Orte sind wichtig

Dialektik der Globalisierung Bei den 26. Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur zeigten sich die jungen Autoren sehr weltfürchtig

So entsetzlich stupid und hoffnungslos ist gewiss in ganz Europa kein Menschensort - trostlos." Aber warum kommt man dann jedes Jahr wieder her? 100 Jahre ist Gustav Mahlers Stoßseufzer her. Aber unwillkürlich steigt er wieder auf, wenn man zum wer-weiß-wievielten Mal zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur, vormals Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, in Kärntens Landeshauptstadt eintrudelt. Woran liegt es: An den schon wieder zu früh heruntergelassenen Rollläden des Fahrradverleihs am Bahnhof, an den gestutzten Kastanienbäume längs der träge in der Mittagssonne dösenden Bahnhofsstraße, an dem angelaufenen Bronze-Globus vor dem Haus von Jörg Haiders Kärntner Landesregierung? Das Erdsymbol trägt den Schriftzug "Selbstbestimmung". Oder an den Sofakissen-Gesichtern der politischen Prominenz bei der nächtlichen Eröffnung im Landesstudio Kärnten des ORF. Schlüge man mit einer Hand eine noch so scharfe Kante in sie hinein. Immer würden sie sich in das unangreifbarste Lächeln der österreichischen Proporzdemokratie zurückstülpen - bittegerne.

Taugt dieses Bollwerk fremdenfeindlicher Gemütlichkeit als Standort für die deutsche Literatur? Wo Landeshauptmann Haider gegen die slowenisch-deutschen Straßenschilder im Ort zu Felde zieht? Wo die Kameraleute im Studio jedes auffällige T-Shirt mit, sagen wir thailändischen, Sprachzeichen misstrauisch beäugen, weil es eine geheime Botschaft transportieren könnte? Welchen Sinn kann dieses gut gesponsorte Standortmarketing in Zeiten der Globalisierung haben? Höchste Zeit, dass diese überritualisierte Leistungsschau des deutschsprachigen Nachwuchses einmal in Frage gestellt wurde. Doch die für Klagenfurter Verhältnisse ungewöhnlich politische Rede zur Literatur, mit der der Schweizer Weltbürger Hugo Loetscher den zweitwichtigsten deutschen Literaturpreis eröffnete, verhallte im allgemeinen Sportfieber aus Weltmeisterschaft und Wettlesen. Für Loetscher hat mit der Globalisierung nicht Francis Fukuyama gesiegt. Für ihn gibt es kein Ende der Geschichte. Im Gegenteil: Indem sie zum ersten Mal Weltgeschichte werde, beginne die Geschichte jetzt erst eigentlich. Die nationalen Literaturen, so der fröhlich-runde Helvetier, müssten akzeptieren, dass sie nur eine unter anderen seien. In einem Weltbild, wo alte Hierarchien und die Trennung von Zentrum und Rand hinfällig würden, ist für Loetscher "die Vormachtstellung von einer zentralen Weltmacht zusehends prähistorisch". Was heißt das für die Literatur? Ingeborg Bachmanns Todesarten-Projekt, stichelte Loetscher an einem österreichischen Mythos herum, "könnte die möglichen Todesarten um einige ergänzen".

Loetschers überfällige Intervention ist der nicht völlig neue Appell an die Leser, mehr als nur die eigene Nationalliteratur wahrzunehmen. Und an die Verlage, noch mehr aus aller Welt zu übersetzen. Und nicht nur auf Berlin-Mitte zu achten. Misst man aber die junge deutsche Literatur des Jahres 2002 an seiner Vorgabe, dass sich auch die Sprache ändern, ja öffnen müsse, bleibt nicht viel welthaltiges, geschweige denn weltläufiges zurück. Zwar gab es in Klagenfurt schon 1991 zum ersten Mal eine nichtdeutsche Gewinnerin, als die türkischstämmige Emine Sevgi Özdamar für ihre Geschichte Das Leben ist eine Karawanserei den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Und so langsam beginnt sich auch in der Literatur ein Künstlertypus durchzusetzen, wie er in der Bildenden Kunst schon lange üblich ist. Der des polyglotten Nomaden, der viele Zuhause kennt. Immerhin schmücken sich ein paar Popliteraten schon länger mit den exotischen Wohnsitzen Pnom Penh oder Bangkok. In Klagenfurt tauchte in diesem Jahr der 1952 geborene Heinz Heisl auf, der in Zürich und in Innsbruck, also in der Schweiz und Österreich lebt. Oder die 1966 in Schwenningen geborene Nina Jäckle. Nach Lebensstationen in Hamburg, Paris und Berlin hat sie schon jetzt fest eingeplant, ließ sie die Zuhörer wissen, demnächst ihre deutschsprachige Literatur in Barcelona zu produzieren. Nur die 1950 geborene Schriftstellerin Elfriede Kern aus Linz sah sich ausdrücklich als österreichische Schriftstellerin. Etwas beginnt sich also zu verändern.

Nun ist der häufige Besuch eines Reisebüros oder Fernbahnhofs oder gar seine Beschreibung noch kein hinreichendes Zeichen für Weltläufigkeit. Aber auch bei den Inhalten der Literatur der neuen Weltgeschichte hapert es. Am nämlichen Klagenfurter Wochenende vergrößerte sich die G7-Gruppe der sieben führenden Industrienationen um Russland zur G8 und traf sich mit den afrikanischen Staatschefs. In Lateinamerika griff die politische Krise Venezuelas auf den ganzen Kontinent über. Ein leckgeschlagener amerikanischer Internetprovider zog die Weltbörse in den Abwärtsstrudel. So unaufhaltsam Politik und Wirtschaft ihren Radius auf dem Globus ausdehnen, so tief stecken viele junge deutschen LiteratInnen geistig noch in den Endmoränen nationaler Bürgerlichkeit fest. Zwar lässt der 1963 geborene Autor Daniel Zahno aus Basel seinen melancholischen Fin-de-Siecle-Helden an die französische Atlantikküste nach Deauville reisen, damit er dort einen Hummer kaufen und ihn zurück ins Meer werfen kann. Doch wenn es so etwas wie einen gemeinsamen Topos gab, dann der Verstrickung in Familie und Zweierbeziehung. Nina Jäckle zeigt in ihrer Familiengeschichte Buchenhofstaffel deren pathologische Binnenstruktur. Vater-Mutter-Kind kommunizieren autistisch ineinander verklammert. Die Welt schrumpft auf die Umrisse eines Hauses, einer Schlucht, eines Kirschbaums. Via Internet prämierten die Fernsehzuschauer den 1968 geborenen Kärntner Christoph Bauer mit dem neugeschaffenen Publikumspreis. In seinem Text Auf.Stummen ist die Liebe eines Sportartikelvertreters zu seiner bücherversessenen Frau nach zwanzig Jahren auf einer "Seilschaft" festgefroren. Die Welt schrumpft auf den Frühstückstisch. Regression nach innen also, wohin man schaut. "Etwas hielt sie gefangen" - den Satz aus einer missratenen Selbstmörderinnen-Geschichte der 1958 geborenen Klagenfurterin Helga Glantschnig kann man symptomatisch lesen. Die Ausnahmen von diesem Bann waren an einem Finger abzuzählen. Insofern war es die richtige Wahl, dass der 1957 in Graz geborene Peter Glaser, der in Berlin lebt, für seine Geschichte von Nichts den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Auch wenn in diesem fulminanten Stück um die "Leerzeichen" der Liebe etwas sehr schnell die Standorte von Hamburg über Kairo bis Piräus wechselten. Bei dem Text des ehemaligen Sprechers des Chaos-Computer-Clubs, der einen Tag vor dem 11. September beginnt, merkte man noch am ehesten etwas von dem weltläufig angelegten Bewusstsein, das für Hugo Loetscher die Basis der nationalen Literatur der Zukunft bilden wird.

Bis zu ihr wird es noch eine Zeit dauern. Denn so unhinterfragt wie in Klagenfurt der Mythos von der homogenen deutschen Literatur schon im Titel hochgehalten wird, wundert es nicht, dass ihr "linguistischer Differenzierungsprozess", den Loetscher für unausweichlich hält, auf sich warten lässt. Er kommt noch zäher voran als sich die Euro-Münzen auf dem alten Kontinent mischen. Selbst die Kritik eiert noch zwischen Angleichung und der Selbstbehauptung. "Der Austriazismus Perfekt ist nicht manieriert", verteidigte die sonst so scharfsinnige Wiener Literaturwissenschaftlerin Constanze Fliedl patriotisch-giftig den Text eines österreichischen Autors gegen einen deutschen Juror. Wenig später räumte sie bei dem Text des schweizerischen Lyrikers Raphael Urweider ein, dass es auch für Österreicher angemessen sei, auf gut schweizerisch zu sagen, dass der Text "sehr schön tönt". Der mit dem 3sat-Stipendium ausgezeichnete, 1974 geborene Poet und DJ aus Bern, der 1999 überraschend den Leonce-und-Lena-Preis erhielt, lieferte noch einen der am autonomsten gesetzten Texte von insgesamt 16 Elaboraten. Die bewegten sich zumeist auf Schülerzeitungsniveau. "Undeutbare Geschichten, befremdliche Bilder, riskante Gedanken, unvorhersehbare Experimente in einer entfesselten Sprache", Heinz Schlaffers Kriterien für echte Literatur las man höchstens zwei Mal. Insofern bliebe dem Stuttgarter Germanisten nach diesem Wettbewerb wieder nichts anderes übrig, als zu konstatieren, was er in seiner Kurzen Geschichte der deutschen Literatur im Frühjahr schon zum allgemeinen Entsetzen des Feuilletons behauptet hatte - dass es eine nennenswerte deutsche Literatur nämlich seit 1950 nicht mehr gebe. Urweider war die zweite Ausnahme. In seinem ersten Prosa-Text über einen tumorkranken Protagonisten, dem die unzähligen Steine am Flussufer zum Gleichnis für die Ursprungsmaterie werden, gelang dem Lyriker ein beeindruckend unpathetisches Requiem auf die Vergänglichkeit des Menschen.

So unentschieden wie Constanze Fliedl schwankte - zwischen der Eigenheit der Sprache und der Bereitschaft, sie mit regionalen Idiomen so zu kreolisieren, wie die Franzosen mit Einsprengseln aus den Antillen - werden sich die nationalen Standardsprachen also noch nicht so schnell mit Loetschers "nice accent" schmücken. Dabei könnte Klagenfurt als genius loci diese Hybridisierung befördern. Die Grenzregion Kärnten könnte das neue Verhältnis von Region und Welt, von Zentrum und Rand, von Durchmischung und Abgrenzung sinnfällig machen. Doch wo bleibt eigentlich der Brückenschlag zum Nächstliegenden? Keine hundert Kilometer hinter dem "deutschen" Vorposten Klagenfurt liegt der Balkan. Wenn Deutsch schon eine, wie Loetscher sagt, "plurizentrische" Sprache ist, die sich aus allen möglichen Quellen speiste, müsste sich das nicht auch in dem Wettbewerb ausdrücken, der sie weiter entwickeln soll? Statt immer nur die H-Milch des "Neuen Deutschen Erzählens" zu liefern? Für das die 1967 geborene Freiburgerin Anette Pehnt mit noch einer Vater-Mutter-Kind-Geschichte wenigstens eine qualitativ überzeugende Neuauflage lieferte. Und den zweiten Preis einheimste. Wichtiger als das alljährliche Genöle über die zahme Jury und die schlechten Texte also wäre die Reform des Wettbewerbs an seinem Sprachkern.

Doch dafür bräuchte man eine politische Diskussion. Und die passt nicht zum Klagenfurter Gruppenbild. "Ich bin ein Walser-Opfer", klagte eine der Pressedamen, die das Treffen am Wörthersee jedes Jahr mit Verlagsprospekten, diskreten Informationen und Rezensionsexemplaren am Rande umgarnen, kokett über die überbordende Debatte der letzten Wochen um den Schriftsteller vom Bodensee. An Kärntens Seaside hörte sie schlagartig auf. Küsschen und Prösterchen beim Sonnenuntergang am Restaurantfelsen Maria Loretto sind die viel geliebten Attraktionen dieses "schönsten Betriebsausflugs" der fröhlichen deutschen Literaturfamilie. Politische Kontroversen schlagen hier auf die gute Laune. In Klagenfurt gönnt sich der Betrieb lieber eine Auszeit - so der Titel einer Erzählung des Düsseldorfer Autors Mirko Bonne. Vielleicht sollte man den phlegmatischen Wettbewerb einfach der Berliner LiteraturWerkstatt überantworten. Die versteht es, aufregende Querverbindungen zu knüpfen. Das schweizerisch-senegalesisch-britische Poesiefestival, das Europas innovativste Literaturvermittler einen Abend nach der Klagenfurter Preisverleihung am Prenzlauer Berg in Berlin hinlegten, elektrisierte in drei Stunden mehr als es der deutschsprachige Nachwuchs an drei quälenden Klagenfurter Tagen vermochte.

Wie viel Heimat braucht die Kunst? Und wie viel Welt? Wieviel Bleiben? Wieviel Gehen? Zwischen diesen Polen wächst die Dialektik der Globalisierung. Gustav Mahler hasste das Kaff am Wörthersee. Trotzdem kam er acht lange Sommer von 1900 bis 1907 immer wieder zurück. Hier fand er den Ort, an dem er in weltabgeschiedener Ruhe seine Symphonien komponieren konnte. Klagenfurt sei, verriet mir ein junger Schriftsteller aus Kärnten beim Spaziergang durch die friedliche kleine Stadt, so ereignislos, dass man sich hier geradezu zwangsläufig heraus-schreiben müsse. Selbst Ingeborg Bachmann beklagte die "mangelnden Verlockungen" ihrer Geburtsstadt. Aber wenn der Autor Heinz Heisl bei einem seiner Texte nicht mehr weiterkommt, so verriet er es dem Fernsehen, gehe er einfach an den Ort, an dem die Szene spiele. Transzendenz braucht eben festen Boden unter den Füßen. Von irgend etwas muss man sich ja abstoßen. Was lässt Nina Jäckle noch den Vater in ihrer Familiengeschichte feststellen? "Orte sind wichtig". Klagenfurt, zum Beispiel.

Liste der Jury und der TeilnehmerInnen unter: www.bachmannpreis.at

00:00 05.07.2002

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