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Heldenverehrung Die Hindenburgisierung Hannovers ist weit fortgeschritten

Vor dem Restaurant Hindenburg Klassik in Hannover steht eine lebensgroße schwarz-weiße Dekorationskuh. Drinnen isst eine elegante blonde Frau mit ihrer Tochter Lachsspaghetti zu Mittag. 50 Euro kostet das Hindenburg-Menü für zwei Personen. Getränke kommen extra. Um Reservierung wird gebeten. Anders als der Name vermuten lässt, wird im Hindenburg Klassik nicht deutschnational gekocht, sondern italienisch. »Wir haben uns vor 23 Jahren so genannt, um uns in Hannover zu integrieren. Weil dies das Hindenburgviertel ist«, erklärt Restaurantchef Enzo Provenzano.

»Wir sagen Hindenburgviertel, weil hier hat Hindenburg gewohnt«, erzählt eine alte Dame, die mit ihrem Jagdhund vor der Hindenburgapotheke steht. Sie trägt einen hellbraunen Pelzmantel und einen Hut mit Feder. »Die Stadt Hannover hat Hindenburg damals ein Haus geschenkt. Am Jahrestag der Schlacht von Tannenberg gab es immer einen Umzug zum Hindenburghaus. Er hat dann am Fenster gestanden und gewunken.« Kein Held ohne Heldenverehrer. Wie Hannover ernannten 3.823 Städte und Gemeinden Hindenburg zum Ehrenbürger. Wer sich in den zwanziger Jahren in Berlin in der Hindenburgstraße verabredete, konnte Verwirrung auslösen. Es gab drei Hindenburgstraßen. Dazu noch einen Hindenburg-Platz, eine Hindenburg-Brücke und einen Hindenburgdamm. Auch Hannovers Hindenburgviertel erreicht man via Hindenburgstraße. Makler, Anwälte und Insolvenzverwalter haben sich an der schönen Chaussee am Stadtwald niedergelassen. Waldersee-, Gneisenau- und Blücherstraße - auch die Namen der Nachbarstraßen erinnern an Generäle, Vorläufer und Vorbilder von Hindenburg. Eine Kaiserallee gibt es im Hindenburgviertel, eine Sieges-, und eine Friedenstraße. Eine Verliererstraße gibt es nicht. Verständlicherweise. Aber wer denkt schon an Krieg? Das Hindenburgviertel ist ein ruhiges, saturiertes Viertel. Reiche Rentner leben hier und manch arrivierter Rentier. Und eigentlich befand sich auch Hindenburg längst im Ruhestand, als er hier wohnte. 64-jährig hatte er sich 1911 in seine Wahl-Altersheimat Hannover zurückgezogen. Doch dann machte er noch zweimal richtig Karriere: 1914 als kaiserzeitlicher Kriegsheld und später als republikanischer Reichspräsident.

Keine fünf Minuten Fußweg liegen zwischen dem Erlebniszoo Hannover und dem Hindenburghaus. Hindenburg hätte im Tierreich wohl ein Alphatier abgegeben. »Hindenburg geh Du voran, weil es keiner besser kann«, könnte die Zauberformel gelautet haben, die den alten Berufsoffizier immer wieder losmarschieren ließ. Alphatier war Hindenburg auch von seiner Statur her: Groß und vierschrötig wirkte er einschüchternd. Selbst hochrangige Besucher, auch politische Gegner, waren befangen, wenn sie zu ihm kamen. Groß und stoisch auch sein Altersheim, die geschenkte Villa in der Bristolstraße Nummer 6. Der weiß getünchte Bau sieht zivil aus, mehr nach Reichspräsident als nach Heerführer. Vielleicht liegt das aber auch an der braunen Biotonne neben dem Eingang.

An Hindenburg liegt es jedenfalls nicht, denn der war durch und durch kaiserzeitlich militaristisch geprägt: Mit elf Jahren rückte er in ein schlesisches Kadettenkorps ein. Seitdem lebte er im Dunstkreis des Militärs. Populär wurde er als Held von Tannenberg: Gemeinsam mit Ludendorff hatte er 1914 die 8. Armee zum Sieg über die zahlenmäßig überlegenen, aber schlecht organisierten Russen geführt. Da es bis dato wenig Erfolge für die deutsche Seite gab, wurde dieser Etappensieg in beispielloser Weise aufgebauscht: Hindenburg war fortan die Vaterfigur des Krieges. Merkwürdigerweise schmälerte nicht einmal die deutsche Niederlage sein Ansehen. Hindenburgstraßen gibt es viele. Ludendorffstraßen keine. Warum nicht? Vielleicht, weil Ludendorff sich gleich nach dem Krieg pöbelhaft weit rechts aus dem Fenster gelehnt hatte, während Hindenburg dezenter gegen die Demokratie vorging.

Dezent sind auch die Jugendstilornamente an der Fassade des Hindenburghauses. Es wurde mehrfach umgebaut. Deutlich sichtbar sind Eingriffe aus den siebziger Jahren. Das obere Stockwerk wurde damals mit schwarzem Schiefer verkleidet, was ein bisschen so aussieht, als trüge das Haus einen Helm. Hierhin hat sich Hindenburg nach dem Krieg zurückgezogen und andere die Kohlen aus dem Feuer holen lassen. Vielleicht dachte er sich hier auch die Dolchstoßlegende aus. Die Legende von der weißen Weste des Militärs: 1919 vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung zu den Ursachen der deutschen Niederlage befragt, antwortete Hindenburg nassforsch, die Heimat sei der Front in den Rücken gefallen. Alle waren schuld an der Niederlage, nur die Oberste Heeresleitung nicht. Im Felde unbesiegt, von der Heimat verraten, lautete ihre Analyse. Wohnt so jemand, der von der Heimat verraten wird?

Viel Autorität eingebüßt hat Hindenburg bis heute nicht. Sonst würden sich nicht immer noch Straßen, Viertel und sogar Schulen nach ihm benennen. Als hätte sich ein Löwe ad hoc in ein Plüschtier verwandelt, so nahm der greise Generalfeldmarschall 1918 in Windeseile die Rolle des zivilen alten Herrn ein. Istdochunserlieberduziduzigeneral. Auch als solcher war er allerdings nicht ohne: Einen Einbruchversuch in seine Villa soll er mit der bloßen Faust abgewehrt haben, heißt es. Hernach schenkten die Stadtväter ihrem Ehrenbürger auch noch einen Schäferhund. Berühmte Maler wie Max Liebermann wurden bestellt, um den illustren Neubürger zu porträtieren. Demokratie ohne Demokraten. Der ausgeprägte Personenkult um den Monarchisten und Militaristen Hindenburg zeugt von einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber der jungen Demokratie. Hindenburg verkörperte die autoritär verfasste Gesellschaftsordnung der Kaiserzeit. Er mimte den Ersatzkaiser und damit die »gute alte Zeit«.

Heute wohnt kein Hindenburg mehr in der Villa in der Bristolstraße. Sechs Parteien plus Hausmeister teilen sich das Haus. Und heute pilgert auch niemand mehr zum Hindenburghaus. Längst hat das Reihenendhaus von Bundeskanzler Schröder dem Hindenburghaus den Rang abgelaufen. Hindenburgviertel, Zooviertel, Schröderviertel - es bleibt ein ruhiges Quartier. Betriebsamkeit verbreiten vor allem mobile Pflegedienste, Putzfrauen und Handwerker. Im Stehcafe Go Göing trinken sie Kaffee. Für 1 Euro 48 ist heute Omas Apfelkuchen im Angebot. Mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit Hindenburg hier spazieren ging.

Wer so wohnte, wie er damals, hatte es eigentlich gar nicht nötig, sich mit einem Emporkömmling wie Hitler einzulassen. Es sei denn, der verspricht etwas, was man selbst nicht schafft. Den Rückbau der Demokratie zum Beispiel. So war es eher eine Machtverleihung als eine Machtergreifung. Hindenburg verlieh den Nazis Macht. Seit 1930 betätigte er sich als Kanzlermacher und schuf Semi-Diktaturen. Zuerst berief er Brüning, dann von Papen, dann Schleicher und schließlich Hitler.

Ehren-Burger, Hinden-Burger. Ehre, wem Ehre gebührt: In Potsdam wird derzeit diskutiert, Hindenburg die Ehrenbürgerwürde zu entziehen. Der Vorschlag der Grünen wird von der PDS unterstützt. Der ehemalige Generalfeldmarschall sei als Wegbereiter bei der Durchsetzung des Nationalsozialismus für alle Folgen - Krieg und Gewaltherrschaft und Ermordung in den Vernichtungslagern - mitverantwortlich, heißt es in dem Antrag. Die Gegner der Streichung beharren indes darauf, die Ehrenbürgerliste als »Dokument der Geschichte« aufzufassen. Hitler, Göring, Goebbels, Frick und Pieck sei 1948 die Ehrenbürgerschaft aberkannt worden. Hindenburg nicht. Wenn es den Stadtverordneten unmittelbar nach dem Krieg nicht wichtig war, Hindenburg die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen, dann gebe es auch heute keinen Grund für die Streichung. Wie auch immer der Streit um Hindenburg als Ehrenbürger Berlins und Potsdams ausgehen mag, Schüler des Hindenburg-Gymnasiums tragen weiterhin pazifistische Lieder vor und wer Hindenburgstraße oder Hindenburgplatz wohnt, ist hier zu Lande auch weiterhin nicht an der schlechtesten Adresse.

00:00 21.02.2003

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