Orpheus der Städte

Entzauberung Vorläufiger Nachruf auf den verschwundenen Dichter Jürg Federspiel

Die Berufsbezeichnung Dichter würde ihm nicht gefallen. Obwohl er in den hohen wie niederen literarischen Disziplinen brillierte, Preise und Medaillen sammelte, sich aber nicht gern feiern ließ, obschon er sehr trinkfest war, aber ein abstinentes Verhältnis zum Kulturbetrieb besaß und von verblüffender Arroganz sein konnte. Anders als sein erklärtes Vorbild Scott Fitzgerald wusste er, dass er einer der besten Erzähler seiner Sprache war, auch wenn die deutschen Leser ihn bis heute kaum kennen.

Von Haus aus war der 1931 in Kemtthal nahe Zürich geborene, später in Paris, Berlin, New York und Basel heimische Dichter Reporter, Filmjournalist, Kolumnist. 1961 debütierte er als Buchautor mit dem apodiktischen Erzählband Orangen und Tode und griff damit frontal die ihm sterbenslangweilige deutsche Nachkriegsprosa an. "Selbstmitleid, Nabelschau, jeder ist sein eigener Herr Hiob oder Herr Atlas, der die Weltkugel persönlich trägt" (J.F.) Die Bücherratte kreiste und gebar einen Zauberberg, von dem ein Orpheus der Städte herabstieg, um die Tragödie des modernen Menschen mit grimmigem Humor und heiterer Verzweiflung zu besingen.

Seit seiner Geburt dem Tod näher als dem Leben, war Federspiel trotz kräftiger Statur und einer rücksichtslosen Vitalität geplagt mit chronischem Kranksein (Lungenleiden, Diabetes, zuletzt Parkinson) und schrieb nachts gegen die Zumutungen des täglichen Unwohlseins an. So einer läuft Gefahr, den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren und zum Chronisten seines anämischen Alptraums zu werden. Die krankhafte Neugier an allem, was noch nicht oder nie richtig erzählt wurde, dazu eine sardonische Lust, die zensierten Nachrichten hinter den Bildern der Massenmedien anzuzeigen, trieb ihn hinaus in die Welt, um sie mit unparteiischen Augen zu schauen und für minderwertig zu befinden.

Mit der Redlichkeit und Klarheit einer von Meyrink und Orwell absorbierten Sprache, gepaart mit Schweizer Präzision und calvinistischem Fleiß, entwarf J.F. seine zornige, bisweilen zynische Prosa von der Zweckentfremdung des Bürgers, der auf "zermenschten Bahnhöfen" dem unaufhaltsamen Fortschritt zu entkommen sucht, und blieb einer der autonomsten Autoren seines Landes. Wie sein Eidgenosse Urs Jaeggi, der 1963 mit Die Wohltaten des Mondes debütierte und von der deutschen Kritik im Für von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt mit Pawlowschem Reflex zum Antipoden Federspiels gestempelt wurde. Ein feuilletonistischer Unfug, denn beide Newcomer verband mehr, als sie trennte.

Als Vielflieger der Swiss Air sahen sie sich öfters in Tempelhof und J.F.K. als in heimischen Literaturkreisen. Federspiel nahm 1969 Quartier in New York und schaffte mit seinem grandiosen Tagebuch-Roman Museum des Hasses endgültig den Durchbruch. Manhattan, Die beste Stadt für Blinde, so der Titel seiner 1980 erschienenen Reiseberichte, war sein ideales Spiegelkabinett der absurd-grotesken Daseinsform menschlicher Leidenschaften. Mit der fotografischen Gnadenlosigkeit eines Weegee und dem Gespür eines Edgar Allen Poe für den Schrecken hinter der Maske der Modernität ging der ewige Außenseiter wie ein Golem durch Gotham City und spürte unterm Asphalt der Bowery oder im Pressearchiv der Public Library die lebendig begrabenen Geschichten der schönen Neuen Welt auf.

Sein erfolgreichstes Buch Die Ballade von der Typhoid Mary (1982) erzählt die zum amerikanischen Mythos verklärte Gruselstory der jungen, schönen Einwanderin Mary Mallon, die 1868 mit Typhus von Bord des Dampfers "Leibnitz" ging und als ahnungsloser Todesengel im Küchendienst der feinen New Yorker Gesellschaft ein Massaker anrichtete, als wahren Fall voller dunkler Poesie und erschütternder Dramatik. Vergleichbar nur mit Blaise Cendrars Tatsachenbericht Gold über Johann August Suter, einen der reichsten Männer Amerikas, der auf unfassbare Weise bettelarm wurde. Cendrars und Federspiel, zwei helvetische Dichter der Verzauberung und Entzauberung, "die sich die Hölle literarisch noch leisten können", geliebt und gehasst beide, weil sie mit unbesiegbarer Schreibwut und der eleganten Kraft eines Walfischs die Ordnung zerstörten, in der wir uns einrichten.

Zuletzt war Federspiel davon schwerkrank, brauchte täglich Medikation und konnte kaum noch schreiben. Am 12. Januar dieses Jahres erschien er nicht beim Arzt und gilt seitdem als vermisst. Die Baseler Polizei mutmaßt, der auf der minderen Seite des Rheins im Lokal Klingenthal bei Huren und Taxifahrern beheimatete Dichter habe sich im Fluss ertränkt. Mit Paratuga kehrt zurück stand der Autor 1973 als Bestseller in der New York Book Review auf. Vielleicht taucht er als Überlebender seines Untergangs dort wieder auf. Im deutschsprachigen Literaturraum wurde die Absenz des Jürg Federspiel seit langem nicht zur Kenntnis genommen.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 16.02.2007

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare