Parky

Berliner Abende Kolumne

Mit großer Gelassenheit drehe ich Runde um Runde in Friedrichshain und am Autoradio, das mir mit Hits die Fahrt verschönt. Laut singend bin ich schon zum fünften Mal an meiner Haustür vorbeigefahren. Bei jedem dritten Mal winke ich kurz hinauf zu meiner Wohnung. Wer einen Parkplatz hat, sollte diesen niemals aufgeben. Aber es gibt immer wieder gute Gründe, sich aus einer Parklücke herauszukurbeln.

Also muss ich mich am Abend wieder einreihen in die lange Schlange der singenden Autofahrer, die von der Weichselstraße runter zur Boxhagener Straße rüber zur Gürtelstraße über die Weserstraße wieder zurück zur Weichselstraße reicht. Die Schlange besitzt auch viele Seitenarme, die zum Beispiel in die Sonntagstraße, Lenbachstraße und Wühlischstraße gewachsen sind.

Die Weserstraße ist eigentlich frei, aber die Bauarbeiter haben mal wieder ihre Schilder hingestellt. Parkverbotsschilder entlang der ganzen Straße. Schilder, die eine Bauarbeit ankündigen, was für uns Autofahrer eine echte Bedrohung ist, denn eine Bauarbeit verringert den Parkplatz oft nicht nur temporär, sondern ist als europäisch gefördertes Sanierungsprojekt oft grundsätzlich für Parkplatzvernichtung zuständig. Statt am Straßenrand entlang zu parken, kann dann nur noch in einzelne gepflasterte Parkbuchten eingefahren werden, um die herum noch reichlich Platz für Bäume oder Poller gelassen worden ist.

Poller und Pflanze, Freund des Hundes, sind des Autofahrers Feind geworden. Wo früher der Zugang zur zweiten Parkreihe auf dem Gehsteig war, steht jetzt Pfosten an Pfosten, uns als mahnende Reihe in den Weg gepflastert. Zum Trost spielt das Hitradio die größten Hits, so dass wir beim Fahren singen und beim Singen fahren können. Und das Singen soll auch sehr gesund sein, auch wenn es ein Singen im Auto ist. Gibt es eigentlich Untersuchungen darüber, ob ein Singen im Auto weniger gesund ist als das Singen zu Hause in, sagen wir mal, der Küche? Schon wieder winke ich zu meiner Wohnung hinauf.

Längst ist es Abend geworden. Durch die Wühlischstraße hindurch ist die Sonne versunken, oh wie schön. Oft schon bin ich zum Sonnenuntergang die Karl-Marx-Allee hinuntergefahren, ins zarte Rosa hinein, die Fernsehturmsilhouette betrachtend, aber heute eröffne ich einen Seitenarm hoch zur Scharnweberstraße, denn an der Ecke Weichselstraße hat der Getränkemarkt geöffnet.

Ratlos wie immer stehe ich Schlange vor den Reklameschildern, die mir ein großes Getränkeangebot unterbreiten. Noch nie ist es mir gelungen, ein Lieblingsbier zu küren.

Vor diesen Schildern stehend, muss es mir eingefallen sein. Parky. PARKY! Der mobile Parkplatz! Eine grandiose Erfindung. Meine Erfindung! Parky passt zusammengefaltet in jedes Handschuhfach und in seinen Normgrößen zu jedem Fahrzeug!

Das Parky-Verkaufsschild, die Parky-Plakatierung, der Parky-Werbespot: Synchron fahrende Autos schlängeln sich durch zugeparkte Gassen. Die Fahrer und Fahrerinnen, fahrende Pärchen und fahrende Familien singen zu ein und demselben Lied, das nach Ausstrahlung dieses Spots natürlich zum Hit wird. Der Spot ist zum Rhythmus geschnitten, Choreografien im Wageninnern - Blick zum Beifahrer, Zurücklächeln des Beifahrers, Zugeproste zu den Rückbänken, abklatschende Kinder, an die Scheiben gedetschte Nasen - wechseln sich ab mit einem Abbiegen nach rechts, nach links, mit hartem Abbremsen, schnellem Anfahren, mit dem Setzen des Blinkers, Drücken des elektrischen Fensterhebers, mit dem Öffnen des Handschuhfachs, dem Anhalten, dem Ausklappen von Parky (Patentfaltung), dem sich Draufparken, Aussteigen, Fahrzeugverschließen. Öffnen der Haustür, das Fahrzeug steht direkt davor. Ein Blick zurück: alle auf Parky abgestellten Autos blinken La Ola-mäßig kurz auf. PARKY!

Auch die Umstehenden sind begeistert von Parky, und berauscht von meiner Erfindung steigen alle mit einem Sixpack unterm Arm wieder in die vorm Getränkemarkt in zweiter Reihe abgestellten Autos. In einwandfreiem Breakbeat werden die Türen zugeschlagen. Los geht´s. Die Weichselstraße runter, links in die Weserstraße rein und geparkt. Jetzt schockt uns kein Verbotsschild mehr, denn alle wissen, dass zum angekündigten Zeitpunkt kein Bauarbeiter und keine Bauarbeit zu hören oder sehen sein wird. Wochenlang werden Straßen gesperrt, ohne dass irgendetwas mit dem freigesperrten Parkplatz geschieht.

Obwohl wir das wissen, schreckt uns ein solches Schild zunächst einmal ab und zwingt uns zu diesen erschütternden Friedrichshainer Fahrgesängen. Es wird für möglich gehalten, dass doch zum angekündigten Zeitpunkt gearbeitet, sprich abgeschleppt wird. Und was das kostet! Vielleicht ist es aber auch die Hoffnung, dass sich Baustellen in Berlin verbindlich und verlässlich zum angekündigten Zeitpunkt auf- und zum geplanten Zeitpunkt wieder abbauen.


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00:00 27.04.2007

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