Organizing gegen die Inflation: Roman Zitzelsberger macht vor, wie es geht

Lohn Hinter dem Tarifabschluss der IG Metall steckt eine regelrechte Kulturrevolution bei der Mobilisierung in den Betrieben. Das ist auch nötig – bei diesen Aussichten. Denn: Ein deutlicher Reallohnverlust bleibt. Und dunkle Wolken am Horizont
Keine Streikwelle vor Weihnachten: Die IG-Metall hat ihre Forderungen durchgesetzt
Keine Streikwelle vor Weihnachten: Die IG-Metall hat ihre Forderungen durchgesetzt

Foto: Future Image/Imago Image

Also doch keine Feuertonnen an Werkstoren zu Weihnachten. Diesmal noch ist Deutschlands Metall- und Elektroindustrie um eine flächendeckende Streikwelle herumgekommen. Bis zur entscheidenden vierten Verhandlungsrunde am 17. November im baden-württembergischen Ludwigsburg war das alles andere als klar. Die Metallarbeitgeber waren mit Nullrunden-Fantasien in diese Tarifrunde gegangen, die IG Metall hatte sich im Frühsommer nach einer Mitgliederbefragung auf ihre Forderung nach acht Prozent mehr Lohn festgelegt. Erreicht hat sie nun 8,5 – in zwei Stufen, dazu 3.000 Euro „Inflationsprämie“ in zwei Tranchen im nächsten und übernächsten Jahr, und alles bei einer Laufzeit von 24 Monaten.

Das ist mehr, als die Arbeitgeber hergeben wollten, und mehr, als sich viele Beschäftigte erhofft hatten. In den Betrieben wird der Abschluss praktisch durchweg als Erfolg angesehen. Das liegt auch daran, dass es an der Basis der IG Metall ein sehr feines Gespür dafür gibt, dass dieses Ergebnis nur deshalb zustande kam, weil es bundesweit in vielen Betrieben eine Mobilisierung durch betriebliche Aktive gab, wie man sie von früheren Tarifrunden in dieser Form nicht kannte. Die halbe Million Leute, die sich seit Anfang November an Warnstreiks beteiligte, war nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Vorausgegangen waren in vielen Regionen „aktive Mittagspausen“, Flugblatt-Aktionen, Betriebsrundgänge und unzählige Gespräche – geführt von betrieblichen Aktiven und unterstützt durch eine bundesweite Kampagnenführung, die weniger auf große Werbematerialschlachten als auf kluge und empathische Vermittlung von Know-how für die Ansprache von Kollegin zu Kollege setzte. Auch wenn der Abschluss oberflächlich betrachtet ohne großen Konflikt erreicht wurde, deutete sich hier eine Kulturrevolution in der IG Metall an. Die dürfte für manche noch schmerzhaft werden, geht sie doch mit Kontrollverlust für Betriebsräte und Apparat – die traditionellen Machtzentren der Organisation – einher.

Mit dem Pilotabschluss von Ludwigsburg ist der baden-württembergische IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger als ein Part der künftigen IG-Metall-Doppelspitze gesetzt. Und das nicht nur, weil er erneut bewiesen hat, dass er Tarifverhandlungen kann. Zitzelsberger hat in den letzten Jahren im Südwesten auch die Weichen gestellt für mehr Beteiligung von Belegschaften und systematische Organisierung von Durchsetzungsmacht. Alle IG-Metall-Bezirke haben seit Jahren ihre eigenen „Erschließungsprojekte“, aber das Baden-Württemberger Projekt gilt bundesweit unbestritten als Vorreiter im Organizing. Auch das hat diese Tarifrunde gezeigt.

Es droht Deindustrialisierung

Zum Feiern gibt es dennoch keinen Grund. 8,5 Prozent Lohnerhöhung bedeuten trotz allem einen Reallohnverlust. Die letzte Anhebung der Lohntabellen im Metall-und-Elektro-Flächentarifvertrag wurde 2018 durchgesetzt. Seitdem stiegen die Verbraucherpreise um 15 Prozent. Für 2023 sind noch mal sieben Prozent Teuerung prognostiziert. Und wenn die Metallerinnen und Metaller im Mai 2024 die 8,5 Prozent mehr Lohn endlich bekommen, dürfte die seit 2018 kumulierte Teuerung gegen 25 Prozent gehen. Angesichts dieses sehr ungleichen Wettlaufs von einer „Lohn-Preis-Spirale“ zu fantasieren, ist absurd.

Aber wie geht es weiter? Die dunklen Wolken am Horizont sind nicht verschwunden. Wird der Russland-Ukraine-Krieg nicht in den nächsten ein, zwei Jahren beigelegt, bleibt die deutsche Industrie auf mittlere Sicht abgeschnitten von günstiger Energie und damit gezwungen, überteuertes US-Frackinggas zu kaufen. Wie sie damit global wettbewerbsfähig bleiben soll, weiß niemand. Und nein, natürlich ist das nichts, was Gewerkschaften und Linken egal sein kann. Das dicke Ende kommt erst noch: Da geht es nicht nur um Inflation, sondern um die düstere, aber realistische Perspektive einer umfassenden Depression bis hin zur Deindustrialisierung.

Tarifpolitik stößt hier schlicht an ihre Grenzen. Größere, gesellschaftspolitische Lösungen müssen her, auch wenn sie momentan noch niemand hat. Doch der Schlüssel liegt nicht in perfekten Konzepten. Kollektive Organisierung über trennende Befindlichkeiten hinweg, Solidarität und Empowerment der „kleinen Leute“, beherztes Eintreten für gemeinsame Ziele – Dinge, die auch in dieser Tarifrunde entscheidend waren, sind die Elemente, die eine Situation verändern können.

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