Party in Monrovia

Helfen Ein Sexskandal bei Oxfam wirft Fragen auf: Wie leicht geraten NGO-Leute in Versuchung? Unser Autor war einer von ihnen

Ob wir so jemanden kennengelernt haben wie den nun berüchtigten Roland van Hauwermeiren, Oxfams Landeschef in Haiti? Damals in Liberia? Auf der Terrasse des Mamba Point Hotel oder im Golden Beach, wo man zum Sonnenuntergang vollkommen ungestört von den Schrecknissen der Bürgerkriegswirklichkeit am Meer saß, am gedeckten Tisch, die Füße in den Sand ausgestreckt, als gehörte einem das Land. „Hätte uns das auch passieren können?“, würde ich Elmar jetzt gerne mal fragen. Wenn wir weitergemacht hätten. Hätten am Ende das Golden Beach, das kalte Club Beer und der Sonnenuntergang nicht mehr gereicht? Elmar war damals, am Ende seiner Mission, ziemlich erschöpft und ruhebedürftig. Meist blieb er nach dem schweißtreibenden Tag im Krankenhaus abends zu Hause und schaute illegal kopierte Hollywoodfilme, deren Ton oft so schlecht war, dass der laute Generator, der draußen stand, alles übertönte und man kaum noch ein Wort verstand. Er wirkte an manchen Tagen so ausgelaugt, dass ich schließlich zu ihm sagte: „Sollen wir nicht mal raus und ein bisschen unter Leute gehen?“

Als Cap-Anamur-Mitarbeiter waren wir nicht besonders präsent. Cap Anamur hatte keine Visitenkarten, die Aufkleber an den Autos waren uralt und jedes Mal, wenn man sagte „Cap Anamur“, erntete man einen höflichen Blick totalen Unverständnisses. Der Fall eines holländischen NGO-Mitarbeiters aus der Nachbarschaft hatte Elmar schockiert. Er hatte über die Stränge geschlagen, Privat-Safaris in den Busch organisiert und rauschende Partys mit lokalen Mitarbeitern veranstaltet. In Liberia hatte man ihn dafür geliebt. Seinen Job aber hatte er verloren. So wollte Elmar auf keinen Fall sein. Trotzdem sagte ich an diesem Abend zu ihm: „Wenn du so weitermachst, hältst du das nicht mehr lange aus.“ Ich überredete ihn schließlich. Es gab eine Party bei einem Freund von mir, eine Oxfam-Party. „Da lernst du vielleicht mal jemand kennen“, sagte ich. Er gab nach, wir stiegen in unseren Pick-up und fuhren los.

Steve arbeitete schon ein paar Jahre bei Oxfam, hatte die schönste Wohnung in ganz Monrovia und war, in seiner britischen Eleganz und mit seinem trockenen Humor, eines der Highlights der Expat-Community. Mit ihm befreundet zu sein, war was, schließlich stand Oxfam im szene-internen Ranking sogar noch ein bisschen über Médecins Sans Frontières (MSF). Obwohl MFS, deren Landcruiser nachts vor den Clubs immer wie Partybusse aussahen, doch noch ein bisschen cooler war. Steve wohnte am United Nations Drive, wo Monrovia in hochherrschaftlichen Hotels, Botschaften und Kriegsruinen Abschied vom Regenwald nimmt. Die Aussicht auf den Atlantischen Ozean war so unglaublich, der perlende Smalltalk und das Charisma von Steve, der in seiner Freizeit gerne Nabokov las, so unwiderstehlich, dass ich manchmal abends auf seinem Balkon stand, das im Dunkel unsichtbar heranbrandende Meer aufsog und dachte: Das sind Sphären, zu denen wir nie vordringen werden.

Wir, bei Cap Anamur, hatten an manchen Tagen noch nicht mal einen funktionierenden Generator, mussten die Autobatterie ausbauen und saßen dann trotzdem bei Kerzenlicht im Wohnzimmer, während von der Küche aus die Kakerlaken heranschlichen. Aber wir waren stolz darauf, vor allem Elmar. Wenn wir im teuren Exclusive Supermarket auf der Hauptstraße einkauften und Elmar in den Regalen ein Glas Nutella entdeckte, sagte er immer: „Darauf verzichten wir lieber, so geil das jetzt auch wäre ...“ Er schaute sich eine Weile die Rarität an, strich sich über seinen fusseligen Bart und schüttelte dann energisch den Kopf. „Das können wir denen nicht antun. Verstehst du?“ Dann erklärte er mir, wer „mit denen“ gemeint war. Die alten Damen, die in Köln-Nippes, wo Cap Anamur sein Hauptquartier hat, den letzten Cent sparten, um ihn für unsere Arbeit zu spenden.

Die offizielle Regelung war, Abstand zu halten. Die großen NGOs hatten strikte Vorgaben: keine sexuellen Kontakte mit den lokalen Mitarbeitern. Keine Beziehungen zu denjenigen, deren gesamte familiäre Existenz von diesem einen so wertvollen und gut bezahlten Job abhing. So etwas wie das Garden Café beispielsweise, wo sich alle trafen und wo es „Kontakte“ gab, das war nichts für Elmar. Das Garden Café wurde von einem Schweizer mit liberianischen Wurzeln betrieben. Jeden Freitag spielte da eine Band, die NGO-Szene traf sich rituell gegen neun, halb zehn, bevor sie nach Mitternacht weiterzog in den von Libanesen betriebenen Nachtclub „Déjà-vu“. Eine Weile stand das Garden Café auf der schwarzen Liste der UN, weil es dort angeblich Prostitution gab. „Es ist ja wohl klar, dass man da aufpassen muss“, sagte Elmar. Er erzählte mir wieder von dem holländischen NGO-Mitarbeiter aus der Nachbarschaft. Beinahe jede zweite Nacht hatte die Security irgendwelche Frauen am Tor abwehren müssen, die er irgendwo kennengelernt hatte. Ich bekam auch einmal einen Umschlag von unserer Security. Ein gefühlt zehn Jahre altes Farbfoto von einer Liberianerin war mit der Bemerkung versehen, ob wir uns nicht mal treffen und vielleicht heiraten könnten. Ich zeigte es Elmar, und Elmar sagte: „Das ist genau der Grund, warum ich lieber zu Hause bleibe und mir die Raubkopien von den Chinesen anschaue ... Die hat dich doch bestimmt irgendwo gesehen!“ Er erklärte mir mit ernstem Gesicht, dass ich auf keinen Fall antworten durfte. Während ich noch dachte, dass das doch unhöflich und arrogant wäre. Aber ich passte auf. Das hatte ich von Elmar gelernt. Wir mussten uns um alles selbst kümmern. Cap Anamur gab uns viel Freiraum. Die großen NGOs dagegen waren so stark reguliert, hatten ein derartig ausgefuchstes Berichtswesen, dass viele der geschaffenen Stellen, die die Kosten im „field“ in die Höhe treiben, eigentlich „Kontrollinstanzen“ vor Ort waren. Sie sollten gewährleisten, dass niemand auf die Idee kam, vom rechten Pfad abzuweichen.

Er wollte alles richtig machen

Wir blieben eine Weile vor dem Haus von Steve stehen, atmeten die Seeluft ein, es wehte eine leichte Brise. „Eine Stunde“, sagte Elmar matt, „dann fahren wir zurück. Versprochen?“ Er wollte alles richtig machen. Der Abend wurde ein Desaster. Die versprochenen Oxfam-Kollegen, die UN-Leute, die ganze große soziale Explosion, die ich mir für Elmar gewünscht hatte, blieben aus. Es war nur eine kleine Dinnerparty. Elmar war sehr wortkarg. Als wir zum Garden Café aufbrechen wollten, ließ mich unser Pick-up im Stich. Aber Elmar wollte ohnehin nicht mit. Er hatte sich ein Taxi genommen und war nach Hause gefahren.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich allein mit dem liberianischen Fahrer einer anderen NGO bei dem platten Reifen meines Fahrzeugs zurückblieb und daran verzweifelte, dass sich sonst keiner fand, zu helfen. Die Gäste der Party hatten ihre Regeln, sie durften sich hier nicht allein aufhalten. Ich bewachte den alten Pick-up und starrte auf den schon verwitterten Aufkleber von Cap Anamur an der Tür, ein Baum-Motiv, aus der Zeit, als die NGO beinahe untergegangen wäre, und dachte: Hauptsache wir sind überhaupt noch dabei. Auch Steve war nicht mitgegangen, er blieb auf dem Balkon, bestimmt betrachtete er die sich im Abendwind neigenden Palmen, die Schaumkronen auf den schwarzen Wellen und las dann weiter Nabokov. Nicht Lolita natürlich, sondern Einladung zur Enthauptung, wo von einem Mann erzählt wird, der in einem Gefängnis sitzt, das vielleicht gar keines ist, und auf sein Todesurteil wartet, das nie vollstreckt wird. Steve ging nicht gerne aus, jedenfalls nicht ins Garden Café. Das war ihm nicht zivilisiert, nicht fein genug.

Ein pornografischer Blick

Es dauerte zwei Stunden bis Rettung kam. Es war eine der wenigen Nächte, wo ich etwas nervös wurde. Einmal hielt ein Jeep an, jemand ließ das Seitenfenster herunter und bot mir an, mich mitzunehmen. Es war ein älterer Typ, wahrscheinlich ein Country Director oder Head of Mission, auf dem Weg zurück zu seinem Domizil. Einer von diesen schon leicht zynischen und „verbuschten“ Veteranen, die gute Arbeit leisten, aber ihren eigenen Spielraum verdächtig weit auszudehnen verstehen. Die viel Macht haben, viele Leute kennen, aber auch spüren, dass ihr Leben in dem aufreibenden Hilfsbusiness langsam zu verglühen beginnt. Roland van Hauwermeiren? Er war in Liberia gewesen, er hatte auch dort sein Unwesen getrieben, bevor er nach Haiti ging. 2002 war Merlin seine erste Station und sein erster Job als Country Manager. Seine Behausung nannte er „Eagle’s Nest“. Der Code für die Fahrer, wenn sie die jungen Frauen zu ihm brachten, hieß „Brussels“, da er getrennt von den anderen Projektmitarbeitern in einem eigenen Haus wohnte, während seine Mitarbeiter in „London“ residierten. Es gab vielleicht noch Spuren von ihm, Erinnerungen an seine Zeit ... Der Mann im Jeep schmunzelte mir zu. Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte den Wagen nicht allein lassen. „Na, dann viel Glück“, sagte er.

Muss Oxfam jetzt aufgelöst werden? Müssen die Kontrollmaßnahmen noch größer werden? Und darf man jetzt solchen Menschen wie Elmar, der bald nach seiner Rückkehr nach Deutschland wieder als Ergotherapeut arbeitete, nicht mehr vertrauen? Wir schauen mit einer geradezu erotomanischen Impertinenz auf die afrikanischen Untergangsschauspiele und gruseln uns. Es ist ein haltloser, aggressiver Blick, den wir auf die Länder des Südens richten, denen wir so großzügig unser Mitleid anbieten. Manchmal verlieren wir vollkommen das Maß, erregen uns so sehr an dem Anblick des Grauens, dass der Blick ein fast ein pornografischer wird. Während der Ebola-Krise beugten sich die Helfer in ihren sterilen Schutzanzügen zu den Sterbenden herunter, ergriffen sie und zogen sie vorsichtig hinter sich her.

In den englischen Zeitungen konnte man lesen, dass van Hauwermeiren einer schwangeren Frau Milch und Windeln schickte, um ihr Vertrauen zu erschleichen. Du siehst sexy aus, kann ich dir irgendwie helfen?, fragte er sie. Ist das unser heimlicher Wunsch? Dass jemand an unserer Stelle leidet, zugrunde gerichtet wird und so am Boden liegt, dass wir zu ihm eilen und ihn retten können? Wir schicken unsere Empathie-Experten und Organisationstalente. Schattengestalten. die voller Angst zwischen den Sterbenden und dem Müll der Zivilisation herumirren. Es ist das „metaphysische Schlachtfeld“, wie der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe es nennt, auf dem wir Afrika immerfort mit uns vergleichen, um sicherzustellen, dass der Abgrund zwischen uns und ihnen groß genug bleibt.

Eine Stunde später wurde ich erlöst. Elmar kam zurück, mit unserem zweiten Wagen, der eigentlich noch anfälliger war. Aber er kam. Er kam, um mir zu helfen. Ich habe ihn leider ein bisschen aus den Augen verloren die letzten Jahre. „Wirklich zum Kotzen diese NGO-Szene“, sagte ich zu ihm, enttäuscht darüber, dass meine Freunde mich allein gelassen hatten und vor allem dass ich den Freitagabend verpasst hatte. (Die Partys und das Nachtleben waren unverzichtbar. Ohne hielt man die Anspannungen des Arbeitsalltags kaum aus. Außerdem konnte man wichtige Kontakte knüpfen.) Wir fuhren zurück zu unserem dunklen, stickigen Haus. Der Generator war schon abgestellt. Jeder tastete sich zu seiner Schlafstätte. Die nächsten Abende blieb ich zu Hause. Ich saß neben Elmar, wir starrten gemeinsam auf den Bildschirm. Irgendein James-Bond-Film. Der Ton war unglaublich schlecht, fast lächerlich, wir schauten trotzdem hin. Vielleicht wollten wir bestätigt haben, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Dass wenigstens wir alles richtig machten.

Der Schriftsteller und Psychologe Rainer Merkel arbeitete 2008 bis 2009 in der einzigen psychiatrischen Klinik Liberias. Soeben ist sein neuer Roman Stadt ohne Gott bei S. Fischer erschienen

06:00 16.03.2018

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