Opposition fürchtet die „Bassidjis“

Iran Revolutionsführer Chamenei hat bei seinem ersten Auftritt seit der Wahl die Opposition gewarnt, mit ihren Protesten fortzufahren. Anhänger des Regimes machen mobil

Die Nachbarin ist außer sich: „Sie haben alles zerschlagen. Schaut euch mein Auto an.“ „Schaut euch die Gegensprechanlage an“, sagt eine andere Stimme. „Entschuldigung“, ist die Stimme eines Mannes zu hören, der offenbar die Kamera in der Hand hält. Womöglich ein Mobiltelefon. „Entschuldigung, wissen Sie, wer das war? Dürfen wir mit in die Garage kommen und Fotos machen?“ Die Garage ist voll mit beschädigten Autos. Eingeschlagene Scheiben, Karosserie, Armaturen. „Wissen Sie, wer das war?“ wird erneut gefragt. „Das waren die zivilen Guards“, antwortet die Stimme. „Sie waren auch in der Wohnung, sie haben alles demoliert“, pflichtet eine andere Stimme bei. Inzwischen kursieren zahlreiche Videos dieser Art im Internet. Im Iran ist unter den gegebenen Umständen ein jeder in diesen Zeiten zum Medium geworden.

Der harte Kern


Inzwischen ist aus dieser „Miliz der Freiwilligen“ eine riesige Organisation mit verzweigten Strukturen geworden. Für den normale Bürger im Iran ist es kaum möglich, Hierarchien und Strukturen zu durchschauen. Besonders schwer fällt die Einordnung bei den Einheiten der Bassidjis, die Zivil tragen. Sie sind ein Teil der Nutznießergemeinde, wie sie sich im Fußvolk der islamischen Theokratie gebildet hat. Das Verteilen von Pfründen hat in diesem Land eine lange Tradition. In der Islamischen Republik werden Geschenke eher in die unteren Gesellschaftsschichten vergeben, doch haben sich inzwischen auch da Kasten herausgebildet. Während der vergangenen 20 Jahre konnten zudem viele, die Zugang zum inneren Machtkreis des Regimes fanden, in die Mittel- oder gar Oberschichten aufsteigen.

Diejenigen aber, die seit einer Woche als Schlägertrupps auftreten, gehören unzweifelhaft zum harten Kern der Bassijis. Dabei lässt sich beobachten, das Militärdienstleistende nicht nur zur regulären Armee, sondern auch in die Freiwilligen-Miliz geschickt werden. Viele von ihnen standen in den letzten Tagen auf den großen Straßenkreuzungen Teherans und lächelten in die Handykameras, als seien sie die Garantie der öffentlichen Ordnung.
Der harte Kern der Bassidjis kann Karriere machen und in den höheren Dienste beim Militär, beim Geheimdienst oder bei staatlichen Behörden aufsteigen. Für bestimmte Aktionen halten sie ein Leben lang zusammen, egal welchen Dienst sie gerade leisten. Sie verschreiben sich der Sicherung des Systems, das ihnen im Gegenzug verspricht, sie bis zum Schluss „königlich“ zu ernähren.


Eine so große Herausforderung und wohl auch Bedrohung wie jetzt hat es für das System der Islamischen Republik in den zurückliegenden 30 Jahren nicht gegeben. Erstmals seit dem Sturz des Schahs von 1979 gehen wieder Hunderttausende tagelang auf die Straße und fordern Recht und Freiheit – keine verbrieften Rechte im Iran.

Videoaufnahmen zeigen wie das Volk, anknüpfend an die 79er Revolution, Nacht für Nacht "Allah-o-akbar" (Gott ist groß) und "marg bar diktator" (Tot der Diktatur) von den Dächern ruft. Eine junge Frau berichtete gestern am Telefon, dass sie am Abend zu normalen Geschäftszeiten (die es weiterhin gibt) in ein Gebäude ging, um ihre Schwester abzuholen. Mehrere Bassidjis hätten dort zwei junge Leute verfolgt, die mit dem Aufzug aufs Dach gefahren seien. Die Verfolger schlugen auf ihrem Weg alles kurz und klein. Als die junge Frau mit ihrer Schwester aus dem Gebäude kam, fiel einer der jungen Männer auf den Bürgersteig und starb. Er wird in keiner Opfer-Statistik auftauchen.

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13:50 20.06.2009

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