Operation Warschauer Bridge

KEHRSEITE Ich komme von der S-Bahn und laufe über die Oberbaumbrücke in Richtung Revaler Straße. Eine mauerlose Generation mit der East Side Gallery im Rücken ...

Ich komme von der S-Bahn und laufe über die Oberbaumbrücke in Richtung Revaler Straße. Eine mauerlose Generation mit der East Side Gallery im Rücken begleitet mich. Und die Gegenwart sitzt im Nacken, mehr nicht. Ein leichter Nieselregen hat eingesetzt, es kitzelt wieder in den Bronchien, und ich sehne mich nach einem Mittel, das den chronischen Reiz beseitigt. Fettgeruch vom Imbiss steigt in den Abendhimmel. Türken von morgen ohne Technik von morgen trinken Schnaps. Wollmützen-Gesichter gehen schneller als gewöhnlich, obwohl sie ihrem Schicksal nicht entrinnen können.

Plötzlich höre ich ein lautes: "Los, jetzt!" und drehe mich um. Einige Typen mit Rucksäcken und Base-Caps fallen über zwei junge Männer her und werfen sie zu Boden. Eine überfallartige Aktion, wie einstudiert. Ein ziviles paramilitärisches Einsatzkommando aus dem Untergrund? Offensichtlich haben private Wehrsportgruppen keine Hemmungen mehr vor der Öffentlichkeit. Einen Meter vor mir funkelt eine Pistole auf, fettig glänzend, als sei sie eben erst eingerieben worden. Vielleicht liegt es am Alkohol, jedenfalls bleibe ich ohne Anflug von Angst stehen und schaue zu. Neugierde als Antriebsfaktor, zumal die Angreifer an mir keinerlei Interesse zeigen. Ein zweiter Mann zieht eine Pistole und ruft: "Polizei, weitergehen!" Die Aktion hat also einen legalen Hintergrund, fast bin ich beruhigt.

Die Aufforderung wird von der Menge angenommen, die meisten schauen gern weg. Sie sind momentweise Zeuge eines unkonventionellen, rabiaten, aber doch gesetzmäßigen Zwischenfalls. Die beiden Überwältigten liegen völlig wehrlos am Boden, die Gesichter eingetaucht in Döner-Reste und Verpackungspapier. Ankara von unten. Da der erste Zivilbulle mit der Pistole das gleiche Parfum wie ich benutzt, könnte ich ein Gefühl von Solidarität empfinden.

Im Grunde ist das Ganze nur ein nachempfundener Einsatz in Manhattan auf Bezirksebene. Das verführt zur englischen Sprache: Operation Warschauer Bridge. Before the fusion of the districts. But not an ethno-fusion. Ein Passant zieht einen Presseausweis und möchte von den Beamten ebenfalls einen Ausweis sehen. Kurz blitzt eine silberne Plakette auf, aber eine Dienstnummer wird hartnäckig verweigert. Nun werden die Vorbeikommenden schroff aufgefordert weiterzugehen, da sie offenkundig den Einsatz behindern. Die beiden jugendlichen Kriminellen werden in zwei Autos gezerrt. Der Journalist ist ein wenig fassungslos, blickt auf den konvexen Bogen der Brücke, die eigentlich zu einer romantischen Überquerung der Spree einladen sollte. Und ich hätte später meinen literarischen Freunden etwas von den malerischen Reizen der im Dunkel angeleuchteten Brücke mitteilen können. Aber die Polizei hat mit ihrem kraftvollen Auftritt alles vermasselt. Wie heißt das so schön? Aus ermittlungstechnischen Gründen dürfen keine Informationen an die Bevölkerung weitergegeben werden. In fataler Weise fühle ich mich an diktatorische Regimes erinnert, bei denen systemkritische Menschen einfach von der Straße verschwinden, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. Nun gut, Polizisten als verkleidete Techno-Freaks. Treten sie das nächste Mal im Heavy-Metal-Dress auf?

Zuhause angekommen, rufe ich sogleich das Revier in der Wedekindstraße an, um mir Gewissheit zu verschaffen. Ausgerechnet Wedekind. Der Dramaturg rannte gegen die bürgerlichen Konventionen an. Nach meiner Schilderung reagiert der Beamte am Telefon verblüfft und möchte eine Streife zu mir nach Hause schicken, damit ich als Zeuge aussagen kann. Fünf Minuten danach erhalte ich einen Rückruf, in dem scheinbar alles aufgeklärt wird. Ein junger Ordnungshüter erklärt lapidar: "Das hatte alles seine Ordnung. Das waren die Brandenburger ... Manchmal begreift der normale Bürger so etwas nicht."

Ist der normale Bürger zu normal für solche Einsätze? In den nächsten Tagen suche ich in den Zeitungen nach Informationen über den Vorfall - vergeblich. Transparenz?

Wie heißt das noch mal? Aus ermittlungstechnischen Gründen ...

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