Papst ist Pop

Weltjugendtag Hunderttausende waren gekommen, um ihrem Superstar zu applaudieren. Eindrücke eines Massenspektakels

"Wir rufen jetzt hier vom Stadion in Köln zum Himmel hinauf: Heiliger Vater Johannes Paul II., wir warten auf Dich! Und wir rufen nach Rom hinüber: Heiliger Vater Benedikt XVI., wir warten auf Dich!"

So rief vor Hunderttausenden begeistert applaudierender junger Menschen aus aller Welt Kardinal Joachim Meisner in seiner Eröffnungspredigt zum Weltjugendtag den Papst im Jenseits und den im Diesseits gleichzeitig herbei. Ein herausragendes Ergebnis dieses Weltjugendtages war die mediengeschichtlich bahnbrechende Live-Übertragung der wahrscheinlich größten spiritistischen Massenseance aller Zeiten - dank Meisners intimen Umgangs mit dem Transzendenten.

Im Vorfeld des Mega-Events hatte Meisner, wegen seiner "Soldatengottesdienste" und seiner Neigung zu sprachlicher Militanz als "Sturmgeschütz Gottes" berühmt, wieder eine Breitseite gegen die Sorte Menschen abgefeuert, die ihm neben den Konfessions- und Glaubenslosen am meisten zuwider sind: die Achtundsechziger. Die Eltern der Achtundsechziger-Generation seien "metaphysische Asylanten, Obdachlose", schimpfte der Kirchenfürst am 9. August, dem dabei zugleich entfuhr, was er eigentlich von "Asylanten" und "Obdachlosen" hält. Und weil die "metaphysisch obdachlosen" Achtundsechziger-Eltern "die Jugend nicht mehr an die Quellen des Lebens" geführt hätten, mithin also zur Katholischen Kirche, komme es "zu Ersatzhandlungen wie etwa zum Griff nach Kondomen und der Pille", erkannte der Zölibatär scharfsichtig. Ach, wenn er da doch nur ein bisschen genauer auf seine eigenen Jungschäfchen aus allen Ländern des Herrn geschaut hätte. Die, denen man auf den Straßen begegnete, die man in den überfüllten Bahnen und Bussen sah, fanden auf durchaus jugendübliche Weise zueinander, nicht anders als Jugendliche überall sonst. Sie werden wohl kaum nur Bibelworte ausgetauscht haben, die 14- und 16-Jährigen, die selbstvergessen ihre Lippen aufeinander pressten. Irreal daher schon das hoheitliche "Kondomverbot".

Aber der Blick auf Jugendliche, die sich jenseits der religiösen Begeisterung ansonsten recht normal verhielten, lachten, lärmten und anscheinend auch der Liebe nicht abhold waren, wirkte auf den außenstehenden Betrachter fast beruhigend. Allzuweit her kann es denn auch bei den gläubigsten Jugendlichen im Alltag nicht sein mit wortstrenger Befolgung rigoroser Gebote, wie sie die ansonsten so enthusiastisch bejubelten Oberen von ihnen und darüber hinaus ganz selbstverständlich von der gesamten Gesellschaft einfordern. Und so war dieser WJT nicht nur ein Dokument für die weiterwirkende Macht der Kirche, sondern eben auch für den unauflöslichen Widerspruch zwischen Lehre und Leben.

Solche Brüche vermochten die perfekt organisierte Event-Performance freilich nicht zu beeinträchtigen. Ein unkundiger Beobachter hätte meinen können, in Deutschland gäbe es nur papsttreue Katholiken - jedenfalls, wenn er sich nur an den Jubelfanfaren fast aller Medien und den Ergebenheitsadressen der hochrangig versammelten Politik orientiert hätte. "Köllelujah" - so begrüßte das auflagenstärkste Kölner Boulevardblatt Express die "fröhliche Invasion"; Bild beschwor das "gütige Herz des Papstes", dem doch sein unnachsichtiger Kampf gegen Frauenrechte und Reformchristen einst das Image eines legitimen Erbwalters der Inquisition eintrug; der Express wiederum übertrumpfte die Springer-Konkurrenz zum Abschluss der Weltjugendjubelwoche mit der jauchzenden Schlagzeile "Göttlich!"

Der Enthusiasmus der jugendlichen Massen erinnerte überhaupt mehr an ein Popfestival als an Kirche im übliche Sinne. Auch wenn nicht immer "Papstwetter" herrschte, tat dies der freudigen Erhitzung keinen Abbruch. Hunderttausende säumten am Freitag die Nord-Süd-Fahrt, um ihrem Superstar zu applaudieren. Als das Papamobil unter Polizeieskorte vorbeifuhr, war die Masse nicht mehr zu halten und jubelte, ungeachtet der aus vollen Eimern niedergießenden Regenfluten, ihrem 78-jährigen Idol mit einer Verzückung zu, als wäre Elvis leibhaftig auferstanden. Beglückt tanzten die Enkelinnen und Enkel des Heiligen Vaters auf der Straße - weniger ein gemessener Reigen seliger Geister als ausgelassenes Dancing in the rain. Das hätte der ätherisch wirkende Professor für Dogmatik und kompromisslose vatikanische Glaubenshüter, der wegen seiner Wehrmachtsvergangenheit besonders von der ausländischen Presse "Panzerkardinal" tituliert wurde, sicher nie erwartet - einmal im Mittelpunkt jugendlicher Begeisterung zu stehen.

Verglichen mit solchem Überschwang erschien die Bilanz des Bischofs von Trier von fast karger Nüchternheit: "Großartige Tage der Begegnung", so die Erfolgssumme von Reinhard Marx. Dessen weitläufiger Vorfahre, ein Kirchenkritiker namens Karl Marx, hätte sich nach diesen "großartigen Tagen" sicher in seiner Diagnose bestätigt gefühlt, dass Religion das Opium des Volkes sei. Jedenfalls hätte die Euphorie der TeilnehmerInnen aus allen Weltgegenden größer kaum sein können. Wer dieses Massenspektakel gesehen hat, begreift einen wesentlichen Grund für die hartnäckige Überlebensfähigkeit irrationaler Kulte und transzendental orientierter Glaubenssysteme, und allen voran der Katholischen Kirche. Eine ehemalige Bhagwan-Jüngerin fühlte sich angesichts der im Regen jubelnden und tanzenden jugendlichen Massen und des paradierenden Papamobils gar an die Auftritte des Gurus erinnert, der gern in seinen Nobelschlitten winkend an seinen begeisterten Anhängern vorbeifuhr. Mag auch der Vergleich zwischen dem weithin längst vergessenen luxusversessenen Esoterik-Scharlatan und dem fast bedürfnislos wirkenden "Heiligen Vater" auch abwegig klingen, so verdeutlicht er doch, wie irrationale, charismatische Kulte funktionieren, jedenfalls, was die Gefolgschaft betrifft.

Es waren schließlich mehr als eine Million Menschen, die bei der Abschlussfeier auf dem Marienfeld den Glauben an Auferstehung und ewiges Leben zelebrierten. Da ging es nicht um abstrakte Theologie oder kritische Reflexion, sondern ums schiere Gefühl, gespeist aus Quellen, gegen deren verzückende Wirkung jede Vernunft anscheinend machtlos ist. Und so blieb denn auch das antiklerikale Gegenprogramm der "religionsfreien Zone", mit dem die veranstaltende Giordano-Bruno-Stiftung und etliche freigeistige Verbände einen vernehmbaren Kontrapunkt zur religiösen Vereinnahmung setzen wollten, auf ein paar hundert Interessenten beschränkt.

Doch der Realist Ratzinger wäre wohl der Letzte, der sich von der eigenen PR blenden ließe. Vor seinen Bischöfen bezeichnete er die Bundesrepublik als "Missionsgebiet". Denn der Katholizismus repräsentiert heute eine - wenn auch immer noch starke - Minderheit von etwa 30 Prozent der Bevölkerung, Säuglinge und Kleinkinder eingeschlossen. Die Gruppe der Konfessionslosen, die im Gegensatz zu den christlichen Kirchen in Politik und Medien kaum vorkommen, wird bundesweit mittlerweile fast gleichauf mit den Katholiken liegen. Doch unabhängig von demoskopischen Prozentanteilen dürfte sich der Einfluss der Katholischen Kirche auf den öffentlichen Diskurs, auf Medien und Politik, durch den Erfolg dieses Weltjugendtages auf absehbare Zeit nachhaltig stabilisiert haben.

Was kleinere Niederlagen freilich nicht ausschließt: Noch zu Beginn der Feierwoche scheiterte der kirchliche Versuch, die ohnehin ungeliebte allwöchentliche Montagsdemo auf dem Domvorplatz polizeilich verbieten zu lassen. Ganz unbegrenzt war die Macht der Kirche denn doch nicht einmal im "hillije Kölle" während des Weltjugendtages.


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00:00 26.08.2005

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