Optimismus im Netzwerk

Intermezzo In "Multitude" antworten Antonio Negri und Michael Hardt den Kritikern des "Empire". Szenen einer Debatte

Die erste Phase der Rezeption ist vorüber, die Sekundärliteratur liegt in Sammelbänden vor oder wurde auf Homepages archiviert, und es ist Zeit, ein Resümee zu ziehen. Empire hat das Terrain der Theorie verändert. Der Anspruch, eine Theorie der Globalisierung von links zu schreiben und damit den etablierten, systemischen Vorstellungen einer globalisierten Welt etwas anderes entgegenzusetzen, wurde unbeschadet zahlreicher Einwände mit Erfolg eingelöst. Dafür sprechen Umfang und Inhalt der Beiträge, inklusive der Debatte, ob es sinnvoll ist, trotz der Schwachpunkte an Empire anzuknüpfen.

Linke Debatten, was aus den alten Theoriebeständen einzumotten, was auf die Höhe der Zeit gebracht und was neu und erst noch begrifflich zu erfassen ist, wurden durch dieses Buch befeuert und erhalten zusätzlichen Zündstoff durch den Umstand, dass die beiden Autoren selbst einen Materialienband veröffentlicht haben. Gemeint ist Multitude, ein Buch, das nicht als Pendant zum großen Entwurf Empire gelesen werden sollte. In Multitude explizieren Hardt und Negri ihren meist kritisierten Begriff; sie entgegnen Einwänden und beziehen Stellung zu gesellschaftlichen Veränderungen, die ihr Konzept eines grundsätzlich neuen Herrschaftsregimes untergraben könnten, zuerst sicherlich die Frage, ob die neuen Kriege der Vereinigten Staaten nicht die Fortsetzung des alten Imperialismus darstellen und deshalb nicht von einem neuen Regime namens Empire ausgegangen werden kann, das seine Herrschaft biopolitisch, also primär kommunikativ und kooperativ organisiert.

Frank Deppes Buch Der neue Imperialismus belegt, dass selbst, wenn Hardts und Negris These nicht akzeptiert wird, ihre Argumentation auf jeden Fall eine höhere Trennschärfe der Begriffe wie der Argumentationen zur Folge hat. Als Übersicht über ein Jahrhundert unterschiedlicher Imperialismustheorien sowie als Einführung in die gegenwärtigen Debatten ist dieses Buch sehr nützlich. Der Titel impliziert bereits die Kritik an der Vorstellung eines gänzlich neuen Systems internationaler Ausbeutung. Hardt und Negri haben - in Interviews und auch in Multitude - auf diese Kritik reagiert und kommen ihr so weit entgegen, dass sie von einem im Ausgang offenen Konflikt zwischen altem Imperialismus und Empire sprechen.

Allerdings ist das nicht als Revision ihrer Theorie zu verstehen. Das Empire materialisiert sich unmittelbar vor unseren Augen, so lautet der erste Satz ihres vor fünf Jahren veröffentlichten Buches. Besondere Beachtung verdient das Wort "unmittelbar". Etwas gewinnt allmählich Gestalt. Wir befinden uns in der Rolle eines Beobachters, der nicht mehr, dialektisch geschult, einen privilegierten Standpunkt einnimmt, aber etwas zu identifizieren gezwungen ist, das noch keine festen Konturen gefunden hat. Zu den zahlreichen Antihegelianismen gehört auch die Verabschiedung der "Eule der Minerva" samt ihrer geschätzten Dämmerung. Aber damit wird auch der erste Widerspruch deutlich. Wir leben zwar in einer Zwischenzeit, einem Intermezzo, und dennoch legen zwei Autoren einen Theoretisierungswillen an den Tag und eine Synthese vor, deren Anspruch sowenig gering ist wie sie nicht das Risiko scheut, leichte Angriffspunkte zu bieten.

Vor allem der Begriff der Multitude ist ausgesprochen erklärungsbedürftig, wie die Kritik an ihm vorhersehbar; in einem Interview (in: Kritik der Weltordnung) bezeichnete Negri ihn selbst als amorph; andere Begriffe oszillieren, wie Hybridität oder vor allem Differenz, die sowohl kapitalismusimmanent wie widerständig besetzt werden können. Mit Empire haben sich die terminologischen Kalamitäten, wie der neue Kapitalismus benannt werden soll, nicht gelöst. Aber es ist die Qualität von Empire und Multitude, diese Begriffe in der Schwebe zu halten, im Wissen, dass das in ihnen ausgedrückte emanzipatorische Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist und sie nicht aufgegeben werden sollten, nur weil das System sie begonnen hat zu assimilieren.

Die wesentlichen Kritikpunkte ranken sich um den Begriff der Multitude. Nicht strittig ist, unbeschadet der Imperialismusdebatte, die Existenz erneuerter Herrschaftsstrukturen. Giovanni Arrighi (in: Kritik der Weltordnung) wendet lediglich ein, die Autoren überschätzten das Tempo, in dem das kapitalistische System sich transformiert. So zog sich der Übergang von den Stadt- zu den Nationalstaaten mehrere Jahrhunderte lang hin und es sei nicht zu erwarten, dass die gegenwärtige Transformation in weniger als einem Jahrhundert abgeschlossen sei. Im gleichen Band, in einem Gespräch, entgegnet Negri, Arrighis eigene Theorie wie auch seine Empire-Kritik beruhe auf einem zyklischen Denken, das, anders als Hardts und seine Theorie des Ereignisses, noch den engen Grenzen eines dogmatischen, ökonomisch verkürzten Marxismus verhaftet sei, der mit Kapitalsorten und dem tendenziellen Fall der Profitrate operiere.

Diese Debatte illustriert zunächst die Inkompatibilität der jeweiligen Theorien. Beide führen plausible Kritikpunkte an und tragen damit dem Umstand Rechnung, dass die gegenwärtige Theoriearbeit viel stärker noch als zum Beispiel in Zeiten stabiler Systemkonkurrenz als work in progress zu leisten ist. Einige klare und einleuchtende Kritikpunkte werden von Arrighi und anderen formuliert. Vor allem der vom Co-Übersetzer Thomas Atzert herausgegebene Band Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität ist neben dem englischen Sammelband Debating Empire ein herausragender Beitrag zu den Empire-Diskussionen. Darin moniert etwa Frieder Otto Wolf ein Kokettieren mit dem lebensphilosophischen élan vital bei der Konzeption des Gegen-Empire als Menge der Vielen. Auch Alex Demirovic setzt hier an, indem er Hardts und Negris Verwerfung des Vermittlungsbegriffs kritisiert: Hardt und Negri verfallen einer Ideologie der direkten Demokratie, so als könnte sich das gesellschaftliche Zusammenleben völlig ungegliedert abspielen. Manche Kritiker sehen in der These, dass das virtuelle Zentrum des Empire von jedem beliebigen Punkt aus angegriffen werden kann eine mächtige anarchistische Tendenz am Werk, und tatsächlich dürfte bei der Konstruktion des Gegen-Empire die Antwort auf die Frage, wie die Singularitäten, die sozialen Gruppen überall auf der Welt, miteinander kooperieren können, schwerlich ohne eine wie auch immer beschaffene Vermittlung auskommen.

Eine der herkömmlichen Vermittlungsinstanzen, den Nationalstaat, möchten sowohl Joachim Hirsch (in: Kritik der Weltordnung) wie Ellen Meiksins Wood (in: Debating Empire) nicht missen, Wood mit einem dezidierten Bezug auf eine ansonsten problematische Vorstellung von Demokratie: Die Konzeption von Demokratie, wie sie in Empire enthalten ist, ist ein Rückfall, denn es gibt hier eine offensichtliche Missachtung alles dessen, was zwischen der Multitude und der Demokratie steht, was die westlichen Staaten zwischen ihnen eingerichtet hatten. Folgerichtig wird der Versuch, die Herkunft der Multitude aus der Konstitution der amerikanischen Demokratie herzuleiten, von Wood als unzulässige Romantisierung verworfen.

Die Beschreibung des neuen Herrschaftssystems fällt leichter und wird weniger beanstandet als die Theorie der Gegenkraft. Auch der neue Band Multitude kann die Kritik nicht entkräften. Hardt und Negri erweitern das, was sie zur Multitude in Empire schon gesagt haben, passen ihre Theorie den durch Kriege und Militarisierung der Politik veränderten Bedingungen an und antworten auf Kritik, so zum Beispiel wenn sie auf den Vorwurf, ihrer Theorie mangele die konkrete Klassenanalyse, mit der Unterteilung in gefährliche Klassen und eben ungefährliche entgegnen. Zu ersteren zählen sie Arme und Bauern und operieren wie in anderen Fällen auch. Wenn die Autoren nicht eigene, neue Termini wie Empire oder Multitude prägen, erweitern sie vorhandene (We are the poor). Unter den Armen firmieren nun soziale Gruppen, die in der traditionellen Klassenanalyse getrennt worden wären. Klasse wird als nicht nur ökonomisches, sondern auch politisches Projekt begriffen. Daraus ergibt sich eine unbegrenzte Anzahl von Klassen, denn sie können durch ökonomische, ethnische, geografische oder sexuelle Differenzen bestimmt werden. Die Autoren erklären, eine Klasse sei dann als eine solche zu erkennen, wenn sie gemeinsam kämpft; ergo ist im Umkehrschluss eine durch Differenzen zu anderen ausgewiesene Gruppe, die zusammen kämpft, auch eine Klasse.

Die Vorwürfe des Voluntarismus, der Verwendung unklarer Begriffe, sind programmiert. Hätten Hardt und Negri Multitude nicht geschrieben, sie hätten sich viel Kritik erspart. Aber es war gerade ihr Offensivgeist, der vor Schwierigkeiten nicht zurückschreckte und sich nicht damit zufrieden gab, dass die Situation gegenwärtig nun einmal unklar und disparat ist, viele politische Gruppen überall auf der Welt gegen Herrschaft rebellieren, aber häufig nicht miteinander kooperieren und nicht auf einen Begriff zu bringen sind. Das größte Problem von Multitude ist aber nicht die Unschärfe des zentralen Begriffs. Giovanni Arrighi hat darauf hingewiesen: Diejenigen, denen Hardt und Negri Widerstand und Subversion zutrauen, all die Nomaden und Migranten, die über den Globus ziehen, sie sollten besser nicht Gegenstand eines überbordenden Optimismus sein, schließlich sind sie gegenwärtig auch Ausgangspunkt von Ressentiments und Gewalt und werden es aller Voraussicht nach auch künftig sein.

Um diese Realität und auch um empirische Nachweise scheren sich Hardt und Negri wenig, aber ist das wirklich ein Vorwurf? Alex Demirovic hat Recht, diese Theorie ist ein geschichtsphilosophischer Essay. Der Vorwurf trifft also nicht. Viele der marxistischen Klassiker besitzen keine empirische Grundlage. Georg Lukács´ Buch Geschichte und Klassenbewusstsein verfährt ebenso und ist auch deshalb ein guter Referenzpunkt. Durch dieses Buch sind damals viele Intellektuelle politisiert worden und haben später zu einer Reformulierung des Marxismus beigetragen.

Optimismus ist ein häufig gebrauchtes Wort, um die Haltung der beiden Autoren und die Schwäche ihrer Theorie zu beschreiben. Optimismus ist hier aber auch ein Codewort, wahlweise für eine Theorie der Geschichte oder eine historische Alternative, die Kommunismus oder reale Demokratie heißen kann, das zu einer Zeit in ein System eingespeist wird, in der kein Ort dafür vorgesehen ist. Vielleicht liegt ein tieferer Sinn darin, dass die Autoren in Multitude oft zur Netzwerktheorie ihre Zuflucht nehmen, um die Arbeit auch der Widerständler gegen den Neoliberalismus zu erfassen. Sie ist gebräuchlich, plausibel und nicht grundsätzlich zu beanstanden. Wenn Hardt und Negri hoffen, dass ihre Begriffe und Codes in diesen Netzwerken kursieren, dann mit der Aussicht, dass daraus etwas entstehen kann, dass früher in Ermangelung eines besseren Begriffs "Multitude" genannt worden war.

Michael Hardt, Antonio Negri: Multitude. Krieg und Demokratie im Empire. Campus, Frankfurt am Main 2004, 431 S., 34,90 EUR

Frank Deppe u.a: Der neue Imperialismus. Distel, Heilbronn 2004, 155 S., 9,50 EUR

Thomas Atzert, Jost Müller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analyse und Diskussionen zu Empire. Westfälisches Dampfboot, Münster 2004, 292 S., 24,80 EUR

Thomas Atzert, Jost Müller (Hg.): Kritik der Weltordnung. Globalisierung. Imperialismus, Empire. ID, Berlin 2003, 142 S., 14 EUR

Gopal Balakrishnan (Hg.): Debating Empire, Verso Books, London/New York 2003, 172 S., 23,50 EUR


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00:00 27.10.2006

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