Peinliche Auftritte

Politiker Das Netz löst die Talkshow als Selbstdarstellungsplattform für Politiker ab. Wer auf sich hält, stellt seine Filme online. Die Top-Ten der schlimmsten Polit-Videoblogs

1. Der FDP-Videoblog „Fricke Solms“

Der Vorspann erinnert an den Beginn einer TV-Anwaltsserie, die FDP-Abgeordneten Otto Fricke und Hermann Otto Solms werden als Helden eingeführt. Um anschließend die FDP als Schutzpartei der Autofahrer zu präsentieren. In dem Beitrag fährt Solms in einem Oldtimer den verspäteten Fricke zum Bahnhof. Dabei erklärt er ihm, dass er nicht schneller fahren kann, weil der Sprit so teuer ist – schuld sind natürlich die hohen Steuern. So einfach kann Politik sein. Fricke Solms

2. Das Online-Bildungsfernsehen von Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen):

Die erste Einstellung zeigt Jonathan Littells NS-Roman „Die Wohlgesinnten“. Dann schwenkt die Kamera auf Cohn-Bendit, der mal eben kurz den Holocaust erklärt. Die Ästhetik erinnert an Bildungsfernsehen von 3.Sat und Arte. Kleinere Themen als Weltfrieden oder das Böse an sich handelt der Grünen-Politiker auch ungern in seinen Videobeiträgen ab. Dabei springt er aber meist zu kurz. Cohn-Bendit plaudert mit intellektuellem Habitus, wenn auch ohne Erkenntnisgewinn.


3. Die Videoansprachen von Jürgen Rüttgers (CDU):

Beim CDU-TV NRW versucht Landesvater Rüttgers mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Von einem weißen Blatt liest er vor einer Stellwand mit Rüttgers-Logo Fragen vor, die klingen, als habe sie sein Pressesprecher extra für ihn formuliert. Eine Bürgerin sorgt sich etwa, dass „Lehrer nicht nach dem Leistungsprinzip bezahlt werden“. Mit einem treuherzigen Augenaufschlag versichert der Ministerpräsident aber, dass die meisten Lehrer trotzdem einen „ganz tollen Job machen“.


4. Der Videopodcast von Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD):

Schäfer-Gümbel ist der Newcomer unter den Politik-Videobloggern. Sein Videopodcast ist bewusst einfach produziert. Das vermittelt Bodenständigkeit und Volksnähe. Die Geheimwaffe der hessischen SPD sitzt vor einem schmucklosen Bücherregal, die Tonqualität ist mies und die wiederholten Verhaspler von TSG werden nicht rausgeschnitten. Ob der Bürger da wirklich gerne ein Gespräch hätte?


5. Das Menschenrechts-Video von Julia Seeliger (Die Grünen):

Die Grünen haben anlässlich des 60. Jahrestags der Menschenrechtserklärung ihre eigene Video-Serie mit mehr oder weniger bekannten Grünen-Vertretern gemacht. Auch Julia Seeliger, die vor zwei Jahren als vermeintliche Sponti-Kandidatin den Grünen-Bundesvorstand aufmischte, durfte einen Menschenrechtsartikel besprechen. Zum Recht auf Staatsbürgerschaft fällt ihr, in einer Retro-Skijacke vor einer grauen Mauer stehend, allerdings nicht viel mehr ein, als dass am besten alle Menschen die gleichen Rechte haben sollten. Schlimmer aber ist die nur scheinbar spontane Gestik, mit der sie ihren Vortrag unterstreicht. Übles Rudern mit den Armen!


6. Die Bundestagsreden von Max Straubinger (CSU-Landesgruppe):

Bei seinem Videoblog ist der CSU-Politiker sehr effizient. Er stellt einfach seine Bundestagsreden ungeschnitten ins Netz. Man kann das positiv sehen - als Reduktion auf das Wesentliche, fernab aller Inszenierungskunst. Man kann das aber auch einfach langweilig finden.


7. Der Videopodcast von Gesine Lötzsch (Die Linke):

Der Reichstag wird als Bild auf den Hintergrund des Studios projiziert. Davor erklärt Gesine Lötzsch von der Linken, dass die Regierung Schattenboxen betreibe, wenn sie Bank-Manager verbal angreift, zugleich aber den Finanzmarkt nicht stärker reguliert. Um das Bild vom Schattenboxen dem Bürger anschaulich zu machen, fuchtelt Lötzsch dabei mit einem Paar roter Box-Handschuhe herum. Und um ihre Forderungen am Schluss noch einmal zu unterstreichen, wirft sie die Handschuhe schließlich über ihre Schulter. Beeindruckend.


8. Die Videofilme des österreichischen Grünen-Politikers Matthias Köchl:

Vollmundig preist Köchl im Netz an, er sei „Österreichs erster Politiker mit HD-Videoblog“. Von einem hochauflösenden HD-Format ist allerdings nichts zu sehen. Köchls Filmchen sind genauso krisselig wie das Meiste auf YouTube. Der Zuschauer kann dem Klagenfurter Gemeinderat dafür in seinem Videoblog beim Gießen von Tomaten zu schauen. Dazu Köchl: „Bereits mein Großvater war Gärtner – und ich habe den grünen Daumen geerbt.“ Ui!

9. Die „Videodepeschen“ des CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Grund

Bürgernähe zum Abgewöhnen – in der neuesten Folge seiner „Videodepeschen“ antwortet der Thüringer Bundestagsabgeordnete auf dem Dach des Reichstags auf die Fragen einer schüchternen Schülerin. Von MdB Grund erfährt man dabei Neuigkeiten, etwa dass das Land seit drei Jahren von einer Frau regiert wird: „Das hat den deutschen Männern gut getan.“ Aha.


10. Der Videopodcast von Nils Annen (SPD):

Der professionell inszenierte Vorspann soll zeigen, wie wichtig Annen als SPD-Bundestagsabgeordneter ist. Man sieht ihn im Reichstag zielstrebig lange Gänge durchschreiten, Glastüren mit dickem SPD-Logo öffnen, entspannt in der Bundestagskantine sitzen und sich volksnah unter die Besucher der Glaskuppel einreihen. Danach spricht Annen dann direkt in die Kamera. Er erzählt von wirklichen und vermeintlichen SPD-Erfolgen und seiner Arbeit in Berlin. Nur seit er bei der Mitgliederbefragung seines Hamburger Landesverbandes Mitte November als Kandidat für die nächsten Bundestagswahl durchfiel, gibt es leider keine neue Folge mehr seines Videopodcasts.

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18:15 06.02.2009

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