Nora Marie Zaremba
Ausgabe 0116 | 03.02.2016 | 06:00 28

Packen wir’s an

Helfen In unserer Gesellschaft dominiert ein wettbewerbsfixiertes Menschenbild. Dabei liegt uns Kooperation eigentlich sehr viel näher als Konkurrenz

„Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert“, sagt der Finanzhai Gordon Gekko im Film Wall Street aus dem Jahr 1987. Die Firmenaktionäre im Publikum hören gebannt zu. „Gier in all ihren Formen, die Gier nach Leben, nach Geld, nach Liebe, nach Wissen, hat die Entwicklung der Menschheit geprägt.“ Mit diesem Mantra gibt Gordon Gekko dem immer zügelloser werdenden Finanzkapitalismus der 80er und 90er Jahre ein Gesicht. Der Film ist eine radikale Kritik dieses Systems. Knapp 30 Jahre später werden in der realen Welt Boni-gierige Fondsmanager die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs treiben. Seit der Finanzkrise steht der maßlose Banker endgültig in Verruf. Und das Menschenbild des Homo oeconomicus, von Wissenschaftlern zuvor bereits vielfach als zu verengt beschrieben, wird gesellschaftlich zunehmend hinterfragt.

Dieses theoretische Modell, dem zufolge wir alle rationale Nutzenmaximierer sind, diente ursprünglich zur Erklärung des Verhaltens des Menschen im freien Marktgeschehen. Benutzt wurde es aber auch immer wieder, um egoistisches Verhalten in sozialen Beziehungen zu rechtfertigen. Die Wissenschaft hat den Homo oeconomicus mittlerweile weitgehend beiseitegelegt. „Das Modell ist veraltet und vereinfacht“, sagt die Psychologin und Professorin Tania Singer. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig erforscht Singer die Bedeutung von Empathie, Mitgefühl oder Fairness für Politik und Wirtschaft. Ihre These: Positive Emotionen machen unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Politik sozialer. Und Menschen könnten gezielt trainieren, solche Gefühle zu aktivieren und zu erleben.

Angesichts globaler Probleme wie Klimawandel, Flüchtlingswanderungen und Terrorismus entspannt diese Erkenntnis nicht nur – sie ist überlebenswichtig. Diese Mammut-Herausforderungen können wir nur gemeinsam lösen. Und dennoch ist die Menschheit von gemeinsamen Antworten weit entfernt. Nur ein Beispiel: Die abstrakte Angst vor Überfremdung treibt die Menschen vielerorts auf die Straßen und macht sie zunehmend feindselig. Man muss aber gar nicht mal so weit gehen. Denn wer teilt schon gern seinen Schokoriegel? Den Egoisten in uns, wir werden ihn nicht los.

Und doch: Zu gleichen Teilen helfen wir einander, geben aufeinander acht. Doch wann kooperieren wir? Welche Umstände fördern kooperatives Handeln? Vor allem aber: Welches Verhalten macht uns letztendlich glücklicher?

Hobbes vs. Rousseau

Wer erklären will, wie sich das negative Bild vom Menschen historisch entwickelt hat, zitiert gemeinhin den englischen Philosophen Thomas Hobbes. Im Leviathan beschrieb Hobbes 1651 seine Sicht des Naturzustands und einen „Krieg aller gegen alle“. In diesem sind die Menschen auf der Hut voreinander und stets kampfbereit. Zudem sind die Ressourcen knapp. Wer nicht verhungern will, muss sich seinen Artgenossen gegenüber möglichst unerbittlich zeigen. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, sei einmal dahingestellt. Erstaunlich aber ist, was die Menschen sogar in diesem abscheulichen Zustand begreifen: Nur durch Kooperation können sie ihre Lage verbessern. Letztendlich schließen sie einen Vertrag miteinander. Dieser sieht vor, dass fortan nur ein einziger Herrscher regieren darf, wenn auch absolut und mit Gewalt und harter Hand.

Ein ganz anderes Bild des Naturzustands entwarf der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau. In seinen Werken beschrieb er den freien Menschen als von sich aus gut und kooperativ. Erst die Zivilisation und die damit einhergehende Vergesellschaftung nötigten ihn nach Ansicht Rousseaus dazu, sich mit anderen zu vergleichen, woraus Neid und Missgunst überhaupt erst entstanden seien. Nun fiel das Leben von Thomas Hobbes in eine Zeit voller Bürgerkriege, Rousseau wiederum verabscheute das aufgeblasene Getue jener gesellschaftlichen Elite, die ihn täglich umgab. Die von Philosophen geschaffenen Ideen, wie der Mensch denn von Natur aus nun eigentlich sei, sind vor allem Produkte ihrer subjektiven Erfahrungen. Ihre Theorien regen Diskurse an, unfehlbar sind sie aber nicht.

Die Evolutionswissenschaft vertritt heute überwiegend die Ansicht, dass nicht Konkurrenz die Geschichte der Menschheit vorangetrieben habe, sondern Kooperation. „Oberstes biologisches Prinzip ist die Kooperation. Der Kampf steht in ihren Diensten“, sagt Joachim Bauer, Professor für Neurobiologie und Psychosomatik an der Universität Freiburg. Man muss sich nur einmal kurz den Steinzeitjäger vorstellen, der das Riesenmammut nicht allein erlegen kann. Für die erfolgreiche Jagd ist er zwingend auf Zusammenarbeit angewiesen.

Zu den wissenschaftlichen Akten gelegt sind mittlerweile auch falsche Schlussfolgerungen aus Darwins „Survival of the fittest“-These. Nicht das stärkste Wesen überlebt, sondern eben jenes, das sich am besten an neue Umweltbedingungen anzupassen weiß. Dass die Fähigkeit zur Kooperation aber nicht dem Menschen vorbehalten ist, belegte die legendäre Primatenforscherin Jane Goodall bereits 1960. Über Jahre hinweg beobachtete sie Schimpansen in Tansania und stellte dabei fest, dass diese sich teils umeinander kümmerten. Dabei sei es unerheblich gewesen, ob die Tiere blutsverwandt waren oder nicht. Die Affen würden ohne Zweck und weit über Familienbande hinaus kooperieren, schreibt Goodall in ihren Forschungsberichten.

Inwieweit sind aber Mitgefühl und die Fähigkeit zur Kooperation bereits von Geburt an im Menschen angelegt? US-amerikanische Psychologen konzipierten vor knapp zehn Jahren ein Experiment, das dazu Antworten liefern sollte. Kinder im Alter von sechs Monaten durften sich ein kleines Theaterstück anschauen. Darin versuchte eine rosafarbene Holzfigur mit aufgeklebten Augen einen steilen Berg hinaufzukommen. Einmal kam ein gelbes Dreieck, ebenfalls mit Augen, zu Hilfe. Im anderen Fall schubste ein blauer Würfel mit Augen die Holzfigur in den Abgrund. Am Ende des Experiments durften die Kleinkinder zwischen dem Dreieck, also dem Helfer, sowie dem blauen Würfel, dem Bösewicht, auswählen. Ob Mädchen oder Jungen, fast alle Kinder griffen nach dem Helfer-Dreieck. Schon die Kleinsten, schlussfolgerten die Forscher, könnten bereits zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden. Zumindest wählten sie instinktiv das, was ihr Vertrauen weckte.

Erstaunlich dabei ist, dass das Experiment nur funktionierte, wenn die Figuren Augen hatten. So scheint die Kooperationsbereitschaft des Menschen besonders geweckt, wenn etwas ihm ähnelt. Wurde das Experiment mit älteren Kindern durchgeführt, fiel das Ergebnis jedoch anders aus: Ungefähr zehn Prozent griffen nach dem Bösewicht. „Kinder lernen durch Nachahmung“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther im Gespräch mit dem Freitag. „Wenn jemand mit egoistischem Verhalten erfolgreich ist, schauen sie sich das einfach ab.“ Das gelte für ein Umfeld wie die Familie genauso wie für die Schule. Seit Jahren plädiert Hüther daher für eine Reform des Bildungssystems. Zum Beispiel müsste Kindern mehr Platz zum Ausprobieren zugestanden werden, damit sie verschiedene Fähigkeiten entwickeln könnten. Mehr Lob für sie würde zudem ein sozialeres Miteinander fördern. „Eigentlich nehmen Kinder fremde Denk- und Glaubenssysteme erst mal hin. Dass sie diese dann gleich bewerten müssen, lernen sie meist erst von den Erwachsenen“, sagt Hüther.

Für die Gesellschaft gefährlich

Die Grundannahme, der Mensch sei von Natur aus ein rationaler Egoist und auf Konkurrenz aus, ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern für eine Gesellschaft als Ganzes gefährlich. Denn wird angenommen, dass der Mensch nur durch Geld oder Eigennutz zum Handeln getrieben wird, können sich alternative Anreize gar nicht erst durchsetzen. So geht die Politik von auf sich selbst bezogenen Wählern aus, die Wirtschaft setzt auf Gier und Ellenbogen. Und das, obwohl uns Mitgefühl, Kooperation und Solidarität ebenso nahe liegen, uns von Natur aus sogar näher sind.

Logisch, dass dieser Widerspruch auf Dauer nicht gut gehen kann. Wenn wir eigentlich nach Kooperation suchen, aber ständig Erfahrungen von Konkurrenz, Ausgrenzung oder Bestrafung machen, gerät unser Gehirn ins Ungleichgewicht. „Das führt zu Erregungen im Hirn, die immer dann aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet“, erklärt der Neurobiologe Hüther. Und da der Mensch ein Perfektionist in Sachen Schmerzvermeidung ist, passt er sich sehr schnell daran an. Er sucht nicht mehr die Kooperation, sondern stellt sich auf Konkurrenz ein.

Und er bemüht sich um eine Ersatzbefriedigung. All das kaschiert aber nur, dass unsere wahren Bedürfnisse nicht gestillt sind. So fatal es ist: Menschen schaffen sich meist selbst ein Umfeld, das auf einem falschen Menschenbild beruht. So müssen sie langfristig unglücklich bleiben. Oder sie ändern sich. Immer mehr Menschen folgen auch ihrem Bedürfnis nach einem kooperativen Umfeld. Deshalb boomt in westlichen Städten beispielsweise die Sharing-Economy, die auf dem Prinzip „Teilen statt Besitzen“ fußt. Und deshalb verlassen einige sehr gut bezahlte Jobs, weil sie dem Konkurrenzdruck nicht mehr standhalten wollen. Das gilt besonders für Arbeitsumfelder, in denen es um viel Geld geht, wie in der Finanzwelt. Dass Boni allein nicht glücklich, sondern vielmehr depressiv machen können, sagt auch der britische Ökonom Sony Kapoor. Einst war Kapoor Investment-Banker bei der späteren Pleitebank Lehman Brothers. Ernüchtert von seinen Erfahrungen in der Branche, stieg der heute 41-Jährige aber drei Jahre vor dem großen Crash aus. „Je weiter oben man in dieser Welt ist, desto dünner wird die Luft. Ich sah Kollegen fallen und hoffte, selbst nicht der Nächste zu sein“, erzählt Kapoor. Den eigenen Fall ließ er nicht zu. Er entschied aus eigener Motivation, seine Talente für etwas anderes zu nutzen.

Heute ist Kapoor ein international bekannter Kritiker des Finanzsystems und Leiter des Think-Tanks Re-Define, der von Regierungen und Großinvestoren die Einhaltung sozialer Standards fordert. Wenn er Interviews gibt, reicht es ihm meist nicht, nur zu erklären, woran das Finanzsystem krankt. Es ist ihm genauso ein Anliegen, zu erklären, dass Banker in diesem System zu Maschinen werden und daran regelrecht kaputtgehen können.

Ob im Alltag oder im Beruf, der Mensch muss sich wohl fühlen können in seinem Umfeld, dann erst kommt es zur Ausschüttung von Glückshormonen im Gehirn. Wissenschaftler nennen dies das social brain, das soziale Gehirn. „Nichts aktiviert die Motivationssysteme so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, und die Aussicht auf soziale Anerkennung“, sagt Joachim Bauer. Das könnte die Grundlage für den Siegeszug eines anderen Menschenbilds sein.

Nicht die Aussicht auf maximalen Nutzen treibt Menschen an, sondern das Erleben positiver Zuwendung. Da er diese nicht aus sich heraus generieren kann, ist der Mensch bereits von Natur aus kooperativ angelegt. Wenn der Mensch aber kooperiert, um soziale Anerkennung zu erfahren, handelt er dann am Ende nicht wieder sehr eigennützig? Der berühmte US-amerikanische Kooperationsforscher Robert Axelrod sieht in Egoismus und Kooperation keinen Widerspruch. „Wir alle wissen, dass Menschen keine Engel sind und sie dazu neigen, für sich und ihre Interessen zu sorgen. Genauso aber ist Kooperation die Grundlage unserer Zivilisation“, sagt Axelrod.

Im ursprünglichsten Sinn bedeutet Kooperation, dass Menschen ihr Verhalten aufeinander abstimmen, um ein – im besten Fall – gemeinsames Ziel zu erreichen. So schließen sich eben auch Kooperation und wirtschaftliches Handeln nicht aus. Ganz im Gegenteil: Handel und Märkte wären ohne Kooperation gar nicht möglich. Was wäre denn die Idee des Ersten ohne das Interesse eines Zweiten, etwas haben, ja etwas auch kaufen zu wollen? Die Behauptung aber, es gehe dabei in erster Linie um Geldvermehrung, kann so nicht mehr stehen gelassen werden. Das gute Gefühl, etwas geleistet zu haben und dafür belohnt zu werden, treibt Menschen viel stärker an als bedrucktes Papier.

Kulturelle Unterschiede

So wie jede Altruismus-Debatte zwangsläufig die Frage nach dem wahren Altruismus aufwirft, bleibt an dieser Stelle die Frage, ob es so etwas wie „faire“ Kooperation gibt. Einer der Klassiker zur Erforschung des menschlichen Gerechtigkeitssinns ist das Ultimatum-Spiel, konzipiert Ende der 70er Jahre von zwei deutschen Wirtschaftsprofessoren. Ein Versuchsteilnehmer erhält beispielsweise 50 Euro. Von diesen muss er einen Teil an einen zweiten Teilnehmer abgeben. Dieser weiß um den Gesamtbetrag und hat die Wahl: Er kann den ihm angebotenen Betrag annehmen oder ablehnen. Im letzteren Fall allerdings erhält auch der Erste nichts. Unter US-amerikanischen und europäischen Studenten kam das Experiment immer zu ähnlichen Ergebnissen. Meist gaben die Teilnehmer knapp die Hälfte oder sogar genau die Hälfte ihres Betrages an den anderen ab. Die Bereitschaft, genau zu splitten, erhöhte sich, wenn beide Personen einander kannten. Selbst in jener Spielvariante, in der die zweite Versuchsperson nicht ablehnen durfte, blieb der ihr angebotene Betrag dann bemerkenswert hoch.

Die Sorge um die eigene Reputation, so lässt sich daraus schlussfolgern, ist ein echter Kooperationsanreiz. Doch gilt das nicht überall auf der Welt in gleichen Maßen. Der Wirtschaftspsychologe Joseph Henrich und sein Team führten das Ultimatum-Spiel in kleinen Stämmen in abgelegenen Regionen durch. Ihre Ergebnisse erstaunen: Die zweite Versuchsperson akzeptierte ohne Klagen auch kleinste Beträge. „Was Menschen als gerecht empfinden, ist also keinesfalls angeboren, sondern kulturell bedingt“, fasst Henrich seine Forschung zusammen.

Ob ein Mensch gern kooperiert, hängt nicht nur davon ab, in welchem Umfeld er sozialisiert wurde, sondern auch davon, wie sich die anderen Menschen um ihn herum ganz unmittelbar verhalten. Bestimmte Umfelder fördern unsere kooperativen Anlagen, andere hingegen schwächen sie. So erforscht ein Experiment des österreichischen Wirtschaftswissenschaftlers Ernst Fehr, ob auch fremde Menschen einander Geld leihen. Fehr konnte beobachten, wie die Kooperationsbereitschaft immer dann einbrach, wenn einer der Teilnehmer das Gefühl hatte, beschissen zu werden. Menschen verhalten sich langfristig also nur dann kooperativ, wenn sie erwarten dürfen, dass ihre Mitmenschen auch kooperieren. Im berühmten Gefangenendilemma der Spieltheorie wäre es für die zwei Angeklagten besser, wenn sie einander vertrauten und beide den Mund hielten. Da keiner von ihnen aber sicher sein kann, wie der jeweils andere sich verhält, werden sie wohl beide ihre Tat gestehen. Denn beide müssen annehmen, dass der andere gesteht, um als Kronzeuge freizukommen. Weil sie einander misstrauen, wandern also beide in den Knast.

Ein anderes Dilemma der Kooperation besteht darin, dass das Interesse des Einzelnen nicht immer dem Gesamtwohl entspricht. Das erschwert die Lösung globaler Probleme, zum Beispiel beim Klimawandel. Die Rettung der Erde erfordert kollektive Vernunft, doch es wird immer Menschen geben, die – obwohl sie es besser wissen – eine CO2-Schleuder fahren.

Können wir einander nun vertrauen? Können wir den Eigennutz hinter das Gesamtwohl stellen? Zugegeben, es fällt uns schwer. Der Mensch ist auch ein Egoist, den seine normalen Probleme drücken. Und er ist ein Meister darin, sich die Welt zurechtzubiegen. Im Zweifel haben dann immer die anderen Schuld. In Ausnahmezuständen allerdings, so haben es Menschen auch immer wieder bewiesen, meldet sich nicht nur der eigene Überlebenstrieb, sondern auch das menschliche Kooperationsgen. Das zeigte sich etwa am 13. November in Paris: In der Nacht der Attentate boten Menschen spontan Wildfremden Schutz in ihren Häusern.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 01/16.

Kommentare (28)

Moorleiche 03.02.2016 | 11:14

Hallo Noera Marie Zaremba.

Ich mag die Haltung hinter Ihrem Artikel, aber ich möchte kritisieren, dass und warum es auch hier gefährlich ist, sich mit den falschen Gefährten einzulassen.

Ein ganz anderes Bild des Naturzustands entwarf der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau. In seinen Werken beschrieb er den freien Menschen als von sich aus gut und kooperativ. Erst die Zivilisation und die damit einhergehende Vergesellschaftung nötigten ihn nach Ansicht Rousseaus dazu, sich mit anderen zu vergleichen, woraus Neid und Missgunst überhaupt erst entstanden seien.“

Rousseau ist so ne Sache. Der edle Wilde, hier edelt er wieder mal: http://www.n-tv.de/wissen/Knochen-zeigen-Massaker-article16807481.html Die Geschichte des Menschen ist gerade in der edlen wilden Frühzeit eine Geschichte der Gewalt. Je „unverbildeter, desto Gewalttätiger.“ Schon Affen sind extrem grausam und brutal.

Die Evolutionswissenschaft vertritt heute überwiegend die Ansicht, dass nicht Konkurrenz die Geschichte der Menschheit vorangetrieben habe, sondern Kooperation.“

Das wäre schön, mir aber neu. Die Psychologen waren da schon immer etwas klüger, problematisch sind die Biologen, ob Evolutions- oder Soziobiologen. Nicht alle, aber der in letzter Zeit dominierende Teil sieht Kooperation als eine Frucht des Egoismus an, Stichwort: reziproker Altruismus.

Man muss sich nur einmal kurz den Steinzeitjäger vorstellen, der das Riesenmammut nicht allein erlegen kann. Für die erfolgreiche Jagd ist er zwingend auf Zusammenarbeit angewiesen.“

Ist aber leider auch ne: Wer mir nützt, dem helf' ich, Geschichte. Die Egoismus-These besagt ja gerade, dass wir nur helfen, wenn es uns selbst, jetzt oder später, nützt.

Zu den wissenschaftlichen Akten gelegt sind mittlerweile auch falsche Schlussfolgerungen aus Darwins „Survival of the fittest“-These. Nicht das stärkste Wesen überlebt, sondern eben jenes, das sich am besten an neue Umweltbedingungen anzupassen weiß.“

Der Satz ist von Spencer und den Fehler machen nur noch junge Männer mit schwarzen T-Shirts und „Survival of the fittest“- Aufdruck.

Dass die Fähigkeit zur Kooperation aber nicht dem Menschen vorbehalten ist, belegte die legendäre Primatenforscherin Jane Goodall bereits 1960.“

Das wird auch nie bestritten, das Problem liegt auf einer anderen Ebene. Es wird behauptet, die Kooperation sei lediglich eine Folge eines tiefer liegenden Egoismus.

„„Eigentlich nehmen Kinder fremde Denk- und Glaubenssysteme erst mal hin. Dass sie diese dann gleich bewerten müssen, lernen sie meist erst von den Erwachsenen“, sagt Hüther.“

So isses, wie auch sonst?

Die Grundannahme, der Mensch sei von Natur aus ein rationaler Egoist und auf Konkurrenz aus, ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern für eine Gesellschaft als Ganzes gefährlich. Denn wird angenommen, dass der Mensch nur durch Geld oder Eigennutz zum Handeln getrieben wird, können sich alternative Anreize gar nicht erst durchsetzen.“

Aber warum ist dieses Modell eigentlich immer noch so attraktiv? Und fragen Sie mal weiter, ob die Wissenschaft das wirklich unisono ablehnt.

Und machen Sie nicht den Fehler, das gegenteilige Märchen zu erzählen. Das von der grundguten Seele in uns allen. Wir haben das Zeug zu Kooperation und Konkurrenz, zur Liebe und Aggression weiter in uns. Wir sind nicht von Geburt an gut, sondern eher geborene Egoisten, aber wir haben die Möglichkeit dieses Egoismus zu überwinden und das gelingt oft und mitunter beeindruckend. Dabei ist Rationalität nicht unser Feind, nur ist die Fixierung auf instrumentelle Vernunft, auf die Einkürzung von Beziehungen auf Spieltheorie-Niveau ein Seuche unserer Zeit. Wir müssen Win-Win Situationen kreieren. Das ist nicht viel besser als die Reiz-Reaktions-Kacke, die jahrzehntelang angeblich der Burner war.

Logisch, dass dieser Widerspruch auf Dauer nicht gut gehen kann. Wenn wir eigentlich nach Kooperation suchen, aber ständig Erfahrungen von Konkurrenz, Ausgrenzung oder Bestrafung machen, gerät unser Gehirn ins Ungleichgewicht. „Das führt zu Erregungen im Hirn, die immer dann aktiviert werden, wenn ein Mensch körperlichen Schmerz empfindet“, erklärt der Neurobiologe Hüther. Und da der Mensch ein Perfektionist in Sachen Schmerzvermeidung ist, passt er sich sehr schnell daran an. Er sucht nicht mehr die Kooperation, sondern stellt sich auf Konkurrenz ein.“

Naja, wenn Hirnforscher uns die Welt erklären, muss man nicht selten in Deckung gehen. Hüther ist da sicher noch zu ertragen, aber soziale Konstellationen auf die Ebene von Nervenreizungen zu reduzieren, nee, den Quatsch hatten wir zu lange.

Heute ist Kapoor ein international bekannter Kritiker des Finanzsystems und Leiter des Think-Tanks Re-Define, der von Regierungen und Großinvestoren die Einhaltung sozialer Standards fordert. Wenn er Interviews gibt, reicht es ihm meist nicht, nur zu erklären, woran das Finanzsystem krankt. Es ist ihm genauso ein Anliegen, zu erklären, dass Banker in diesem System zu Maschinen werden und daran regelrecht kaputtgehen können.“

Ist die Frage, wie einflussreich diese Bewegung ist, aber es ist sicher gut, dass es sie gibt.

„„Nichts aktiviert die Motivationssysteme so sehr wie der Wunsch, von anderen gesehen zu werden, und die Aussicht auf soziale Anerkennung“, sagt Joachim Bauer. Das könnte die Grundlage für den Siegeszug eines anderen Menschenbilds sein.“

Im Moment führt es eher dazu, dass man sich in immer extremeren Posen positioniert, weil man eben Beachtung um jeden Preis braucht. Wäre da nicht mal die Frage angebracht, ob man tatsächlich jedem Spacko gefallen muss? Und, wieso eigentlich? Wieso ist es wichtig, wie Hans und Franz, oder Saskia und Dschackeliene mein Leben bewerten?

Nicht die Aussicht auf maximalen Nutzen treibt Menschen an, sondern das Erleben positiver Zuwendung. Da er diese nicht aus sich heraus generieren kann, ist der Mensch bereits von Natur aus kooperativ angelegt. Wenn der Mensch aber kooperiert, um soziale Anerkennung zu erfahren, handelt er dann am Ende nicht wieder sehr eigennützig? Der berühmte US-amerikanische Kooperationsforscher Robert Axelrod sieht in Egoismus und Kooperation keinen Widerspruch. „Wir alle wissen, dass Menschen keine Engel sind und sie dazu neigen, für sich und ihre Interessen zu sorgen. Genauso aber ist Kooperation die Grundlage unserer Zivilisation“, sagt Axelrod.“

Das ist ja derselbe Unsinn, den Richard Dawkins erzählt. Eigentlich sind wir alle Egoisten, aber weil es uns auch gut tut und nutzt, darum kooperieren wir zuweilen. Was man hier einkauft ist aber exakt das, was das Märchen vom rationalen Agenten befördert. HIER muss die Kritik ansetzen. Der rationale Agent, sitzt da, krault sich den Sack und guckt, wo er am Ende des Tages am meisten profitiert. Wenn es was bringt sozial zu sein, ist man eben soziale, wenn nicht, nicht. Und wenn behauptet wird, der Mensch sei eben genetisch oder neurobiologisch so, dann ist dieser Biologismus der Steigbügelhalter für den rationalen Agenten und das ist er in der Tat. Unser Freund hat den Dolche im Gewandt, das ist das Problem.

Können wir einander nun vertrauen? Können wir den Eigennutz hinter das Gesamtwohl stellen? Zugegeben, es fällt uns schwer. Der Mensch ist auch ein Egoist, den seine normalen Probleme drücken. Und er ist ein Meister darin, sich die Welt zurechtzubiegen. Im Zweifel haben dann immer die anderen Schuld. In Ausnahmezuständen allerdings, so haben es Menschen auch immer wieder bewiesen, meldet sich nicht nur der eigene Überlebenstrieb, sondern auch das menschliche Kooperationsgen.“

Bitte bitte, reduzieren Sie das nicht auf Gene, Triebe und Instinkte. Schon Dawkins hat sich dort vergaloppiert:

http://www.psyheu.de/8075/mensch-egoist-egoismus-wir-trotzphase/view-all/

ed2murrow 03.02.2016 | 11:51

Die Feststellung von Frau Zaremba

"Die Grundannahme, der Mensch sei von Natur aus ein rationaler Egoist und auf Konkurrenz aus, ist nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern für eine Gesellschaft als Ganzes gefährlich."

mit denen von Fischer empirisch unterfüttert

"Die neue Ökonomie, liebe Leserinnen und Leser, also die Weltordnung der blühenden Landschaften in der Form der Agenda "Jetzt oder Nie", definiert die Natur der menschlichen Gesellschaft nicht nach dem Bild des Immanuel Kant, sondern nach dem des Philipp Rösler: Jeder ist zu jeder Zeit mit jedem in Konkurrenz. Nicht Gleichheit und Solidarität ist das Ziel des Menschseins, sondern Ungleichheit und Sieg. Demokratie ist keine Form der Verwirklichung von Gerechtigkeit, sondern von Marktmacht."

ergeben die stimmige, anwenbare Aussage. Gerne mehr davon.

namreH 03.02.2016 | 18:33

Mir geht in letzter Zeit eine Alternative zu jenem alten Spruch durch den Sinn, der bisher die Menschheitsgeschichte geprägt hat: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Bekannt ist jene Kritik daran aus Willi Brands Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises: „Krieg ist nicht mehr die ultima ratio, sondern die ultima irratio.“ Und so folgert er denn auch – aus maskuliner Sicht: Nicht der Krieg, sondern der Friede ist der Vater aller Dinge.

Ich stelle hier mal schlicht in den Raum, dass Konkurrenz als Prinzip des Lebens (vor allem des gesellschaftlichen Lebens) natürlich eine Form des Kriegs ist.

Und nun zu meiner Alternative, die mir nicht aus dem Kopf will. Wie wäre es denn mal mit dem Rollentausch: Der Friede ist die Mutter allen Lebens (auch für das gesellschaftliche Leben).

Nordlicht 03.02.2016 | 19:44

Die Anfangsthese (- auf die dann alle weiteren Überlegungen) ("In unserer Gesellschaft dominiert ein wettbewerbsfixiertes Menschenbild.") halte ich für falsch.

Vielmehr arbeiten Staat und wichtige Interessengruppen seit Jahrzehnten zusammen, um in D und - mehr noch - der EU den Wettbewerb zu behindern und den jeweilgen status quo zu zementieren. Gordan Gekko ist kein Leitbild unserer Gesellschaft.

Im Übrigen ist das gegen Ende des Textes erzählte Gefangenendilemma ungeeignet als Anleitung zum Klimaschutz. Dieser verlangt eben nicht ein kooperatives Verhalten des Einzelnen, sondern eine Reduzierung der Gesamtmenge der CO2-Emissionen. Ob 1 oder 5% der Bevölkerung viel verbrauchende Autos fahren, ist belanglos, wenn diese zB soviel dafür zahlen, dass die Emissionen anderswo kompensiert werden. Ungleichheit ist hier (- nicht immer, zugegeben) ökonomisch sinnvoll.

Das Stichwort lautet hier nicht Kooperation, sondern Verhandlung: Politische Akteure vereinbaren Ziele und Regeln. Wie jeder einzelner Staat sein Ziel erreicht, bleibt ihm überlassen. Auf der individuellen Ebene "nachhaltiges Verhalten" zu propagieren, ist (leider) ziemlich wirkungslos. Und im Gegensatz zu den Agierenden im Gefangenendilemma werden WIR REICHEN mit den Risiken (Klimawandel und Ressourcenverknappung) prima zurecht kommen.

Moorleiche 04.02.2016 | 09:24

Hallo denkzone8.

ist ne primaten-mutter nicht angelegt auf altruismus gegenüber ihrer brut?“

Doch, ist sie. Aber damit bist Du nicht aus Dawkins' biologistischen Bannkreis. Im verlinkten Text steht folgendes Dawkins-Zitat:

Damit haben wir nun vier stichhaltige darwinistische Gründe, warum Individuen untereinander altruistisch, großzügig oder „moralisch“ handeln. Der erste betrifft den Sonderfall der Verwandtschaft. Der zweite ist die Gegenseitigkeit: Gefälligkeiten werden vergolten und in „Erwartung“ eines solchen Gegengefallens erwiesen. Darauf folgt sofort der dritte: der darwinistische Vorteil, den es bedeutet, wenn man sich den Ruf der Großzügigkeit und Freundlichkeit erwirbt. Und wenn Zahavi recht hat, gibt es viertens den speziellen, unmittelbaren Nutzen der zur Schau gestellten Großzügigkeit als Mittel, um für sich selbst authentische, unverfälschte Reklame zu machen.“

(Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2006, dt. Ullstein-TB, 2008, S. 304f“)

Das alles sei nicht infrage gestellt, aber es erklärt nicht, wie man von unmittelbaren oder mittelbarem Nutzen für sich, zu einem echten Altruismus kommt. Das muss Dawkins auch gar nicht erklären, weil er nämlich die Existenz dieses echten Altruismus bestreitet. Nun gibt es aber echten Altruismus, wenn man nämlich auf die tatsächliche Absicht schaut, mit dem man eine Handlung ausführt, unabhängig davon, ob man als kurzfristiges oder langfristiges Resultat etwas davon hat oder nicht. Wenn ich etwas in der Absicht tue, das Wohlergehen eines anderen damit zu vergrößern, ist das Motiv meiner Handlung altruistisch. Dawkins und andere Biologisten würden mir dann erklären, dass ich meine wahren Absichten ja gar nicht kenne und nur scharf darauf bin, gelobt zu werden, mich als Helfer zu sonnen oder so was und entweder zu unwissend, naiv oder gerissen bin, meine wahren Motive zu offenbaren.

Was ist das Problem an dieser Art der Argumentation? Man kann ihr nicht widersprechen, sie ist prinzipiell nicht zu falsifizieren, sie ist unwissenschaftlich. Sie behauptet, Dich besser zu kennen, als Du Dich selbst, schlampt aber mit der Begründung. Is eben so, wir sind Forscher, wir wissen das. Doch jemandem die prima facie Berechtigung zu wissen, was er tut und warum einfach abzusprechen, ist, vorsichtig gesagt, nicht so ganz ohne. Doch das interessiert Biologisten so wenig, wie ihre eigene Unwissenschaftlichkeit.

denkzone8 04.02.2016 | 10:56

pläne zu realisieren, die einem richtig erscheinen, der wahrheit zum durch-bruch zu verhelfen, der menschheit eine chance zu geben: was ist süsser und ehrenvoller und füttert unser über-ich besser?

dulce et decorum est pro patria mori!(horaz:süß und ehrenvoll fürs vaterland zu sterben). dem höchsten gut(summum bonum) dienen, welch lust-gewinn für den lüsternen prinzipien/moral-folger (gut-)mensch, dem das denken(imaginieren) eine lust-quelle sein kann. oder?

Moorleiche 04.02.2016 | 11:26

dem höchsten gut(summum bonum) dienen, welch lust-gewinn für den lüsternen prinzipien/moral-folger (gut-)mensch, dem das denken(imaginieren) eine lust-quelle sein kann. oder?“

Klar, aber was bei der Bewertung, ob eine Absicht altruistisch oder egoistisch ist, zählt, ist, ob man die Absicht hat das Wohlergehen eines anderen Menschen zu vergrößern. Die Frage, ob man dabei Lust empfindet oder nicht, ist davon getrennt. Wenn man dabei Lust empfindet entwertet es nicht das Motiv, falls nicht, macht es das Motiv nicht edler. Man muss kein Märtyrer sein.

Reinhold Schramm 07.02.2016 | 11:00

Packen wir's an!

Und nur keine bürgerliche Angst vor der emanzipatorischen Kritik am Kapitalismus.

Die wettbewerbsfixierte Entfremdung können wir unter Beibehaltung der Quelle, der kapitalistischen Gesellschaftsformation nicht lösen. Im weitesten Sinne können wir Kooperation und damit soziale Emanzipation nur im gemeinsamen gesellschafts- und sozialpolitischen Kampf für die Überwindung und Aufhebung des Kapitalismus realisieren.

Marx unterscheidet vier Seiten der entfremdeten Arbeit ---

die Entfremdung des Arbeiters vom Produkt,

die Entfremdung in der Arbeit selbst,

die Entfremdung von der Gattung und

die Entfremdung des Menschen vom Menschen ---,

und an jeder dieser Seiten der Entfremdung deckt er für die kapitalistische Produktionsweise charakteristische Widersprüche auf.

Diese charakteristischen Widersprüche erscheinen letztlich nur als Daseinsweisen des grundlegenden Widerspruchs dieses kapitalistischen Systems, nämlich desjenigen zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung. *

* Vgl. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844 (!), S. 511. / Siehe bei Otto Finger: 5.10. Die Entfremdung des Arbeiters vom Produkt der Arbeit und die Verdinglichung der sozialen Beziehungen, in: Philosophie der Revolution, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1975.

Anmerkung: Mit der weltweiten Implosion des historischen Realsozialismus konnten wir offenbar auch nicht die modifizierte Bücherverbrennung und Bewusstseinsverbrennung -- im elektronischen Internetzeitalter -- verhindern?

herb66 07.02.2016 | 11:06

70, 80, 100 Jahre sind in der Geschichte keine lange Zeit, um zum Beispiel gewisse Charaktereigenschaften bei den Deutschen auszumachen.

Nach meiner Ansicht haben sich die Deutschen, die einst Hitler nachliefen zu den heutigen Deutschen nicht wesentlich verändert. In kleinen Gruppen, in Familienverbänden oder ähnliche sind sie durchaus altruistisch, in Massen immer noch Untiere, wenn man nicht aufpasst. Sie laufen sehr gern Führern nach.

Wenn die Gegebenheiten sich so entwickeln werden nicht nur 25 % auf Flüchtlinge schießen wollen, sondern weitaus mehr.

Da mache ich mir keine Illusionen.

Man kann nur hoffen, dass die Politiker das auch wissen.

Und dass die Gegenbenheiten sich nicht so entwickeln.

Andere Völker kenne ich nicht genug, aber ich habe fast den Verdacht, sie sind nicht so anfällig für diesen Hass gegen Fremdes oder änlich "Unmenschlichem".

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Ehemaliger Nutzer 07.02.2016 | 11:18

Habe grad meinen Schokoriegel gefuttert und diesen nachdenklichmachenden Artikel gelesen.

Es treibt den Menschen wohl beides an: Selbsbehauptungstendenzen, um sich im Wettbewerb mit anderen zu messen - der alte Spruch "Konkurrenz belebt das Geschäft" kann ja auch durchaus im persönlichen, kreativen, spielerischen privaten Bereich Anwendung finden - denn ich werde durch Äußerungen und Handlungen anderer Menschen angeregt, motiviert oder sogar mein Ehrgeiz geweckt.

Und andererseits bewegt uns der Wunsch, auf andere Menschen auf gleicher Ebene, also Augenhöhe zuzugehen, uns solidarisch zu fühlen und zu zeigen.

Abgrenzung und Annäherung, beides am besten einigermaßen in Balance, sonst kommen das Ego und die Alltagstauglichkeit womöglich ins Wanken...

Ich glaube, dass wie ein einzelner Mensch sich verhält, darüber hinaus ganz stark davon abhängt, wie er sozialisiert und emotional geprägt wurde.

Meine Generation hat noch vielfach von den Eltern das "herrsche oder werde beherrscht" auf den Weg mitbekommen, auch wenn die "autoritäre Erziehung" angeblich am Ausklingen war. Es scheint noch tief in den Knochen der Individuen zu stecken und kann oft nur mühsam überwunden werden.

Hat die jüngere Generation es da schon einfacher? Würd mich interessieren...

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Ehemaliger Nutzer 07.02.2016 | 11:25

P.S. Ich glaube übrigens, dass das Thema "Solidarität oder Abgrenzung" ein Thema ist, dass den Menschen global gesehen betrifft (also weder nur auf Europa oder Deutschland, noch sonstwie geographisch begrenzt ist) und mehr ein psychosoziales als politisches "Problem" ist.

Es ist etwas, was den Menschen als psychologische "Einheit" zutiefst charakterisiert - das Oszillieren zwischen den Polen "du" und "ich" und für das der Einzelne zunächst ein "gesundes" Gleichgewicht für sich selber finden muss.

Dann könnte das theoretisch auf die politische Ebene "übertragen" werden, so denke ich.

rioja 09.02.2016 | 06:19

Zum Menschen gehört beides, Kooperation und Konkurrenz! In uns ist göttlich angelegt Gut und Böse, wenn sie so wollen. Jede Einseitigkeit führt in die Irre. Diese Balance wahrzunehmen, zu erkennen, anzuerkennen und zu hegen & pflegen ist die Aufgabe des Lebens. Nicht ein entweder oder, nein, ein sowohl als auch ist angesagt. In der Pädagogik des 20 JH ging es u.a um Antiautoritäre Erziehung versus alter Paukschule. Summerhill sollte das Wunder vollbringen. Es ging massiv schief. Laissez-faire war gescheitert. Ebenso gescheitert, wie, dass der Schüler mit dem Rücken lerne. Und so kam es, zu recht, zu sozial-integrativen Modellen. Sicher, heute noch nicht in Vollendung vorhanden, sicher noch genug zu tun im Schul-und Bildungssystem. Doch die große Richtung stimmt, Odenwaldschule mal bitte außen vor lassen, danke. An diesem Beispiel aus der Pädagogik lässt sich nachvollziehen, wie es in allen anderen Lebensbereichen aussehen könnte, wenn man wollte. Doch wer ist "man"? Es ist der "Generalisierte Dritte", die normativen Standards. Man tut das, man tut das nicht etc. pp - Solange die "System-Macher" ihrem Kumpel Hilmar Kopper folgen, wenn er 1976 sagte: " Geld, Geiz, Gier sind die Großen Konstanten" - solange geht es weiter auf dem Irrweg, bis an die Wand! Peng!