Ostalgie in Sotschi

Neue russische Filme Die Zaren der Vergangenheit und die alten Frauen von heute spielen eine große Rolle in der aktuellen Produktion

Auch in Russland gibt es so etwas wie Ostalgie. Man besinnt sich wieder auf Eigenes. Statt Coca Cola trinken viele wieder Kwas. Das sieht genauso aus, schmeckt aber anders. Die kleinen gelben Kübelwagen mit dem russischen Nationalgetränk - neben Wodka natürlich - sind in Sotschi wieder allenthalben anzutreffen. Der Kurort am Schwarzen Meer, in dem auch Putin gern Urlaub macht und in dessen Nähe Stalin eine nun als Touristenattraktion vorgezeigte Datscha besaß, ist allerdings kaum mehr das Erholungsressort für Werktätige. An den Stränden - sogar einen für FKK gibt es - tummeln sich vielmehr die "neuen Russen". Für diese Schönen und Reichen gibt es auch zwei neue komfortable Radisson-Hotels. Internationale Gäste aber wurden davon noch nicht angelockt.

Die Vergangenheit bleibt weiter lebendig. Ein Denkmal und ein Museum erinnern an Nikolai Alexejewitsch Ostrowski, der zuletzt, erblindet und gelähmt, bis zu seinem Tode 1936 in Sotschi lebte und dessen Buch Wie der Stahl gehärtet wurde zur DDR-Schul-Pflichtlektüre gehörte. Und in einer der vielen Grünanlagen behauptet eisern eine Lenin-Statue ihren Platz, während in den Kinos demnächst Good-bye Lenin anläuft. Sonst haben auf der Leinwand den Sowjetstaatsgründer aber die Zaren verdrängt. Man konnte es auf dem 14. Russischen Filmfestival in Sotschi sehen.

Das parallellaufende Internationale Festival feierte diesmal zehnjähriges Jubiläum - im Gegensatz zum nachfolgenden Moskauer Festival sogar mit einem deutschen Wettbewerbsbeitrag, Devot von Igor Zaritzki. In Deutschland soll der Psychothriller erst Ende des Jahres in die Kinos kommen. Der ungarische Sieger Hukkle war dagegen hier schon zu sehen. Von den insgesamt 46 gezeigten russischen Filmen wird wohl kaum einer den Weg zu uns finden. Haben sie es doch bereits im eigenen Land schwer, sich gegen die Konkurrenz aus Hollywood zu behaupten. Trotzdem: "Kinobesucher wollen sich selbst auf der Leinwand erkennen ... Filme sollen Orientierung geben in dem sie umgebenden Chaos ... Die Zuschauer wollen keinen Trash mit endlosen Sexszenen und Mangel an Gedanken, sondern russische Filme, die berühren und patriotisch sind." So jedenfalls die Programmdirektorin Irina Rubanova im Festivalkatalog.

Zum Patriotismus gehört die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte. Die in Sotschi präsentierte Zweite Braut des Zaren von Svetlana Druzhinina war der fünfte Film einer Serie Geheimnisse von Palastrevolutionen im 18. Jahrhundert. Die sechste Folge ist auch schon fertig. Eine Trilogie über die gleiche Zeit von Vitalij Menikov wurde mit Armer, armer Paul abgeschlossen. Der Titel zitiert eine Legende, wonach Peter I. dem späteren Zaren Paul I. mit diesen Worten erschienen sein soll. Sie bewahrheiteten sich, denn der so Angesprochene wurde nach ganz kurzer Regierungszeit ermordet. Seine Darstellung durch Victor Suchorukov machte den Film, der dem Jubiläum von St. Petersburg gewidmet ist, sehenswert.

Diesem Anlass zollte bereits die Eröffnung des Festivals Tribut: mit einem entsprechend kostümierten Peter I. auf der Bühne und Matrosenballett samt Feuerwerk. Vor dem Wintertheater, einem klassizistischen Bau der Stalinzeit, hatten zuvor Tausende ihre russischen Kinostars begeistert begrüßt. Drinnen gab´s oft nostalgischen Beifall, wenn auf der Leinwand eingangs das Markenzeichen des Traditionsstudios Mosfilm erschien, die Muchina-Skulptur von Arbeiter und Bäuerin mit Hammer und Sichel. Rückgriffe auf Vergangenheit neben Historiendramen auch in Literaturadaptionen: von einer modernen Carmen-Version über F. E. Burnetts Little Lord und Daudets Tartarin de Tarascon bis zu Eldar Rjazanovs Farce à la Feydeau Schlüssel zum Schlafzimmer. Auch Gegenwartsstoffe werden gern unterhaltsam präsentiert.

Vorbei scheint die Welle der Killer- und Gangsterfilme. Dafür hetzt Vadim Abdraschitov, einer der renommiertesten Regisseure, der auch schon auf der Berlinale vertreten war, fast choreographiert Arbeitermassen aufeinander. Warum sie einander die Köpfe einschlagen, wird, wenn überhaupt, erst allmählich klar. Ihr Arbeitsplatz, eine große metallurgische Fabrik, droht geteilt zu werden. Das könnte auch Entlassungen zur Folge haben. Am Ende haben sich zwei um die Fabrik rivalisierende Kapitalisten geeinigt, und die vorher metaphorisch für die Uneinigkeit des Proletariats gegeneinander kämpfenden Arbeiter gehen gemeinsam wieder durchs Werktor, der Held, der vorher einmal mit beiden Händen in einem Schraubstock quasi gekreuzigt worden war, an der Seite einer neuen Gefährtin. Da sie die Verfolgungen nicht mehr aushalten konnte, hat ihn die geliebte Frau verlassen, ist, von der großstädtisch-modisch kontrastierenden Schwester gelockt, ihr nach Moskau gefolgt. Magnetische Stürme kann man als Parabel auf die heutige russische Gesellschaft verstehen. Es war, das Publikum polarisierend, der umstrittenste Film des Festivals.

Einhellige Zustimmung ernteten dagegen Gennadiy Sidorovs Alte Frauen. Der Regisseur hatte die 75- bis 85jährigen in einem entlegenen Dorf entdeckt - ein Stück heile Welt ist wohl nur noch auf dem Lande zu finden. Der russischen Jury war die humorvolle Milieustudie den Großen Preis, eine Goldene Rose, wert. Und noch eine "Großmutter" rettete das Festival vor Verflachung. Lidia Bobrovas Titelfigur sucht nach dem Tode ihrer Tochter bei den Enkeln, für die sie einst sorgte, vergebens eine Bleibe. Durch eine Flüchtlingsfamilie kommt hier am Rande auch das Tschetschenien-Motiv vor. In zwei anderen Filmen, Kaukasisches Roulette von Fjodor Popov und Slawischer Marsch von Natalja Pjankova, spielt es die Hauptrolle: mit Müttern, die ihre Söhne zurückholen wollen. Eine trifft den nach Flucht aus tschetschenischer Gefangenschaft Desertierten in einem Drogenmilieu wieder, reist aber ohne ihn nach Moskau zurück - der Sohn meldet sich bei der Truppe zurück.

Das erfreulichste Programm bestand aus Kurzfilm-Debüts von Filmhochschulabsolventen. Hoffnungsvoller Nachwuchs, dem man wünschte, bald in den Kinos zu reüssieren. Vorerst unterschied sich das alltägliche Repertoire in Sotschi allerdings nicht von bei uns Gewohntem. Dort, wo früher noch Festivalbeiträge gezeigt wurden, lief jetzt Matrix Reloaded und anderer importierter "Trash".

00:00 27.06.2003

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