Packen wir’s an

Helfen In unserer Gesellschaft dominiert ein wettbewerbsfixiertes Menschenbild. Dabei liegt uns Kooperation eigentlich sehr viel näher als Konkurrenz
Nora Marie Zaremba | Ausgabe 01/2016 28

„Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert“, sagt der Finanzhai Gordon Gekko im Film Wall Street aus dem Jahr 1987. Die Firmenaktionäre im Publikum hören gebannt zu. „Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, nach Wissen, hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.“ Mit diesem Mantra gibt Gordon Gekko dem immer zügelloser werdenden Finanzkapitalismus der 80er und 90er Jahre ein Gesicht. Der Film ist eine radikale Kritik dieses Systems. Knapp 30 Jahre später werden in der realen Welt Boni-gierige Fondsmanager die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs treiben. Seit der Finanzkrise steht der maßlose Banker endgültig in Verruf. Und das Menschenbild des Homo oeconomicus, von Wissenschaftlern zuvor bereits vielfach als zu verengt beschrieben, wird gesellschaftlich zunehmend hinterfragt.

Dieses theoretische Modell, dem zufolge wir alle rationale Nutzenmaximierer sind, diente ursprünglich zur Erklärung des Verhaltens des Menschen im freien Marktgeschehen. Benutzt wurde es aber auch immer wieder, um egoistisches Verhalten in sozialen Beziehungen zu rechtfertigen. Die Wissenschaft hat den Homo oeconomicus mittlerweile weitgehend beiseitegelegt. „Das Modell ist veraltet und vereinfacht“, sagt die Psychologin und Professorin Tania Singer. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erforscht Singer die Bedeutung von Empathie, Mitgefühl oder Fairness für Politik und Wirtschaft. Ihre These: Positive Emotionen machen unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Politik sozialer. Und Menschen könnten gezielt trainieren, solche Gefühle zu aktivieren und zu erleben.

Angesichts globaler Probleme wie Klimawandel, Flüchtlingswanderungen und Terrorismus entspannt diese Erkenntnis nicht nur – sie ist überlebenswichtig. Diese Mammut-Herausforderungen können wir nur gemeinsam lösen. Und dennoch ist die Menschheit von gemeinsamen Antworten weit entfernt. Nur ein Beispiel: Die abstrakte Angst vor Überfremdung treibt die Menschen vielerorts auf die Straßen und macht sie zunehmend feindselig. Man muss aber gar nicht mal so weit gehen. Denn wer teilt schon gern seinen Schokoriegel? Den Egoisten in uns, wir werden ihn nicht los.

Und doch: Zu gleichen Teilen helfen wir einander, geben aufeinander acht. Doch wann kooperieren wir? Welche Umstände fördern kooperatives Handeln? Vor allem aber: Welches Verhalten macht uns letztendlich glücklicher?

Hobbes vs. Rousseau

Wer erklären will, wie sich das negative Bild vom Menschen historisch entwickelt hat, zitiert gemeinhin den englischen Philosophen Thomas Hobbes. Im Leviathan beschrieb Hobbes 1651 seine Sicht des Naturzustands und einen „Krieg aller gegen alle“. In diesem sind die Menschen auf der Hut voreinander und stets kampfbereit. Zudem sind die Ressourcen knapp. Wer nicht verhungern will, muss sich seinen Artgenossen gegenüber möglichst unerbittlich zeigen. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, sei einmal dahingestellt. Erstaunlich aber ist, was die Menschen sogar in diesem abscheulichen Zustand begreifen: Nur durch Kooperation können sie ihre Lage verbessern. Letztendlich schließen sie einen Vertrag miteinander. Dieser sieht vor, dass fortan nur ein einziger Herrscher regieren darf, wenn auch absolut und mit Gewalt und harter Hand.

Ein ganz anderes Bild des Naturzustands entwarf der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau. In seinen Werken beschrieb er den freien Menschen als von sich aus gut und kooperativ. Erst die Zivilisation und die damit einhergehende Vergesellschaftung nötigten ihn nach Ansicht Rousseaus dazu, sich mit anderen zu vergleichen, woraus Neid und Missgunst überhaupt erst entstanden seien. Nun fiel das Leben von Thomas Hobbes in eine Zeit voller Bürgerkriege, Rousseau wiederum verabscheute das aufgeblasene Getue jener gesellschaftlichen Elite, die ihn täglich umgab. Die von Philosophen geschaffenen Ideen, wie der Mensch denn von Natur aus nun eigentlich sei, sind vor allem Produkte ihrer subjektiven Erfahrungen. Ihre Theorien regen Diskurse an, unfehlbar sind sie aber nicht.

Die Evolutionswissenschaft vertritt heute überwiegend die Ansicht, dass nicht Konkurrenz die Geschichte der Menschheit vorangetrieben habe, sondern Kooperation. „Oberstes biologisches Prinzip ist die Kooperation. Der Kampf steht in ihren Diensten“, sagt Joachim Bauer, Professor für Neurobiologie und Psychosomatik an der Universität Freiburg. Man muss sich nur einmal kurz den Steinzeitjäger vorstellen, der das Riesenmammut nicht allein erlegen kann. Für die erfolgreiche Jagd ist er zwingend auf Zusammenarbeit angewiesen.

Zu den wissenschaftlichen Akten gelegt sind mittlerweile auch falsche Schlussfolgerungen aus Darwins „Survival of the fittest“-These. Nicht das stärkste Wesen überlebt, sondern eben jenes, das sich am besten an neue Umweltbedingungen anzupassen weiß. Dass die Fähigkeit zur Kooperation aber nicht dem Menschen vorbehalten ist, belegte die legendäre Primatenforscherin Jane Goodall bereits 1960. Über Jahre hinweg beobachtete sie Schimpansen in Tansania und stellte dabei fest, dass diese sich teils umeinander kümmerten. Dabei sei es unerheblich gewesen, ob die Tiere blutsverwandt waren oder nicht. Die Affen würden ohne Zweck und weit über Familienbande hinaus kooperieren, schreibt Goodall in ihren Forschungsberichten.

Inwieweit sind aber Mitgefühl und die Fähigkeit zur Kooperation bereits von Geburt an im Menschen angelegt? US-amerikanische Psychologen konzipierten vor knapp zehn Jahren ein Experiment, das dazu Antworten liefern sollte. Kinder im Alter von sechs Monaten durften sich ein kleines Theaterstück anschauen. Darin versuchte eine rosafarbene Holzfigur mit aufgeklebten Augen einen steilen Berg hinaufzukommen. Einmal kam ein gelbes Dreieck, ebenfalls mit Augen, zu Hilfe. Im anderen Fall schubste ein blauer Würfel mit Augen die Holzfigur in den Abgrund. Am Ende des Experiments durften die Kleinkinder zwischen dem Dreieck, also dem Helfer, sowie dem blauen Würfel, dem Bösewicht, auswählen. Ob Mädchen oder Jungen, fast alle Kinder griffen nach dem Helfer-Dreieck. Schon die Kleinsten, schlussfolgerten die Forscher, könnten bereits zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden. Zumindest wählten sie instinktiv das, was ihr Vertrauen weckte.

Erstaunlich dabei ist, dass das Experiment nur funktionierte, wenn die Figuren Augen hatten. So scheint die Kooperationsbereitschaft des Menschen besonders geweckt, wenn etwas ihm ähnelt. Wurde das Experiment mit älteren Kindern durchgeführt, fiel das Ergebnis jedoch anders aus: Ungefähr zehn Prozent griffen nach dem Bösewicht. „Kinder lernen durch Nachahmung“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther im Gespräch mit dem Freitag. „Wenn jemand mit egoistischem Verhalten erfolgreich ist, schauen sie sich das einfach ab.“ Das gelte für ein Umfeld wie die Familie genauso wie für die Schule. Seit Jahren plädiert Hüther daher für eine Reform des Bildungssystems. Zum Beispiel müsste Kindern mehr Platz zum Ausprobieren zugestanden werden, damit sie verschiedene Fähigkeiten entwickeln könnten. Mehr Lob für sie würde zudem ein sozialeres Miteinander fördern. „Eigentlich nehmen Kinder fremde Denk- und Glaubenssysteme erst mal hin. Dass sie diese dann gleich bewerten müssen, lernen sie meist erst von den Erwachsenen“, sagt Hüther.

Für die Gesellschaft gefährlich

Die Grundannahme, der Mensch sei von Natur aus ein rationaler Egoist und auf Konkurrenz aus, ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern für eine Gesellschaft als Ganzes gefährlich. Denn wird angenommen, dass der Mensch nur durch Geld oder Eigennutz zum Handeln getrieben wird, können sich alternative Anreize gar nicht erst durchsetzen. So geht die Politik von auf sich selbst bezogenen Wählern aus, die Wirtschaft setzt auf Gier und Ellenbogen. Und das, obwohl uns Mitgefühl, Kooperation und Solidarität ebenso nahe liegen, uns von Natur aus sogar näher sind.

Logisch, dass dieser Widerspruch auf Dauer nicht gut gehen kann. Wenn wir eigentlich nach Kooperation suchen, aber ständig Erfahrungen von Konkurrenz, Ausgrenzung oder Bestrafung machen, gerät unser Gehirn ins Ungleichgewicht. „Das führt zu Erregungen im Hirn, die immer dann aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet“, erklärt der Neurobiologe Hüther. Und da der Mensch ein Perfektionist in Sachen Schmerzvermeidung ist, passt er sich sehr schnell daran an. Er sucht nicht mehr die Kooperation, sondern stellt sich auf Konkurrenz ein.

Und er bemüht sich um eine Ersatzbefriedigung. All das kaschiert aber nur, dass unsere wahren Bedürfnisse nicht gestillt sind. So fatal es ist: Menschen schaffen sich meist selbst ein Umfeld, das auf einem falschen Menschenbild beruht. So müssen sie langfristig unglücklich bleiben. Oder sie ändern sich. Immer mehr Menschen folgen auch ihrem Bedürfnis nach einem kooperativen Umfeld. Deshalb boomt in westlichen Städten beispielsweise die Sharing-Economy, die auf dem Prinzip „Teilen statt Besitzen“ fußt. Und deshalb verlassen einige sehr gut bezahlte Jobs, weil sie dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten wollen. Das gilt besonders für Arbeitsumfelder, in denen es um viel Geld geht, wie in der Finanzwelt. Dass Boni allein nicht glücklich, sondern vielmehr depressiv machen können, sagt auch der britische Ökonom Sony Kapoor. Einst war Kapoor Investment-Banker bei der späteren Pleitebank Lehman Brothers. Ernüchtert von seinen Erfahrungen in der Branche, stieg der heute 41-Jährige aber drei Jahre vor dem großen Crash aus. „Je weiter oben man in dieser Welt ist, desto dünner wird die Luft. Ich sah Kollegen fallen und hoffte, selbst nicht der Nächste zu sein“, erzählt Kapoor. Den eigenen Fall ließ er nicht zu. Er entschied aus eigener Motivation, seine Talente für etwas anderes zu nutzen.

Heute ist Kapoor ein international bekannter Kritiker des Finanzsystems und Leiter des Think-Tanks Re-Define, der von Regierungen und Großinvestoren die Einhaltung sozialer Standards fordert. Wenn er Interviews gibt, reicht es ihm meist nicht, nur zu erklären, woran das Finanzsystem krankt. Es ist ihm genauso ein Anliegen, zu erklären, dass Banker in diesem System zu Maschinen werden und daran regelrecht kaputtgehen können.

Ob im Alltag oder im Beruf, der Mensch muss sich wohl fühlen können in seinem Umfeld, dann erst kommt es zur Ausschüttung von Glückshormonen im Gehirn. Wissenschaftler nennen dies das social brain, das soziale Gehirn. „Nichts aktiviert die Motivationssysteme so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, und die Aussicht auf soziale Anerkennung“, sagt Joachim Bauer. Das könnte die Grundlage für den Siegeszug eines anderen Menschenbilds sein.

Nicht die Aussicht auf maximalen Nutzen treibt Menschen an, sondern das Erleben positiver Zuwendung. Da er diese nicht aus sich heraus generieren kann, ist der Mensch bereits von Natur aus kooperativ angelegt. Wenn der Mensch aber kooperiert, um soziale Anerkennung zu erfahren, handelt er dann am Ende nicht wieder sehr eigennützig? Der berühmte US-amerikanische Kooperationsforscher Robert Axelrod sieht in Egoismus und Kooperation keinen Widerspruch. „Wir alle wissen, dass Menschen keine Engel sind und sie dazu neigen, für sich und ihre Interessen zu sorgen. Genauso aber ist Kooperation die Grundlage unserer Zivilisation“, sagt Axelrod.

Im ursprünglichsten Sinn bedeutet Kooperation, dass Menschen ihr Verhalten aufeinander abstimmen, um ein – im besten Fall – gemeinsames Ziel zu erreichen. So schließen sich eben auch Kooperation und wirtschaftliches Handeln nicht aus. Ganz im Gegenteil: Handel und Märkte wären ohne Kooperation gar nicht möglich. Was wäre denn die Idee des Ersten ohne das Interesse eines Zweiten, etwas haben, ja etwas auch kaufen zu wollen? Die Behauptung aber, es gehe dabei in erster Linie um Geldvermehrung, kann so nicht mehr stehen gelassen werden. Das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben und dafür belohnt zu werden, treibt Menschen viel stärker an als bedrucktes Papier.

Kulturelle Unterschiede

So wie jede Altruismus-Debatte zwangsläufig die Frage nach dem wahren Altruismus aufwirft, bleibt an dieser Stelle die Frage, ob es so etwas wie „faire“ Kooperation gibt. Einer der Klassiker zur Erforschung des menschlichen Gerechtigkeitssinns ist das Ultimatum-Spiel, konzipiert Ende der 70er Jahre von zwei deutschen Wirtschaftsprofessoren. Ein Versuchsteilnehmer erhält beispielsweise 50 Euro. Von diesen muss er einen Teil an einen zweiten Teilnehmer abgeben. Dieser weiß um den Gesamtbetrag und hat die Wahl: Er kann den ihm angebotenen Betrag annehmen oder ablehnen. Im letzteren Fall allerdings erhält auch der Erste nichts. Unter US-amerikanischen und europäischen Studenten kam das Experiment immer zu ähnlichen Ergebnissen. Meist gaben die Teilnehmer knapp die Hälfte oder sogar genau die Hälfte ihres Betrages an den anderen ab. Die Bereitschaft, genau zu splitten, erhöhte sich, wenn beide Personen einander kannten. Selbst in jener Spielvariante, in der die zweite Versuchsperson nicht ablehnen durfte, blieb der ihr angebotene Betrag dann bemerkenswert hoch.

Die Sorge um die eigene Reputation, so lässt sich daraus schlussfolgern, ist ein echter Kooperationsanreiz. Doch gilt das nicht überall auf der Welt in gleichen Maßen. Der Wirtschaftspsychologe Joseph Henrich und sein Team führten das Ultimatum-Spiel in kleinen Stämmen in abgelegenen Regionen durch. Ihre Ergebnisse erstaunen: Die zweite Versuchsperson akzeptierte ohne Klagen auch kleinste Beträge. „Was Menschen als gerecht empfinden, ist also keinesfalls angeboren, sondern kulturell bedingt“, fasst Henrich seine Forschung zusammen.

Ob ein Mensch gern kooperiert, hängt nicht nur davon ab, in welchem Umfeld er sozialisiert wurde, sondern auch davon, wie sich die anderen Menschen um ihn herum ganz unmittelbar verhalten. Bestimmte Umfelder fördern unsere kooperativen Anlagen, andere hingegen schwächen sie. So erforscht ein Experiment des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Fehr, ob auch fremde Menschen einander Geld leihen. Fehr konnte beobachten, wie die Kooperationsbereitschaft immer dann einbrach, wenn einer der Teilnehmer das Gefühl hatte, beschissen zu werden. Menschen verhalten sich langfristig also nur dann kooperativ, wenn sie erwarten dürfen, dass ihre Mitmenschen auch kooperieren. Im berühmten Gefangenendilemma der Spieltheorie wäre es für die zwei Angeklagten besser, wenn sie einander vertrauten und beide den Mund hielten. Da keiner von ihnen aber sicher sein kann, wie der jeweils andere sich verhält, werden sie wohl beide ihre Tat gestehen. Denn beide müssen annehmen, dass der andere gesteht, um als Kronzeuge freizukommen. Weil sie einander misstrauen, wandern also beide in den Knast.

Ein anderes Dilemma der Kooperation besteht darin, dass das Interesse des Einzelnen nicht immer dem Gesamtwohl entspricht. Das erschwert die Lösung globaler Probleme, zum Beispiel beim Klimawandel. Die Rettung der Erde erfordert kollektive Vernunft, doch es wird immer Menschen geben, die – obwohl sie es besser wissen – eine CO2-Schleuder fahren.

Können wir einander nun vertrauen? Können wir den Eigennutz hinter das Gesamtwohl stellen? Zugegeben, es fällt uns schwer. Der Mensch ist auch ein Egoist, den seine normalen Probleme drücken. Und er ist ein Meister darin, sich die Welt zurechtzubiegen. Im Zweifel haben dann immer die anderen Schuld. In Ausnahmezuständen allerdings, so haben es Menschen auch immer wieder bewiesen, meldet sich nicht nur der eigene Überlebenstrieb, sondern auch das menschliche Kooperationsgen. Das zeigte sich etwa am 13. November in Paris: In der Nacht der Attentate boten Menschen spontan Wildfremden Schutz in ihren Häusern.

06:00 03.02.2016

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