Passend, bitte

Gewerkschaft Alles immer Vollzeit, oder was? Im aktuellen Tarifkonflikt zeigt sich die IG Metall als Modernisierungsmotor

Tarifrunden der IG Metall sind eine ziemlich öde Angelegenheit. Ein paar tausend Automobilarbeiter und Entwicklungsingenieure gehen zwei-, dreimal für ein, zwei Stunden mit Trillerpfeifen und roten Fahnen vor die Werkstore und fordern x Prozent mehr Lohn. Nach ein paar Runden „zähen Ringens“ am Verhandlungstisch wird dann bei ⅔x abgeschlossen – wobei der „entscheidende Durchbruch“ immer in den frühen Morgenstunden erzielt wird.

Für den Rest der Republik, also alle, die nicht zu den 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche gehören oder als Metallarbeitgeber unterwegs sind, ist das vielleicht irgendwie imposant, aber auch komisch. So richtig geht uns das nichts an, oder? Auch für die meisten Linken ist es eher so ein Special-Interest-Ding.

Dieser Blick war immer falsch, wenn es auch kein Zufall ist, dass er sich über die letzten Jahre so verfestigt hat. 2018 aber gibt es gute Gründe, ihn zu revidieren, denn in diesem Jahr ist einiges anders. Das fängt beim Streitgegenstand an: Erstmals seit 15 Jahren rückt die IG Metall das Thema Arbeitszeit ins Zentrum einer Tarifauseinandersetzung. Es geht nicht nur um Geld, es geht um Zeit, um „Zeitsouveränität“, um die Frage: Wem gehört die Zeit? Die Gewerkschaft fordert ein verbrieftes Recht, Arbeitszeit individuell zu verkürzen, ohne dauerhaft in eine „Teilzeitfalle“ zu geraten. Das klingt gemäßigt, hat aber das Potenzial, einen Riss ins vorherrschende konservative Vollzeitarbeitsmodell zu sprengen. Kommt die Gewerkschaft mit ihrer Forderung durch, ist es realistisch, dass Hunderttausende Beschäftigte – Frauen und auch Männer! – für eine gewisse Zeit praktische Erfahrung mit einem Modell „kurzer Vollzeit“ machen, das das Zeug hat, zu einem Leitbild von Erwerbsarbeit zu werden. Die Arbeitgeber haben das verstanden und laufen Sturm.

Worum geht es konkret? Die Gewerkschaft will einen verbindlichen Anspruch für alle Beschäftigten, die individuelle Wochenarbeitszeit für bis zu zwei Jahre auf 28 Wochenstunden zu reduzieren. Wer Kinder unter 14 Jahren hat oder sich um pflegebedürftige Familienangehörige kümmert, soll dabei einen teilweisen Lohnausgleich erhalten – ebenso Beschäftigte mit besonders belastenden Tätigkeiten wie Schichtarbeiter.

Was deutschen Unternehmern Angst macht, ist nicht der Anspruch auf Teilzeit – den gibt es nämlich bereits seit 2001, geregelt im Teilzeit- und Befristungsgesetz –, sondern der Anspruch auf Rückkehr zur Vollzeit. Die Garantie, die individuelle Arbeitszeit später wieder verlängern zu können, hat nämlich bislang nur, wer seinen Antrag auf Teilzeit von vornherein befristet stellt: Es funktioniert nur, wenn der Arbeitgeber mitspielt. Stellt er sich quer, landet man – in der Praxis noch häufiger: frau – in der „Teilzeitfalle“, aus der es kein leichtes Entrinnen gibt. Ebendeshalb stellen viele Beschäftigte erst gar keinen Antrag auf Reduzierung ihrer Arbeitszeit. Genau diese abschreckende Wirkung ist gewollt.

Merkel knickte ein

Mehr Beschäftigte, die lieber kürzer arbeiten wollen, scheinen für die konservative Unternehmerschaft ein Albtraum zu sein. Ein einschlägiges Propagandavideo der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) vermittelt einen Eindruck, was für ein vorgestriges Gesellschaftsbild in diesen Kreisen vorherrscht. Einen legitimen Wunsch nach Teilzeitbeschäftigung haben darin eigentlich nur Frauen, die dafür „private Gründe“ (sic) ins Feld führen, „wie etwa fehlende Ganztagsbetreuung für ihre Kinder“. Dass der Mangel an Kita-Plätzen ein gesellschaftliches Problem ist, dass es im 21. Jahrhundert Männer gibt, die sich Erwerbsarbeit auch jenseits des „Familienernährermodells“ vorstellen können, dass es Lebens- und Arbeitslebensentwürfe gibt, die weder durch die 40-Stunden-Woche noch durch ein „Ich verdiene etwas dazu“-Teilzeitarbeitsverhältnis abgebildet werden, sondern irgendwo dazwischenliegen – all das kommt offenbar den meisten Chefs nicht in den Sinn. Wer im eigenen Arbeitsleben sämtliche häuslichen Aufgaben und Kindererziehung an die Ehefrau delegiert hat, erwartet es von seinen Angestellten eben nicht anders.

Dabei sollte das Rückkehrrecht in Vollzeit eigentlich längst gesetzlich geregelt sein. Ein entsprechender Entwurf von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles lag ein halbes Jahr im Kanzleramt – bis Angela Merkel im Mai 2017 vor den Arbeitgebern einknickte und klarmachte, dass das Gesetz nicht zustande kommt. Im schwarz-roten Sondierungspapier taucht das Rückkehrrecht nun in sehr abgeschwächter Form wieder auf, die Union will einen großen Teil der Beschäftigten davon ausnehmen. Wenn die IG Metall das Thema jetzt aufgreift und – wenigstens für ihre eigenen Mitglieder – eine entsprechende Regelung erkämpfen will, springt sie damit in eine Gestaltungslücke, die ihr Schwarz-Rot überlässt. Setzt sich die Gewerkschaft mit ihrer Forderung durch, könnte ein tarifvertraglich verbrieftes Rückkehrrecht als Pilotprojekt für ein neues Leitbild von Erwerbsarbeit – Stichwort: „kurze Vollzeit“ – weit über die Metall- und Elektroindustrie hinaus ausstrahlen.

Bislang blockieren die Arbeitgeber beinhart und verweisen auf eine drohende Verschärfung des „Fachkräftemangels“. Doch ob es den überhaupt auf breiter Front gibt, ist fraglich. Studien des nicht besonders gewerkschaftsnahen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass das nicht so ist. Selbst die unternehmerfreundliche Wirtschaftswoche kam jüngst zum Schluss, dass der Fachkräftemangel „ein Mythos“ sei. Arbeitgeber hätten großenteils überzogene Ansprüche („eierlegende Wollmilchsau“) und seien oft schlicht unattraktiv. Hier könnte ein Einlenken auf die Vorstellungen der Gewerkschaft sogar Abhilfe schaffen. Wie Erfahrungen etwa aus Schweden zeigen, werden Arbeitgeber attraktiver, wenn sie auf die individuellen Arbeitszeitbedürfnisse ihrer Beschäftigten eingehen.

Die deutschen Metallarbeitgeber sind von dieser Erkenntnis allerdings noch weit entfernt: Mehr Teilzeit können sie sich allenfalls als Element einer generellen Flexibilisierung von Arbeitszeiten vorstellen. Wenn mehr Beschäftigte kürzer arbeiten, müssten dafür andere länger ran, so ihre Forderung. Die 35-Stunden-Woche als tarifliche Regelarbeitszeit im Westen und die 38-Stunden-Woche im Osten sollen so weiter durchlöchert werden. Schon jetzt dürfen Unternehmen von der Tarifarbeitszeit nach oben abweichen – wenn der Betriebsrat zustimmt. Allerdings nur für maximal 13 Prozent der Beschäftigten. Die Arbeitgeber wollen diese Quote abschaffen oder merklich erhöhen. Dabei hat die Tarifarbeitszeit in der Praxis ohnehin eher nur noch eine Bedeutung für die Entgeltberechnung: Sowohl in Ost wie West arbeiten Vollzeitbeschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie gleichermaßen durchschnittlich deutlich mehr als 40 Wochenstunden.

Auch von den von der IG Metall ins Spiel gebrachten teilweisen Lohnausgleichszahlungen für Schichtarbeitende, Kindererziehungs- und Pflegezeiten wollen die Arbeitgeber nichts wissen. Ihre Begründungen muten bizarr an: Ein künftiger Teillohnausgleich würde Beschäftigte diskriminieren, die bereits in Teilzeit arbeiten, heißt es etwa. Tatsächlich weiß jeder: Es geht schlicht ums Geld. Und: In ihrem konservativen Gesellschaftsverständnis gefangen, wollen die Arbeitgeber nicht einsehen, warum sie für „private Angelegenheiten“ wie Kindererziehung oder Pflege bezahlen sollen.

Bleiben sie in der Arbeitszeitfrage stur, bahnt sich also ein Konflikt an. In diesem kann die IG Metall auf Sympathien der Öffentlichkeit zählen. Mit ihrer Forderung, „Arbeit neu zu denken“, Arbeitszeiten so zu regeln, dass sie „zum Leben passen“, trifft sie den Nerv der Zeit. Die Rolle der rückwärtsgewandten Blockierer haben diesmal die von einer „Stilllegungsprämie für Fachkräfte“ schwadronierenden Arbeitgeber mit ihrem hartleibigen Festhalten am Modell des „Familienernährers“ übernommen.

Eine neue Waffe im Streik

Der IG Metall steht diesmal ein neues, ziemlich scharfes Schwert zur Durchsetzung ihrer Forderungen zur Verfügung: der sogenannte 24-Stunden-Streik. Das Instrument wurde 2015 auf dem Gewerkschaftstag beschlossen und schließt die Lücke zwischen den klassischen, in der Regel nur wenige Stunden dauernden Warnstreiks und dem großen, mit aufwendigen Vorbereitungen verbunden Flächenstreik. Relativ kurzfristig kann die Gewerkschaft in ausgewählten Betrieben mit strategischer Bedeutung die Produktion für bis zu 24 Stunden stilllegen. In Zeiten von Just-in-time- und Just-in-sequence-Produktionssystemen kann eine solche Arbeitsniederlegung etwa bei einem Automobilzulieferer empfindliche Folgen weit über den bestreikten Betrieb hinaus haben – weshalb die Arbeitgeber schon vor dem Einsatz des „Brachialmittels“ warnen.

So bietet der Konflikt durchaus realistische Chancen für einen Einstieg in ein Szenario für eine humane, an Beschäftigteninteressen orientierte Modernisierung von Erwerbsarbeit. Insgesamt ist die Ausgangskonstellation dennoch kritisch und birgt einige Risiken. Wenn es nicht gelingt, Unternehmen künftig zu Neueinstellungen zu verpflichten, droht ein erweiterter Teilzeitanspruch zum Katalysator für noch mehr Stress und Arbeitsverdichtung zu werden. Die Gewerkschaft hat dies zwar erkannt – ein probates Mittel, auf die Personalentwicklung der Unternehmen effektiven Einfluss zu nehmen, hat sie aber bislang nicht gefunden. Die Frage müsse auf der betrieblichen Ebene geregelt werden, heißt es dazu meist. Nur: Dies mag in gewerkschaftlich gut organisierten Großbetrieben mit eingeübten Mitbestimmungsmechanismen funktionieren – für das Gros der mittelständischen Unternehmen ist es illusorisch.

Zumindest zweischneidig ist sicher auch, dass die Forderung sehr individuell gestrickt und nicht mit einer Perspektive auf Arbeitszeitverkürzung für alle verknüpft ist. Nicht zuletzt könnte das ein Problem für die Mobilisierung darstellen, denn gerade in nicht wenigen kampfstarken Großunternehmen gibt es längst vergleichbare Vereinbarungen auf Betriebsebene. Die Begeisterung für etwas zu streiken, was man aber schon hat, dürfte sich dort in Grenzen halten. Kritisch angemerkt wurde von Gewerkschaftslinken auch vielfach, dass es sich um eine Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich handelt – ein Novum und in gewisser Weise ein Tabubruch.

Zugleich spiegelt sich hier das reale Kräfteverhältnis: Sowohl innergewerkschaftlich – wo die linken Kräfte in den letzten Jahren ganz klar nicht der politische Taktgeber waren – als auch gesellschaftlich. Die Zerstückelung von Wertschöpfungsketten durch Outsourcing, Leiharbeit und Werkverträge hat in der Kernbranche der IG Metall eine tiefe Spaltung zwischen Kern- und Randbelegschaften hinterlassen. Mindestens jeder dritte Arbeitsplatz in der Metall- und Elektroindustrie gehört mittlerweile zu diesem „Rand“.

Unterm Strich bleibt der Versuch, aus einer schwierigen Ausgangsposition wieder in die Offensive zu kommen. Die gute Nachricht dabei ist, dass der Versuch nicht unrealistisch ist. Und dass diese Offensive uns alle angeht.

06:00 14.02.2018

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