Osama und Aiman

Berliner Abende Kolumne

In unserem Haus wohnt eine libanesische Familie. Es ist eine kleine Familie, eine Mutter mit ihren zwei Söhnen. Sie nennt sie Osama und Aiman. Auf jeden der beiden, erfuhr ich, haben die Amerikaner 25 Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt. Das finde ich absurd, es muss sich um eine Verwechslung handeln. Aber das kennt man ja von den Amis, die machen ja vor nichts Halt und verwechseln ständig irgendwen mit irgendwas.

Osama und Aiman sind Kinder, zwei niedliche kleine Burschen. Das schlimmste ist noch, dass sie rumschreien und den Hof mit Kreide zumalen. Darüber haben sich schon einige Hausbewohner beschwert. Das Haus ist hellhörig, im Hof hallt jedes Wort, und wenn es regnet, schwimmen jetzt immer bunte Kreidepfützen in den Gully.

Kindern, so sagte der Vermieter, könne man das Spielen nicht verbieten. Er sprach mit der Mutter der beiden Jungs. Wenn sie jetzt zu laut werden im Hof, schreit sie runter, sie sollen leise sein. Fünf Minuten ist es dann ruhiger. - Aber gleich 25 Millionen?

Auch wenn sie die beiden nach oben beordert, ruft ihre Mutter vom Küchenfenster in den engen Hof hinunter. Immer hängen dort Leinentücher, oft eine Woche lang die gleichen. Osama fährt ein Bobbycar, Aiman ein Kettcar. Einer der beiden riss ein Tuch von der Wäscheleine und fuhr als Gespenst im Karree. Ihre Mutter hat es gesehen und ihnen befohlen, das Leinentuch wieder aufzuhängen. Aber die Wäscheleine hing viel zu hoch für die Kleinen. Sie haben sich einen Stuhl aus dem Keller geholt und das Tuch wieder aufgehängt.

Wenn ihre Mutter ruft, stellen sie ihre Fahrzeuge ordentlich unter der Treppe ab. Vorbei an meiner Tür trappeln ihre Schritte. Wer zuerst oben ist, gibt einen Jubelschrei von sich. Ihre Mutter öffnet, und das Gerenne geht in der Wohnung weiter.

Einmal redete ich mit der Mutter. Sie schimpfte auf den westlichen Kapitalismus, auf Nintendo und Playstation. Ihre Söhne, sagte sie, werden ihren Vater rächen, der als Hisbollah-Kämpfer von Israelis getötet wurde. Aiman und Osama werden, prophezeite sie, wenn sie erwachsen sind, in den Libanon gehen. Gegen Ungläubige und für den Islam kämpfen. Sich vor den Amerikanern und Israelis verstecken und großes Ansehen erlangen bei ihren Mitstreitern.

Ich habe Aiman und Osama nie mit Plastikgewehren oder sonstigen Waffen spielen sehen. Sie können kaum Deutsch. Die wenigen Male, als ich im Hof mit ihnen zu reden versuchte, rief ihre Mutter sie hoch. Ich hatte das Gefühl, als stünde sie am Fenster und bewache die beiden, es war, als schütze sie sie misstrauisch vor meinen Fragen. Dabei wollte ich doch nur wissen, was die Zeichen bedeuten, die sie mit ihrer Kreide im Hof malen.

In den Kindergarten gehen die Jungs nicht. Sie sind jeden Tag im Hof. Malen und kritzeln und fahren zwischen den Leinentüchern umher. Von morgens bis abends. Ihre Mutter ruft höchstens zwei Mal, dann parken Osama und Aiman brav ihre Fahrzeuge, gehen in ihre Wohnung. Sie wohnen im vierten Stock, direkt über mir.

Leben im Hinterhof. Das Private wird öffentlich. Zwei Seitenflügel, Quergebäude links und rechts, dazwischen ein Viereck Himmel. Die Häuser haben fünf Stockwerke, keinen Fahrstuhl. Die Sonne reicht auch mittags nur bis zum dritten Stock hinab. Früher, las ich, hatte man ein paar Spiegel schräg an die Wände geschraubt, damit auch die unteren Wohnungen mal ein bisschen Licht sahen.

Der Berliner Hinterhof ist ein Geräuschekessel, schon immer. Tellerklappern, Streit und Sex, Geige üben, Saufen, Weinen, Fernsehen. Das ganze Leben auf engem Raum. Vom Bahndamm weht die S-Bahn herüber, auch wenn sie anders pfeift als vor Jahren. Die Strafen, mit denen man Kindern droht, sind die gleichen wie eh, egal in welcher Sprache: kein runter, kein fern!

"Osama!" "Aiman!" - Stille.

Ihre Mutter hat vier Mal gerufen. Ihre Namen und etwas auf Arabisch. Aber Aiman und Osama sind verschwunden, sie tauchen nicht auf. Die Mutter erscheint im Hof, sie reißt die Tücher herunter. Immer wieder ruft sie die Namen. Sie findet die Fahrzeuge unter der Treppe. Dann verlässt sie den Hof und sucht auf der Straße weiter. Ihre Stimme wird leiser, sie geht unter im Verkehr da draußen. Aber sie ruft noch immer, ruft die Namen ihrer Söhne. "Osama!" "Aiman!"

Ich stehe am Fenster. Ich sehe, sie hat Angst, dass ihre Söhne nie wieder auftauchen. Einen Moment lang will ich ihr hinterher rufen. Aber ich tue es nicht. Schließe das Fenster und gehe ins Wohnzimmer. Am Tisch sitzen Osama und Aiman. Ich frage sie, was sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind, und was die Zeichen im Hof bedeuten, ob das arabische Schriftzeichen sind. Osama und Aiman verstehen mich nicht. Sie stehen auf und sagen etwas. Wahrscheinlich, dass ihre Mutter gerufen hat und sie jetzt gehen müssen.

Ich öffne die Tür, sie rennen die Treppe rauf.


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00:00 01.12.2006

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