Paranoia und permanenter Krieg

Die Gewalt nach aussen tragen Amerikas Kultur der Angst

Innenpolitische Gründe sind es nicht zuletzt, die den zeitlich und räumlich unbefristeten »Kreuzzug gegen die Achse des Bösen« aus Sicht der extremen amerikanischen Rechten, die jetzt an der Macht ist, notwendig machen. Es geht um den gefährdeten Zusammenhalt einer Nation, die noch nie sozial so tief gespalten war wie heute. Die ständig mit Bildern und Metaphern des Krieges gefüttert wird und ihn so mit einer gewissen Zwangsläufigkeit aus sich selbst heraus gebiert. Krieg war schon immer - vor allem in Zeiten sozialer Verwerfungen - ein genialer Demiurg, der innere Einheit vorgaukelt, indem er Gewalt und Zerstörung nach außen trägt.

Golden waren die neunziger Jahre des amerikanischen Booms nur für die Reichen und einen Teil der Mittelklasse, kam doch aller Zuwachs an Einkommen nur dem oberen Fünftel, etwa 20 Millionen Haushalten, zugute. Eine halbe Million Superreiche besitzen heute in den Vereinigten Staaten ein Drittel aller Privatvermögen. Noch nie in deren Geschichte war die Kluft zwischen Arm und Reich so tief. Seit der Reagan-Ära fielen die durchschnittlichen Bruttolöhne für fast drei Viertel der Arbeitsbevölkerung um 19 Prozent. Für das untere Drittel der Einkommenspyramide war dieser Schwund noch dramatischer: dort erhält man 25 Prozent weniger Lohn als vor 20 Jahren. Auf der untersten Sprosse stehen die schwarzen Amerikaner: ihr Durchschnittseinkommen ist heute um 61 Prozent niedriger als das der weißen. Ein solches prozentuales Gefälle gab es schon einmal in der Geschichte der USA: das war 1880.

Nach dem Höhenflug der New Economy setzte bekanntlich der Abschwung an den internationalen Börsen ein, zwischenzeitlich der längste seit dem Crash von 1929. Im Unterschied zu früheren Krisen hat die jetzige auch den Mittelstand kalt erwischt. Noch nie gab es in den USA derart viele Insolvenzen mittlerer wie großer Unternehmen und eine so hohe Wirtschaftskriminalität. Ehemalige Flaggschiffe der US-Ökonomie wie Enron, Worldcom und andere sehen sich durch skrupellose Bilanzfälschungen ihrer Vorstände in den Konkurs getrieben. Jetzt stehen Millionen einstiger Middle-Class-Amerikaner, die ihre private Alterssicherung über Unternehmensaktien und Pensionsfonds gedeckt hatten, mit leeren Händen da und schauen verbittert und verängstigt in die Zukunft.

Der aggressive Neoliberalismus hat ein Klima geschaffen, das vom sozialdarwinistischen »struggle for life« - für Amerikaner wohl zutreffender vom »struggle for the richest« - beherrscht wird. Dieser Neoliberalismus ist selbst eine Ideologie und Praxis des Krieges. Und wo das tägliche Leben zur »war zone« wird, wo Symbole und Metaphern des Krieges den Alltag, die Börse, den Sport, die Nachrichten, die Unterhaltungsindustrie und Massenkultur durchdringen, erscheint auch der wirkliche Krieg als unabwendbare Naturnotwendigkeit, wie Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrer fulminanten Studie Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert ausgeführt haben.

Fortschreitender sozialer Zerfall geht einher mit dem rasanten Verfall des Public School-Systems. Sage und schreibe 44 Millionen Amerikaner sind nicht im Stande, Texte zu lesen und zu schreiben, die dem Standard einer vierten Klasse entsprechen - sie sind faktisch Analphabeten. Der Durchschnittsamerikaner verbringt 99 Stunden pro Jahr mit dem Lesen von Büchern und 1.460 Stunden vor dem Fernsehgerät. Dass eine Bevölkerung, die ihr »Welt-Bild« nur noch über visuelle Medien gewinnt, beliebig indoktriniert werden kann und so zum Objekt von Ängsten und Bedrohungen wird, liegt auf der Hand. In seiner 1999 erschienenen Studie The Culture of Fear hat der US-Soziologe Barry Glasner jene »Kultur der Angst« diagnostiziert und sie als »amerikanische Paranoia« bezeichnet. Seine These: In den USA profitieren Journalisten, Politiker und ganze Medienkonzerne von den Ängsten der Bevölkerung und schüren sie mit allen Mitteln.

Das Reality-TV sensationalisiert Nachrichten über Gewalttaten, Morde, Verbrechen oder tödliche Unfälle und sorgt für eine Atmosphäre, in der jeder Angst hat, von einem anderen angegriffen zu werden. Ob das der Afroamerikaner von nebenan, der »Weltbösewicht« Saddam oder die Taleban in Afghanistan sind - überall lauert ein schwarzer Mann, der einem an den Kragen will. Aus dieser Paranoia speist sich auch jene »Kultur der Gewalt«, die alle Poren der US-Gesellschaft durchdringt, und sie mit immer neuen Bedrohungsgefühlen und virulenten Energien auflädt, wie Michael Moores Filmcollage Bowling for Columbine in schockierender Weise zeigt.

Ein Konzept gegen den fortschreitenden Zerfall der Gesellschaft, gegen Gewalt und Gangs heißt: Militarisierung der Ausbildung. Und so wurde denn, auf Initiative von Colin Powell und gesponsert vom Pentagon, das landesweite Junior Reserve Officer Training Corps (JROTC) ins Leben gerufen. High-School-Direktoren aus allen Landesteilen reißen sich darum, das JROTC an ihre Schulen zu holen: Fahnengarde, Drill Team, Bürgerkunde, Antidrogenkampagne. An vielen High Schools hat das Militär bereits das Kommando übernommen. Offiziere impfen den Kadetten Treue, Disziplin und Gehorsam ein. Amerikas Großstadtkinder, oft aus zerrütteten Familien, finden Stabilität in Gruppen, die vom JROTC des Heeres, der Luftwaffe, der Flotte oder der Marines geleitet werden. Inzwischen schlüpfen jeden Nachmittag rund 500.000 Schüler in ihre JROTC-Uniform, vorzugsweise afroamerikanische und hispanische Teenager. Die Uniform symbolisiert nicht nur Schutz gegen eine feindliche und gefährliche Umwelt - sie ist auch die Fahrkarte aus dem Ghetto.

Der 11. September 2001 hat die neurotischen Bedrohungsgefühle der Amerikaner noch potenziert. Wenn sich die »amerikanische Paranoia« und das kollektive Trauma dieses Tages zusätzlich mit realen Existenzängsten verbinden - vor allem mit der Abstiegsangst einer deklassierten Mittelklasse -, kann daraus ein explosives Gemisch entstehen. Je gefährdeter die eigene Existenzgrundlage wird - dies kennen wir aus den Zeiten der Weimarer Republik -, desto größer wird auch die Neigung zur projektiven Abwehr dieser Ängste, zur Radikalisierung und moralischen Aufrüstung über eine aggressive Ideologie.

Der »Krieg gegen den Terror« und gegen »Schurkenstaaten« befriedet, wenn auch nur zum Schein und auf Zeit, die schroffen inneramerikanischen Gegensätze, indem er alle Kräfte auf den äußeren Feind lenkt. Patriotismus und Mobilisierung vereinen den unterbezahlten Schichtarbeiter wieder mit dem US-Millionär, den Obdachlosen aus der Bronx mit dem Penthouse-Bewohner der Fifth Avenue.

Sind wir nicht alle Amerikaner und gehören zur »großartigsten Nation der Welt« (O-Ton Bush), die jetzt gemeinsam und wehrhaft zurückschlägt? Das Trauma vom 11. September in Verbindung mit der »amerikanischen Paranoia«, den sozialen Abstiegsängsten breiter Bevölkerungsschichten, einer Militarisierung der Ausbildung und multimedialer Kriegspropaganda kann sehr wohl den Nährboden für eine neue christlich-fundamentalistische Massenbewegung bilden, die mit Begeisterung für »amerikanische Werte« in den Krieg zieht, zumal der Glaube an God´s own country und seine »Mission« zum - bis heute ungebrochenen - Selbstverständnis der US-Eliten und vieler christlicher Glaubensgemeinschaften gehört, deren Mitglieder nach Millionen zählen und die jetzt wieder große Zuschüsse aus Bundesmitteln erhalten. Wir haben allen Grund, uns vor diesem Amerika - und nicht nur vor seiner Regierung - zu fürchten. Längst liegt der Mehltau des Totalitären über den Vereinigten Staaten.

Die entscheidende Frage für die Zukunft aber ist, ob das »andere Amerika«, das auf eine große freiheitlich-demokratische Tradition zurückblickt, das Amerika der Liberalen und Kriegsgegner, das am Wochenende in New York und anderswo hunderttausendfach gegen die Bush-Regierung und deren Krieg unterwegs war, noch in der Lage ist, sich gegen diese fürchterliche Entwicklung zu stemmen. Wenn nicht, könnte es sich schon bald in einem militaristischen Überwachungsstaat Orwellscher Prägung wiederfinden, in dem die »vereinte Unternehmerpartei« die patriotischen Massen in immer neue Kriege gegen wechselnde Phantomfeinde schickt.

Michael Schneider ist Essayist und Romancier, Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und des akademischen Beirates von attac-Deutschland. Sein jüngster Roman Der Traum der Vernunft über einen deutschen Priester, der vom Vorkämpfer der großen Freiheitsideale zum jakobinischen Schreckensmann mutierte, stand 2001 auf der SWR-Bestenliste.

00:00 21.02.2003

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