Opus 1945

Zum 60. Todestag von Anton Webern Bis heute tut man sich schwer, über die politischen Einstellungen des avantgardistischen Komponisten zu sprechen

Als die Bombenzeit war im Alpenland, habe er unermesslich gelitten, er wäre ganz am Rande gewesen. Anton Webern an seine Schwiegertochter Hermine, am Abend des Karfreitags 1945: "Unser Ort, sowie Mödling wird ab morgen früh 4h evacuiert!!! Das ist plötzlich gekommen. Haben den heutigen Tag benützt um unsere Sachen zu packen. Wir hoffen unterwegs in Lastwagen u.s.w. unterzukommen - streckenweise wenigstens. Vielleicht gibt es auch weiter im Westen die Möglichkeit mit der Bahn zu fahren. Unser Ziel: Mittersill!!" In Mittersill stirbt Webern wenige Monate später. Mit 62, auf der Höhe seiner künstlerischen Möglichkeiten. Wie er stirbt, hat mit den Kräften des Krieges zu tun, die er häufig genug bewunderte. Nun unterliegt er diesen. Durch ein Versehen.

Im Nachkrieg wird der tote Komponist und Dirigent berühmt. Strawinsky: "Der 15. September 1945, Anton Weberns Todestag, sollte ein Trauertag für jeden aufnahmefähigen Musiker sein." Seine Werke werden bekannt und maßgebend im avantgardistischen Betrieb. Bis heute aber wird nicht oder nur sehr zögerlich und ängstlich über den politischen Webern gesprochen. Rudolf Kolisch etwa, einst Primarius des Kolisch Quartetts und dem Schönbergkreis zugehörig, lehnte es lange nach Weberns Tod auf Befragen ab, über dessen Haltung zum Faschismus zu sprechen. Andere taten desgleichen. Schönbergs Titulierung vom "Nazi-Webern", als den US-Exilanten gewisse Nachrichten über seinen bedeutenden Schüler erreichen, kommt nicht von ungefähr, bleibt aber dunkel. Nicht dran rühren, das gilt bis heute, obwohl die Dokumente seit den achtziger Jahren zum großen Teil offenliegen.

Webern war, seit ihn der adelsblütige Vater und die monarchiehörige Schule züchtigten, ein Deutschnationaler. Verehrte er grenzenlos Richard Wagner, Prototyp des deutschen Komponisten lange vor Hitler, so keineswegs nur aus jugendlichem Überschwang. Als mögliche Studienorte kamen für den Jüngling spontan nur deutsche Orte in Frage. Vorlieb musste er allerdings mit dem Guido-Adler-Institut der Wiener Universität nehmen, wo mehrheitlich Juden und Polen studierten. Deutschnational blieb er. Aber Webern war kein Antisemit. Noch während der Naziära half er jüdischen Schülern und hielt mit jüdischen Musikern Kontakt. Dass der Jude und "Musikzerstörer" Schönberg, nach Wagner die nächsthöhere erwählte Gottheit Weberns, Verfolgungen erlitt, plagte den Materialrevolutionär ungeheuer. Zugleich glaubte "Toni" Webern ernstlich, eine jede Obrigkeit müsse respektiert werden. Die spätere großdeutsche Ordnungsmacht schien ihm offenkundig wie ein Geschenk des Himmels. Im übrigen schaute der Komponist Hitlers Raubzüge aus der Ameisenperspektive am Alpenrand an, als seien sie ein gigantisches Naturschauspiel. Das entspricht einem Gerücht, das bis heute gepflegt wird, und dem Webern hoffnungslos erlegen war. Nämlich, dass Kriege unabwendbar seien, da sie Naturgesetzen gehorchen.


Anton Webern ist einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Dass der Künstler und prominente Schönberg-Schüler nur selten Erfolg hatte und schließlich nur noch im "Elfenbeinturm" seine kostbaren Partituren schuf, wertet seine musikhistorische Bedeutung zusätzlich auf. Weberns avantgardistische Kompositionskultur wurde von Reaktionären seit den zwanziger Jahren mit dem Etikett "Musikbolschewismus" belegt. Er galt während der Nazizeit als "entartet" und wurde offiziell nicht mehr beachtet. Das hat ihm viele Erschwernisse, Existenzsorgen, Isolation und dergleichen eingebracht. Kunst lag für den Schöpfer hochexpressiver Kammer- und Orchestermusik jenseits von Gut und Böse, also auch von Politik. Gab es überhaupt einen politischen Webern? Und wenn, wie ist es zu verstehen, dass der scharfsichtige Komponist noch 1918 den Wunsch hegte, "für Deutschland" in den Krieg zu ziehen?

Als die führenden Staaten Europas 1914 zur Mobilmachung bliesen, tuteten Dichter, Maler, Literaten, Musiker bekanntlich kräftig mit. Auch Webern war in Trance, obwohl das nicht seine Klänge waren, die da rasselten. Aber Ernüchterung? Aufzustehen gegen die organisierte Völkerverhetzung, die die europäischen Eliten betrieben? September 1914 an Heinrich Jalowetz: "Ich habe nur einen Wunsch: mit vor den Feind zu gehn. Bei Lemberg geht´s zu! Herrgott! Zu Schönberg kann ich jetzt auch nicht." Alban Berg zog ähnlich enthusiasmiert wie Webern in den Krieg. Er glaubte, der Waffengang könnte reinigend wirken auf die verderbten Zustände. Doch während Berg irgendwann zur Besinnung kam und sich sogar zum Antimilitaristen stilisierte, blieb Webern bei seinem Leisten mit Durchhaltesprüchen.

Wie kein anderer der Schönbergzunft, klebte Webern an dem ganzen nationalen orphischen Gefühlsgebaren, das Generationen junger Menschen eingedrillt wurde. Der Unbestechlichkeit im Kompositorischen lief das extrem zuwider; Verschiedenes fällt bei Webern auf paradoxe Weise auseinander.

Zwei Jahrzehnte später die gleiche Symptomatik. "Den Kriegseintritt Japans empfand ich als eine grundlegende, entscheidende Wendung! Als ein mächtiges Ereignis!" Japan hatte Ende 1941 den US-Stützpunkt Pearl Habour bombardiert, was zum Kriegseintritt Amerikas führte. "Ich kann gar nicht sagen, wie mich das beschäftigt! Denn wer weiß, was von diesem Volk noch alles ausgehen wird! Ich muss sagen, dieser Gedanke erfüllt mich mit ganz besonderer Zuversicht. Denn, so wie ich es mir vorstelle, erscheint es mir - das japanische Volk - als ein ganz gesunder Stamm! Durch und durch! Zieht da nicht Neues herauf? Aus unbeschädigtem, uraltem Grund! - Ich sehe es nur so! Ich kann nicht anders! Und ich bin glücklich dabei !!!!" Welch rassistischer Schwachsinn.

Der Adel seiner Herkunft blieb Webern zeitlebens Verpflichtung, selbst nach der Zerschlagung der k. u. k. - Monarchie und der Abschaffung aller Adelstitel im geschrumpften Österreich, das sich nun nach Westen kehrte, vornehmlich in Richtung Deutschland. Webern war das nicht unsympathisch, er liebte ja Deutschland, er liebte es närrisch wie ein Kind, er vergötterte die deutsche Kultur. Das Höchste für ihn: "die deutsche Klassik, Goethe, Beethoven, und - Johann Sebastian Bach."

So germanophil wie er war keiner der Avantgardisten im Schönbergkreis. Musikalische Vorlieben sortierte Webern durch die deutsch-österreichische Brille unter Hinzuziehung wichtiger kompositionstechnischer Befunde. Zentral war für ihn die Geschichte des polyphonen Denkens, und die schrieb bekanntlich die deutsch-österreichische Musik von Isaac über Bach, Beethoven, Mahler, Reger bis Schönberg.


Blenden wir zurück. Für den Künstler geradezu Ungeheuerliches ereignet sich am 19. März 1933 im Wiener Konzerthaussaal. Die Werte schlagen Kabolz. Webern, Dirigent der sozialdemokratischen Kunststelle Wien, leitet unter der Überschrift Das Lied zum Kampf ein Konzert mit Songs und Chören von Brecht/Eisler, darunter Stücke aus der revolutionären Maßnahme. Wie er dazu kam, ist eine Extrageschichte. Ein Riesenapparat steht zu Gebot: Sprecherchor und Singverein der Kunststelle Wien, das Wiener Orchesterstudio, sechs Schauspieler. Das politische Klima ist aufgeheizt. Bundeskanzler Dollfuß plant den Umsturz. Die Geburt des repressiven Ständestaates aus dem Ungeist der Republik erfolgt ein Jahr später, im Februar 1934. Nebst den progressiven Parteien verschwindet auch die Sozialdemokratische Kunststelle, Weberns wichtigste Brotgeberin. Der Dirigent der Arbeiter-Sinfonie-Konzerte wird über Nacht aufs Komponieren und Unterrichten verwiesen, was ihn arm macht.

Besagtes Konzert und dessen Folgen müssen Webern arg verwirrt haben. Dass Musik unter seiner Hand zum Fanal geraten und polizeilich bekämpfte Massendemonstrationen auslösen konnte - ein ungeheurer Vorgang. Ein Blatt schrieb seinerzeit: "Hinreißend die Leistung Anton Weberns."

Später kehrt sich Weberns Verhältnis zu den Nazis nicht nur um, es nimmt nachgerade tragische Züge an - umso mehr, bedenkt man, wie viel dieser überaus sensitive Künstler für die Musik des 20. Jahrhunderts geleistet hat. Jene mit der Faktur unlöslich verklammerten Protokolle der Angst und des Verstummens, welche er erdachte, gaben schon zu seinen Lebzeiten mehr Kunde über den Zustand des Jahrhunderts, als das meiste andere, das komponiert wurde. Es ist ein Jammer. Obwohl die Nazis den Mann, der Priemelchen mindestens so hegte wie Musik, nicht in Ruhe ließen, ihn im Gegenteil in die soziale Not trieben, verhimmelte Webern den faschistischen Geist noch in seinen dreckigsten Erscheinungsformen. Diese Herren verhinderten nicht nur die Aufführung seiner Musik, sie kippten auch seine dirigentischen Verpflichtungen und brachten den Lehrer um seine jüdischen Schüler.

Sodann nährten seine deutschnationalen Überzeugungen den Glauben, dass Volksteile "heimgeholt" werden müssten, dass Macht demonstriert werden müsse, zumal nach den Erniedrigungen, die das deutsche Volk durch den Versailler Vertrag zu erleiden gehabt habe. Dergleichen Figuren sind mitzudenken, will man verstehen, was in solchem Kopf rumorte. Webern hatte übrigens Hitlers Mein Kampf anders als die meisten Deutschen gelesen und die ihn bewegende Stellen angestrichen.


Ist Anton Webern schuldig geworden? Das ist nicht die Frage. Seine Musiksprache, vom Wiener Staatsopernpublikum obligatorisch verachtet, war schonungslos, er schenkte sich kompositorisch nichts und stritt für seine und Schönbergs Sache. Wie soll einer schuldig werden, der den Pflanzen gab, wonach sie dürsteten, der seinen Schülern das Edelste nicht vorenthielt, der Arbeiter befähigte, Bach, Brahms und Schönberg zu singen, und dem das Los der Musiker mit Davidstern am Mantel nicht gleichgültig war? Und wie soll einer schuldig werden, der zuletzt nur noch für sich und mit sich selbst sprach, und der, gelehnt an seine Nächsten, gleichwohl einsam war, versenkt in seine Partituren und abgeschieden von der Freundeswelt, die er so liebte, wie er sie fürchtete, weil sie ganz anders dachte als er. Oder weil ihn irgendwann die Ahnung packte, sie sähen richtig und er falsch?

Anton Weberns Tod war die letzte Konfrontation der Figur mit dem Krieg, obwohl schon Monate die Waffen schwiegen. Zuvor, auf der Flucht vor den Bomben, wohnte er mit seiner Frau in Mittersill bei Familienangehörigen und trug sich mit dem Gedanken, nach England zu gehen.

Anton Webern starb am 15. September 1945 in Mittersell vor dem Haus am Marktplatz 101, als er sich im Dunkeln eine Zigarette ansteckte, durch Schüsse eines US-Soldaten, der von draußen eine Hausdurchsuchung bei Weberns Verwandten absicherte. Der Schütze, ein Koch, meinte, in Notwehr gehandelt zu haben. Wien hatte zu Kriegsende geglaubt, in Webern eine Hoffnung für den kulturellen Neubeginn zu finden. Sein Tod begrub diese Hoffnung.


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