Ordnen und Recyceln

Sachbuch Spezial Mark Siemons beschreibt Chinas irritierendes neues Selbstverständnis
Helena Neumann | Ausgabe 12/2017

Warum die für China ungewohnte Endzeitstimmung? Die Führung der kommunistischen Partei muss nicht um ihre Macht fürchten. Hat man Angst davor, das Land könnte, wie vor 150 Jahren, Opfer seiner eigenen Erfolgsgeschichte werden? Nach einem rasanten Aufstieg zur weltgrößten Wirtschaftsmacht Anfang des 19. Jahrhunderts geriet China weitgehend in Vergessenheit. Erst 1978 kehrte der Gigant auf die Weltbühne zurück. Inzwischen entwickelt er sich schubweise, konterkariert durch Korruption, ohne nachhaltig der Umweltzerstörung entgegenzuwirken und ohne Aufstiegschancen für zu viele Chinesen.

In seinem Essay stellt der ehemalige Chinakorrespondent der FAZ Mark Siemons, die Frage, worauf die angekündigte moralisch-ideologische Offensive der KP Chinas hinauslaufen soll, eine Frage, die umso virulenter sei, als die Partei weniger durch die Klarheit ihrer Ziele auffalle denn durch ein repressives Verhalten gegen Dissidenten. Statt einen Nationalbegriff anzubieten, beschränke sich das Reformvorhaben unter der Überschrift „Wiedergeburt der Nation“ auf die Zentralisierung der Macht der KP sowie Chinas Unnachgiebigkeit im Streit um Seerechte im Südchinesischen Meer.

Die Parole von der Gegenreform bleibe ein Gehäuse, „in dem sich ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt“, solange sie als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann oder als Gegenmodell zur westlichen Demokratie taugt.

Das führt zu Paradoxien. Chinas Kulturindustrie unterscheidet sich nicht wesentlich von der des Westens. Kontrolle findet dennoch statt, in betriebswirtschaftlichen Begriffen. Beispiellos steht dafür die Gentrifizierung in den Städten. Zurück bleiben von Immobilienspekulationen und Konsumzwang beherrschte Räume. Diskutiert werden darf in China alles, sofern es sich in den von der KP sanktionierten Freiräumen bewegt. Neben dem millionenschweren Schriftsteller Guo Jingming existieren Maler wie Chao Hai, Staatskünstler oder Schriftsteller wie der Nobelpreisträger Mo Yan, dem allzu große Nähe zum Regime attestiert wird.

Was die Partei fürchtet, sind die Dynamik eines Pluralismus und der Dialog. Mit drakonischen Strafen, einem gigantischenÜberwachungsapparat, der sich neuer Medien bedient, zwingt die KP ihre „Ordnung“ auf. Die Wiederbelebung des Konfuzianismus entpuppt sich als bloßes Recyceln. Selbstzensur bestimmt die Auseinandersetzung mit eigenen Traditionen. Anstatt die von vielen Seiten eingeforderte unabhängige Justiz voranzubringen, hält die Partei am außergerichtlichen Petitionswesen fest, in dem sich Bürger kafkaesk verirren. Und die Mittelschicht? Die Klasse ist verunsichert, sucht ihr Heil in Auslandskonten und zieht die Chance auf Wohlstand Demokratisierungsanstrengungen vor.

China komme ohne Begriff von sich aus, schreibt der China-Experte, möchte gar keinen haben und schlüpft folglich „unter die Eintrittsbarrieren der europäischen Gegenwart“. Die von Siemons vorgetragene tradierte Prämisse einer ahistorischen Dichotomisierung der „chinesischen Kultur“ gegenüber einem in der Antike ausgemachten „Griechentum“, von dem der „Westen“ herkomme, ließe sich freilich anhand von Zerfall und Neuanfang der 5.000-jährigen Geschichte widerlegen.

Siemons nähert sich mit ausgewählten Stichwörtern, um die Begriffswelt Chinas zu erfassen. Es sind jene „Codes“, mit denen China sich dem Westen entgegenstellen will und die, aufgrund mangelnder Stringenz, den Westen verunsichern. Harmonisch ist das heutige China wohl kaum. Vieles davon ist bekannt, allein wegen der stilistischen Brillanz legt man das Buch jedoch nicht aus der Hand.

Info

Die chinesische Verunsicherung Mark Siemons Hanser 2017, 192 S., 22 €

Die Bilder des SpeziALS

Nadine Kolodziey, Jahrgang 1988, zählt zu Deutschlands talentiertesten Illustratorinnen. Ihre Perspektive ist laut, grell und rätselhaft: „Ich mag es, wenn meine Arbeiten einen schmutzigen, leicht punkigen Stil haben“, sagte die Grafikdesignerin dem Magazin Page. Für Salto Magazine bereist Kolodziey in jeder Ausgabe eine neue Stadt und dokumentiert ihre Beobachtungen grafisch und mit Texten. Dabei legt sie nicht nur die Zeichnung in vielen Ebenen übereinander – auch der Text der Kurzgeschichten ist zur Hälfte in Deutsch, zur Hälfte in Englisch gehalten und kann einzeln wie zusammen gelesen werden. Erschienen, in limitierter Auflage, sind: Salto #1 Berlin und Salto #2 Tokyo. Für das kommende Salto #3 ging es nach Osaka. Mehr Informationen auf nadinekolodziey.com

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