Pausenbrot, Strahlentod

Literatur Wie schlechtes Gewissen zum Lebenselixier einer ganzen Generation gemacht wurde. Ein Vorabdruck aus dem neuen Buch von Klaus Ungerer
Klaus Ungerer | Ausgabe 39/2015

Wenig bekannt: Als Wickie und die starken Männer noch in der Entwurfsphase steckte, da gab es auch die Figur des Snerl. Snerl hob sich ab von den anderen Flakern: Etwas schmächtig geraten, sprach er mit leiser, dünner Stimme, sein schütteres blondes Schnurrbärtchen hing traurig herab. Meistens sagt er, dass man sich nicht hauen solle, und dass man stattdessen über alles reden solle. Die starken Männer hörten dann kurz auf mit der Verprügelei, nickten betreten, steppten von einem Ledersäckchen aufs andere und fühlten sich davon so scheiße, dass sie sich schnell wieder jemanden zum Verhauen suchten.

Kein Wunder, dass Snerl bei den Trickfilmmachern frühzeitig aus den Planungen flog. Er zog von dannen und suchte, wie die Bremer Stadtmusikanten, seine zweite Chance. Im Lübeck der achtziger Jahre tauchte er wieder auf, an meiner Schule, er war jetzt Erdkundelehrer. Wochenlang konnte er uns über den Widrigkeiten des tropischen Klimas brüten lassen, derweil die Ostseewolken munter vorüberzogen, immer wieder lernten wir die multiplen Standortnachteile der damals noch so nennbaren Dritten Welt. Herr Snerl sprach leise, aber unbeirrbar, so wie der stete Tropfen den Stein höhlt, so wie die Urchristen den Löwen immer auch die andere Backe hinhielten, so wie Hans Gandhi, nur mit Badelatschen bewaffnet, einen ganzen Subkontinent befreite. Sie können so zäh sein, die Hageren! Klein, aber aufrecht saß er vor uns an seinem Lehrertisch, die Haare hingen dünn und blond beidseits an ihm herab, und so fern Herr Snerl vom Glamour oder auch nur von verstehbarer Sprechlautstärke war, einen wirklich unvergesslichen Auftritt legte er hin.

Eines Tages, wir müssen so in der sechsten Klasse gewesen sein, taten wir mit Nachdruck, was wir immer vor den schrecklichen, öden Erdkundestunden taten: Tobten uns fünf Minuten lang aus wie die Blöden, krakeelten, zupften aneinander, warfen dies und das, die Disziplinierteren ritzten AC/DC in den Tisch. Und da stand er plötzlich. Im Türrahmen, nun ja, ragte seine dürre Gestalt auf, und schon der anklagende Blick und seine hellbraune Wildlederjacke und der Gedanke an seinen zarten Mundgeruch sorgten dafür, dass wir uns schlecht fühlten.

Pausenbrot sammeln

Es waren die achtziger Jahre, das depressive Geschwister der Siebziger, und ich will nicht lügen, aber einen Moment lang schien etwas wie eine echte Emotion durch die kleine Gestalt zu gehen, und in seinem dünnen Stimmchen, von menschlicher Erschütterung gespeist, wimmerte Herr Snerl: „Ich glaube es einfach nicht! Da reden wir seit zwei Wochen von den Problemen der Dritten Welt – und ihr werft hier mit Schulbrot durch die Gegend!“

Das war die Botschaft. Das war die Essenz von Bildung und Erziehung: Kloppen und blutig beißen hätten wir uns können, hätten schwänzen und abschreiben können. Aber dass wir mit gutem! essbarem! Schulbrot, mit Schulbrot, von dem man ein Dorf in Kamerun zwei Wochen hätte ernähren können, Brot, welches dort jetzt fehlte, dass wir damit durch die Gegend warfen!

Das war ein menschlicher Abgrund, in den zu blicken Herrn Snerl tief erschütterte, nie wieder haben wir ihn so sehr als eine Art Mensch erlebt, und wir haben ES dann auch nie wieder getan. Stattdessen haben wir Schulbasare mitgetragen, die von selbstgestrickten Lehrerinnen organisiert wurden, um ein Dorf in Nicaragua zu retten, wovor auch immer, haben Gedichte über Nistplätze und Pamphlete über die Startbahn West geschrieben, und wenn es sonst grad nichts zu retten gab, haben wir halt unsere Moneten raschen Entschlusses in irgendwelche Sammelbüchsen geworfen. Nie aber, erstaunlich, ist irgendjemand von uns auf die Idee gekommen, alles Pausenbrot mal eine Woche lang zu sammeln und mit einem günstigen Frachter nach Afrika zu schicken.

Die achtziger Jahre muss man erlebt haben. Es war die Hölle. Man war ja noch von den Siebzigern geprägt worden, der große Bruder hatte sie voll mitgemacht, Bundeswehrparkas, lange Haare, Doors, ABBA, selbstgebaute armdicke Skateboards, der ganze Quatsch. Aber die Siebziger waren wenigstens nachvollziehbar gewesen: Man hing friedlich herum und ließ die Haare wachsen, trank Bier, warf Stinkbomben in Läden, kiffte bisschen. So weit alles normal. Dann aber kamen die Achtziger, und mit den Achtzigern kam alles, was scheiße ist, plötzlich in meine Welt hereingebrochen: Ronald Reagan, Helmut Kohl, Sweatshirts mit Riesen-Werbeaufdrucken, Popper, Atomkrieg. Atomkrieg war echt scheiße.

Ich kann mich genau an einen Nachmittag erinnern, ich war wie so oft alleine zu Hause und hatte nichts zu tun, Musik vielleicht gerade fertig gehört, Fischer-Z oder so. Ich lag auf meinem Bett, sah durch mein Fenster in den Lübecker Himmel, dachte nach und war mir auf einmal sicher: Jetzt kommen sie gleich. Cruise Missiles. SS-20. Wie sie alle heißen. Mit Überschallgeschwindigkeit kommen sie angeflogen, der Himmel wird voll von ihnen sein, jetzt, genau jetzt hat irgendjemand auf den roten Knopf gedrückt, der unser Denken oder doch zumindest unsere unbewussten Ängste beherrschte ...

Die Welt würde in Flammen stehen, die Städte bersten, das Fleisch würde auf unseren Knochen verbrennen, und wenn wir die direkten Folgen des Erstschlags überleben sollten, wäre der qualvolle Strahlentod unser Los: Die Haut pellte sich ab vom lebendigen Körper, wir würden schreien, unsere Liebsten stürben alle dahin ... Es gab Kinofilme darüber, in die die Lehrer uns schleppten, es gab Jugendbücher darüber, die die Lehrer uns zu lesen zwangen Atomkrieg war in der Kreativbranche ein super Geschäftsmodell. Filme, Bücher und Nena, mit einem weißen Stirnband zwischen ARD-Schulkindern herumturnend, malten uns unsere Zukunft aus: Und unsere Zukunft wäre der Tod, in der schlimmsten, überflüssigsten und irgendwie auch fantasielosesten aller denkbaren Apokalypsen.

Ein bisschen hatten wir den Strahlentod ja auch verdient, wenn man sich vor Augen führte, wie unsere Vergangenheit aussah. Die bekamen wir in schöner Regelmäßigkeit in der Schule und im Fernsehen aufs Brot geschmiert: Wir Kids hatten, noch ehe wir geboren waren, den grausamsten Massenmord der Menschheitsgeschichte durchgeführt! Im Fernsehen wurden gerne, wenn man im falschen Moment wegschaltete von Trickfilmzeit mit Adelheid oder Western von gestern, furchtbare Leichenberge in Schwarzweiß durch die Gegend gekarrt, und zwar nicht irgendwelche Leichen, sondern ausgemergelte, abgemagerte, die Leichen über Jahre zu Tode gequälter Menschen: Das getan zu haben hieß, ein Deutscher zu sein. Diese Vergangenheit war unentrinnbar, wie der Atomkrieg, wie das Waldsterben, wie Karl der Käfer.

Das afrikanische Kind

Die kurze verbleibende Gegenwart fand in den Zeitungen statt, und wenn keine Zeitungen herumlagen, nahm man den Stern. Der Stern war mein Zugang zur Gegenwart, ihn las ich genau durch, manches schnitt ich auch aus, um es aufzuheben: Tolle, tanzende, sich räkelnde, auffordernd dreinblickende Damen mit blanken, wunderhübsch geformten Brüsten zumeist. Um die Sammlung mit neuen Brüstefotos auszubauen, musste man durch vielerlei anderes Bildmaterial hindurchnavigieren, und wenn man ehrlich war, fesselten einen die Nachrichtenbilder oft fast ebenso sehr: zerbombte Autowracks, Brüste, Karl-May-Festspiele, Brüste, Überschall-Raketenautos, Brüste, skelettierte Leichenfunde, Brüste ...

Vor allem anderen hat ein Motiv sich tief, tief eingegraben: Das afrikanische Kind. Das afrikanische Kind war der Star des Sterns, es schlug alle Nackten, alle Panzer, alle Archivfotos vom Zahnbürstenvertreter und seiner Bande. Das afrikanische Kind hatte einen Schädel, der sich merkwürdig deutlich unter der dünnen Haut abzeichnete, es hatte riesige Augen, die von dutzenden Fliegen umspielt wurden, als suchten sie schon einen Vorschuss auf diesen bald verwesenden Körper. Das afrikanische Kind hatte unvorstellbar dürre, abgemagerte Glieder, den Leichen in den Umschalt-Leichenbergen sehr ähnlich (nur in Farbe). Und das afrikanische Kind hatte einen unfassbaren, aus nie genau verstandenen Gründen brutalst aufgeblähten Ballonbauch. Den Bauch, den der Hunger machte. Und zwar nicht der Hunger aufs Abendbrot oder irgendein Hunger, den wir gerade kannten. Sondern der bohrende, schmerzende, das Leben vollkommen bestimmende, zehrende, zerstörende, brüllende Hunger. Der Hunger ohne Hoffnung. Der Hunger ohne Angst.

Das afrikanische Kind sah nicht aus, als ob es eine Erwartung ans Leben hätte. Das afrikanische Kind wirkte nicht, als ob es in seiner Welt eine Ausbildung, eine Aufgabe oder einen Job zu erobern gäbe. Es ward hineingeboren in eine wüste Welt. Um zu sterben. Manchmal, wenn die Fotografen ihr Handwerk besonders gut verstanden, saß auch noch die Mutter des Kindes mit im Bild, toter Blick, Fliegen, knochige Hände: Da war das Madonnenmotiv perfekt.

Man selber aber saß hier oben. Man holte sich einen Snickers, vielleicht aus dem Kühlschrank, da war er besonders gut. Und man konnte, voller halbkindlicher Angst, den Blick kaum abwenden von ihnen: den bunten Bildstrecken verhungernder Kinder, zwischen Jägermeisterwerbung und Fernsehprogramm. Das Leben, mein Leben, unser Leben, war von Schuld durchtränkt vom ersten Moment an, vom ersten Atemzug, den wir taten, und es gab nichts, was dagegen zu tun war, außer sich eine Popperfrisur schneiden lassen, ein BOSS-Sweatshirt anziehen und den ganzen Käse vergessen. – Da war mir nicht nach.

Der Text ist ein Auszug aus: So rettete ich die Welt. Bekenntnisse eines hoffnungslosen Weltverbessers Klaus Ungerer Tropen 2015, 206 S., 18,95 € (erscheint am 27. September)

06:00 07.10.2015

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