Pathos, unbedingt

Medientagebuch Aufstand des Hörers: Eine Messe für Brecht zum 50. Todestag am 14. August

Lehrstück: eine kleine Oper, ein Oratorium oder eine Messe mit Pathos. Choräle hat Brecht geliebt, hat sie ironisiert und ernsthaft angewendet. Der Regisseur Frank-Patrick Steckel hat 2003 in einem Interview Pathos eingefordert gegen den Irrtum einer überall siegreichen Ironie. Ja, Pathos, aber bitte keine pathologischen Sektionen an den Stücken Brechts!

Der Ozeanflug, das erste Lehrstück Brechts, behandelt Lindberghs Erfolg. Es ging 1929 vom Musikfest in Baden-Baden über den Rundfunk. Am Tag darauf wurde das Badener Lehrstück in einer "unfertigen Fassung" aufgeführt, vertont von Paul Hindemith. Es geht in beiden Stücken um das Fliegen, um den Flieger. Flieger werfen auch die Bomben von heute. Der Flieger im Badener Lehrstück stürzt ab. Er bittet um Hilfe, sie wird ihm verweigert. Untersucht wird danach erstens: ob das Fliegen und der technische Fortschritt der Menge nützt oder schadet, zweitens: ob der Mensch dem Menschen hilfreich ist oder nicht, drittens: ob man das Sterben lernen soll, einverstanden sein soll mit der Auslöschung der eigenen Existenz, mit der eigenen Endlichkeit, der Nichtigkeit eigener Taten, ob der Mensch sich in seiner "kleinsten Größe" annehmen und kennen sollte.

Brecht und Hindemith griffen noch auf der Szene in den Text und die Musik ein, während ihre Arbeit schon heftig abgelehnt wurde. Die Aufführung geriet zu einem Eklat. Danach trennten sich Hindemiths und Brechts Wege. Brecht schrieb eine geänderte Fassung. Er reichte 1930 Die Maßnahme für eine Aufführung ein, das wurde wegen "Minderwertigkeit des Textes" abgelehnt. Brechts Utopie vom öffentlichen Gebrauch des Apparates Rundfunk erfüllte sich nicht. Die Lehrstücke allerdings wurden nachgeahmt. Aus dem Jahre 1931 existiert ein Oratorium Hindemiths "das Unaufhörliche" zu einem Text von Gottfried Benn, ein nach "vitalistischer" Weltanschauung geformtes Einverständnis mit dem Tod, dem Werden und Vergehen.

Lehrstücke im Rundfunk hatte Brecht eigentlich gedacht für eine Art "Aufstand des Hörers, seine Aktivierung und Wiedereinsetzung als Produzenten". Er schreibt, diese Übungen seien immerhin so weit revolutionär gewesen, dass der "gegenwärtige Staat" kein Interesse hatte, sie zu veranstalten.

Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute nach 77 Jahren, zu Brechts 50. Todestag eine Inszenierung der ersten Fassung des Badener Lehrstückes sendet, dann veranstaltet er keine "Übung". Der kubanischen Komponist Carlos Farinas hat 1997/98 den ursprünglichen Brecht-Text, der sich nur noch in einer Partitur Paul Hindemiths fand, mit allen Regieanweisungen für eine Inszenierung durchkomponiert und hat ihm eine sehr feste Form gegeben, Chöre, Soli, Rezitative, moderner Sprechgesang. Der getragene oder treibende Rhythmus, der 12-Ton-Charakter, die reichen Variationen, die ausgefeilte Artikulation der Ausführenden und ihre Klangpräzision, alles das deutet den Text neu aus. Es existiert auch eine Vertonung von Carl Orff. Offensichtlich traf die frühe Fassung des Badener Lehrstückes auf das Interesse von Musikern, eignete sich für ihre Idee von der Musik der Sprache.

Die Musik Farinas klagt und verehrt, er komponiert Zivilisationskritik und Trauer als Komponist Kubas. Brechts aufklärerische Nüchternheit und Härte wandelt sich manchmal in religiös anmutende Bekenntnisse und Verkündigungen. Die Lehrsätze und Einsichten werden oft bis zum Verschwinden ins Leise, Hohe, Tiefe oder Ferne geführt. Das wird besonders deutlich beim Gesang vom Unerreichbaren. Sowohl im Ozeanflug als auch im Badener Lehrstück vom Einverständnis ist immer vom "noch nicht Erreichten" die Rede. Jetzt wird an dieser Stelle das Unerreichbare betont und klingt immer tiefer und verlorener bei jeder Wiederholung.

Gibt es nicht überhaupt einen Widerspruch zwischen der feierlichen, verehrenden Form dieser Komposition und der ursprünglichen Absicht der Lehrstücke? Sie waren für das Lernen der Spielenden gedacht, stellten immer wieder die Einsichten in Frage und werteten nichts endgültig. Laien sollten engagiert werden, soziales oder asoziales Handeln sollte untersucht, das Publikum einbezogen, die Wirklichkeit beeinflusst werden. Die Texte von 1929 wirken immer noch wie ein Lehrstück, die Argumente sind überraschend aktuell.

Erstens: Die Menge verdammt die technischen Errungenschaften: "das brot wurde dadurch nicht billiger" - nüchtern und schnell wird das hervorgestoßen, wie bei "gewohnten unabänderlichen Ritualen" (Brecht). "es weiß seit langer zeit/niemand mehr was ein mensch ist /zum beispiel während du flogst kroch /ein dir ähnliches am boden /nicht wie ein mensch", klagt der Chor.

Der Countertenor Jörg Waschinski singt den Flieger. Seine glasklare Stimme, diese Engelsstimme, schärft und reinigt zugleich die Sprache, da hört man hin: "mich hat erfasst das fieber /des städtebaus und des öls."

Zweitens: Hilfe wird abgelehnt. Eine bitterböse Clownsnummer zeigt, wie Hilfe, deren Zusammenhang mit Gewalt Brecht sich immer bewusst machte, zur Vernichtung dessen führt, dem geholfen wird. Wir kennen heute Länder, denen geholfen wurde. Sie liegen zerstört. Das bösartige, die aggressive Tonfolge bei der Demontage eines mächtigen Herrn Schmidt wird zum "Berichterstatter von hohen Fähigkeiten ", wie Hans Henny Jahnn die Musik in Brechts Stücken lobt.

Drittens: Das Sterbenkönnen oder nicht Sterbenkönnen bedrängt uns. Wie da Jörg Waschinski singt: "ich kann nicht sterben", das berührt uns sehr. (Sollen unsere hochtechnisierten medizinischen Maschinen ausgeschaltet werden oder nicht?) "Dem Sterben ist im Vergleich zu seinem wohl nur geringen Gebrauchswert zu viel Gewicht beigemessen", so schrieb Brecht über sein Badener Lehrstück. Ein so überraschend intimer Satz wie: "Wer von uns stirbt, was gibt der auf? Der gibt doch nicht nur seinen Tisch und sein Bett auf!", wird aber gerade durch das Melodiöse schön und groß.

Am Ende examiniert die "Menge" den von ihr abgehobenen Fliegerhelden, bis er von dem "ich bin ungeheuer hoch geflogen" herunter kommt zu seiner "kleinsten Größe".

Nach dem Abspann ist Heiner Müllers Stimme zu hören: "Das Einverständnis dehnt sich aus, bis es still steht. Und erst, wenn es stillsteht, kann es wieder eine Bewegung geben ..."

8. August, 20.10 Uhr Deutschlandfunk: Ars Nova Ensemble unter der Leitung von Sabine Wüsthoff: Bertolt Brecht, Lehrstück, Fragment, Lehrstück!


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 04.08.2006

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare