Orte der Verblüffung

Spiegelkabinett Das Theaterfestival im rumänischen Sibiu verwandelte eine Stadt zur Bühne

Gut dreißig Jahre sind verstrichen, seit die Stadt Nancy erstürmt wurde von einer Vielzahl junger Künstler, die sich dem Losungswort ergeben hatten: "Die Phantasie an die Macht". Diese friedliche Überrumpelung des bürgerlichen Lebens ging jahrelang im späten Frühling von einem international schließlich hochreputierten Theaterfestival auf, das der nachmalige französische Kulturminister Jack Lang organisierte. Sein Gedanke war, neue Tendenzen der Bühnenkunst aus der ganzen Welt in die lothringische Kapitale zu bringen. Die Stunde war seinem Unternehmen günstig gesinnt: Das politische Theater begann damals zu blühen, ein unbekannter Taubstummenlehrer mit Namen Robert Wilson schlug mit seinem wortlosen Bildertheater die Kritik landauf landab in Bann. Das Leben gipfelt im Theaterspiel, diesem Motto suchten diese kühnen Schöpfer des Unvorhersehbaren die ganze Stadt sich untertan zu machen.

Diese Festwochen sind seit langem Vergangenheit. Aber wer in Sibiu, einer Stadt des rumänischen Siebenbürgens, kürzlich durch die Straßen promenierte, wer Zeuge war der gewaltigen Umzüge hoher Papierelephanten, umspielt von mitmarschierenden Blasmusiken, dem drängte sich die Parallele zu dieser Besitzergreifung einer Stadt durch freudige Kunstjünger auf. Zum elften Mal hatte das Stadttheater Sibiu ein Programm von 60 Darbietungen zusammengestellt und diesmal den Rahmen weit ins Ausland ausgedehnt.

Straßentheater wurde beklatscht, auf dem "Großen Platz" gab es non stop musikalische Darbietungen, zu Untergrundereignissen wurde eingeladen: von Mittag bis Mitternacht war der Schlachtenbummler in Atem gehalten. In diese rauschende Stimmungsmache fügte sich eine Art von rumänischem Theatertreffen ein. Zu sehen war ein gutes Dutzend Aufführungen, wenn man von einer Handvoll zugereister Truppen wegzählt. In Nancy trat ins internationale Theater die Inszenierung des Spielsraums als lebendes Bild ein. In Sibiu, genauer: im rumänischen Theater, findet man heute diesen Bilderstil in voller Ausbreitung. Silvio Purcarete ist einer seiner Vorkämpfer. In Wilsons Manier schreibt er sich abwechslungsweise seine Stücke selber. In diesem Fall ist seiner bildträchtigen Phantasie keine Grenze gesetzt. Er greift beispielsweise das Gargantua-Epos auf und reiht dabei zur Übersetzung der barocken Szenenvielfalt Arrangements ohne Zahl und ohne tiefere Bedeutung auf. Einen roten Faden, der sie zusammenhält wird man so leicht dabei nicht finden. Das Theater wandelt er in einen Ort der Verblüffung um, auf dem stattfindet, was wir uns buchstäblich nicht träumen ließen. Anders sieht es immerhin aus, wenn er eine strikte Spielvorlage hat, mit der er nicht nach Belieben umspringen kann. Was ihr wollt ist von allen Shakespearestücken das biegsamste, was die Rollenverwandlung betrifft.

Der Beliebigkeit der szenischen Einfälle, die seine Stärke ausmacht, kann er hier nicht so leicht nachgeben. Damit bleibt auch die Lesbarkeit des Rollenspiels besser bewahrt. Setzt normalerweise in einer Bühnenphantasie das Wort die Szenenabläufe in Bewegung, so hält es in seinem Fall den Regisseur in Grenzen, was auch heißt, dass es viel Allotria bremst, das freien Zugang zu haben pflegt ...

Wie soll sich das Publikum über dies unermüdliche Kapriolenspiel einen Vers machen, werden doch Sinn- und Gefühlsinhalte dabei an den Rand gedrängt? Lustspielinhalte widerstehen dieser Überführung in die Welt permanenter Nebenhandlungen besser. Aber unübersehbar bringt die überpurzelnden und selten vom Wort begleiteten eine Verarmung mit sich. Die Malvoglioepisode ist unbestreitbar belachenswert, dass aber auch einer solchen Spottgeburt der Dichter Duldsamkeit und Verständnis entgegenbringt und ihr damit Tiefe verleiht, das lässt sich auf diese Weise nicht vermitteln.

Ein anderer Regisseur von ähnlicher Geistesart tritt aus diesem südöstlichen Raum ins Licht der europäischen Aufmerksamkeit. Den ukrainischen Theatermann Andrij Scholdak hat vor kurzem Luc Bondy an die Wiener Festwochen geholt. Er wird, um das vorherzusagen, braucht man kein Prophet zu sein, in kürzester Zeit weitherum Beifall finden. Auch er ist ein Bilderschöpfer, genauer: er verwandelt die Bühne in einen Raum der Halluzinationen, denen kaum zu entgehen ist. Venedig - Goldoni betitelte er seine vierstündige anthologische Lebensgeschichte, damit bereits Raum und Schicksal des Individuums verknüpfend. Wie unter Hochspannung, die Blitze versendet, agieren auf dieser Bühne die Figuren. Das Arrangement, dem sie unterliegen ist unbezweifelbar alles: In einem Kaleikdoskop schießen die einzelnen Glasteilchen ja immer zu neuen Konfigurationen zusammen. Hier nun löst das Raumkaleidoskop einen Schwindel aus, der wohllüstig erlebt wird. Vorgänger dieser Theaterkunst ist ganz gewiss die surrealistische Malerei. Dali hat diese Bildsüchtigkeit künstlerisch vorgelebt. Aber einbeziehen in unser Urteil müssen wir auch die Zeit des langen Darbens der Phantasie in der Zeit des Sozrealismus. Das Parolentheater, das zugleich mit ihm im Schwange stand, soll in die Grube fahren. Aber dass in dieser Mischung unzusammenhängender Bildelemente die Beliebigkeit Triumphe feiert, dass diese Bühnensprache interpretierender Willkür Tür und Tor öffnet, das sieht das hypnotisierte Publikum nicht so schnell ein.

Diese Schwächung des kritischen Sinns hat freilich weit zurückreichende Wurzeln in der rumänischen Theaterkunst. Die Verführungsbereitschaft des Geistes durch Glanz und gaukelnde Spiegelung geht in diesem Land auf eine lange Vorliebe zurück. So lässt beispielsweise Anca Bradu Tschechows Drei Schwestern auf einer total verspiegelten Bühne spielen, damit alle Gestalten sich gleich mehrfach vor dem Auge des Betrachters brechen und vervielfachen. Was ein (zweifelhafter) Effekt ist, wird damit zum Dauerzustand, die den kritischen Sinn einlullt..

Die Perser des Aeschylus sind ein einziger aufwühlender Klagegesang der bei Salamis geschlagenen Perser. Zu unserem Erstaunen steckt der Regisseur Mihai Maniutiu die erschütterten Klageführer in Einreiher von heute, aus Goldstoff geschnitten. Goldgefärbte Strohhüte gehört mit zur Ausstattung, mit denen wie in einer Revue von Maurice Chevalier Ende der Zwanzigerjahre dem Publikum zugewedelt wird. Der gleiche Regisseur, auf dessen Schuldkonto diese Geschmacksverirrung geht, zeichnet für die Aufführung der Elektra verantwortlich. Aller billiger Glitzer ist daraus verbannt, Elektra und Orest erscheinen im Halbdunkel leidgeprüft und mit zerstörter Hoffnung als Ausfluss jenes uranfänglichen Chaos, in das ernstes Theater ohne zu zögern hinabsteigt um von dort seine Daseinsberechtigung an den Tage zu bringen. Volksweisen aus der rumänischen Provinz Maramuresch umtönen die Schreckenshandlung.


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00:00 25.06.2004

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