Palästinensisches Leben ist extrem billig

Die Kinder im Lager Dshabalia Sie riefen "Shalom, Shalom" - sie hielten uns für Israelis

"Wir sind in die Muquatta gegangen, nicht um Arafat zu schützen, sondern wegen der Menschen, die uns - hungernd und in Todesangst in ihre Häuser verbannt - heimlich zuwinkten, als wir durch das ausgestorbene Ramallah zogen", schreibt Sophia Deeg in ihrem Rückblick auf die Tage des Ausharrens im zerstörten Hauptquartier des PLO-Führers. Nach Deutschland zurückkehrt, zieht sie ihr Resümee der palästinensischen Tragödie, die mit den Verträgen von Oslo nicht aufgehalten wurde - im Gegenteil. Als ihr Manuskript die Redaktion erreicht, haben sich die Hinweise auf Hunderte von Todesopfern in der palästinensischen Stadt Dschenin zur Gewissheit verdichtet.

Nicht dass der Hunger so schlimm gewesen wäre: ein bis zwei Pita-Brote am Tag, dazu einmal ein Ei, einmal ein Eckchen Schmelzkäse oder eine Kartoffel, das kann man schon aushalten, jedenfalls ein paar Tage lang. Ohne Bauchschmerzen. Gelegentlich gab es sogar etwas Warmes, und das war dann besonders köstlich: eine Hand voll Reis und dazu eine Spur Sauce. Manchmal machten ein paar winzige Gläschen stark gezuckerten Tees mit frischer Minze die Runde unter uns 32 Internationalen, und jeder gab sich Mühe, so vorsichtig zu nippen, dass auch für den Nächsten noch ein paar Tropfen blieben.

www.min.gov.il - die Nachrichten der "Tagesschau"

Das knapp bemessene Essen wurde übrigens nicht von der israelischen Armee geliefert, wie diese gelegentlich verlauten ließ. Die Armee ließ sich in täglichen Verhandlungen die Erlaubnis abringen, dass ein palästinensischer Sanitäter mit seiner Ambulanz Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente für die rund 200 Menschen in Arafats Quartier hereinbrachte. Der Palästinensische Rote Halbmond und der Sanitäter selbst besorgten diese Dinge. Die israelische Armee inspizierte vor der Übergabe alles - die Ambulanz, den Sanitäter, die Lieferung - und sortierte das Eine oder Andere aus: "Heute keine Medikamente" - "Heute nur 300 Pita-Brote" (statt der 500 mitgebrachten). So viel zum Service der Israelis. Und so viel zur Berichterstattung unserer Medien: Die Süddeutsche Zeitung druckte gerade eine launige kleine Satire, in der sie sich auf das Pressebüro der Regierung Sharon beruft. Darin werden erstaunliche Mengen an Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten aufgezählt, die angeblich an die Eingeschlossenen geliefert werden/wurden. Die Satire ist amüsant, auch wenn sie auf falschen Tatsachen beruht. Aber könnte sich diese Zeitung nicht auch einmal dazu durchringen, andere Quellen als die Sharons zu nutzen? Ähnlich verfährt die Redaktion der Tagesschau. Man kann auch gleich die websites der israelischen Armee oder bei www.min.gov.il nachlesen, um zu wissen, was am Abend in der Tagesschau verkündet wird.

Diese Berichterstattung ist nicht nur einseitig, sondern auch extrem oberflächlich und schlicht dumm. Da wird die Frequenz von Arafats Unterlippenzittern akribisch studiert, da wird vom "Friedenswillen oder -unwillen der Palästinenser" oder "der Israelis" geschwafelt, da wird im Stil eines Karl-May-Schmökers von "den alten Haudegen Arafat und Sharon, die noch eine Rechnung offen haben" geschwätzt. Da steht man fassungslos vor einer "Spirale der Gewalt", bei der "beide Seiten" aufeinander eindreschen wie Kinder im Sandkasten.

Die Tragödie, die in diesen Wochen die Menschen in Israel und vor allem die Palästinenser heimsucht, eine Tragödie, in die wir als Europäer tief verwickelt, für die wir mit verantwortlich sind, war vorhersehbar. Für die Palästinenser besteht sie bereits seit Jahrzehnten, seit Generationen. Eine verantwortungsvolle Berichterstattung hätte vor ihr warnen, die zugrundeliegenden Machtverhältnisse und Strukturen des sogenannten Friedensprozesses ausleuchten und kritisch kommentieren können.

Camp David - Augenblicke der "Großherzigkeit"

Edward Said, bedeutender amerikanischer Literaturwissenschaftler, der lebenslang die palästinensische Tragödie mit durchlitten hat, wusste, warum er 1993 beim historischen Handschlag vor dem Weißen Haus zwischen Arafat und Rabin die Einladung ausschlug, dort den Komparsen eines inszenierten Friedensschlusses zu geben. Eines Agreements, das nichts Anderes bedeutete als bedingungslose Unterwerfung der einen Seite und definitive, international abgesegnete Legitimation der sowieso übermächtigen anderen. Seine Analysen waren seither immer wieder in Le Monde Diplomatique zu lesen, ebenso wie Texte des Linguisten Noam Chomsky, des israelischen Historikers Ilan Papé oder des Friedensaktivisten Uri Avnery, die alle auf die völlige Asymmetrie der Verträge und die Schieflage vor Ort hinwiesen. Auch auf die Gewalt, die eine solche Schieflage provoziert: die Gewalt der Enteignungen palästinensischen Landes durch den Siedlungsbau, der - ganz in der Logik von Oslo - unter dem Friedensnobelpreisträger Rabin forciert wurde; die Gewalt von Häuserzerstörungen als Mittel der Sippenhaftung, der Gewalt des Wasserraubs, der extrem eingeschränkten Bewegungsfreiheit ...

Der Gewalt, der jeder Palästinenser - Mann, Frau oder Kind - lebenslänglich, besonders perfide aber durch die Camouflage eines "Friedensprozesses", ausgesetzt ist. Es gibt eine tiefe Verzweiflung, dem ohnmächtig ausgesetzt zu sein, wenn die ganze Welt die Gewalt als "Frieden" feiert. Ein menschenverachtender Hohn, der früher oder später zu gewalttätigen Reaktionen führen und den fanatischen Randgruppen unter den Palästinensern, deren Ideologie und Handeln moralisch verantwortungslos und ohne Perspektive ist, Auftrieb geben musste. Es gab immer mehr ahnungslose junge Leute, die sich innerlich bereit machten, ihr Leben zu opfern und blindlings andere mit in den Tod zu reißen.

Das alles hat man wissen können. Man konnte als "Nahostexperte", als Korrespondent vor Ort, als einschlägig befasster Politiker ein wenig nachlesen, etwa die Verträge selbst oder Analysen der Fachleute wie der israelischen Neuen Historiker, die seit Jahren darstellen, wie es zu den Verträgen von Oslo kam und wozu sie dienten: der Absicherung der israelischen Dominanz und der Kontrolle über die besetzten Gebiete, deren Ressourcen und Bewohner. Einer, der gewiss über jeden Verdacht erhaben ist, Propaganda für die Palästinenser zu betreiben, fasste es kurz vor seinem Eintritt in das Kabinett Barak so zusammen: "Die Oslo-Verträge basieren auf einem neo-kolonialistischen Konzept, einem Leben in Abhängigkeit des Einen vom Anderen und zwar für immer." Die Verträge seien darauf angelegt, "den Palästinensern eine fast totale Abhängigkeit von Israel aufzuzwingen" - so Shlomo Ben-Ami, Außenminister Baraks und Chefunterhändler in Camp David im Juni 2000, als er in diesem Sinne weiterverhandelte.

Camp David, die Große Chance Arafats, die er angeblich verspielte, wird auch in Israel inzwischen ein "Bantustan-Vorschlag" für die Palästinenser genannt. "Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb es in den amerikanischen Mainstream-Medien keine Landkarten gab", glaubt Noam Chomsky. "Es ist richtig, dass Clinton und Barak ein paar Schritte hin zu Bantustans im Stile finsterster Zeiten der südafrikanischen Apartheid gingen. Vor Camp David waren die Palästinenser in der West Bank in über 200 verstreuten Siedlungen eingesperrt. Dem gegenüber schlugen Clinton und Barak tatsächlich Verbesserungen vor - die Bildung dreier zusammenhängender Kantone, natürlich unter israelischer Kontrolle und jeweils voneinander getrennt, dazu kam ein weiteres Gebiet, ein kleiner Teil von Ostjerusalem, ebenfalls getrennt von den anderen Zonen und von Gaza, dessen Schicksal vorläufig noch offen blieb." So viel zur "Großherzigkeit" von Camp David.

Als sich die Palästinenser danach zu einer aussichtslosen Intifada erhoben und seither von einer der stärksten Armeen der Welt gnadenlos bekämpft wurden, bezeichnete dies der Soziologe Baruch Kimmerling von der Hebräischen Universität folgerichtig als einen "üblen Kolonialkrieg", und sein Kollege Ze`ev Sternheil bemerkte, nachdem die Armee in die Flüchtlingslager eingedrungen war: "Im kolonialen Israel ist menschliches Leben billig."

Die Muquatta - scharf auf Arafats Unterlippe

Ja, palästinensisches Leben ist in diesen Tagen extrem billig. Deshalb hatten wir uns als locker assoziierte Friedensaktivisten entschlossen, in die Westbank zu reisen, um mit unseren Pässen, durch die unserem Leben ein erheblich höherer Wert zugemessen wird, für schutzlose palästinensische Zivilisten einzustehen. Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Diese Selbstverständlichkeit verband Menschen unterschiedlichen Alters (20 bis über 70), unterschiedlicher Berufe (Studenten, Bauern, Professoren, Hausfrauen), unterschiedlicher Nationalität (Franzosen, Italiener, Iren, Basken, Brasilianer, Israelis, Briten, zwei Deutsche), unterschiedlichen Glaubens (Juden, Christen, Muslime, Atheisten). Einige von uns gingen in die Muquatta - dem Amtssitz Arafats -, wo viele Zivilisten, darunter auch Verwundete, Hilfe brauchten. Dabei erwies sich dieser Ort als günstige Ausgangsbasis für unsere Öffentlichkeitsarbeit - während kein Journalist über unsere Arbeit in den Ambulanzen und Flüchtlingscamps schrieb, waren alle scharf auf Arafats zitternde Unterlippe.

Aber damit hatte ich Bauchschmerzen, denn als "Schutzschild Arafats" oder Sympathisantin seiner Politik war ich nicht an Scharfschützen und Panzern vorbei in die Muquatta gelaufen. Das hatte ich für die Menschen getan, die uns - hungernd und in Todesangst in ihre Häuser verbannt - heimlich zuwinkten, als wir durch das ausgestorbene Ramallah zogen. Um Arafat ging es mir nicht, dessen Rolle in den besetzten Gebieten darin bestand, die eigene Bevölkerung in den von Israel in neo-kolonialer Manier gehaltenen Territorien zu kontrollieren. Der die Organisationen, die für die Selbstmordattentate verantwortlich sind, aber auch die demokratischen Kräfte unter Verzicht auf rechtsstaatliche Normen in Schach zu halten versuchte. In all den Jahren seit Oslo hat nichts so gut funktioniert wie die Kooperation zwischen israelischen, amerikanischen und palästinensischen Sicherheitskräften. Das Motiv war klar: Jedes Aufbegehren - sei es demokratisch-gewaltlos oder terroristisch - ist zu deckeln. Das ist schließlich immer weniger gelungen. Wut und Verzweiflung der Menschen nahmen zu, sie entluden sich in immer häufigeren Attentaten. Arafat hat, besonders durch seine seit Monaten andauernde Isolation, die Kontrolle längst verloren. Er fürchtet nichts mehr als die Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung. Ihn dafür verantwortlich zu machen, ist lächerlich - oder geschickt: um einen Vorwand zu haben, gegen die Palästinenser Krieg zu führen, ihre zivile Infrastruktur zu zerstören, ihre Identität auszulöschen.

Letzteres ist nicht gelungen. Die Menschen, die ich in Palästina getroffen habe - Ärzte und Sanitäter in Ramallah, Kinder von Flüchtlingen in Gaza, junge Bewacher in der Muquatta - haben sich eine Menschlichkeit bewahrt, die entwaffnend und überraschend ist, wenn man bedenkt, wie viel Verachtung sie ihr Leben lang ertragen mussten.

"Shalom, shalom", riefen uns die Kinder im Lager Dshabalia zu. Sie hielten uns für Israelis.

00:00 26.04.2002

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