Paradiesvogel

Sportplatz Kolumne

Als ich zehn oder elf war, spannten wir eine Wäscheleine zwischen zwei Stühle auf dem gepflasterten Kindergartengelände direkt im Innenhof vor meiner Haustür. Ich hatte nie Tennisunterricht. Das hielt mich und meine Freunde aber nicht davon ab, gelbpelzige Bälle mit viel zu großen Tennisschlägern - entwendet aus den Zimmern unserer älteren Geschwister - über besagte Wäscheleine zu dreschen und dabei "15 null", oder "30 beide" zu brüllen. Ich bin mir heute sicher, ohne Dich wäre nichts von dem passiert.

Damals wusste ich noch nicht, was ein Punk war. In fransig-abgeschnittenen Jeans und bunten T-Shirts entzogst Du Dich der Kleiderordnung auf dem Center Court, auf dem man blütenweiß gewohnt war und wo man dich einen "Paradiesvogel" nannte. Deine goldblonde Mähne wehte, ungeschnitten, wild und kraus, bei jedem Aufschlag durch die Luft. Meistens folgten dem ein angestrengtes Stöhnen und ein sofortiger Sprint vor bis ans Netz, wo Du auf die Returns Deiner Gegner wartetest, um diese dann wuchtig zurück zu schmettern. Jemand erzählte mir von Deinem ersten Grand-Slam-Turnier. Wie Du in Paris im Halbfinale der French Open ´88 dem späteren Turniersieger Mats Wilander die Stirn botest und Dich erst im fünften Satz unter Krämpfen geschlagen gabst. Als Dir dann kurz darauf der Durchbruch gelang und man Dich zum ATP-Weltmeister krönte, war ich in meinem ersten Jahr am Gymnasium. In den Freistunden und Pausen spielten wir dort auf steinernen Tischtennisplatten mit bleiernen Netzen ein ums andere Mal eines dieser Matches nach. Du gegen Sampras, Becker gegen Stich, Chang gegen Ivanisevic. In unserer Tennis-Miniaturausgabe wurde selbst die Tischtennisrückhand beidhändig geschlagen, der Ball beim "Aufschlag" hoch in die Luft geworfen und besagtes Stöhnen mit Leidenschaft perfektioniert.

Nachdem Du etliche Turniere gewannst und dann zum ersten Mal auf Platz eins der Weltrangliste standest, schnittst Du Dir die Haare ab. Ich war entsetzt. Du wurdest älter und Dein Haar langsam dünner. Kahl aber bärtig nahmst Du die olympische Goldmedaille in Atlanta entgegen. Dein Name stand insgesamt einhundertundeine Woche lang über dem Rest der Tenniselite und oft unter Photos von Dir und Brooke Shields oder Barbara Streisand in der Yellow Press. Du hattest einen Faible für berühmte Frauen. Ich war am Fernseher dabei, als Du Erfolg hattest. Auch dann, als Dich gelegentliche Niederlagen - vorzugsweise gegen Deinen Angstgegner Pete Sampras, an dem Du eigentlich immer scheitertest - nicht aus der Bahn warfen. Wir wurden zusammen älter. Du langsam Tennissenior. Ich Student. Jetzt, da Du vorige Woche Deine Karriere beendetest, beende auch ich meine Tennislaufbahn vor dem Fernsehgerät.

Damals im heimischen Innenhof, auf dem gepflasterten Kindergartengelände, wo die Wäscheleine zwischen zwei Stühlen baumelte, da war ich Du. Mein Freund Daniel wollte aufgrund fehlender Originalität, wie ich fand, Boris Becker sein. Gegen Becker habe ich - also Du - fast nie verloren. Nur dieses eine Mal, kurz bevor sie Daniels Vater versetzten und sich unsere Wege trennten. Und irgendwie wusste ich, vor dem Fernseher bangend an jenem Montag voriger Woche, dass Du das Drittrundenspiel der diesjährigen US-Open gegen Becker verlieren würdest. Dein letztes Turnier. Dein letztes Spiel. Beendet von einem Ass aus dem Arm eines Deutschen namens B. Becker, der - wenn auch nicht Boris sondern Benjamin hieß - Dich tränenreich zum Tennisrentner machte.

Seither interessiere ich mich nicht mehr für Tennis. Ein jüngerer Agassi würde in der heutigen Tenniswelt gar nicht mehr auffallen, denn dort ist heute jeder Popstar oder Paradiesvogel. Darum, alter Andre Agassi, sagen wir nun beide Goodbye.


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00:00 15.09.2006

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