Panik aus den Märkten nehmen

Weltwirtschaft Professor Joachim Scheide, Leiter der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, über die Sogwirkung der US-Rezession - Militärschläge und Ölpreise

Über den "Großen Crash" mag niemand reden - über den Hochdruck schon, unter dem derzeit die internationalen Aktien-Märkte stehen. Die Mitnahme-Effekte der offen ausgebrochenen US-Rezession für die EU-Länder werden im IV. Quartal die Konjunktur nicht nur kränkeln, sondern ernsthaft kranken lassen. Sollte infolge von Militäroperationen der USA auch der Ölpreis aus dem Ruder laufen und über die magische 30-Dollar-Grenze für ein Barrel Rohöl steigen, würde das die westlichen Ökonomien erheblich treffen. Die US-Notenbank jedenfalls hat sich mit einer weiteren Senkung der Leitzinsen vorsorglich für aktive Konjunkturpolitik entschieden.

FREITAG: Haben die Anschläge vom 11. September wie ein Katalysator gewirkt und die Rezession der US-Ökonomie vollends ausbrechen lassen?

JOACHIM SCHEIDE: Da war vieles schon vor dem 11. September im Gange. Zuletzt stagnierte das Bruttoinlandsprodukt nur noch - inzwischen ist tatsächlich mit dessen Rückgang zu rechnen, weil es zu Produktionsausfällen kommt und vermutlich auch das Verbrauchervertrauen stark leidet. Schließlich dürften die Unternehmen selbst noch pessimistischer werden. Die stark eingebrochenen Aktienkurse reflektieren das ja. Es herrscht eine allgemeine Unsicherheit und augenblicklich lässt sich schwer abschätzen, wie lange diese Stimmung anhält, die ja mit dem politischen und militärischen Geschehen eng verzahnt ist.

Inwieweit können die jetzt offenbar akuten Einbrüche im Flugzeugsbau, der zivilen Luftfahrt oder dem Tourismus eine Sogwirkung für die Gesamtökonomie entfalten?

Diese Branchen sind in den USA auf jeden Fall groß genug, um makroökonomische Effekte auzulösen, doch ist ihre kritische Lage nicht nur eine Konsequenz der Attentate, sie waren schon vor dem 11. September angeschlagen. Ich warne aber vor zuviel Schwarzmalerei, da die Regierung Bush offenkundig zu entschlossenen Hilfsmaßnahmen greift.

Sie meinen jenes 15 Milliarden-Dollar-Paket, das Kongress und Weißes Haus geschnürt haben?

Genau.

Von der Größenordnung her fast ein staatliches Konjunkturprogramm?

Nicht unbedingt, weil es nicht auf gesamtökonomische Stimulierung zielt, ich würde das Ganze eher als Strukturhilfe bezeichnen - Hilfe aus besonderem Anlass.

I

ch warne davor, jetzt die Zinsen immer weiter nach unten zu nehmen

Aber die US-Notenbank betreibt schon Konjunkturpolitik, wenn sie - wie gerade geschehen - die Leitzinsen noch einmal senkt. War das ein letztes Wort in dieser Sache?

Das muss es in der Tat nicht gewesen sein. Da hängt viel vom Binnenmarkt und den Börsenkursen ab, so dass man annehmen kann, sollte sich die Konjunktur weiter abschwächen, legt die Notenbank noch einmal nach. Die bisherigen Schritte waren eher vorbeugender Natur, um Panik aus den Märkten zu nehmen. Dem entsprach im Übrigen auch ein koordiniertes Vorgehen der Notenbanken in den führenden Industriestaaten, das allerdings mehr auf die derzeitige Marktlage bezogen und weniger konjunkturpolitisch bestimmt war.

Warum reagiert die Europäische Zentralbank in dieser Situation weiterhin so verhalten?

Die EZB hat sehr viel getan, so dass ich nicht glaube, es wäre noch einmal eine konzertierte Aktion notwendig. Außerdem sind solche Maßnahmen nicht ohne Risiken, signalisieren sie doch, dass führende Finanzinstitute die Lage für sehr ernst halten und mehr oder weniger selbst in Panik geraten. Daher warne ich davor, jetzt die Zinsen immer weiter nach unten zu nehmen.

Aber die EU-Konjunktur wird kaum verschont bleiben.

Natürlich wird sie stärker betroffen sein, aber ich rechne nicht mit derart massiven Effekten, dass man sich gleich mit drastischen Zinssenkungen wehren müsste.

Panik statt Patriotismus - Entlassungen bei US-Flugzeugherstellern und Luftfahrunternehmen

BOEING Der Konzern plant bis Ende 2002 den Abbau von 30.000 Stellen, vorzugsweise in seinen Stammwerken in Seattle - das beträfe etwa 30 Prozent der Belegschaft im kommerziellen Flugzeugbau von Boeing, der im Vorjahr einen Anteil von 61,0 Prozent am Gesamtumsatz des Unternehmens erbrachte. Für 2002 war die Fertigung von 510 bis 520 Zivilflugzeugen vorgesehen. Momentane Prognosen sprechen von höchstens 400, für die sich Abnehmer finden ließen. Die damit zu verbuchenden Einnahmeverluste lägen bei zirka sechs Milliarden Dollar.

HONEYWELL Das Unternehmen bestreitet zwar nur 15 Prozent seines Umsatzes mit Zivilavionik, dennoch sind schon für Dezember 2001 Entlassungen in einer Größenordnung von bis zu 12.000 Mitarbeitern vorgesehen. Bereits vor dem 11. September waren allerdings 8.200 bis 8.500 Kündigungen annonciert. Der jetzt avisierte Stellenabbau beträfe zehn Prozent der Belegschaft und soll zu Kostenreduzierungen von annähernd einer Milliarde Dollar führen.

UNITED AIRLINES Bisher betrachtet der Konzern die Kündigung von 20.000 Mitarbeiten für Ende 2001/Anfang 2002 als unvermeidlich, sollten nicht Hilfsleistungen der Bundesbehörden stattfinden, die über das bisher geltende Finanzvolumen von 15 Milliarden US-Dollar hinausgehen. Die Entlassungen bei United Airlines würden in etwa ein Fünftel der von allen US-Luftfahrtunternehmen geplanten Stellenstreichungen ausmachen.

CONTINENTAL Nachdem der Aktienkurs des Unternehmens Ende vergangener Woche gleich um 50 Prozent abstürzte, stehen Entlassungen von 12.000 Mitarbeitern bevor. Beobachter gehen davon aus, dass Continental erster Kandidat für ein Konkursverfahren sein könnte, sollte der Kongress nicht Immunität gegenüber weiteren Schadenersatzklagen von Betroffenen der Anschläge vom 11. September einräumen, was dann auch für alle weiteren Gesellschaften zutreffen würde.

Die OPEC-Staaten haben ein Interesse daran, dass der Ölpreis nicht explodiert

Womit rechnen Sie für die Wirtschaft in Deutschland?

Ich möchte zunächst noch einmal ausdrücklich sagen, die Rezession in den USA ist de facto da - aber sie wird nicht lange anhalten und das reale Bruttoinlandsprodukt nicht gleich über mehrere Quartale sinken lassen. Wenn die US-Konjunktur schon im ersten Quartal 2002 wieder anspringt, womit zu rechnen ist, dürfte der Anstieg stärker sein, als sich das bislang annehmen ließ, da ein Teil der Produktionsausfälle aufgeholt werden muss. Hinzu kommen die erwähnten und andere Stützungsmaßnahmen. Damit eröffnen sich auch für Deutschland Konjunkturperspektiven, die das nächste Jahr nicht in einem völlig düsteren Licht erscheinen lassen. Bis Ende 2001 wird es wahrscheinlich sehr schlecht laufen für die deutsche Wirtschaft, danach aber dürfte die Konjunktur wieder anspringen. Immer vorausgesetzt, das militärisch nichts eskaliert.

Was geschieht, wenn durch die militärischen Aktionen der USA der Ölpreis erheblich steigt?

Spitzt sich die Lage zu, wird der Ölpreis zweifellos reagieren. Andererseits gehe ich davon aus, dass bei einer zeitlichen Begrenzung militärischer Handlungen der Preis nur für einige Tage aus dem Ruder laufen wird.

Aber Anfang 1991 während des Golfkrieges zog der Ölpreis recht beachtlich an ...

Das lässt sich kaum mit der jetzigen Situation vergleichen. Damals waren mit Irak und Kuwait OPEC-Staaten direkt involviert, außerdem hatten sich einige andere OPEC-Mitglieder aus politischen Gründen ausdrücklich gegen die USA gestellt. Derartige Positionen zeichnen sich im Moment nach meinem Eindruck nicht ab. Bisher haben ja die Erdöl fördernden Staaten erklärt, dass sie entweder auf Seiten der USA stehen oder sich neutral verhalten. Ich rechne deshalb nicht damit, dass die OPEC am Ölhahn dreht. Im Gegenteil, Saudi-Arabien hat zu verstehen gegeben, es wolle bei Engpässen die Produktion ausweiten - ich würde sogar soweit gehen und sagen, die OPEC-Staaten haben ein Interesse daran, dass der Ölpreis nicht explodiert.

Auf den Punkt gebracht - Sie schließen eine Verletzbarkeit der westlichen Ökonomien, hervorgerufen durch Entwicklungen auf dem Weltrohölmarkt, auch bei Militäraktionen aus.

Ja, immer vorausgesetzt, dass es zu keiner Eskalation kommt. Wenn die mögliche Auseinandersetzungen eine andere Dimension erhalten oder sich Staaten direkt gegen die USA wenden, dann kann es anders aussehen, aber das halte ich im Moment für ein eher unwahrscheinliches Szenario.

Das Gespräch führte Lutz Herden.

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00:00 05.10.2001

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