Papa wohnt nicht mehr hier

Vater-Suche, Mutter-Fühlen Neue Stücke von Alvis Hermanis, Christoph Nußbaumeder und Herbert Achternbusch in Zürich und Mannheim

Je mehr man in der Bundesrepublik über das angeblich bevorstehende Aussterben der Deutschen debattiert und als Heilmittel entweder Kinderkrippenplätze (von der Leyen plus SPD) oder die allgewaltige Bindungsmacht der Familie empfiehlt (die sog. Mixa-Fraktion der katholischen Kirche), desto mehr kommt wieder etwas in den Blick, was man gerade erst gründlich abgeschafft hatte: die Väter. Väter sind zwar angeblich blöd, gewalttätig oder einfach abwesend, sie besetzen Arbeitsplätze, die eigentlich Frauen zustehen, sie verweigern sich der endgültigen Domestizierung zum Hausmann - aber leider braucht man sie halt doch, gelegentlich, als Samenspender oder einfach für die schönen Seiten des Lebens. Tja.

Auch das Theater möchte sich jetzt wieder mehr mit Papa beschäftigen. Vielleicht liegt das (unter anderem) daran, dass die Intendanten-Rolle immer weniger von aufgeklärten, aber mittlerweile rentenreifen 68iger-Patriarchen à la Peymann, Flimm, Dorn oder Baumbauer besetzt wird, sondern eher von smarten Mittvierzigern wie Matthias Hartmann, bei denen es auf der Bühne meist so sauber zugeht wie in Operationssaal oder Großraumbüro. Richtige Väter, an denen man sich reiben kann, sind sie nicht, dazu haben sie mittlerweile das Managerhafte des Theaterberufs viel zu sehr verinnerlicht.

Immerhin, und das ist sehr zu loben, hat der Zürcher Schauspiel-Chef Matthias Hartmann jetzt dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis (Väter) eine nationenübergreifende Vatersuche ermöglicht; andererseits darf in Mannheim der eher für volksstückhafte Milieus bekannte Autor Christoph Nußbaumeder abendfüllend gegen die 68er-Väter anstänkern. Symptomatisch ist, dass der von Christiane J. Schneider ehrfurchtsvoll inszenierte Nußbaumeder-Text (Offene Türen) stinklangweilig bleibt und tatsächlich offene Türen einrennt, während Hermanis in Zürich eine zwar lang dauernde, oft aber überraschende und zärtliche Spurensuche gelingt.

Um all das noch zu toppen, bringt in Mannheim der frisch angetretene Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski ein neues Stück des jetzt fast 70-jährigen Herbert Achternbusch auf die Bühne (Kopf und Herz), das im Subtext das Problem der Vater-losigkeit thematisiert: Es ist der imaginäre Dialog des ums Überleben kämpfenden Fötus Achternbusch mit der schönen, aber abtreibungswilligen Mutter. Historischer Ort des intrauterinen Geschehens ist aparterweise die Nazizeit.

Alvis Hermanis arbeitet in Zürich mit einem feinen Trick, weil er seine Vatersuche als Studie über das Theaterspielen anlegt: Was passiert, wenn Söhne Schauspieler werden? Fungieren die Väter auch da als frühe Modellfiguren, an denen man sich abarbeitet? Gibt es so etwas wie schauspielerisches Imitationslernen, das sich am Vater orientiert? Hermanis, der seine Figuren gern in theatralische Experimentierfelder hineinschickt, hat drei Monate lang mit seinen Protagonisten Väter-Episoden geschrieben und montiert. Das Stück beginnt in der Garderobe; aber es galoppiert dann ziemlich wild durch die jüngere Zeitgeschichte. Alle drei Söhne dürften Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre geboren sein. Der Vater des aus dem Ruhrgebiet stammenden Oliver Bukowski war ein verschrobener Polizist der oberen Ränge, der auch in Gorleben und Wackersdorf eingesetzt wurde. Zu Hause erlebte ihn der Sohn als liebenswürdigen Kleinbürger mit Spleens und Macken. Der Erzeuger des Letten Gundars Abolins war gleichfalls Schauspieler - dem Alkohol sehr zugetan und mit der Arbeit des Sohnes natürlich chronisch unzufrieden. Der Vater des ebenfalls aus Riga stammenden Russen Juris Baratinskis dagegen wurde wegen einer Kleinigkeit nach Sibirien verschleppt und saß 14 Jahre im Lager. Bis zu seinem Tod hat dieser Vater, im späteren Leben mehr Frauenheld als Widerstandskämpfer, nicht über das Lager gesprochen. Er sagte nur: die ersten 10 Jahre sind schwierig. Dann gewöhnst du dich daran.

Es ist immer wieder das Schweigen, das zwischen Vater und Sohn steht, Dinge, über die man nicht sprechen kann, Sex vor allem. Es gibt aber auch diese geheime Komplizenschaft, den Stolz, die Kumpanei. Stokowskis Vater benutzte Bier als Haarfestiger und dirigierte abends, in Anfällen romantischer Hingebung, vor dem Plattenspieler Smetanas Moldau - sein eigener Großvater war nämlich der Dirigent Leopold Stokowski gewesen. Juris Baratinskis´ Erzeuger tauchte den Sohn zwecks Abhärtung winters in Eislöcher - und er zeigte ihm, wie man boxt und dass man keine Angst haben muss. Der Vater von Gundars Abolins verpasste im Suff eine Vorstellung, die er dringend hätte spielen müssen - aber alle Schauspielerkollegen behaupteten, er sei doch da gewesen und habe gespielt so toll wie noch nie.

Es sind solche Szenen, die diese Erzählungen immer wieder ins Irreale kippen lassen - und dem Publikum zeigen, wie trügerisch die Selbstdarstellung der Väter, aber auch die Erinnerung der Söhne ist. Mit zunehmender Spieldauer weiß man dann immer weniger, was nun wahr ist und was vielleicht doch nur erfunden. Aber das ist die Kunst von Hermanis: einen Bühnenraum zu schaffen, der auch für das Publikum Intimität und Nähe zulässt. Hermanis Ausgangspunkt sind immer Banalitäten, Kleinigkeiten, die für eine Person plötzlich Bedeutung bekommen: der Geruch des Vaters zum Beispiel. Roch er wirklich nach fremden Frauen, wie die Mutter immer sagte? Oder roch er nur nach Schokolade? Es menschelt also sehr in diesem Stück, die Erzählungen sind anrührend und komisch, und die nicht so guten Pointen werden von Sechziger-Jahre-Schlagern abgefangen. Mit allerlei fotorealistischen Stellwänden soll Authentizität vorgegaukelt werden, aber im Grunde werden hier Vaterfiguren aus der Rumpelkammer einer sehr subjektiven Erinnerung geholt und theatralisch bearbeitet. Die Darsteller werden im Lauf der Vorstellung immer mehr auf Alt geschminkt, und am Ende könnten sie, als Greise sagen: ich bin mein Vater. Oder doch nicht? Sie spielen ihn nur. Eine schöne, witzige, liebevolle Art, sich der eigenen Herkunft zu vergewissern.

Herbert Achternbusch, der anarchistische Kampftrinker aus Bayern, geht da ganz anders vor: In seinem neuen Stück wird die Heimat erst mal ausgiebig beschimpft. Ich verfluche dich, Scheiß-München, heißt es geradeheraus; "Gott anrufen" sei sinnlos, der sei "nicht erreichbar". Dabei hätte der kleine Herbert den lieben Gott bitter nötig: das Stück spielt noch im Mutterleib, und der Fötus Achternbusch ist in der misslichen Lage, sich den mütterlichen Vernichtungs-Wünschen widersetzen zu müssen. "Du behinderst mich", schreit die äußerst attraktive Mama, eine Sportlehrerin, schlägt auf ihren schwangeren Bauch ein und macht verflossene und potenzielle Liebhaber monologisch platt.

In Mannheim hat Regisseur Burkhard C. Kosminski den Fötus flugs in den ziemlich angejahrten Schriftsteller Achternbusch verwandelt, der im obligaten weißen Anzug hinter der Schreibmaschine sitzt. Leise säuselt die Zither, freundlich spotzt die volksmusikalische Tuba. Die assoziativ fließende Vorlage, in Hochdeutsch verfasst, hat er wieder ins Bayerische zurückübersetzt, jedenfalls was die Achternbusch-Figur betrifft. Und der Regisseur hat den Text, der die Einsätze für die beiden Figuren gar nicht kenntlich macht, zum Teil umgestellt und gekürzt, um einen Bogen in Achternbuschs inneres Chaos zu bekommen.

Trotz dieser freundlichen Kosmetik ist die vorgeburtliche Zwiesprache mit dem Ungeborenen als Plot bald verbraucht; und Kosminski gelingt leider auch keine geschichtliche Erdung des Stücks in der Nazizeit. Ein wenig wirkt die Uraufführung (mit dem famosen Rüdiger Hacker als bier-stürzendem Achternbusch-Ersatz) wie die missglückte Reanimation einer schönen bundesrepublikanischen Siebziger-Jahre-Leiche - damals soll Theater ja noch subversiv gewesen sein.

Aber auch dieser halblebige Achternbusch ist noch vergleichsweise aufrüttelnd gegenüber jenem Reißbrett-Theater, das der Jungautor Christoph Nußbaumeder als Auftragswerk in Mannheim abgeliefert hat. In seinen Offenen Türen werden die 68-Väter nach allen Regeln der Kunst geschlachtet - in Gestalt eines bigotten Dritte-Welt-Wohltäters, der für sein Engagement den Friedensnobelpreis erhalten soll (herrjeh!) und nun von seinem Sohn besucht wird, um den er sich wegen der Politik nie gekümmert hat. Der Versager-Vater scheucht auch die Ehefrau zum Lammbraten in die Küche und philosophiert darüber, ob man den Wein dekantieren sollte oder nicht - während er beruflich vor allem den Hunger in der Welt anprangert.

Das alles erschüttert uns und ist schwer verwerflich; noch verwerflicher aber ist die simple Dramaturgie, die uns Kleiderständer als Personen verkaufen will. Nußbaumeder folgt dem bewährten Showdown von Eines langen Tages Reise in die Nacht: Besichtigung der Familien-Katastrophe Schlag zwölf, hier: im Schlafanzug. Der sinnigerweise zum Werbe-Fuzzi ausgebildeten Sohn schlägt Vattern in Ketten und will den Gutmenschen vor einer Video-Kamera zu Geständnissen zwingen. Die Mimen des Mannheimer Nationaltheaters flöten Nußbaumeders Text, als wär´ er von Mozart. Nußbaumeder aber hat gar keine Sprache für diese Gestalten. Der aufgesetzte Realismus dieser Inszenierung zeigt sich am deutlichsten an der Figur des Sohnes, die von Tim Egloff völlig verzappelt wird: immer von Null auf Hundert, wie ein HB-Männchen. Das ist das Problem der 68-Kinder: Sie haben wenig zu bieten. Aber sie können ein Video-Gerät bedienen.


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00:00 20.04.2007

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