Opfer oder Täter

Porträt Jacob Appelbaum war ein Star der linken Hackerszene – nun ist er mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert
Anja Krüger | Ausgabe 24/2016 23

In Glasfasergeschwindigkeit vom Popstar zum Paria: Nachdem er sexueller Übergriffe beschuldigt wurde, ist der Netzaktivist und Journalist Jacob Appelbaum zur Unperson geworden – wobei völlig unklar ist, ob die Vorwürfe stimmen. Der virtuelle Pranger hat eine enorme Empörungswelle verursacht. Daran ändert nichts, dass bislang keine Strafanzeigen bekannt wurden, dass er die Vorwürfe bestreitet und dass zwölf Frauen eine Solidaritätskampagne für ihn ins Leben gerufen haben.

Jacob Appelbaum ist eine der schillerndsten Figuren in der linken Hackerkultur, jener Szene, die auf Außenstehende eher suspekt und leicht paranoid wirkt. Der US-Amerikaner sieht im Dreieck aus Internetkonzernen, Geheimdiensten und Polizei eine bedrohliche neue Macht. Facebook, Google und Smartphones sind in dieser Welt gefährliche Werkzeuge einer großen Überwachungsmaschinerie. Der 33-Jährige warnt so unermüdlich wie überheblich vor der globalen Kontrollgesellschaft. „Die größte Bedrohung für den Investigativjournalismus sind Investigativjournalisten“, sagte er etwa im März bei einem Symposium in Berlin. Ihn stört, dass ihn viele Kollegen nicht als Journalisten anerkennen. „Wer mich weiterhin einen Internetaktivisten nennt, der fördert, dass für mich nicht der Schutz der Presse gilt, sondern dass ich nach Anti-Terror-Gesetzen behandelt werden soll.“ Er ist im Visier der Strafverfolgungsbehörden der USA, ihm drohen dort Strafen wegen Geheimnisverrats. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin.

Der Mann mit der typischen Nerd-Brille war auf Kongressen zur digitalen Welt bislang ein Held, dem minutenlang Beifall gezollt wurde. Er war Mitarbeiter der Enthüllungsplattform Wikileaks und ist mit deren Gründer Julian Assange befreundet – jenem Mann, der in die ecuadorianische Botschaft in London geflohen ist, um nicht nach Schweden und dann in die USA ausgeliefert zu werden. In Schweden wird wegen Vergewaltigung gegen Assange ermittelt, in den USA droht ihm eine harte Strafe wegen Geheimnisverrats. Appelbaum war auch an den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über den weltweiten Überwachungswahn US-amerikanischer Geheimdienste beteiligt.

Appelbaum deckte auf, dass das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört wurde. Dafür bekam er 2014 gemeinsam mit Spiegel-Redakteuren den Henri-Nannen-Journalistenpreis. Den nahm er bei der feierlichen Verleihung zwar an. Doch eine Woche später distanzierte er sich von dem Preis. Er schäme sich, eine Auszeichnung angenommen zu haben, die den Namen Henri Nannen trage, sagte er bei einem Theaterfestival in Mannheim. Henri Nannen war im Zweiten Weltkrieg Mitglied einer Propagandakompanie der SS. Appelbaum ist Atheist, seine jüdischen Vorfahren sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Österreich-Ungarn in die USA ausgewandert.

Aufgewachsen ist er in Kalifornien bei seinem Vater, einem Künstler und Autor. Der Vater erkrankte früh, die Mutter hatte psychische Probleme. Deshalb verbrachte Jacob Appelbaum viel Zeit bei der Familie eines Freundes. Dessen Vater war Programmierer. Vom ihm lernte der Teenager den Umgang mit Software und Linux. Obwohl er keinen Hochschulabschluss vorweisen konnte, bekam er 2010 an der Universität Washington einen Job als Forscher und IT-Sicherheitsexperte. Doch weil er nicht aufhörte, Julian Assange öffentlich zu unterstützen und vor Bespitzelung zu warnen, verlor er 2012 den Job. Von da an war er als Entwickler tätig und engagierte sich im „Tor“-Projekt. Die Mitarbeiter von Tor stellen eine Anonymisierungssoftware her, die Internetsuchen verschlüsselt und so vor Überwachung schützen soll.

Vor drei Wochen verließ Appelbaum das Projekt. „Die Vorwürfe gegen Jacob Appelbaum waren für alle bei Tor nicht total neu“, erklärte Geschäftsführerin Shari Steele. Seit einiger Zeit gebe es Gerüchte, nun seien die Vorwürfe aber konkreter und man wolle ihnen nachgehen. Feministinnen kritisieren seit langem Frauenfeindlichkeit in der Szene.

Die Anschuldigungen sind schwerwiegend. Sie gehen aus von einer eigens eingerichteten Webseite. Mehrere Personen, die ihre Identität nicht preisgeben, schildern dort Übergriffe. Laut Eigenbeschreibung handelt es sich um Menschen, die von Appelbaum „belästigt, plagiiert, gedemütigt und missbraucht wurden – sowohl sexuell, emotional als auch physisch“. Auf die Frage, ob die Betroffenen Strafanzeige gegen Appelbaum gestellt haben oder stellen wollen, antworten die Betreiber der Homepage bis Redaktionsschluss nicht. Ein US-Blog hat ebenfalls Vorwürfe gegen Appelbaum veröffentlicht. Drei Personen berichten, dass Appelbaum nach einem Hacker-Kongress in Hamburg eine Frau sexuell belästigt haben soll. Das ist nachgewiesenermaßen falsch, das vermeintliche Opfer hat das mittlerweile in einer schriftlichen Erklärung klargestellt.

Den Shitstorm konnte das nicht aufhalten. Appelbaum weist die Anschuldigungen zurück. „Die Vorwürfe des kriminellen sexuellen Fehlverhaltens gegen mich sind komplett falsch“, meldete er sich via „TwitLonger“ zu Wort. „Vage Gerüchte und Schmierkampagnen gegen mich sind nichts Neues.“ Er sei zu rechtlichen Schritten bereit, um seinen Ruf gegenüber „verleumderischen Anschuldigungen“ zu verteidigen. Offline zu gehen, um den Vorwürfen zu entgehen, nützt Appelbaum nichts. An das Haus, in dem er in Berlin wohnt, haben Unbekannte in großen Buchstaben „Ein Vergewaltiger wohnt hier“ geschrieben.

Mittlerweile gibt es eine Solidaritätskampagne für ihn. Initiiert wurde sie von zwölf Frauen, die mit ihm seit Jahren befreundet sind oder mit ihm zusammengearbeitet haben. Sie sehen das virtuelle Treiben gegen Appelbaum als Rufmord an – und fordern eine offene und auf Beweisen beruhende Debatte.

06:00 17.06.2016

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