Party

Kehrseite I Eine Party. Roman stellt mich seinen Freunden mit "Das ist meine Süße" vor. Später mache ich ihm das zum Vorwurf. Da kommen sie, unsere Süßen, mit ...

Eine Party. Roman stellt mich seinen Freunden mit "Das ist meine Süße" vor. Später mache ich ihm das zum Vorwurf. Da kommen sie, unsere Süßen, mit ihren leckeren Muschis. Ab sofort wird er mich als seine Liebhaberin vorstellen, verspricht er. Ich lerne eine berühmte Schriftstellerin kennen. Sie sagt den ganzen Abend keinen einzigen intelligenten Satz. Vielleicht ist es Absicht.

Vielleicht sollte ich an solchen Tagen einfach zu Hause bleiben und mit Roman Karten spielen. Ich kenne da einen verblüffenden Kartentrick. Aber Roman will weder mit mir nach Hause noch meinen Kartentrick bestaunen. Er trinkt und schaut mich an mit seinen trüben Augen. Trübe Augen, über die sich in regelmäßigen Abständen Augenlider ziehen. Die Lider klappen langsam zu und wieder auf. Die einzige Bewegung, die sein Gesicht noch macht, außer dem Öffnen und Schließen des Mundes, um Bier oder Wodka hineinzuschütten. Gesprochen wird nichts mehr, muss doch jeder selber. Ich verschwinde. Das ist sein Bier.

Zum Nachtbusfahrer sage ich: "Einen Fahrschein bitte", worauf er mir laut mit "Guten Morgen" antwortet. Die BVG hat eine Freundlichkeitsschulung durchgeführt. "Guten Morgen, einen Fahrschein bitte", sage ich, was mir den ganzen Tag versaut. Ich bin ein Rechtmacher, ein Chamäleon, ein Depp, und mein Liebhaber ist ein Säufer.

Den Tag verbringe ich auf meinem Sofa, das mal weiß war, und gehe am Abend mit meiner Freundin raus in die Stadt. Nach einigen Taxifahrten von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg nach Kreuzberg nach Mitte und jeder Menge Alkohol befinden wir uns in einem Hinterhofclub. In der Mitte des Raumes tanzt eine Frau im weißen Spitzentop mit einem jungen Mann. Sie vollführen dabei eindeutige Bewegungen, soweit das im volltrunkenen Zustand möglich ist. Der junge Mann hat seine Freunde mitgebracht, die ihm zujubeln, als er andeutet, sie von hinten zu nehmen, und dabei mit dem rechten Arm ein Lasso schwingt. Die junge Frau öffnet ihre Jeans und aus dem Spitzentop wird ein Ganzkörper-Spitzenbody, darunter trägt sie einen String-Tanga (weiß). Er umfasst ihre Hüften und drückt sie an sich. Sie fasst nach hinten und macht sich an seinem Gürtel zu schaffen. Wir sind alle sehr gespannt, doch da stört die Männergruppe durch lautes Lachen. Der junge Mann kommt zu sich und packt sein Lasso wieder ein. Aus die Maus. "Wir müssen eingreifen", sagt meine Freundin mit der roten Brille. Mit geöffneten Lippen dreht die Frau sich um und sucht. Da ist er, er wankt. "An die Eier", ruf ich ihr zu, "du musst ihm sofort an die Eier", aber sie ist zu betrunken. Der junge Mann lacht und wirft sich auf den Männerberg, der sich vor ihm auf dem Fußboden gebildet hat. Die junge Frau schwankt auf den Berg zu und will fallen, fällt aber nicht. Sie dreht ab und stellt sich rauchend an den Tresen. Wir sind enttäuscht. Meine Freundin mit der roten Brille fragt mich, ob wir sie unauffällig ins Nebenzimmer schleifen sollten, um die Sache zu Ende zu bringen. Hierzu würden wir Stuhlbeine, Flaschen und Kerzen benützen. Erledigt. Wir klatschten ab und legten die Frau aufs Sofa. An der Kerze würde ich mir noch eine Zigarette anzünden und ihr dann die Stiefel ausziehen. Lack, grün, Größe 41, und sofort würde ich großes Mitleid haben, denn wer Schweißfüße hat, muss eigentlich verheiratet sein, um ab und zu Sex zu haben.

"Du Sau", sagt meine Freundin, und wir trinken statt Caipirinha nur noch Wodka. Als es dann zu einer Schlägerei unter Frauen kommt, bei der die eine "du Fotze, du alte Fotze" brüllt und die andere "du zwingst hier niemanden, deine Heroinpisse zu saufen", gehen wir raus. Die Luft ist frisch, der Hunger groß. Am Imbiss bestellen wir uns einen gegrillten Lammspiess, den der Türke widerwillig zubereitet. Ich spekuliere: weil wir Frauen sind, meine Freundin sagt: weil wir laut und betrunken sind. Der Türke sagt irgendwas auf Türkisch. Egal, das Lamm schmeckt.

Marion Pfaus, geboren 1966, schreibt Texte, macht Filme und Medienkunst. Als the most unknown popstar immer erreichbar unter http://www.rigoletti.de.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 22.10.2004

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare