Out of Heidenheim

Musikpresse Vom großen Zeitschriftensterben bleibt das „Ox“-Fanzine erstaunlich unberührt. Das Heft für Punk und Hardcore gibt es seit 30 Jahren

Irgendwie riecht man es noch, trotz des professionellen Layouts der Seiten, trotz der guten Bindung des Hefts: diesen Charme des Selbstgemachten, oder, wie es im Punk-Sprech heißt, DIY. Auch die Nummer 141 des Ox-Fanzines verströmt noch den Tanzboden-Duft eines autonomen Jugendzentrums: Straßendreck, Bier und angeschwitzte Nietenlederjacken. Aber man muss, 30 Jahre nachdem Ox Nummer 1 rauskam, diesen Duft noch kennen, um ihn im Heft erschnuppern zu können.

Heute ist das Heft für Punk und Hardcore eine gegenkulturelle Institution, mit all den darin angelegten Widersprüchen. Alle zwei Monate rutschen die 10.000 Exemplare termingerecht in die Briefkästen treuer Abonnenten oder reihen sich ein unter die Musikmagazine in der Auslage gut sortierter Bahnhofsbuchläden. Dem Ox ist etwas gelungen, was seinen Vorgängern aus den Punkhauptstädten London und New York nie gelang: Es hat die selbstzerstörerische Veranlagung des Punk gezähmt – für eine Kultur der permanenten Rebellion natürlich auch ein vergiftetes Lob.

Man braucht zehn Punks, um eine Glühbirne zu wechseln, heißt es in einem Witz: einen, der die Glühbirne wechselt, und neun, die ein Fanzine darüber schreiben. Dieser Spott bestätigt zugleich die zentrale Rolle des Fanzines in der Punk-Kultur: Hier schreibt ein selbstbewusstes Publikum, das sich nicht völlig der dem Pop immanenten Konsumentenrolle unterwirft, sondern mit Schere, Papier und jeder Menge Kleber sein eigenes Sprachrohr bastelt, Auftritte organisiert, Bands vernetzt. Fanzines gab es schon vorher, etwa in der Science-Fiction-Fangemeinde der 1930er Jahre. Aber erst in der Punk-Bewegung waren sie nicht mehr nur Begleiterscheinung, sie waren eine Bedingung.

Wo Punk denn nun geboren wurde, New York oder London – für die Hagiografie der Fanzines ist es schnuppe. Denn beide Szenen hätte es ohne die Hefte nicht gegeben. In New York beschlossen 1975 zwei junge Männer, ein Magazin über die lauten und wilden Bands zu machen, die im New Yorker Club CBGB spielten. Sie nannten es Punk, eine sarkastische Hommage an die Beleidigung, mit der Kojak und andere harte TV-Cops dieser Zeit junge Delinquenten beschimpften. Der Name blieb hängen.

In London fing die Punkszene auch deswegen so schnell Feuer, weil schon ab Juli 1976 zahlreiche selbstgebastelte Hefte wie Sniffin’ Glue eine wachsende Fangemeinde mit Infos über die Sex Pistols und The Clash versorgten. Punk hielt sich bis 1979, Sniffin’ Glu nur bis 1977. Die Design-Historikerin Teal Triggs spricht von einer grafischen Sprache des Widerstands. Alles wurde zitiert, zerrissen, verhöhnt. Dieser ewigen Dekonstruktion von Kreiertem musste letztlich auch die eigene Kreativität zum Opfer fallen.

Anwälte, Lehrer, Ärzte

Als Joachim Hiller im Januar 1989 das erste Ox fertig hat, ist vieles ähnlich, aber sehr vieles anders. Das erste Heft bleibt der etablierten Ästhetik des Genres treu: ein wildes Durcheinander an Schreibmaschinen- und Handschriften, ausgeschnitten, verkleinert, mit kopierten Fotos und kruden Zeichnungen zusammengeklebt, wieder kopiert. Rechtschreibfehler sind Teil der Grammatik und wurden maximal mit dem Stift vor dem letzten Kopierschritt korrigiert, für jeden Leser sichtbar. Der hemmungslos subjektive Tonfall, in dem der 20-jährige Heftmacher um Feedback „an Biggi und mich“ bittet, zieht sich durch alle Texte. Jedes der Band-Interviews ist eine direkte Abschrift einer mit minimaler Vorbereitung erstellten Tonbandaufnahme in Backstage-Räumen: „Äh, also, wir würden gerne ein Interview mit euch machen, bitte hier reinsprechen …“, oder: „Do you speak English?“ Ein wuselndes, selbstironisches Durcheinander aus ungehemmter Gestaltungslust.

Charles Bukowskis Übersetzer Carl Weissner war von dem ihm zugesandten Exemplar immerhin so überzeugt, dass er für Heft 2 zwar kein Interview mit dem Trinker-Poeten, aber einen in Deutschland nicht veröffentlichten Essay beisteuerte.

Das erste Heft ist ein indirektes Zitat der Situationistischen Internationale: Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren und der Grafikkünstler Jamie Reid hatten deren Ästhetik für ihre eigenen Flyer, Platten und Poster übernommen – und damit wesentlich die visuelle Sprache des Punk geprägt. Aber hier schrieb kein hipper New Yorker, kein Londoner Hausbesetzer. Hier sprach Heidenheim an der Brenz, eine schwäbische Provinzstadt im Dunstkreis von Stuttgart, Augsburg und Ulm. Nah genug, um die Karre mit Co-Punkern voll zu machen und sich im Spaßhaus Schwäbisch Gmünd oder im Maikäferhäusle in Geislingen Bands anzuhören. Darunter auch viele US-amerikanische Gruppen der aussterbenden zweiten Welle: Hardcore-Bands, denen in der Heimat die Fans wegbluteten, spielten in Deutschland noch vor vollen Jugendzentren und wurden gefüttert und untergebracht. Viele der heute noch aktiven Szenegrößen überlebten die Flaute in den USA nur dank eines boomenden Netzwerks deutscher Clubs und Veranstalter – zusammengehalten von Fanzines wie dem Trust-Magazin und Ox. Noch in der aktuellen Dezember/Januar-Ausgabe schwärmt die legendäre Hardcore-Band Sick of It All vom bequemen Touren in Deutschland.

Londons Fanzine-Schreiber hatten schon nach wenigen Ausgaben die Aufmerksamkeit verloren, oder waren direkt in den etablierten Musikjournalismus gewechselt. In den USA konnte sich das 1982 gegründete Maximum Rocknroll zwar bis heute halten, isolierte sich aber als Gralshüter einer reinen Lehre, die dem Magazin und seinem Gründer Tim Yohannan den Nimbus einer Szene-Polizei verschaffte, verewigt auch in dem NOFX-Lied I’m Telling Tim.

Die Entwicklung des Ox über die Jahre zeugt hingegen von Optimierungswillen und deutscher Pragmatik: Die Schreibmaschine wurde ersetzt durch einen Atari 1040 STF, der wiederum durch einen Mac LC II. Professionelle Layout-Software zähmte die Optik, die Seiten wurden nicht mehr im Badezimmer eines Kumpels belichtet, statt des rauen Copyshop-Papiers bekam das Heft die glänzende Haptik eines Druckerei-Erzeugnisses. Hiller richtete eine eigene Datenbank für die Verwaltung von Abonnements ein. Um beim Postversand Vergünstigungen zu bekommen, musste das Heft mit einer gewissen Regelmäßigkeit erscheinen. 1996, als Green Day und Offspring die dritte und kommerziellste Welle des Punk lostraten, machte Hiller das Heft endgültig zu seinem Beruf. Mit der Buchreihe Kochen ohne Knochen (Ventil Verlag) nahm er schon 1997 den Trend für vegane Ernährung vorweg – der erste Band erscheint mittlerweile in zehnter Auflage.

So ist daraus geworden, was es ist: ein unaufgeregtes Szene-Heft, angesehen bei Bands und Lesern gleichermaßen, fair zu Newcomern, skeptisch gegenüber Hype und Fame. Kein puristischer Dogmatismus wie an der US-Westküste. Kein nihilistischer Kunstakademie-Punk Londoner Schule. Ein Netzwerk für erwachsene Punk-Fans, die am Wochenende in ihre Autos steigen und Konzerte in Jugendzentren und Clubs besuchen. „Das soll nicht scheißebürgerlich klingen“, sagt Joachim Hiller, „aber das ist wie bei den Grünen: Ja, das waren mal die Steinewerfer und die Besoffen-vorm-Autonomen-Zentrum-Rumlieger, aber heute sind das Anwälte, Lehrer, Ärzte und Sozialpädagogen.“ Und die wollen immer noch über Punk und Hardcore lesen. Aber bitte ohne Rechtschreibfehler.

06:00 26.01.2019
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