Im Protest

Friedensaktivist Der Shoah-Überlebende Reuven Moskovitz kämpfte gegen Israels Siedlungspolitik. Auch in Berlin

Und dann fällt ein wenig Regen auf die Ein-Mann-Demonstration, leichte Tropfen, die der Wetterdienst nicht auf dem Zettel hatte, und die Reuven Moskovitz, geboren 1928 in einem Schtetl mit dem Namen Frumușica, Kreis Botoșani, ganz im Nordosten Rumäniens, nicht aus der Ruhe bringen. Mit Glück haben wir uns hier wiedergetroffen, die US-Botschaft im Rücken, Blick auf das Holocaust-Mahnmal. Er könne nicht gut organisieren, sagt Moskovitz, „aber ich bin ein guter Improvisator“.

Wenn man Moskovitz von der Seite anschaut, hat sein Gesicht eine gewisse Ähnlichkeit mit dem mittelalten Kirk Douglas. Vor allem, wenn er nach so einem Satz einen Moment sein Gegenüber fixiert und dieses feine, hintersinnige Schmunzeln Falten durch sein Gesicht wirft: Es geht von den blitzenden Augen aus, erreicht Stirn, Mund und fast den Jackenkragen. Gegen den Regen hat er eine blaue Regenjacke improvisiert, die hohe Stirn, die grauen Haare schützt er mit einer Cordmütze.

Die paar Tropfen machen nichts, dafür muss er nicht einmal seine Schilder abnehmen, eines trägt er vor der Brust, eines auf dem Rücken. „Shoah-Überlebender Reuven Moskovitz, 88 Jahre alt“, steht da in fetten Lettern, und: „Rufer in der Wüste!“ Darunter ein naiv gemaltes Aquarell, auf dem Bild steht ein Mann in einer tatsächlich wüsten Landschaft. Neben ihm ein Soldat, im Hintergrund ein Militärjeep, ein Sicherheitszaun zieht in den Hintergrund, gerade auf ein graues Gebirge zu. Der Mann hat die Hände an den Mund gelegt, er scheint zu rufen. Der Soldat blickt in dieselbe Richtung, in die der Mann ruft.

Der Holocaust in Rumänien

Jüdisches Leben in Rumänien reicht bis vor die Zeitrechnung, die mit Christi Geburt auf null gestellt wurde. Antisemitismus und Pogrome markieren die moderne Geschichte des Landes, der Holocaust in Rumänien war außerordentlich brutal: 1934 lebten 700.000 Juden im damaligen Staatsgebiet, nach dem Regime des Conducător Ion Antonescu waren es weniger als die Hälfte. Reuven Moskovitz’ älterer Bruder wurde nach Auschwitz deportiert, er selbst konnte den Mordkommandos aus dem Weg gehen, überlebte Verfolgung und Schikanen, schaffte es sogar, für seinen todkranken Vater bei der Zwangsarbeit einzuspringen. Wie viele wanderte er nach dem Krieg nach Israel aus.

Wenn man Moskovitz trifft, kann man die Illusion haben, wählen zu müssen zwischen den Stationen, die sein Leben ausgemacht haben: Sprechen wir über das faschistische Rumänien? Über den Antisemitismus nach 1945? Oder wollen wir über das junge Israel reden, in das es Moskovitz zog, über den Sozialismus der Kibbuzim, für den er sich begeisterte? Über Neve Shalom, das Dorf, das er 1969 mitgründete, die „Oase des Friedens“ – ein Ort, „an dem nichts war, außer Fels und Disteln“, erzählt er. Heute leben dort fast 300 Juden, palästinensische Muslime und Christen zusammen, die sich selbst verwalten und trotz mancher Reibereien ein Modell für einen säkularen Staat Israel wären.

Nein, es gibt keine Wahl, wir sind gleich bei dem Plakat, sprechen über einen unbequemen Protest: Moskovitz ist anlässlich des Kirchentages wieder einmal nach Berlin gekommen, um die militärische Besetzung Palästinas anzuprangern. Die Wüste auf dem Bild, sagt er in der Wohnung einer Freundin ein paar Stunden vor seiner Demonstration, sei die Politik. „Oder vielleicht sogar die Bereitschaft, sich erpressen zu lassen.“ Das ist einer dieser Sätze, für die Moskovitz in Israel und auch anderswo Gegenwind bekommt. Einer dieser Sätze, die auch in Deutschland kompliziert sind. Moskovitz ist das, was man klassisch einen Friedensaktivisten nennt, mit Plakaten, Regenjacke und einer klaren Vorstellung von Moral. Von Angela Merkel fordert er seit vielen Jahren ein „freundliches Machtwort“, eine Kritik an Israels Siedlungspolitik. Diese Moral spiegelt sich im Satz mit der Erpressung: Für Moskovitz ist der Erpresser der Staat Israel, der mit der Shoah in der Hand die deutsche Politik zwinge, stillzuhalten oder Rüstungsdeals zu unterschreiben. Mit deutschen U-Booten und Panzermotoren sieht Moskovitz nämlich eine furchtbare Sache betrieben: die militärische Besatzung, die Unterjochung der Palästinenser.

An diesem Zusammenhang klärt sich seine Haltung – unter der Leitung des späteren Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin besiegte die israelische Armee im Juni 1967 nicht nur die aggressiven Ägypter, Jordanier und das von der Sowjetunion unterstützte Syrien, sie eroberte auch die Altstadt von Jerusalem, die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen, das Westjordanland und die Golanhöhen. Danach zog sie sich nicht wieder hinter die Waffenstillstandslinien von 1949 zurück, die Besetzung der Westbank begann, mit Infrastrukturmaßnahmen und dem Aufbau industrieller Landwirtschaft. Man kann den Sechstagekrieg als einen der vielen Wendepunkte in der Geschichte Israels und Palästinas nehmen: Der Staat baute eine Besatzungsverwaltung auf, der Plan, Palästina langfristig zu besetzen, zu kontrollieren und wirtschaftlich zu nutzen, zeichnete sich ab – auch wenn dies dem Völkerrecht widerspricht und von etlichen UN-Resolutionen verurteilt wurde.

Seit 50 Jahren protestiert Moskovitz gegen diese Besetzung. Er hat mit sehr schrillen Vergleichen geschimpft, in denen er Parallelen zog zum Nationalsozialismus, und dafür harte Kritik einstecken müssen. Er hat Konzerte mit seiner Mundharmonika gegeben und viele Reden gehalten. Er war auf einem Segelboot, das vor ein paar Jahren Gaza anlaufen und die Seeblockade durchbrechen wollte und von der Marine aufgebracht wurde. Er hat Politiker getroffen, er hat Aktivisten in der ganzen Welt motiviert. Immer hat er das mit der Autorität des Shoah-Überlebenden getan, stets mit dem Hinweis, dass er nichts gegen den israelischen Staat habe, im Gegenteil: „Es ist der Staat, in dem ich mich zum ersten Mal satt gegessen habe.“

Kritiker der Besatzung

Vielleicht ist es mit der Zeit noch schwieriger geworden, seine Argumente, Haltung und Moral zu verstehen: Mit der Grenzmauer trennen sich längst zwei Gesellschaften. Sie wissen weniger voneinander. Die Besetzung Palästinas stabilisierte Israel wirtschaftlich, in dem Gegenüber der israelischen Industrienation und der Ohnmacht der Palästinenser hat sich längst Normalität eingelebt. Moskovitz erzählt, dass in Israel viele Politik betreiben, die auf kurze Wege zwischen Administration und Wirtschaft schielen: Er nennt diese Wege Korruption, zählt Amtsträger auf, die verurteilt wurden und viele, die es werden müssten. Moskovitz spricht von der Überheblichkeit, die sich breit gemacht habe, die für Empathie kaum Raum ließe. „Israel retten durch die Befreiung der Palästinenser“, steht auf seinem Protestplakat.

Hoffnung auf grundlegende Veränderungen, die den Konflikt entschärfen könnten, hat er wenig. Deshalb brauche es Druck von außen: „Wir haben uns in den letzten Jahren eine Maßlosigkeit zu eigen gemacht. Wir treten auf, als hätten wir das Recht, mit den Palästinensern so umzugehen, wie wir es tun. Als hätten wir das Recht, wie das gehätschelte Kind behandelt zu werden. Dabei müssten die USA und auch Deutschland längst sehen, dass es noch andere Kinder gibt, um die sie sich kümmern müssen.“

Ecke Behren- und Ebertstraße, Moskovitz steht eine Weile, manchmal spricht ihn jemand an. Viele, die seine Plakate lesen, gehen schnell weiter, meist ist er von alten Freunden umringt. Er geht auf eine Gruppe Jugendlicher zu, die sich am Eingang zum Kirchentag sammelt. Sie sind aufgeregt, jubeln sich hoch zu dieser pfannekuchengesichtigen Begeisterung, die den Grundton des Kirchentages ausmacht. Moskovitz fragt, ob sie einen Moment zuhören wollen, die Jugendlichen drehen ihm den Rücken zu. Er zögert, lächelt nicht, niemand achtet auf sein Plakat, seine Botschaft. Nach einer Weile geht er zurück zu seinen Freunden. „Reuven Moskovitz“, fragt man dann, „Rufer in der Wüste, zum Glück haben Sie viele Freunde, wohl in der ganzen Welt?“ Da wird es für einen winzigen Augenblick leer im Gesicht des alten Mannes, aus Reuven Moskovitz schaut zwischen all den Wanderjacken und der seltsamen Beseeltheit ringsum plötzlich etwas, das fast wie Verzweiflung wirkt: „Ja“, sagt er und zögert, „man ist trotzdem sehr einsam.“

06:00 12.07.2017

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