Panzer mit David-Stern

Israel In den Augen der Welt längst ein normaler Staat - nur benimmt er sich vollends anormal

Mit einem Alter von 58 Jahren sollte ein Staat - genau wie ein Mann - eine gewisse Reife erreicht haben. Nach fast sechs Jahrzehnten der Existenz wissen wir ein für alle Mal, wer wir sind, was wir getan haben, wie wir gegenüber anderen erscheinen. Auch wenn wir noch gelegentlich Illusionen über uns selbst nachhängen, sind wir doch weise genug, um diese als solche anzuerkennen. Kurz gesagt: Wir sind erwachsen.

Der Staat Israel bleibt seltsamerweise - und unter den westlichen Demokratien einzigartig - unreif. Die sozialen Wandlungen und seine vielen wirtschaftlichen Errungenschaften haben ihm nicht die politische Weisheit gebracht, die sonst dieses Alter begleitet. Von außen gesehen benimmt sich Israel noch immer wie ein pubertierender Jugendlicher: erfüllt vom zerbrechlichen Vertrauen in die eigene Einzigartigkeit, voll verletzlicher Selbstbewunderung, schnell gekränkt und schnell im Austeilen. Wie viele Jugendliche ist Israel davon überzeugt, tun und lassen zu können, was es will, und von dem Glauben beseelt, unsterblich zu sein.

Aber - so werden mir die Leser vorwerfen - das ist doch nur eine vorgefasste Meinung. Was von außen wie ein eigensinniges Land erscheint, gleichgültig gegenüber der Weltmeinung, das ist einfach ein kleiner Staat, der tut, was er immer getan hat: Er achtet auf seine eigenen Interessen in einem ungastlichen Teil der Welt. Warum sollte das stets kampfbereite Israel Kritik von außen zur Kenntnis nehmen oder gar darauf reagieren? Warum sollte Israel sich ändern?

Aber die Welt hat sich gewandelt, und dieser Wandel ist in Israel größtenteils nicht bemerkt worden. Darauf möchte ich aufmerksam machen. Vor 1967 ist der israelische Staat auch klein und kampfbereit gewesen, aber er war nicht unbeliebt, schon gar nicht im Westen. Der Sowjetblock war natürlich anti-zionistisch; genau deswegen wurde der Staat Israel von allen anderen anfangs besonders gut behütet, einschließlich der nicht kommunistischen Linken. Das romantische Image der Kibbuzniks hatte während der ersten beiden Jahrzehnte nach der Staatsgründung einen breit gefächerten Werbeeffekt. Die meisten Bewunderer Israels - Juden wie Nicht-Juden - wussten dagegen wenig über die palästinensische "Nakba" - die Katastrophe von 1948*. Sie sahen im jüdischen Staat die letzte Inkarnation eines agrarischen Sozialismus, eines Idylls aus dem 19. Jahrhundert, das "die Wüste zum Blühen bringt".

Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 1967, als die Meinung der Studenten an der Universität Cambridge kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg überwältigend pro-israelisch war. Man kümmerte sich wenig um die Lage der Palästinenser, wie man sich auch kaum für den Zusammenstoß Israels mit Frankreich und Großbritannien beim verheerenden Suez-Abenteuer von 1956 interessiert hatte. In Diplomaten-Kreisen übten nur konservative Arabisten Kritik am jüdischen Staat.

Nach 1967 blieben diese Gefühle noch eine Weile unverändert. Der pro-palästinensische Enthusiasmus der radikalen 68er-Gruppen wurde durch die wachsenden Erkenntnisse über den Holocaust, durch Bildung und Medien kompensiert: Was Israel durch die andauernde Besetzung arabischen Territoriums an Ansehen verlor, gewann es durch seine Identifizierung mit dem Gedenken an die ermordeten Juden Europas. Selbst der Bau illegaler Siedlungen und die verheerende Invasion im Libanon 1982 konnten die internationale Meinungsbalance nicht erschüttern. Auch jene, die versuchten, den "Fall Palästina" nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, mussten zugeben, dass ihnen keiner zuhörte. Israel konnte tun, was es wollte.

Heute ist alles anders. Wir können im Rückblick sehen, dass der Sieg vom Juni 1967 und die andauernde Besatzung in den damals eroberten Gebieten zur "Nakba" des jüdischen Staates wurde: eine moralische und politische Katastrophe. Israels Aktionen in der Westbank und im Gazastreifen haben das Fehlverhalten des Landes vergrößert und es vor einer beobachtenden Welt zur Schau gestellt. Ausgangssperren, Kontrollpunkte, Bulldozer, öffentliche Demütigungen, Hauszerstörungen, Schießereien, "gezielte Tötungen", der Trennungszaun - all die Besatzungsroutine und Unterdrückung. Die Folge davon ist ein völliger Wandel im Urteil. Noch vor kurzem dominierte das sorgfältig aufpolierte Image einer ultramodernen Gesellschaft, aufgebaut von Überlebenden des Holocaust und den Pionieren der Gründerjahre, bevölkert von friedliebenden Demokraten - heute ist das universelle Symbol für Israel, das weltweit in den Karikaturen der Zeitungen auftaucht, der Davidstern auf einem Panzer.

Nur noch eine Minderheit sieht die Israelis als Opfer. Als die wirklichen Opfer - und das ist weitgehend Konsens - gelten die Palästinenser. Sie haben die Juden als Symbol der verfolgten Minderheit ersetzt - eine Wende, durch die Israel neu definiert wird. Vergleiche mit einem Kolonialherren und - was schlimmer ist - mit dem Südafrika der Rassengesetze und Bantustans sind zu hören. Israel weckt nur noch wenig Sympathie, selbst wenn seine Bürger leiden: Tote Israelis werden - wie die ermordeten weißen Südafrikaner zu Zeiten der Apartheid - weniger als Opfer des Terrorismus, mehr als Kollateralschaden einer fehlgeleiteten Politik gesehen.

Solche Vergleiche sind für Israels moralische Glaubwürdigkeit tödlich. Sie treffen das, was einmal seine überzeugendste Legitimation war: die Behauptung, eine verwundbare Insel der Demokratie und des Anstandes in einem Meer von autoritären Systemen und Grausamkeiten zu sein; eine Oase des Rechtes und der Freiheit. Aber Demokraten sperren ein hilfloses Volk, dessen Land sie erobert haben, nicht in Bantustans, sie ignorieren weder das Völkerrecht noch stehlen sie die Häuser der anderen. Die Widersprüche der israelischen Selbstdarstellung - "wir sind stark/wir sind verwundbar"; "wir kontrollieren selbst unser Schicksal/wir sind die Opfer"; "wir sind ein ganz normaler Staat/wir verlangen eine besondere Behandlung" sind nicht neu, sie prägten die israelische Identität von Anfang an. Die hartnäckige Betonung von Isolation und Einzigartigkeit sowie der Anspruch, sowohl Opfer als auch Held zu sein, gehörten schon immer zur "David-gegen-Goliath-Werbung" in eigener Sache.

Aber die lang gehegte Verfolgungsmanie nach dem Motto: "Jeder möchte uns eins auswischen", löst nicht mehr die gewohnten Sympathien aus. Selbst der Holocaust kann nicht länger als Entschuldigung für Israels Verhalten instrumentalisiert werden. Bis zum Ende des Kalten Krieges konnte mit der Schuld der Deutschen wie anderer Europäer gespielt und der Vorwurf erhoben werden: Sie alle würden nicht anerkennen, was Juden in ihrem Lande angetan wurde. Jetzt, da sich die Geschichte des Zweiten Weltkrieges von den öffentlichen Plätzen in Klassenzimmer und Geschichtsbücher zurückzieht, wächst die Zahl derer, die nicht verstehen, wie man sich auf die Schrecken des letzten europäischen Krieges berufen kann, um sich ein unannehmbares Verhalten in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort zu genehmigen. In den Augen der beobachtenden Welt ist der Umstand, dass die Urgroßmutter eines israelischen Soldaten in Treblinka starb, keine Entschuldigung dafür, dass er eine am Kontrollpunkt wartende Palästinenserin demütigt. "Denk an Auschwitz!" ist keine akzeptable Antwort mehr.

Kurz gesagt: in den Augen der Welt ist Israel ein normaler Staat - aber er benimmt sich anormal. Er ist stark, sogar sehr stark - aber sein Verhalten verletzt andere. Da es dafür keine Rechtfertigung gibt, fallen Israel und seine Unterstützer mit wachsendem Lärm auf die Behauptung zurück: Weil Israel ein jüdischer Staat sei, werde er kritisiert. Der Vorwurf, wonach Kritik an Israel stillschweigend antisemitisch sei, gilt in Israel und den USA als Trumpfkarte schlechthin. Wird sie zuletzt immer hartnäckiger und aggressiver ausgespielt, dann weil es die einzig noch verbliebene Karte ist.

Wenn Israel die Bevölkerung in den besetzten Gebieten ausraubt und demütigt, aber jedem Kritiker mit lauter Stimme "Antisemit" entgegenschleudert, heißt das in Wirklichkeit: Was im Libanon, in der Westbank und in Gaza geschieht, das sind keine israelischen, sondern jüdische Akte. Und wenn du das nicht magst, dann nur, weil dir Juden unsympathisch sind.

In vielen Teilen der Welt läuft diese Position Gefahr, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu werden: Israels hartnäckige Gleichsetzung jeder Kritik mit Antisemitismus wird zur Ursache eines antijüdischen Gefühls im westlichen Europa ebenso wie in großen Teilen Asiens. Denn der zionistische Traum hat sich voll und ganz erfüllt: Für zig Millionen Menschen in der Welt von heute ist Israel tatsächlich der Staat aller Juden geworden. Gerade deshalb glauben viele Beobachter, es wäre gut, würde Israel den Palästinensern ihr Land zurückgeben, um einem wachsenden Antisemitismus in den Vororten von Paris und den Straßen Jakartas zu begegnen.

Wenn Israels Führer solche Entwicklungen bisher ignorieren konnten, lag das daran, dass sie weiterhin mit dem unkritischen Beistand der USA rechnen durften, dem einzigen Land der Welt, in dem die Behauptung, Antizionismus sei gleich Antisemitismus, nicht nur die Meinung vieler Juden, sondern auch vieler Politiker ist. Aber dieses träge, tief verwurzelte Vertrauen in die bedingungslose Anerkennung durch die Amerikaner führt zur Selbstblockade Israels.

Es ist noch nicht so lange her, dass Ariel Sharons Berater fröhlich ihren Erfolg feierten, dem US-Präsidenten ein öffentliches Statement diktiert zu haben, das illegale Siedlungen billigte. Kein Kongressabgeordneter in Washington hat es bisher gewagt, eine Kürzung der jährlichen Drei-Milliarden-Dollar-Hilfe für Israel vorschlagen, die dabei hilft, den Libanon anzugreifen und den Siedlungsbau in den besetzten Gebieten aufrechtzuerhalten - Israelis und Amerikaner scheinen in symbiotischer Umarmung verbunden.

Doch die USA sind eine Großmacht - und Großmächte haben Interessen, die früher oder später die lokalen Obsessionen auch ihrer engsten abhängigen Alliierten nicht unberührt lassen. Es scheint mir von nicht geringer Bedeutung, dass der jüngst erschienene Aufsatz Die Israel-Lobby von Mearsheimer und Walt eine solch große öffentliche Resonanz auslöste. Mearsheimer und Walt gelten in den USA als prominente Akademiker mit tadellosen konservativen Referenzen. Es stimmt, dass sie ihre vernichtende Anklage über den Einfluss der Israel-Lobby auf die US-Außenpolitik in keiner großen Zeitung veröffentlichen konnten (der Aufsatz erschien in der London Review of Books) - vor zehn Jahren allerdings hätten sie ihn vermutlich nirgendwo veröffentlichen können.

Tatsache ist, dass sich angesichts der verheerenden Irak-Invasion die außenpolitische Debatte in den USA zu ändern beginnt. Prominenten Denkern aus dem gesamten politischen Spektrum wird zunehmend klar, dass es in den vergangenen Jahren einen katastrophalen Verlust an internationalem Einfluss gab und das moralische Image degeneriert ist. Es gibt einen enormen Reparaturbedarf, um das Geschäft mit wirtschaftlich und strategisch vitalen Regionen von Nahost bis Südostasien nicht weiter zu belasten. Nur kann diese Inventur nicht gelingen, solange die USA wie mit einer Nabelschnur an die Bedürfnisse und Interessen eines kleinen nahöstlichen Landes gebunden sind, das nach Mearsheimer und Walt eher eine strategische Bürde ist.

Als Dozent bin ich über den Wandel der Haltung bei Studenten überrascht. Nur ein Beispiel: An der New Yorker Universität hielt ich im Mai Vorlesungen über die Geschichte Nachkriegseuropas. Ich versuchte, jungen Amerikanern den Platz des Spanischen Bürgerkrieges im politischen Gedächtnis der Europäer und das von unseren Wertvorstellungen bestimmte Urteil über das Spanien Francos zu erklären: als Symbol der Unterdrückung in einer Zeit des Liberalismus, als Land der Schande, das wegen seiner Verbrechen boykottiert wurde. Ich erinnere mich, dass ich zu den Studenten sagte, über kein anderes Land sei im demokratischen Bewusstsein so geringschätzig gedacht worden. Eine Studentin erwiderte: "Wie ist es mit Israel?" Zu meiner großen Überraschung stimmte der größte Teil des Seminars zu, auch die jüdischen Teilnehmer. So ändern sich die Zeiten. Dass man von jungen Amerikanern mit dem franquistischen Spanien verglichen wird, sollte die Israelis schockieren - es ist fünf Minuten vor zwölf.

Israel ist blind gegenüber der Gefahr, dass seine Exzesse bis hin zum Einmarsch in den Libanon seinen imperialen Mentor an den Punkt der Irritation und darüber hinaus bringen. Gewiss, der moderne israelische Staat hat große Waffen, sehr große Waffen. Doch kann er damit etwas anderes, als sich Feinde machen? Das moderne Israel hätte andere Optionen. Gerade weil es zum Objekt eines universalen Misstrauens wurde und die Menschen heute so wenig von ihm erwarten. Eine wahrlich staatsmännische Zäsur - zum Beispiel Verhandlungen mit den Palästinensern ohne Vorbedingungen, indem man die Hamas ernst nimmt und ihr für die Anerkennung Israels ein seriöses Angebot macht - könnte unverhältnismäßig wohltuende Auswirkungen haben. Ein solch radikaler Wandel würde freilich jedes Klischee und jede Illusion in Frage stellen, mit denen sich Israel und seine politische Elite so behaglich eingerichtet haben.

Führer anderer Länder haben eine vergleichbare Neuorientierung zustande gebracht: Als für Charles de Gaulle außer Zweifel stand, dass sich Frankreichs Bastionen in Algerien (die viel älter waren als Israels Siedlungen in der Westbank) zu einer militärischen und moralischen Katastrophe auswuchsen, handelte er. Mit außergewöhnlichem politischen Mut zog sich der General aus Nordafrika zurück. De Gaulle war damals ein erfahrener Staatsmann und fast 70 Jahre alt. Israel kann es sich nicht leisten, noch solange zu warten. Mit 58 sollte die Zeit gekommen sein, erwachsen zu werden.

Übersetzung Ellen Rohlfs

(*) Gemeint ist die Vertreibung von einer Million Palästinensern aus ihrer Heimat nach dem Nahostkrieg von 1947/48 und der israelischen Staatsgründung zum gleichen Zeitpunkt.

Professor Tony Judt ist Direktor des Remarque Instituts an der New Yorker Universität, nach diversen anderen Veröffentlichungen erschien 2005 sein Buch Nachkriegszeit: die Geschichte Europas seit 1945.

00:00 21.07.2006

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