke trauert? Hasan ist unaufmerksam und sehr mit sich beschäftigt. Glück, Glanz, und Ruhm zu erwerben, schwebt ihm vor. Natürlich Geld und die passende Frau dazu. »One World, two Tits«, ist eine seiner griffigen Welterklärungsformeln. Er studiert Cosmopolitan und andere Ratgeber, um fit für die angepeilten multiplen Orgasmen zu sein. Er träumt, dass eine Frau ihm verfällt, ihm, dem knackigsten Arsch zwischen Adalbert- und Oranienstraße. Und, oh Kismet, er findet sie schon am ersten Tag. Zwischen hämmernden Mauerspechten und Marlboro qualmenden Vopos steht die Fotografin Cora, und sein Herz beginnt zu flimmern. Er wird sie verlieren und wiederfinden und endgültig verlieren. Das macht nichts. Denn trotz seiner schwülstigen Liebesphilosophie ist er ein echter Schnäppchenprinz. Hey, was soll´s! Truthahnhals und Tränensäcke von Agnes, der Inhaberin von Queen´s Hundesalon schrecken ihn nicht. Er nimmt mit, was sich bietet. Er denkt wenig. Hat »keinen Fimmel auf Analysen« und lernt auch nichts dazu. Ist Hasan Kazan von der Autorin als die liebenswerte Karrikatur des uns wohlbekannten türkischen Machos konzipiert? Einer, der sich genüsslich am Sack kratzt, bevor er seinen Schleimbatzen auf den Asphalt platziert? Der Roman lässt diese Frage unbeantwortet.

Laut Klappentext zeigt Yadé Kara in ihrem Buch Klischees auf, um sie zu zerstören. Ja, sie sind alle beisammen, die Ostberliner und die Westberliner Abziehbilder. Die schicke, ehemals pseudolinke Wilmersdorferin mit ihrer Vorliebe für Villen im Grunewald, die Ostberlinerin Rosa Marx (sic!), die für den Kapitalismus geboren scheint, sie versammeln sich mit ihren türkischen Ehemännern und Geliebten und den aus diesen Verbindungen stammenden legitimen und illegitimen Sprösslingen auf dem west-östlichen Diwan. Ihre kleine Leben werden durch die Sprungfedern der Geschichte geschüttelt und durchgerüttelt. Ein bisschen. Die Autorin fährt ihre Leser im Touristenbus an die sattsam bekannten Plätze. Bolle-Reste, Schöneberger Damen-WG mit leichten Rassismen hinter dem wohlfrisierten Haarschopf. An der Gedächtniskirche schwenkt Helga Goetze ihre kunstvoll bestickte Fahne: Ficken ist Frieden. Klezmer, Nicaragua, kaufwütige Ossis am Kudamm, der obligate Überfall von Hertha-Faschos, jede erdenkliche Schublade wird aufgezogen. In der Kunstruine Tacheles versammelt sich die Szene der Kreativen. Flott dahingeschriebene Kapitel, im lockeren Jargon des Unpräzisen, was nach einer Weile auf die Nerven geht. Ein bonbonbunter Realismus verklebt die Figuren, was sie denken, sagen und erleben an der Oberfläche einer Stadt, die weitgehend aus den Bildern eines erweiterten Szenereiseführers gebaut ist. Wenn Hasan Kazan unangenehm berührt von berühmten deutschen Regisseuren die Türken auf Döner, Kebab, Männerehre und Messerstechen reduziert hört, bleibt der Blick der Autorin auf den Osten nicht weniger beschränkt.

Wer die durch das Grips-Musical zu Weltruhm gelangte U-Bahnlinie Eins nach der Maueröffnung zur Vineta-Straße fahren lässt, sollte keinen Berlin-Roman schreiben. Hat Yadé Kara gewußt, was sie tut? Am Ende steht der Held am Potsdamer Platz. Er hört die Freudenböller zur deutschen Einheit knallen und starrt auf die prosperierende Baustelle. Er weiß jetzt, wo´s lang geht, glaubt er. Nur, die Baustelle, die gab es 1990 noch nicht.

Yadé Kara: Selam Berlin. Roman. Diogenes, Zürich 2003, 384 S., 19,90 EUR

00:00 21.03.2003

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