Orgel, Äpfel und der Airbus

Hamburg-Finkenwerder Jahrelang haben die Obstbauern an der Elbe gegen den Ausbau des Airbus-Werks Widerstand geleistet

Drei Dinge haben Neuenfelde berühmt gemacht: eine Orgel, Äpfel und ein Flugzeug. Letzteres beschert dem kleinen Ort im Hamburger Stadtteil Finkenwerder immer wieder neue Schlagzeilen. Darüber sind viele alteingesessene Neuenfelder alles andere als begeistert, viele wollten das Großraumflugzeug A380 von Anfang an nicht - wegen der Orgel und der Äpfel. Das derzeitige Gezerre um den Airbus-Standort Hamburg bestärkt das Gefühl, von Wirtschaft und Politik gründlich verschaukelt worden zu sein.

Die berühmteste mechanische Orgel der Welt, die Arp-Schnitger-Orgel in der Neuenfelder St.-Pankratius-Kirche, wurde 1688 von dem dort lebenden größten Orgelbaumeister Nordeuropas, Arp Schnitger, erbaut. Heute sind nur noch 30 dieser Orgeln erhalten, darunter die in seinem Heimatort. Die geplante erweiterte Startbahn des Airbus-Flughafens in Finkenwerder würde knapp 200 Meter vor der Dorfkirche mit der Orgel enden. Die Erschütterungen durch die Bauarbeiten sowie die akustischen und aerodynamischen Auswirkungen des Flugverkehrs könnten die Bausubstanz angreifen, befürchtet die Kirchengemeinde.

Neuenfelde gehört zum Alten Land, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Nordeuropas, das von etwa 1.300 Bauern bewirtschaftet wird. Von den rund zehn Millionen Obstbäumen dort müsste ein Teil für die Erweiterung der Startbahn und die dazu notwendigen Umgehungsstraßen weichen - und mit ihnen vermutlich etliche bestehende Arbeitsplätze. Die Zerstörung der über Jahrhunderte hinweg gewachsenen Struktur hätte Folgen für die gesamte Region. "Allein in den Gemeinden Neuenfelde und Francop würden etwa 100 Hektar Obstanbaufläche vernichtet", erläutert Gabi Quast vom Schutzbündnis für Hamburgs Elbregion.

Gegenüber der historischen Siedlung am Rosengarten, auf der anderen Seite der jetzigen Verbindungsstraße von Finkenwerder nach Cranz, liegen das Airbus-Werk und die Startbahn des werkseigenen Flughafens, die bald weit bis nach Neuenfelde hinein reichen wird. In einem seit etwa zehn Jahren dauernden Rechtsstreit wurden die Interessen der Einwohner mit juristischen Tricks, Enteignungsgesetzen und Schützenhilfe aus Bonn, sowie später Berlin abgebügelt. Unterdessen konnte sich Airbus, eine Tochterfirma des Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns EADS, ungehindert ausbreiten, größtenteils auf Kosten der Hamburger Staatskasse - also auch der Steuergelder der Obstbauern in Neuenfelde, die ihre existenziellen Grundlagen gefährdet sehen. "Es ging immer nur um den Schutz der Interessen von Airbus", beklagt die Obstbäuerin Gabi Quast.

Inzwischen ist das Naturschutzgebiet "Mühlenberger Loch", in dem bis vor wenigen Jahren Austernfischer und Brandgänse brüteten, zu einem guten Teil zugeschüttet: leere Werkshallen stehen dort heute. Für den A380 ist die Startbahn ausgebaut worden, Häuser im Rosengarten wurden abgerissen. Ein weiterer Ausbau ist im Gange, denn die Frachtversion A380M fordert laut Konzern eine zusätzliche Startbahnverlängerung. Alle juristischen Versuche der Anwohner, den Werksausbau zu verhindern, wurden von Gerichten zunichte gemacht. Manche Bauern haben auch freiwillig verkauft und damit ein gutes Geschäft gemacht, denn der erbitterte Widerstand trieb den Quadratmeterpreis für das fragliche Bauland in astronomische Höhen. Die meisten Neuenfelder aber wollten lieber Obstbauern bleiben, als Millionär zu werden.

"Erstaunlicherweise hat das die Gemeinschaft nicht gesprengt", sagt Gabi Quast. "Alle, die verkauft haben, sind nach wie vor ins Dorfleben integriert. Auch die Klägergemeinschaft hält noch zusammen. Dennoch hat Neuenfelde sich nachhaltig verändert. "Das Schlimmste aber ist die Resignation." Das, so befürchtet Quast, sei keine gute Voraussetzung zur Abwehr anderer Großprojekte. Die angekündigte Werkserweiterung zieht neue Projekte nach sich: die Autobahn A 26 soll ausgebaut werden, Autobahnzubringer und Umgehungsstraße sind geplant. "Wir wollten das alles nicht - und wir wollten keinen Deal mit dem Senat", erläutert Quast. Aber die kompromisslose Haltung, die die Neuenfelder vorher hatten, sei jetzt weg. "Übrig geblieben ist nur der Versuch, möglichst das Beste rauszuholen."

Das aktuelle Gezerre um den EADS-Standort Hamburg hat Gabi Quast mit Spannung verfolgt. "Einer der ersten, der sich für den Einstieg der Bundesregierung in das Unternehmen ausgesprochen hat, war Thomas Mirow." Der jetzige Staatssekretär im Finanzministerium war im Jahr 2001 als Stadtentwicklungssenator in Hamburg federführend für das vom Staat mit 750 Millionen Euro subventionierte Großprojekt. Das neuerliche Engagement des SPD-Politikers stimmt die engagierte Obstbäuerin Quast misstrauisch: "Es wäre interessant zu wissen, ob Mirow wirklich nur berufliche Interessen verfolgt".

Mit dem Riesenflugzeug A380 sollte ursprünglich der US-Konkurrent Boeing aus dem Rennen geworfen werden. Doch mittlerweile sind Konzernspitze und die Regierungen mehrerer europäischer Staaten krampfhaft bemüht, den A380 zu retten. Durch die Verzögerung bei der Auslieferung werden die Karten jeden Tag neu gemischt. Abbestellungen hier und Neubestellungen dort wechseln sich ab. Auch der neue Milliarden-Auftrag aus China, die Bestellung von 150 Jets des kleineren Modells A320, sichert den europäischen Airbus-Belegschaften wohl kaum ihre Arbeitsplätze, denn gleichzeitig entsteht ein neues Endfertigungswerk im chinesischen Tianjin. Inzwischen ist laut Nachrichtenmagazin Focus die Anzahl der Großraumflugzeuge A380, die verkauft werden müssen, damit der Konzern Geld daran verdient, von 270 auf 420 gestiegen. Es steht in den Sternen, ob dieses Ziel jemals erreicht wird. Eines aber steht jetzt schon fest: der Preis dafür wird ein massiver Arbeitsplatzabbau bei Airbus und bei den Zuliefererbetrieben sowie die eventuelle Schließung von Standorten sein. Ein Grund zur Schadenfreude für Gabi Quast? "Ganz sicher nicht", antwortet sie bestimmt. "Für uns ist es eher bitter, Recht behalten zu haben."


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00:00 03.11.2006

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