Panik attacken

REALE REISE NACH HOLLYWOOD Holocaust und ewige Sonne

Hollywood hat angerufen. Einladung zu einer Ausstellung im MAK, Center for Art and Architekture in Los Angeles im Schindlerhaus, dem ehemaligen Wohnhaus des österreichischen Architekten Rudolf Schindler. Er hat für sich, seine Frau und ein befreundetes Paar 1921 in der Kings Road gebaut. Das Haus wirkt heute sehr zeitgemäß, die immer noch revolutionäre Aura ist ideal für unangepasste Kunst unterschiedlichster Gattungen. Man bewegt sich darin wie in einer begehbaren Skulptur in einem japanischen Garten, der meterhohe, noch von Schindler gepflanzte Bambus unterstreicht diesen Eindruck. Ich stelle dort numbers aus, 30 Fotos, die tätowierte Unterarme von Auschwitzüberlebenden zeigen. Bei der Eröffnung werde ich immer wieder gefragt, warum ich diese Arbeit auf mich genommen habe, mit meinem nichtjüdischen background und meinem Geburtsdatum nach dem Krieg. Die Frage ist mir aus Deutschland sehr vertraut. Es scheint auch in der Neuen Welt ehrenrührig zu sein, sich mit den Taten der Väter auseinanderzusetzen. Als Israelin würde sich meine Arbeit auf Palästina konzentrieren, als Amerikanerin würde mich das Schicksal der Indianer oder anderer Minderheiten beschäftigen.

Das Wiesenthalcenter möchte die Ausstellung übernehmen. numbers habe ich aber noch nie an einem jüdischen Kontext gezeigt, eigentlich verliert die Arbeit dort an Wirkung, weil jeder sie dort vermuten würde und sie so sauber aufgeräumt ist. Die Erinnerung an den Holocaust sollte aber nicht ghettoisiert werden, sondern uns in ganz unerwarteten Momenten und Zusammenhängen überfallen. Als ich nach dem Buch von Ernestine Bradley, der Germanistin und als Ehefrau des Präsidentschaftskandidaten der Demokraten Bill Bradley vielleicht zukünftigen First Lady der USA befragt werde, die die These aufgestellt hat, deutsche Schriftsteller der Nachkriegsgeneration hätten sich um das Problem Holocaust herumgeschrieben, fallen mir Bernhard Schlink, Harry Mulisch, Peter Weiss ein. Wie war das noch mit den Großmeistern der Gruppe 47?

Nach der Eröffnung fahre ich mit meinem roten Pontiac natürlich ohne Alkohol allein durch Los Angeles, immer mit dem riesigen Stadtplan neben mir und der Erinnerung an Chinatown. Immer wieder muß ich in dieser Stadt an den Film von Polanski denken. Vielleicht hat mich die bunte Gesellschaft in dem Lokal nach der Eröffnung daran erinnert.

Diese sonnige Stadt lebt gefährlich. Bei dem Gedanken an das Erdbeben, das die Stadt kurz nachdem ich angekommen war, erschütterte, überfluten mich heute noch Panikattacken. Ich wachte auf und das Haus bewegte sich leicht von rechts nach links. Ich wußte: ich bin nicht betrunken, DAS IST EIN ERDBEBEN. Die Wellen im Swimmingpool des Appartement-Hauses hatten hohen Seegang. Wenn der Erdbebenherd näher gewesen wäre, wie hätten sich die 14 Millionen Einwohner verhalten? Im Grunde müsste Hollywood natürlicherweise der Geburtsort des Horrorfilms gewesen sein.

Das kulturelle Angebot der riesigen Stadt ist erstaunlich rückwärtsgewandt. Nelken von Pina Bausch in der Royce Hall habe ich vor 15 Jahren in München gesehen, Laurie Anderson zeigt am selben Ort ein kommerziell verkommenes Musical namens Moby Dick. Ein Lichtblick sind die Ausstellung und der Arttalk von Raymond Pettibon im Museum of Contemporary Art. Seine Zeichnungen sind doppelbödig subversiv und virtuos, seine Performance mit dem wie zufälligen Fleck auf dem Hosenschlitz auch. Das Konzert von Iggy Pop schenke ich mir und kaufe mir lieber das gereifte Alterswerk auf CD.

Ein afroamerikanischer Journalist vom West Hollywood Independent interviewt mich und wirft einen mir völlig fremden Blick auf meine Arbeit. Er erzählt, dass der Vater seiner Großmutter noch Sklave war und seine Großmutter als Augenzeugin ihm immer noch davon erzählt. Aber es gibt keine Nachkommen von Sklavenhaltern, die sich dafür verantwortlich fühlen. Ähnlich wie es bei uns keine Nazis gab nach dem Krieg. Er vergleicht die Nummern mit den Brandzeichen der Sklaven und klagt, daß die Kinder der Sklaven in USA geboren wurden aber nie dazugehören werden. "Die weißen Gegenden in L.A. sind rein weiß. Der Reichtum des Landes ist auf unseren Rücken erbaut und wir wollen unseren Teil davon." Das Gespräch erinnert mich an die derzeitigen Diskussionen über die Entschädigung von Zwangsarbeitern bei uns. Der große Unterschied zum Holocaust liegt in der Zielsetzung, Menschen können Ausbeutung überleben.

Nach drei Wochen kalifornischer Sonne ist der Himmel am Tag meiner Abreise zum ersten Mal bewölkt, ich freue mich auf den Geruch von Schnee.

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

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