Ossis Krönung

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Als der Destillateur Hugo Asbach das von ihm erfundene Wort "Weinbrand" 1907 als Warenzeichen eintragen ließ, konnte er nicht ahnen, dass daraus einmal ein Gattungsbegriff werden würde. Es kam der Krieg und dann Versailles. Seither verbot Artikel 275, deutsche Spirituosen "Cognac" zu nennen und Asbachs "Weinbrand" obsiegte. Als die volkseigenen Schnapsbrenner im oberlausitzer Wilthen 1977 aus 20 Prozent echtem Weinbrand und 80 Prozent Primasprit den "Goldbranntwein" mixten, konnten sie nicht ahnen, dass daraus einmal die berühmte Goldkrone würde - die meist verkaufte Spirituose Deutschlands. Eigentlich ist die Goldkrone ein Selbstläufer. Doch gerade Stars brauchen ordentlich Publicity. Also produzierte die Bremer Agentur cre-activ einen neuen Radio-Werbespot für die spirituöse Diva. Der Spot geht so: Ein Sachse und ein Berliner sitzen in der Kneipe. Sachse: Weißte noch, damols? Wir mit ´ner Flasche Wilthener Goldkrone: Wir sind das Volk. Berliner: Tja, hat sich viel jeändert. Sachse: Klor, abor Wilthener Goldkrone ist und bleibt unsere Wilthener Golkrone. Berliner: Juter Jeschmack bleibt eben, daran ändert sich nüscht! Sprecher: Mild wie nie - gut wie immer - Wilthener Goldkrone. Natürlich wünscht sich jeder Werber Resonanz. Am allerliebsten absatzfördernde Kaufimpulse, Anrufe und Mails allerdings nur bei Preisausschreiben. Davon war jedoch nicht die Rede. Den Radio-Spot, ab Mitte Februar auf zwei Dutzend ostdeutschen Wellen ausgestrahlt, quittierten die potentiellen Kunden mit geradezu irrwitzigem Feed-Back. "Einige Leute fühlen sich offensichtlich persönlich angegriffen", sagt Produktmanagerin Kathrin Paul, die dank Spot mindestens zwei Mails und einen Anruf pro Tag erhält. Anscheinend erinnern sich die 89-er Montagsdemonstranten eher an glühende Herzen als an brennende Kehlen. Selbst als die Herbstabende kühler wurden, erwärmten sie sich lieber äußerlich an mitgeführten Kerzen als von innen an Schnaps, behaupten sie. Was sagt Christian Führer, der Pfarrer der Leipziger Nicolaikirche? Nichts, er kennt den Goldi-Spot nicht. Auch im Bürgerkomitee Leipzig hat man ihn noch nicht gehört, findet es aber "irgendwie empörend", Schnaps in Verbindung mit der Wende-Bewegung zu umwerben, so die freundliche Dame am Telefon. Sie jedenfalls verwende den Trunk nur für weihnachtlichen Kuchenteig. "Wir wollten natürlich nicht sagen, dass die Leute, die damals für den Fall der Mauer demonstriert haben, betrunken waren", beteuert Produktmanagerin Paul."Die Reaktionen schlagen schon ins Extreme", wundert sie sich, "von sehr ablehnend bis positiv." Man muss sich schon mächtig ärgern, bis man sich über ärgerlicher Werbung beschwert. Wie unglaublich aber muss man sich freuen, bis man einer Firma seine Freude mitteilt? Offensichtlich gibt es in den Neuen Ländern auch ausreichend Kundschaft, die immer wieder gern hört, dass früher ja nicht alles schlecht war. Wenn man uns schon alles genommen hat, bleibt wenigstens der Schnaps. Unser Schnaps. Kein Wunder also, dass über 90 Prozent des Goldi-Absatzes im Osten erzielt werden und entgegen dem bundesweit rückläufigen Trend im Weinbrandgeschäft im vergangenen Jahr Goldi sogar um sechs Prozent zulegte. Der Wessi trinkt ohnehin lieber unverschnitten Weinbrand - nicht die milde Goldkrone, sondern eher den weichen Chantré. Die nächste ostzielgruppenspezifische Goldkornen-Werbestaffel hatte die cre-activ-Agentur für den April geplant, doch wegen "punktueller Beschwerden" wird man den Spot voraussichtlich zurückziehen. Produktmanagerin Pauli ist verunsichert. Man wollte doch "im Einheitsgesülze der Radiowerbung nur provozieren". Aber sollte ein guter Freund provozieren? Als Freund - freundlich, ehrlich, schlicht und volksnah - würden die Konsumenten ihre Goldkrone nämlich charakterisieren, wenn sie ein Mensch wäre. Das hat eine Image-Studie der Schnapsbrenner ergeben. Die Produktmanagerin sagt: "Goldkrone ist wie ein guter Bekannter, der schon immer da war und immer dabei ist" - und offensichtlich sogar auf Montagsdemonstrationen.

00:00 22.03.2002

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