Paul alleine im Bus

Eine Weihnachtsgeschichte Nich lange schnacken, Kopp inn Nacken. Wo hat er das schon einmal gehört. Und was bedeutet eigentlich schnacken? Was heißt schnacken? fragt Paul, ...

Nich lange schnacken, Kopp inn Nacken. Wo hat er das schon einmal gehört. Und was bedeutet eigentlich schnacken? Was heißt schnacken? fragt Paul, den Kopf im Nacken auf das Hochhaus vor ihm starrend. Der dicke Schal drückt gegen den Hals, er hält ihn in einem Winkel gefangen, daß die Augen den Himmel nicht sehen können, obwohl der heute so tief hängt, daß die Hochhäuser am Alexanderplatz aussehen, als würde Dampf aus den obersten Etagen steigen. Das erinnert ihn an einen Tag im September, aber das Feuer fehlt und gegen die Hochhäuser von New York sind die Gebäude am Alexanderplatz ein Fliegenschiß, den kein Flugzeug trifft.

Schnacken ist sowas wie plappern, sagt die Mutter, die den Fahrplan studiert, als käme der Bus schneller davon.

Plappern, das Wort gefällt Paul. Wenn die Lippen feucht sind, macht das ein Geräusch, das wie plappern klingt. Jetzt sind die Lippen trocken vor Kälte. Da ist nichts mit Plappern, da klappern die Zähne. Er hat noch nicht einmal Lust zu reden, so kalt ist es. Neulich hat er im Fernsehen abgefrorene Zehen gesehen. Sie sahen aus wie fünf kleine Kohlestücken, die vom Ballen abstanden. Er hatte seine Mutter gefragt, was man mit so schwarzen Zehen noch anfangen könne, und sie hatte nur gesagt, amputieren. Und nach einer Weile: Wenn du dich noch lange weigerst, Deine Stiefel anzuziehen, dann hast du am Ende auch so schwarze Zehen.

Sie hatten den Bus verpaßt, weil seine Mutter sich erst im Treppenhaus erinnerte, daß es wohl besser sei, die Kerzen am Weihnachtsbaum auszublasen. Immer mußte sie unten noch einmal umdrehen, mal war es der Herd, mal der Wasserhahn. Oder eine brennende Zigarette. Aber bisher hatte sie noch nie etwas vergessen auszumachen. Sie vergaß immer nur, daß sie es getan hatte. Auch den Bus hatten sie umsonst verpaßt. Den 340er, der so bequem von Mutter zu Vater fuhr. Einmal quer durch die Stadt oder von Ost nach West. Obwohl das kompliziert war mit den Himmelsrichtungen. Früher hatte der Vater in Neukölln gewohnt und Neukölln war auf der Karte von Berlin eigentlich eher Südost, aber Mutter und Vater beharrten darauf, daß das Westen sei. Und der Alexanderplatz war die Mitte und für Mutter und Vater tiefster Osten. Und er war im Friedrichshain geboren und da stand die Mauer noch. Und der Vater war da schon in Neukölln, was hinter der Mauer war. Und konnte gar nicht sehen, daß er auf die Welt gekommen war, denn die Mauer hatte keine Tür.

Was ist eigentlich mit dem Haus? Das sieht furchtbar aus, als hätte es keine Augen mehr. Die Mutter lacht. Das ist verschleiert.

Das ist tot und verschleiert und irgendwann wird es umfallen. Noch nichtmal Vögel können da reinfliegen.

Das war schon eine Ruine, als du noch im Kinderwagen lagst. Irgendwann ist das Fundament ins Rutschen geraten, weil Berlin auf Sand gebaut ist. Das hatten die Statiker wohl nicht bedacht...

Paul hört nicht mehr hin. Er starrt durch das Loch im Bauzaun, hinter dem Betonstückchen an langen Armierungen hängen, die wie Spieße aus dem Vorbau des Gebäudes ragen. Ein einsamer Bagger ist abgestellt. Hinter der Frontscheibe steht ein kleiner Weihnachtsbaum mit winzigen Leuchten. Aus dem Gullydeckel hinter dem Zaun stinkt es. Im Sommer war der Geruch unerträglich.

Da kommt der Bus, schreit die Mutter. Paul rennt, so schnell es seine rutschende Hose zuläßt. Hast du dein Handy, deinen Schlafanzug, die Monatskarte, ruf an, wenn etwas ist, benimm dich. Und grüß deinen Vater von mir. Das Übliche. Paul fällt ein, daß er das Handy zu Hause vergessen hat.

Er findet es gut, zweimal Weihnachten feiern zu können. Zweimal Geschenke und zweimal Kerzen am Weihnachtsbaum anzünden. Noch besser hatte es Klara. Ehe sich ihr Vater nach zehn Jahren an sie erinnerte, hatte sie schon vier andere Väter gehabt. Und alle hatten eine Großmutter und einen Großvater mitgebracht, so daß sie zu Weihnachten gar nicht wußte, wo sie zuerst hingehen sollte.

Die Mutter winkt, bis sie im toten Winkel verschwindet. Jetzt kann er die Ruine in voller Größe sehen. Es muß komisch sein, wenn man als Kind dort Weihnachten gefeiert hat und dann mußte man von einem Tag auf den anderen ausziehen und hat in der Hektik den Ständer des Weihnachtsbaums in der Ecke vergessen und erst zu Weihnachten vermißt. Und dann war es zu spät und das Gebäude vermauert.

Paul hatte schon in vielen Wohnungen gewohnt, aber noch keine war abgerissen worden. Manchmal ging er an dem Haus in der Belforter Straße vorbei, wo er mit Klara gewohnt hatte. Es lebten jetzt andere Leute darin. Wenn es Abend war, konnte man die Bücherregale sehen, die in ihrem alten Kinderzimmer standen. Dann hatte er manchmal Sehnsucht nach dieser Wohnung. Dabei hatte er dort nur ein winziges Zimmer mit Klara geteilt, und einmal hatte der Weihnachtsbaum lichterloh gebrannt. Das Loch auf dem Fußboden hatten sie zurückgelassen als sie auszogen. Danach hatten Klara und er verschiedene Zimmer in verschiedenen Wohnungen und kein gemeinsames Weihnachten mehr.

Paul sieht noch, wie der Bus an der Prenzlauer Allee vorbeirast. Niemand ist auf der Straße. Er beugt sich nach unten und holt mit der Hand vor dem Mund seine Zahnspange heraus und sperrt sie in eine blaue Plastekiste, die er in der vorderen Tasche seines Rucksackes verstaut. Eine halbe Stunde ohne Zahnspange. Das ist ein Weihnachtsgeschenk, das er sich selber macht. Paul schaut sich um. Es sind mit ihm und dem Fahrer nur vier Leute im Bus.

Die Frau, die neben ihrer Tochter auf der gegenüberliegenden Seite sitzt, kann es nicht gesehen haben. Sie ist blind. Er hat das an den drei Punkten auf dem linken Arm, dem dünnen Stock und der dunklen Sonnenbrille erkannt. Aber das Mädchen, das neben ihr sitzt, hat ihn beobachtet. Sie kichert. Was lachst du, fragt die Blinde. Ach nichts, sagt das Mädchen. Die Blinde sieht aus, als ob sie aus dem Fenster schaut.

Auf dem Rosenthaler Platz kauert ein Obdachloser vor dem U-Bahneingang. Er wärmt sich die Finger an einem Becher Kaffee. Ein einsamer Imbißverkäufer schneidet mit einem langen Messer Fleischstücke vom Dönerspieß. In den Fenstern rundherum brennen kleine Lämpchen. Manche haben die Form eines Weihnachtsbaums oder einer Sternschnuppe.

An der Haltestelle Tucholskystraße erinnert sich Paul an Dennis aus seiner Parallelklasse, der eines Nachmittags vor vier Jahren in einen Bus gestiegen war und nie wieder auftauchte. Sie hatten die ganze Stadt nach ihm abgesucht, die Polizei war in die Schule gekommen und an allen Litfaßsäulen hingen Fotos von Dennis. Paul hatte abends im Bett gelegen und sich vorgestellt, sein Foto klebe an der Litfaßsäule und seine Mutter würde den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen und die Raumschiffmodelle anschauen, die er gebaut hatte. Seine Mutter wollte ihn in der ersten Zeit nicht mehr alleine auf die Straße lassen und sie hatten zu Hause geübt, was er machen solle, wenn ein Mann ihn anspräche. Ich reagiere nicht und gehe weg, hatte Paul gesagt. Und wenn er dich festhält, hatte die Mutter gefragt und ihn in die Mangel genommen. Er hatte sie in den Arm gebissen, bis sie losließ. Sie wußte nicht, daß er ein paar Monate später, als kaum noch jemand über Dennis sprach, mit Klara in die U-Bahn gestiegen und bis Ruhleben gefahren war, weil sie unbedingt wissen wollten, was sich hinter dem Namen Ruhleben verbarg. Ruhiges Leben hatte Klara nur gesagt, als sie ihre Nase aus dem U-Bahneingang steckten, und sie waren gleich wieder umgekehrt.

Ist es nicht traurig, arbeiten zu müssen am Heiligabend, fragt eine dicke Frau im Pelzmantel, die an der Chausseestraße einsteigt. Der Busfahrer brummt, zu Weihnachten fahre er gerne, weil da die Straßen leer seien und ohnehin zu Hause keiner auf ihn warte. Auf mich auch nicht, sagt die Frau, ich gehe dann immer in die Kirche. Wo sie herkommt, ist Paul ein Rätsel. Inzwischen scheint es ihm, als wäre es eine Lüge, daß drei Millionen Menschen in Berlin wohnen. Auf der Friedrichstraße zählt er nicht mehr als zehn, und alle laufen allein. Der Bus fährt an der Charité vorbei. Wenigstens dort ist Licht hinter den Fenstern.

Invalidenpark, ruft der Busfahrer, aber niemand will aussteigen und niemand steht an der Haltestelle. Der Platz mit dem Riesenungetüm in der Mitte, das ein Denkmal sein soll, ist völlig leer. Hinten am Kanal war die Mauer, hatte seine Mutter gesagt, als sie ihn das erste Mal zum Vater nach Charlottenburg brachte. Paul hatte sich lange angestrengt, um zu begreifen, was das bedeutete. Warum habt ihr denn nicht Räuberleiter gemacht und seid drübergestiegen, hatte er seine Mutter gefragt und die hatte zurückgefragt, ob er mit Räuberleiter in sein Zimmer klettern könne, denn das sei genauso weit oben wie die Mauer hoch war. Das würde er nicht mal schaffen, wenn eine Stange nach oben führte. Eigentlich findet er das Thema uninteressant, aber jedes mal, wenn sein Vater und seine Mutter aufeinander trafen, fingen sie an, sich darüber zu streiten.

Am Lehrter Bahnhof explodiert der Bus in Pauls Kopf. Er fliegt mehrere Meter hoch in die Luft und bleibt als zerknautschtes Metallgerippe in einer der Baugruben liegen. Er hatte das, was einmal ein Bus war, vor wenigen Wochen im Fernsehen gesehen. Am Heck des Busses war noch eine Reklame zu lesen. Der Bus sah dem ähnlich, mit dem er jetzt fuhr. Kein Doppeldecker, so ein einfacher, ohne Ziehharmonika in der Mitte, auf deren Plattform man sich bei jeder Kurve mitdrehte.

Würde dieser Bus explodieren, könnte man im Fernsehen Richtig leben. Ab jetzt können sie es an der zerknautschten Außenhaut lesen. Er schaut immer auf die Reklame, ehe er in den Bus steigt. Sein Vater würde sich wundern, wenn er nicht zur Bescherung käme. Paul schaut unter die Sitze. Aber es steht nirgendwo eine verlassene Tasche herum, in der eine Bombe liegen könnte. Der Bus fährt am Gefängnis vorbei, und Paul stellt sich vor, er würde jetzt in so einer Zelle sitzen und nichts zu Weihnachten bekommen, nicht mal ein Paket.

Der Bus fährt zügig durch die dunklen Straßen und an den verlassenen Haltestellen vorbei. Vielleicht gab es ja außer den Leuten im Bus niemanden mehr in Berlin und die Weihnachtsbäume standen nur für sie paar Überlebenden an den Straßenecken herum. An der Havelberger Straße steigt die Frau mit dem Pelzmantel aus. Der Heilige Geist wartet auf mich, sagt sie zu dem Busfahrer, ich werde Sie in mein Gebet einschließen. Tun Sie, was sie nicht lassen können, brummt der Busfahrer und schließt hinter der Frau die Tür.

Was siehst du, fragt die blinde Frau im Bus. Gar nichts, sagt ihre Tochter, es gibt nichts zu sehen, es ist alles dunkel. Ich sehe einen Hund, sagt Paul. Er hat Durchfall. Der kleckert die ganze Straße voll. Und hinter ihm läuft ein sehr alter Mann, der kaum hinterherkommt. Welche Straße sind wir, fragt die Blinde. Turmstraße, sagt das Mädchen schnell. Sie schaut ihn dabei abschätzig an, und ihr Blick bleibt am Saum seiner Hose hängen, der zerfetzt und dreckig ist. Paul schaut vorsichtig an sich herunter, ob vielleicht nicht doch sein Anorak verrutscht und seine Unterhose zu sehen ist. Seine Mutter mag es nicht, wenn er die Arschrutschhose anzieht. Auch vorhin hatte sie es ihm auszureden versucht. Zu Weihnachten kannst du ruhig mal eine ordentliche Hose anziehen, die nicht fünf Nummern zu groß ist. Du bist doch kein Ghettokind aus der South Bronx, dem man im Gefängnis den Gürtel weggenommen hat. Aber sie hatte wenigstens nicht gelacht, als er nach Haus kam und heulte, weil ihm einer auf dem Schulhof die Hose blitzschnell heruntergezogen hatte. Mutter muß sich gerade aufregen! Die war viel schlimmer. Ging früher in Nachthemden in die Schule und trug Mäntel, die sie aus Wolldecken genäht hatte. Und Oma hatte ihm erzählt, daß seine Mutter am Sonntag immer drei Schritte vor der Familie gehen mußte, weil sie sich weigerte, ihre Jeans mit Lederflicken wenigstens am Sonntag nicht zu tragen. Und dauernd wurde sie von der Polizei angehalten. Aber damals hatten sie ja noch unter den Kommunisten gelitten, wie sein Vater immer sagte.

Die Turmstraße ist nicht dunkel, wie das Mädchen behauptet hat.Das Kaufhaus ist mit Lichterketten zugehängt. Die großen Sterne an der Decke der Arkaden schaukeln leicht im Wind. Wenn er jeden zweiten Freitagabend zu seinem Vater fuhr, ging es hier manchmal zu wie auf einer Demonstration, so viele Leute liefen nebeneinander. Wo werden die sich jetzt aufhalten?

Die Blinde ist aufgestanden und hat sich am Arm ihrer Tochter zur hinteren Tür getastet.

Du hast woll ooch keen Zehause, sagt das Mädchen beim Aussteigen und Paul denkt, die mit ihrer ollen Ostsprache. Ickedettekiekema, das konnte er auch an Klara nicht leiden. Sie sind an der Stelle, wo die Spree einen großen Bogen macht.

Er ist jetzt der einzige Fahrgast, und der Fahrer ist ihm unheimlich. Er hat aufgehört, die Haltestellen anzusagen. Paul ist froh, als er an der nächsten Ampel zwei Betrunkene sieht, einen großen und einen kleinen, die sich stützen wollen, sich aber gegenseitig zu Boden ziehen und vor dem Bordstein liegenbleiben und lachen. Der größere von beiden trägt nur ein T-Shirt. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt.

Der Bus überquert die nächste Kanalbrücke. Gleich wird er an der Endstelle sein.

Paul holt die Zahnspange aus dem Plastekästchen und schiebt sie zwischen die Zähne. An der Ecke zum Mierendorffplatz werfen fünf Jungen Steine gegen den Bus. Sie sind bestimmt zwei Jahre älter als er. Paul traut sich nicht auszusteigen. Nu mal raus junger Mann, hier ist Endstelle oder hast du dich verfahren? Nein, murmelt Paul und drückt sich im Schatten des Busses herum, bis der wegfährt und Paul im Lichtkegel der Laterne steht. Die Jungen sind verschwunden, als hätte Paul sie sich nur eingebildet, die Straße ist leer, noch nichtmal ein Auto steht an der Ampel. Paul läuft er quer über die Straße, bis er außer Atem am Modelleisenbahngeschäft ankommt. Im Schaufenster steht immer noch das Raumschiffmodell, das er sich von seinem Vater zu Weihnachten gewünscht hat. Ob sie es zweimal vorrätig hatten? Hatte er überhaupt Licht gesehen in den Fenstern unter dem Dach? Paul geht langsam auf den Hauseingang zu. Er klingelt dreimal und wartet auf den Summer.

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00:00 21.12.2001

Ausgabe 42/2021

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