Paradies bis Mitternacht

Kaliningrad Für die russische Enklave an der Ostsee ist die Osterweiterung der Europäischen Union alles andere als ein Geschenk des Himmels

Für die einen ist der Busbahnhof der Aufenthaltsort für den ganzen Tag, für andere nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Hause. Geduldiges Abwarten auf den Holzbänken und gleich darauf hektisches Zusammenraffen der Gepäckstücke, wenn die Abfahrt eines Busses durchgesagt wird. Nachdem im Oblast Kaliningrad immer mehr Zugverbindungen eingestellt wurden, ist der Bus für viele die einzige Möglichkeit, unterwegs zu sein. Angestellte in orangefarbenen Westen suchen für gestrandete Reisende die richtige Verbindung und sorgen für Ordnung, wenn der Andrang an einer schmalen Bustür zu beängstigend wird.

Frauen in weißen Kitteln preisen auf dem Bahnhof lautstark ihre gebackenen Teigtaschen an. Der Fettgeruch mischt sich mit strengem Papirossy-Rauch und wird von einer scharfen Windböe vertrieben, die frische Ostseeluft heranträgt und kleine Papierfetzen und Sand vor sich her wirbelt. Die Abfahrt eines Busses kündigt sich stets mit einer dunkelblauen Qualmwolke an, die knallend aus dem rostigen Auspuff geschossen kommt. Läuft der Motor, weicht die gespannte Aufmerksamkeit auf den Gesichtern der Busfahrer einer geschäftsmäßigen Gelassenheit - alles ganz normal heute.

Als sie vom Tod ihres Mannes erzählt, weint sie wie ein Kind

Am Bussteig nach Neman haben sich sehr entschlossen wirkende ältere Frauen aufgebaut. Hier liegt etwas in der Luft. Der Kampf beginnt, als sich die Bustür öffnet. Während die alten Leute versuchen, das Fahrzeug als Gruppe zu stürmen, stellt sich ihnen der Busfahrer in den Weg und ruft: "Nur die mit Fahrschein, wer hat ein Billett?" Gebrechlich aussehende Frauen entwickeln enorme Kräfte, schwenken ihre Rentenausweise, die ihnen eine freie Fahrt ermöglichen sollen und beschimpfen jeden, der sich mit hoch erhobenem Ticket einen Platz erkämpft. Kaliningrads Busunternehmen sind privatisiert und müssen Gewinn einfahren. Am Ende ist noch ein Sitz frei, der Bus fährt los, und während vor den Fenstern Hochhaussiedlungen vorbeiziehen, werden aus Gegnern freundlich gesinnte Sitznachbarn, die bald darauf ihren mitgebrachten Proviant teilen.

Ich führe unterdessen einen stillen, einsamen Kampf - aus der Lüftungsöffnung über mir rieselt pausenlos Rost, außerdem ziehen Abgase durch die Bodenritzen, ich friere. Die Landschaft um Kaliningrad herum gleicht im Frühsommer einem See mit einigen Inseln, auf denen Häuser stehen, deren Bewohner in Gummistiefeln den Vorgarten zur Straße durchwaten. Es wird Monate dauern, bis der Pregel die Wassermassen des Frühjahrs zur Ostsee bringt. Die Flächen, die das Wasser verschont hat, sind schwarz verkohlt, hier wurde zur Unkrautkontrolle das Gras abgebrannt. Mehr als die Gegend beansprucht der Busfahrer meine latente Aufmerksamkeit. Ich bewundere, wie er es nach jedem Halt schafft, den Motor durch Anrollen am Hang wieder zum Laufen zu bringen, denn Fahrgäste können auch ohne Bushaltestelle aus- oder einsteigen, wenn sie rechtzeitig Signal geben.

Nach dreieinhalb Stunden Fahrt werde ich in Neman von Olga Scharowa (*) begrüßt. Sie vermietet mir für einige Tage ihr Wohnzimmer und ist sehr besorgt, es könnte mir vielleicht nicht gefallen. Sie ist Rentnerin, lebt allein und versucht sich zum ersten Mal als Vermieterin. Olga hat gekocht, und wir gehen noch schnell zum Kiosk, um Getränke zu kaufen. Bei Wodka und Bier graben wir uns durch unsere Lebensgeschichten. Der Alkohol mindert das Sprachproblem erheblich. Als Olga 1945 mit ihren Eltern aus Sibirien nach Ostpreußen geriet, war sie ein Jahr alt. 1946 starb die Mutter, ihr Vater wurde erschossen, sie kam in ein Waisenheim. Als sie vom Tod ihres Mannes vor drei Jahren erzählt, weint sie wie ein Kind. Sie zeigt auf ihren geblümten Kittel: "Da passte ich mal knapp hinein, und jetzt, wie dünn bin ich jetzt!"

Am nächsten Morgen halte ich den Wodkakauf für einen schweren Fehler. Olga trinkt weiter, sitzt in ihrem Zimmer und raucht. Ich koche ihr Essen, sie will nichts. Eine Nachbarin erzählt, weil Olga zuviel trinke, dürfe sie ihre Enkelkinder nicht mehr sehen, ihr ganz großer Kummer. Aber Olga erholt sich, an meinem letzten Tag sitzt sie stundenlang auf ihrem Bett und sucht sich die passenden Worte für den Abschied zusammen. Do swidanjia, Olga!

Putin und Gouverneur Jegorow lächeln eine zerbröckelte Hausmauer an

Mit Viktor und Sergej Iwanow sitze ich einen Tag später an weißen Resopaltischen in einem kleinen Restaurant, das Viktors Frau vor zwei Jahren eröffnet hat. Um uns herum junge Leute, die den Abend genießen. Russische Popmusik, jeder kennt jeden, es gibt Pizza, Wodka, Cola. Zwei Stunden beantwortet Viktor meine Fragen. Er ist Landwirt und hat einen ehemaligen Kolchosbetrieb übernommen. Sergej, Viktors Sohn, übersetzt. Zwei Stunden höre ich etwas über versumpfte Flächen, Düngermangel, Verschuldung, Abschlachtung der Milchkühe, weil der Milchverkauf nicht mehr lohnt, über leere Versprechungen der Politiker, über Ungewissheiten.

Ich frage schließlich: "Und weshalb machst du immer weiter?" Dies will Sergej nicht übersetzen. "Lieber nicht", sagt er. "Doch, gerade das", dränge ich. Viktor antwortet mit einem russischen Sprichwort: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Dann sagt er noch: "Was soll ich denn sonst machen, ich habe doch nichts anderes gelernt!" Seine hämmernden Kopfschmerzen, die ihm seit langer Zeit das Leben schwer machen, erwähnt er nicht. Beide wollen noch kurz etwas trinken und dann los. "Wir müssen früh raus." Sergej, der Sohn, hat mehrere Jobs. Einen davon im Autohandel. Morgen wird er einen Wagen bis hinter den Ural fahren, hin und zurück sind es 4.000 km. Sein Vater wird ihn begleiten. Eine Überführung auf eigenes Risiko. Es darf nichts schief gehen. Die vorher gedrückte Stimmung weicht, beide freuen sich auf die Fahrt.

Sergej hat zwei landwirtschaftliche Ausbildungen in Deutschland abgeschlossen und wusste jahrelang nicht, wohin er gehört. Jetzt sagt er: "Ich fühle mich hier in Kaliningrad wohl. Leben und leben lassen. Solange ich niemanden störe, kann ich machen, was ich will. Jeder kann das." Seine Pläne für die Zukunft: bei den Eltern ausziehen, eine gut bezahlte Stelle in der Landwirtschaft.

Auf der Rückfahrt in die Stadt prangt ein mehrere Quadratmeter großes Plakat von einer grauen Wand. Putin und der Kaliningrader Gouverneur Jegorow lächeln und blicken optimistisch auf eine zerbröckelte Hausmauer. Valentina Solowjowa, meine Sitznachbarin schimpft leise vor sich hin: "Ja, sie machen Konferenzen und gehen über rote Teppiche - und was kommt heraus? Wir sind doch eingesperrt hier. Wir wollen nach Litauen und Polen. In Polen habe ich früher oft Urlaub gemacht. Wie soll das werden mit der EU. Und nach Russland können wir auch nicht mehr. Die machen die Grenzen dicht. Und dann?" Die letzten Worte sind an mich gerichtet. Ich weiß auch keine Lösung, schlage ein Übersiedeln nach Russland vor. "Nach Russland, was soll ich dort? Da bin ich auch eine Fremde, ich will hier leben, hier sind meine Kinder geboren." Valentinas Sohn studiert in München Betriebswirtschaft an einer Privatschule, der Vater zahlt. Ein Studium ist für viele junge Kaliningrader die einzige Möglichkeit, der Enge zu entfliehen und sich eine Zukunft zu suchen.

Vom Wind getrieben die Straßen herunter tanzen

In Kaliningrad habe ich eine Wohnung in einem Hochhaus am Pregel gemietet. Diese Häuser sehen aus, als müssten sie wegen Einsturzgefahr geschlossen werden. Aber innen! Welch ein Luxus. Dusche, Waschmaschine, Fernsehgerät. Nur ein Problem gibt es, aber das ist lösbar. Das Leitungswasser ist so gechlort, dass selbst gekochte Kartoffeln danach schmecken. Also gehe ich, wie viele meiner Nachbarn, mit Plastikflaschen zur Quelle - ein rostiges Rohr, aus dem Tag und Nacht Wasser sprudelt. Sie entspringt unter einer verrotteten Brücke inmitten großer Pfützen. Die Quelle macht alle Menschen gleich, jeder muss hier anstehen, wer sich vordrängelt, bekommt etwas zu hören.

Zweihundert Meter hinter der Quelle lockt mit roter Leuchtschrift das Paradies. Es hat von Morgens bis Mitternacht geöffnet und ist streng bewacht. Viktoria heißt diese Kaufhauskette, die sich in jedem der fünf Stadtviertel Kaliningrads etabliert hat. Manche Leute gehen nur zur Unterhaltung hin. Es wird öffentlich gebacken, die Fleischerei ist hinter einer riesigen Glaswand, Kinder haben ihren Spaß mit den lebendigen Forellen im Schwimmbecken. Fische auf Eis in allen Farben. Es wimmelt von Verkäufern, die sofort loslaufen, sobald ein Wunsch geäußert wird. Alles, aber auch alles wird in dünne Plastiktüten verpackt. Diese kann man dann später wiedersehen, wenn sie den offenen Müllcontainern entkommen und vom Wind angetrieben die Straßen herunter tanzen. Die Preise sprengen mein Budget, ich muss mich zusammenreißen, also zurück nach Hause, vorbei an kleinen, schwach erleuchteten Kiosken, in denen es auch Lebensmittel gibt, aber viel billiger. Ich koche mir Pelmeni ohne Chlorgeschmack, sehe deutsches Fernsehen und werde von sanften Schnapswolken eingenebelt, die aus der Wohnung unter mir stammen. Die Mieterin verarbeitet Obst für ihre Enkel, wie mein Nachbar sagt.

(*) Namen geändert!
Astrid Thomsen arbeitet als Agrarjournalistin. Sie schreibt zur Zeit in Kaliningrad an einer Studie über die aktuelle Situation der Landwirtschaft des Gebietes.

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00:00 05.07.2002

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