Patzer am Bein

Patientensicherheit 40.000 ärztliche Behandlungsfehler werden jährlich aktenkundig - und 17.000 Krankenhauspatienten sterben an den Folgen

Die Salmonellen, an denen im Klinikum Fulda mittlerweile über 250 Personen erkrankt und drei gestorben sind, sind aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf unterlassene Sorgfaltspflicht zurückzuführen, ob allerdings Sabotage im Spiel war, ist umstritten. Dass man im Krankenhaus allerdings erst richtig krank wird, weiß schon der Volksmund. Das "Aktionsbündnis Patientensicherheit" will den Behandlungs-Gau vermeiden helfen - doch was tun, wenn er eingetreten ist?

Je unangenehmer die Dinge sind, desto komplizierter bisweilen die Umschreibungen. Für ärztliche Behandlungsfehler, mangelnde Sorgfalt oder schlicht Schlampereien etwa gibt es im medizinischen Fachjargon eine Reihe von Begriffen. Unerwünschtes Ereignis. Vermeidbares unerwünschtes Ereignis. Und: Regelverletzung, die zu vermeidbaren, unerwünschten Ereignissen führt. Letztere Definition verwendet beispielsweise Matthias Schrappe, wenn er über Behandlungsfehler spricht. Der Mediziner ist Vorsitzender des "Aktionsbündnisses Patientensicherheit". Das vor zwei Jahren gegründete Forum - Mitglieder sind neben Ärzten auch Krankenkassen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft - engagiert sich für eine offene Fehlerkultur im Medizinbetrieb. Mit konkreten Arbeitsempfehlungen, Präventionsprogrammen und dergleichen will das Bündnis ärztlichen Patzern systematisch vorbeugen. "Das System zu einem lernenden machen", nennt es Schrappe.

"Aktion Saubere Hände"

Initiativen wie diese sind in Deutschland längst überfällig. Immerhin sind 40.000 Verdachtsfälle pro Jahr aktenkundig. Vermutlich nur die Spitze des Eisberges. Ein Viertel der Verfahren landet bei den Gutachter- und Schlichtungsstellen der Ärztekammern, dort werden die meisten Vorwürfe allerdings abgeschmettert. Den Statistiken der ärztlichen Kommissionen zufolge betreffen die meisten Beschwerden Hüft- und Kniegelenksoperationen. Auch bei Brüchen an Unterschenkel, Sprunggelenk und Unterarm vermuten Patienten oft eine fehlerhafte Behandlung. Zu spät erkannter Brustkrebs wird ebenfalls häufig moniert. An den Folgen vermeidbarer Fehler sterben hierzulande jährlich rund 17.000 Krankenhauspatienten, so die Analyse des Aktionsbündnisses.

"Deutschland liegt damit international im Mittelfeld", sagt der Mediziner Schrappe. Die Todesfälle werden hauptsächlich durch Fehler bei der Arzneimitteltherapie und durch Infektionen verursacht, die sich die Kranken im Klinikum zuziehen. "Im Krankenhaus wird man krank", heißt es im Volksmund, ein Spruch, in dem offenbar viel Wahres steckt. Besonders bitter ist, dass viele Keime von den Behandelnden selbst übertragen werden. Fachleute räumen ein, dass es bei der Hygiene bisweilen riesige Defizite gibt. Das Bündnis Patientensicherheit will daher mit der Kampagne "Aktion saubere Hände" Mediziner für das Thema sensibilisieren.

Dabei ist die Erkenntnis, dass Ärzte Krankheitserreger übertragen können, nicht eben neu, und die Infizierung könnte durch konsequentes Händewaschen vermieden werden. Doch solche Selbstverständlichkeiten gehen im hektischen Klinikalltag oft genug unter. Es kam auch schon vor, dass das falsche Bein unters Messer geriet. Um Seitenverwechslungen nach dem Motto "rechtes Bein krank, linkes Bein ab" auszuschließen, hat das Aktionsbündnis einen einfachen Rat parat: Die zu operierenden Köperteile sollen direkt markiert werden - und nicht das Kleidungsstück, das vor dem Eingriff möglicherweise ausgezogen wird. "Aus solchen Dingen setzt sich die Wirklichkeit zusammen", sagt Schrappe. Die allermeisten Fehler seien das Resultat einer Aneinanderreihung mehrerer Unaufmerksamkeiten, vom vertauschten Röntgenbild bis hin zu ähnlich klingenden Arzneimitteln, die verwechselt werden. Bei diesen so genannten Prozessfehlern gelte es, möglichst früh in der Ereigniskette anzusetzen.

Mangelnde Fehlerkultur

Doch die eigenen Fehler sind ein Thema, mit dem sich die Ärzteschaft nicht gerade gern auseinandersetzt - vorsichtig formuliert. Der Vorsitzende des Sicherheitsforums meint jedoch, allmählich ein Umdenken zu beobachten. In den Niederungen des Klinikalltags ist der offene und konstruktive Umgang mit den eigenen Versäumnissen bisher allerdings nur bedingt angekommen. Beispiel Berichtssysteme: Anonym können in diversen Datenbanken - klinikintern oder sogar bundesweit - Fehler oder kritische Situationen eingetragen werden. Es gilt das Prinzip, dass man nicht jeden Fehler selber machen muss, um aus ihm zu lernen. Eine sinnvolle Sache, leider haben Schätzungen zufolge lediglich zehn Prozent aller deutschen Krankenhäuser ein solches System etabliert. Hier schlägt nach wie vor die eingeübte "wir machen keine Fehler"-Mentalität durch. Hinzu kommt, dass im stark hierarchisch geprägten Medizinerbetrieb viel von der Initiative des Chefarztes abhängt. "Die interessiert doch nur, ob es einen Prozess und einen Skandal geben wird", heißt es bei Krankenhausärzten hinter vorgehaltener Hand.

Denn wenn es zum Prozess kommt, droht den Kliniken der Image-Gau. Für die Betroffenen ist das Ganze eine Tortur. Besonders zermürbend sind die langen Zeiten, in denen Patienten und Angehörige einfach nur die nächsten Verfahrensschritte abwarten können. Ewald Kraus beispielsweise wartet schon sehr lange. Vor 17 Jahren ging bei der Schulteroperation seines Sohnes etwas schief. So schief, dass der mittlerweile 30-Jährige in ständiger schmerztherapeutischer Behandlung ist. Der Behandlungsfehler ist inzwischen gutachterlich anerkannt, das Gerichtsverfahren abgeschlossen. Jetzt steht "nur noch" die Einigung mit der Haftpflichtversicherung des Arztes aus.

17 Jahre sind eine immens lange Zeit, Kraus kennt mittlerweile alle Tücken rund um das Thema Behandlungsfehler. Er engagiert sich in der bayerischen Selbsthilfeorganisation "Notgemeinschaft Medizingeschädigter". Seit fünf Jahren ist er deren Vorsitzender und berät regelmäßig andere Betroffene. Die meisten fühlen sich mit ihrem Problem komplett alleingelassen, sind mit der Beweislast, die sie zu erbringen haben, überfordert. "Zuerst einmal müssen Sie sich selbst helfen", sagt Kraus allen Patienten, die in seine Sprechstunde kommen und sich nach einem Anwalt sehnen, der für sie alles in die Hand nimmt.

Der Vorsitzende der Notgemeinschaft rät davon ab, sofort einen Rechtsbeistand einzuschalten. Zuvor müsse der Verdacht bestätigt werden - möglichst von einem Gutachter. Doch damit geht der ganze Ärger oft schon los. Patienten würden vom Krankenhaus sehr oft abgewiesen, wenn sie ärztliche Dokumentationsunterlangen verlangen, so Kraus. Auch ein offenes Gespräch mit dem behandelnden Arzt sei die Ausnahme. Die meisten versteckten sich hinter ihrer Haftpflichtversicherung. Zwar ist ein Schuldeingeständnis für den Arzt aus versicherungsrechtlichen Gründen tatsächlich problematisch. Es ist aber eine weit verbreitete Mär, dass sich die Behandler deshalb auch nicht entschuldigen dürften. Und zumindest eine Entschuldigung würde den meisten Betroffenen viel bedeuten.

Weitere Informationen:

www.aktionsbündnis-patientensicherheit.de

Arbeitskreis Medizingeschädigter Bundesverband

www.akmg.de

Die Notgemeinschaft Medizingeschädigter gibt es in mehreren Bundesländern, der hier zitierte Verband unter www.ngm-bayern.de


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