Parteien im Konzerntest

Erste Station Thüringen Wer die Interessen der Unternehmen nicht versteht, wird schlechte Noten bekommen

Im beschaulichen Göttingen gibt es neben der altehrwürdigen Georg-August-Universität seit einigen Jahren auch eine Fachhochschule in privater Trägerschaft, die sich ausdrücklich der "Praxisorientierung in Lehre und Forschung auf den Gebieten der Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik" verschrieben hat. Zu den Förderern dieser Einrichtung zählen bekannte Unternehmen, etwa Deutsche Telekom, TUI, Bahlsen, Continental oder die Gothaer Versicherungen. Im Oktober 2003 wurde an dieser privaten Fachhochschule ein "Institut zur Entwicklung der Wirtschaftskompetenz von Politikern" gegründet. Wer wollte diesem Ziel widersprechen, etwa mit Blick auf die Clementsche Wirtschaftspolitik oder Eichels Flickschusterei?

Nicht kleckern, sondern klotzen - so lässt sich beschreiben, was das Forscherteam unter der Leitung von Professor Frank Albe geplant hatte. Noch vor der Landtagswahl in Thüringen am kommenden Sonntag - und später vor den Urnengängen in anderen Bundesländern und zur nächsten Bundestagswahl - wollte man einen "Rating-Report" erstellen, der Auskunft über die Wirtschaftskompetenz der Kandidatinnen und Kandidaten geben sollte. Zuerst suchte man sich aus den Internetseiten der Kandidaten und des Landtags in Erfurt einige Rohdaten zusammen und bat die Politikerinnen und Politiker, diese zu vervollständigen. In einem zweiten Schritt wollten die Göttinger Wissenschaftler dann 160 Kandidierende aus CDU, PDS, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der FDP in einem standardisierten Interview von 45 Minuten Dauer befragen.

Wohlgemerkt, man wollte - in einer "großen Koalition" der drei im thüringischen Landtag vertretenen Parteien CDU, PDS und SPD empfahlen der Ältestenrat und die Fraktionsvorsitzenden ihren Kandidatinnen und Kandidaten, an der Befragung nicht teilzunehmen, und so platzte die geplante Untersuchung. Nun könnte man meinen, den Politikern habe das alles bloß deshalb nicht gefallen, weil die Ergebnisse der beabsichtigten Erhebung vor der Wahl veröffentlicht werden sollten. Ohne Zweifel gab es dieses Unbehagen - doch ist das nicht die ganze Wahrheit.

Hinter der Empfehlung, an der Befragung des Göttinger Instituts nicht teilzunehmen, steht mehr als nur die Angst vor der Blamage. Neben dem Zeitpunkt der Veröffentlichung unmittelbar vor dem Wahlsonntag wurde zu Recht die ausschließliche Fokussierung auf die Wirtschaftskompetenz kritisiert. Warum sollte der Sachverstand in der Umwelt-, Kultur- oder Schulpolitik unberücksichtigt bleiben? Darauf konnten (oder wollten) die Wissenschaftler offenbar keine überzeugende Antwort geben. Da die Göttinger außerdem genauere Nachfragen darüber, wie und mit welchem Personal sie ihre Untersuchung durchführen wollten, nicht zufriedenstellend beantworteten und auch nicht bereit waren, offen zu legen, wer denn ihre Expertise finanziere, entschlossen sich der Ältestenrat und die Fraktionsvorsitzenden zu ihrem Schritt und empfahlen, die Finger von der Sache zu lassen; offensichtlich mit Erfolg, denn nur 24 der beabsichtigen 160 Interviews wurden tatsächlich durchgeführt.

Thüringen mussten die Kompetenzforscher also abhaken. Damit ihnen aber solch eine Panne nicht noch einmal widerfährt, baten sie die Spitzengremien der Bundesparteien um Unterstützung für ihre weiteren Vorhaben. In diesem Jahr stehen im Herbst Landtagswahlen im Saarland, in Brandenburg und in Sachsen auf dem Programm. Auch dort will man, jeweils kurz vor dem Wahltermin, ein Kompetenzbarometer veröffentlichen, das Auskunft über den wirtschaftspolitischen Sachverstand der Kandidatinnen und Kandidaten geben soll. Nach den Erfahrungen in Erfurt überlegen die Wissenschaftler allerdings, ob sie die ganze Angelegenheit vielleicht ein wenig bescheidener angehen. Würde man nur die wirtschaftspolitischen Experten befragen, hieße das, die Zahl der Interviews auf 50 bis 60 reduzieren.

Noch etwas haben die Göttinger Wissenschaftler aus ihrem unprofessionellen Auftritt in Thüringen gelernt: Bisher hatten sie den Politikerinnen und Politikern mangelnden wirtschaftspolitischen Sachverstand unterstellt. Nun geben sich die Forscher moderat. In Anzeigen, die in der vergangenen Woche in der Zeit und in der FAZ erschienen, fragen sie erst einmal, ob die Politik denn überhaupt mehr Wirtschaftskompetenz benötige. Von dieser beschwichtigenden Frage erhofft man sich offenbar eine in Zukunft größere Bereitschaft, an den geplanten Untersuchungen teilzunehmen. Wenn dem so ist, dann werden wir demnächst also wohl doch erfahren können, wie es nach Ansicht des Instituts um den wirtschaftspolitischen Sachverstand in der Politik bestellt ist. Es sei denn, die Kandidatinnen und Kandidaten verweigern sich erneut - dieses Mal vielleicht, weil ihnen die Gleichsetzung von Wirtschaftskompetenz und unternehmerischer Erfahrung missfällt?


00:00 11.06.2004

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