Partisaninnen des Postfeminismus

Häkeln mit Patricia, zwetschkerln mit Mariola Zwei Ausstellungen aus dem gesellschaftsgeschlechtlichen Krisengebiet

Blättern wir im Kopf zur vergangenen Documenta zurück: Da stellte die in London lebende Libanesin Mona Hatoum eine Kücheninstallation hin, die war wie ein Hochsicherheitsfoltertrakt, und in jedem Blechhaferl blitzte es gefährlich wie Elektroshocking. Abgetrennt durch summenden Draht stand der Hesse davor, bemerkte zwar durchaus anerkennend die in der Schreckensküche herrschende Sauberkeit, zuckte mit den Schultern, tätschelte aufmunternd die mutlosen der Gattin und durchforschte im Hirn, ob daheim noch was fehlt an arbeitserleichternder Elektrifizierung. Frauen!, rief´s in ihm, und er wackelte weiter auf der Suche nach was Erotischem. Wieder war eine gut gemeinte Attacke fehlgeschlagen.

Der Partisan muss den Feind in Sicherheit wiegen, er muss ihn tief auf sein Terrain locken, er muss auf seinem Felde kämpfen. Wenn er gleich überall bedrohliche Taferln aufstellt und Knallfrösche vergräbt, hat er keine Chance. Die Partisanin nicht minder.

Es gibt jetzt in Berlin und Frankfurt/Oder zwei Ausstellungen, wo Partisaninnen des Geschlechterkampfes zeigen, wie es geht. Bei ganz unterschiedlicher Wahl der Waffen und Radikalität. Patricia Waller häkelt. Sie ist 1962 in Santiago geboren, hat an der Karlsruher Akademie der Künste häkeln gelernt und lässt ihre Fäden hauptsächlich durch Deutschland laufen. Aber wie! Masche an Masche von der Akkuratesse einer Nürnberger Parteitagsinszenierung und von der Masse auch. Man mag sich eine derart wuchernde Häkelexistenz kaum vorstellen. Je nach Charakter hebt schon ein Kichern oder Würgen an. Und was sie uns alles häkelt in der Galerie Deschler! Ein ganzes Museum wolligster Illusionen vom häuslichen Glück. Vom Hirschkopf an der Wand, übers Würstl im Schlafrock und den delikaten Schweinskopf auf den umhäkelten Festschmaustisch, bis hin zum Heimgynäkologen-Stuhl mit seinen rosa gehäkelten Fesseln. Und diese schon zunehmend gruselnde Idyllistik wird umdroht von gehäkelten Gasmasken, Dämonenfratzen. Gleich am Eingang liegt ein gehäkeltes Kind, vom gehäkelten Fahrrad gefallen, dessen gehäkeltes Kopfblut in den Boden hineinsickert. "Vorsicht!", wird hier gesagt, "wir können und werden dir deine schäbige Krisenexistenz nicht schön häkeln, Mann." Am sinnfälligsten findet sich der Gedanke vielleicht in eine kleine, häufig übersehene Arbeit gefasst, eine gehäkelte Markenbananenschale, scheinbar harmlos auf einem Treppchen platziert. "Häkel dir deinen Scheiß doch selbst!" ist als unterschwellige Drohung eher von schwacher Wirkung. Indes muss jedermann klar sein: Wer zu solch obsessiver Häkelleistung fähig ist, der ist es spielend auch zu Mord!

Es kann aber nicht vertuscht werden, dass die Wahl der Mittel, das Material, auch um die frappantesten Widersprüche oder Ironieladungen der Installation eine flauschige Schicht von Gemütlichkeit legt, die stetig einen gewissen Streichelreflex, wie er vom Haustier herkommen mag, auslöst.

Mit solchen Gemütlichkeiten räumt Mariola Brillowska im Kabinett Museum Junge Kunst zu Frankfurt/Oder auf. Kaum kommt eine Gemütlichkeit daher, schon hau ich rein. Sagt Mariola. Sie ist in Sopot (Polen) geboren und lebt seit gut zwanzig Jahren in Hamburg. Sie macht Zeichentrickfilme, Radio, Musik, hat Lehraufträge an diversen Hochschulen und beschickt die Kolumne "Krauts" in der Frankfurter Rundschau. Sie malt und performt, schneidert und bastelt und manchmal tanzt sie pudelnackt im Schutze einer Leuchtunterhose, ein herzförmiger, glühbirnchenbestückter Hosenrahmenrest mit extrem großem Eingriff. Das und ein gewisser blut- wie spermaschmatzender Fond ihrer Sex Crime-Comics und -Filmchen hat ihr immer wieder den Vorwurf der Pornographie eingetragen. Doch selbst wenn wir ein gewisses Maß an rüdem Aufbegehren gegen den polnischen Oberkatholizismus in Rechnung stellen, so können wir beglaubigen, dass der Anteil ihrer geschlechtlichen Erregungen im Werk nach wissenschaftlichen Erkenntnissen dem Anteil derselben im lebenden Menschen exakt entspricht. Und also hinein muss. Denn Mariola ist Lebenskünstlerin. In dem Sinn, dass das ganze Leben, das Private in seiner gesellschaftlichen Verstrickung und Zurichtung verarbeitet und der schärfsten weiblichen Kritik unterzogen wird.

Um diese Pornographie-Vorwürfe einmal auflaufen zu lassen, hat sich Mariola diesmal ganz dem SNUPIEKULT, Future Art Project for Mother Baby, zugewandt. Um es annähernd zu begreifen, gilt es, ein paar Ereignisse aus Mariolas Leben zu streifen. Mariola ging in den Westen, weil es in den Siebzigern in Sopot zu grau war. Farbe satt indes in Bravo und anderen westlichen Propagandaerzeugnissen. Folgt die Enttäuschung: in Hamburg die ganze Post-Punk-Szene grauschwarz. Da muss die Farbigkeit der Polin hinein! Dann Bürokratismus, Ordnung, Leistung! Germanpower. Da muss die Polenwirtschaft hinein! Und wie kann sie hinein, in dieses durch das Auto und seine Bahnen vor männlicher Dominanz schwitzende Land? Durch die Polin! Polinnen heiraten deutsche Männer, deutsche Politiker, die Unterwanderung beginnt, die Implantation polnischer Zustände und Mentalitäten, ihre Vermischung mit den gebauten und gelebten Ängsten des deutschen analen Charakters schafft lebenswertes Leben. Hier ist Mariola den Gedanken der Osterweiterung gegenüber durchaus aufgeschlossen.

Aber ihr Glaubenssatz, dass der Geschlechterkampf noch lange nicht beendet ist, hat natürlich zur Voraussetzung, dass es Geschlechter gibt. Auch hier wehe Erfahrungen Mariolas: Die deutsche Frau droht zu verschwinden. Ein Vermännlichungsprozess, befeuert vom Bild der Business-Frauen und Politikerinnen schafft schmerzliche Lücken der Lust des Lebens. Und dann: Der deutsche Mann ist nicht nur unlustig in Fortpflanzungsdingen, sondern seine Geiseltierchen geben zunehmend bereits im Sack die Löffel ab. Unbeweglichkeit überall. Hier setzt nun SNUPIEKULT, Future Art Project for Mother Baby an. Die Frau mit ihren reichen Anlagen ändert sich ja nicht, nur weil die SPD keinen Generationenvertrag hinbekommt und die Familienministerin keine Kampagne für flotte weite Hosen. Also muss Mutter als Mutter endlich beworben werden, damit sie in des Begehrens Mittelpunkt gerückt wird, wie ein Auto oder ein Lego, und solange mit den Männern nichts los ist, wird ein von Snupiekult-Missionarinnen entwickeltes Verfahren zum Großziehen von Plastiktieren zwischen den Brüsten Not leidender Frauen angewendet, das einerseits ökonomisch die Mutter wieder interessant macht, ihr Wesen zum Leuchten bringt und zusätzlich den Vorteil hat, dass im Zeugungsfalle das nachwachsende Einzelkind schon eine Art Brüderchen oder Schwesterchen zum Spielen vorfindet. Kampf auch gegen das Einzelkindsyndrom. In großen Snupiekult-Feiern können schon heute seltene kleine Menschenkinder die zwischen den Brüsten schmarotzenden Plastiktierchen begreifen und bespeicheln und den Mutter-Nachwuchs-Kreislauf in die kleinen Herzen versenken.

Es ehrt die Brillowska, dass sie in einem gesonderten Meditationsraum ihrer Ausstellung die Gefahren der Biogenetik für Projekt und Menschheit, die Gefahren der Entgeschlechtlichung, Entsinnlichung der Gesellschaft durch funktionale Genmonster nicht verschweigt.

Aber ansonsten ein farbiger, lauter, schriller Polenmarkt; ein Generalangriff auf die durchdesignten Geschmacksknospen unserer Doppelverdiener. Puppen und Plunder, Großformate mit den Leiden der Ersatzbefriedigung elaborierter Bodys. Heilige und gefallene Engel, Tanz und Tand, Mütter und Mörder, Messen und Masern ... Knietief im Trash, der ja nie von den Künstlern kommt, sondern das traurige Herz der Verhältnisse ist.

Sangen wir nicht seit alters her als Konzentrat aus C. Millöckers unvergänglichem Spitzentitel Ich knüpfte manche zarte Bande (Der Bettelstudent): "Der Polin Reiz ist unerreicht"? Ihre List wohl auch. Das ist der Beweis.

Patricia Waller in der Galerie Deschler, Berlin, bis 7. Dezember


Mariola Brillowska im Kabinett Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder), bis 26.01.2003

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00:00 22.11.2002

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