Pariser Klassenkampf

Terror Der Hass der Dschihadisten galt den „Bobos“. Das junge, weltoffene Bürgertum wird auch von den Neokons verachtet
Pariser Klassenkampf
Beim Finale 1998 schien die multiethnische Nationalmannschaft für die meisten Franzosen noch ein positives Symbol

Foto: Daniel Garcia/AFP/Getty Images

„Barbarei“ oder „Wahnsinnstat“ sind so die Worte, mit denen wir ein schreckliches Ereignis zu bannen versuchen, das sich erst einmal unseren Begriffen zu entziehen scheint. Trotzdem hat ein Aspekt alle Beobachter bereits während der Anschläge überrascht: die genaue Auswahl der Angriffsziele und -orte, bei der man fast von Raffinesse sprechen kann.

Fangen wir mit dem Stade de France in Saint-Denis an. Es ist fast ein Tempel, in dem die französische Fußballelf 1998 die Weltmeisterschaft mit einem überragenden 3:0 gegen Brasilien gewonnen hat. An jenem Abend und in den darauffolgenden Monaten wurde die bunte französische Nationalmannschaft zum positiven Symbol. Die ethnische und religiöse Vielfalt, Ergebnis der Zuwanderung, schien der Schlüssel zur Zukunft des Landes. Davon gab noch das Freundschaftsspiel Frankreich–Deutschland vom 13. November 2015 einen Eindruck; sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen ist Fußball in Frankreich ein farbenfrohes Fest der Multiethnizität und der Vielfalt. Diese Vielfalt ist das wichtigste Angriffsziel aller Fanatiker vom Jugoslawien der 1990er Jahre bis hin zum Dschihadismus unserer Tage. Dass heute heterogenes, gemischtes Leben möglich ist, stört sie am allermeisten.

Trotzdem sei daran erinnert, dass der multiethnische Fußball nicht nur die Märtyreranwärter aus postkolonialen Vorstädten zum Feind hat. Die Equipe de France war in den letzten Jahren für Neokonservative aller Schattierungen wiederholt das zentrale Angriffsziel. Die Fußballer seien zu afrikanisch, hieß es, es bedürfe einer Quotierung, um das Gleichgewicht der französischen Mannschaft zu garantieren (2011); Alain Finkielkraut, einer der in Frankreich meistgelesenen Essayisten, sagte 2005: „Dieses schwarz-schwarz-schwarze Team ist das Gespött Europas“, „die Fußballspieler wollen die Marseillaise nicht singen“ …

Den Auftakt machte 2006 – am Tag nach Zidanes Kopfstoß beim WM-Finale von Berlin – die Presse des Front National mit ihrer Titelzeile: „Ciao, Gauner!“ (Ciao, voyou!); seither haben sich die Schmähungen zu einem Backlash gegen die französische Offenheit und Freigiebigkeit in Sachen Migration und Multiethnizität ausgewachsen. Der Immigrant, sogar jener mit Ball am Fuß, wurde wieder als das dargestellt, was er schon immer war: ein Paria.

Und so kam das französische Fußballteam zwischen die Räder einer ebenso stummen wie extrem mörderischen Minderheit der maghrebinischen Jugend einerseits und der reaktionären Elite des Landes andererseits, die im Fernsehen ihren Hass gegen die Durchmischung der Bevölkerungsgruppen über alle Talkshows ergießen konnte, in die sie einladen worden war, um mit dem „politisch Korrekten“ Schluss zu machen.

Die soziale Geografie

Während sich also einige junge Männer vor dem Eingang des Stade de France in die Luft sprengten, brachen andere Teams von Mördern zu ihrer blutigen Spritztour in Paris auf. Aber nicht irgendein Paris. Vor allem Ausgehviertel wurden zur Zielscheibe. Und auch hier nicht irgendein Ausgehviertel. In der Auswahl haben die Terroristen ihre perfekte Kenntnis der politischen und sozialen Geografie der französischen Hauptstadt unter Beweis gestellt. Die Angriffe fanden in der Tat in einer eng umrissenen Gegend des Pariser Stadtraums statt.Hier lebt eine sehr gut gebildete Bourgeoisie in ihren 30er oder 40ern, die der Welt gegenüber offen und links ist. Das Entsetzen nach den Anschlägen ist viel größer, als es nach Charlie Hebdo der Fall gewesen ist. Bei Charlie traf der Hass eine Redaktion für das, was sie getan hat (den Propheten verunglimpfen). Hier traf er eine soziokulturelle Schicht für das, was sie ist. Viele Journalisten der Pariser Redaktionen (Le Monde, Libération, Mediapart …) konnten die Ereignisse von den Fenstern ihrer Wohnungen aus sehen oder direkt im Bataclan. An den Orten der Massaker ist die Dichte dieser im Grunde sehr kleinen Bevölkerungsgruppe extrem hoch.

Denn diese lebendigen Viertel, durch die der friedliche Canal Saint-Martin bis zur Place de la Bastille fließt, sind kleine Inseln inmitten einer Agglomeration, die von Ungleichheit und Entmischung geprägt ist. Und wenn wir davon ausgehen, dass es eine internationale Geopolitik der Massaker gibt, dann gibt es auch eine sehr lebendige Sozialgeschichte. Das dschihadistische Blutbad ist nicht nur ein Kapitel eines apokalyptischen Projekts, sondern auch des Pariser Klassenkampfes, der im Rahmen einer sehr starken räumlichen Polarisierung stattfindet. Das Massaker ist die hysterische Fortsetzung der urbanen Revolten der vergangenen drei Jahrzehnte. Wenn es einen Kampf im städtischen Raum gibt, warum wurde dann diese kleine gesellschaftliche Gruppe ins Visier genommen, die junge, aufgeklärte und tolerante Bourgeoisie, die beispielsweise vor kurzem die Homo-Ehe verteidigte und die ihren Anteil daran hat, dass seit Anfang der Nullerjahre das Pariser Rathaus von Linken regiert wird?

Ganz einfach deshalb, weil die Mörder genau diese Bourgeoisie am meisten hassen. Sie steht für einen Universalismus, Kosmopolitismus und Vielfalt, die sie erst ermöglichen. Es ist eine Bourgeoisie, die sich um andere kümmert wie diese jungen Kollegen: Mathieu Giroud hat Kindern aus Familien Nachhilfe gegeben, die ihre Wohnungen wegen zu hohen Mieten verloren hatten, Valeria Solesin hat sich ehrenamtlich für Kriegsopfer engagiert. Eine Bourgeoisie, die mit jungen Arabern oder Afrikanern Alkohol oder Tee trinkt, mit Abtrünnigen also oder in der Sprache der Fanatiker: mit den kuffar. Wie Sarajevo während des Jugoslawienkonflikts zieht dieser Teil von Paris den Hass auf sich.

Nun zieht aber dieser Teil der französischen Bevölkerung auch den bislang zwar nur verbal vorgetragenen, aber dennoch omnipräsenten Hass vieler französischer Publizisten auf sich – es sind oft die gleichen, die sich die französische Nationalelf als Hassobjekt ausgesucht hatten. Diese bobos (bourgeois bohèmes) würden sich in ihrem Pariser Reiche-Leute-Ghetto einschließen (man muss über viel mehr Geld verfügen, um in Paris zu leben, als in München). Sie machten sich Sorgen um die Welt, steckten ihre Kinder aber in Privatschulen. Und lieber sorgten sie sich um Nepal oder die französischen Vorstädte als um Franzosen, echte Franzosen, Franzosen, die in unseren vernachlässigten ländlichen Regionen oder in unseren kleinen, in Vergessenheit geratenen Städten in Armut lebten – und für die jene Pariser bobos nur Verachtung oder Ignoranz übrighätten.

Die politische Angst

Diese Diskurse, nachzulesen in neokonservativen Bestsellern der letzten Jahre, greifen die reaktionäre oder faschistische Literatur der 1930er Jahre auf (natürlich ohne das anzugeben), die das dahinsiechende Landleben und die ehrliche Krume gepriesen und die Stadt, die alles pervertiert, angeklagt haben. Dieser Diskurs der Schuldzuweisung, die Literatur von Houellebecq steht dafür exemplarisch, zielt in Wahrheit nur auf eins: Frankreichs Rückzug auf sich selbst, das Schließen der Grenzen, die Sorge um ein Selbst, das alles ausschließt, was von außen, von der Welt kommt.

So überrascht nicht, dass auf das blutige Drama politische Angst gefolgt ist. Und diese Angst hängt nicht nur mit den Sicherheitsgesetzen zusammen. Das Abschlachten dieser jungen Bourgeoisie liefert den Feinden des Universalismus, den Reaktionären, die nach Verteidigung Frankreichs gegen die Vielfalt rufen, tatsächlich den Beweis dafür, dass sie recht hatten: „Ihr, Prediger einer universalistischen Moral, ihr seid von jenen niedergemetzelt worden, die ihr verteidigen wolltet; euer Projekt ist aussichtslos.“

In Frankreich geht die angesichts von Reden und kriegerischen Taten wachsende Angst nicht allein auf den Freitag, den 13. November zurück. Urbane Lebensweisen, Sorgen um die anderen und kosmopolitische Ambitionen sind in Frankreich seit Anfang der Nullerjahre das Ziel ununterbrochener Salven aus dem Lager des neokonservativen Backlash; und das vor dem Hintergrund einer zunehmenden Radikalisierung und wachsenden Gewaltanwendung fanatischer Teile der migrantischen Jugend. Fügt man dann noch den ständig zunehmenden Druck durch Polizeipräsenz im alltäglichen Lebensumfeld hinzu, wird in Frankreich der Raum, in dem Vielfalt und Öffnung ihren Ausdruck finden, immer seltener. Und dafür sind die Terroristen des 13. November nicht die einzigen Verantwortlichen.

Fabien Jobard forscht am Centre Marc Bloch in Berlin

10:19 25.11.2015
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