Peloton der Gefühle

Medientagebuch Zum Start der Tour de France: Sport im Zeitalter der Dopingbeichte

Für das Sportschauen gibt es keinen unsinnigeren Satz als den, dass der Bessere gewinnen möge. Das mag der Idee verpflichtet sein, die olympisch genannt wird und die - wenn es jemals anders war - heute nur noch in Sonntagsreden vorkommt. Diese "olympische" Wahrnehmung geht von dem Sport als einer ganzheitlichen Unterhaltung aus, es zählt die Anmut der Bewegung, die Qualität der Leistung, das Aufeinandertreffen von verschiedenen Menschen an sich - und wer sich im einzelnen anmutig bewegt, große Leistungen erbringt, aufeinander trifft, ist egal. Das Sportereignis wäre dann so eine Art Kirmes oder Installation, durch die man sich nach je eigenem Geschmack bewegt.

Dem gegenüber steht die "mediale" Wahrnehmung, die in unseren Breiten das weit prominentere Modell des Sportschauens bildet. Zweitrangig ist hierbei der Sport, das konkrete Ereignis, bedeutsam die Polarisierung durch Einfühlung. Für den professionellen Sportschauer wird selbst das Eisstockschießen eine Möglichkeit bieten, sich auf die Seite eines der konkurrierenden Teams zu schlagen. Der Wettbewerb wird dann als Wettbewerb begriffen - und eben nicht als Kirmes -, und er macht nur Spaß beim Schauen, weil mit einem Teilnehmer oder einer Mannschaft um den Sieg gefiebert werden kann. Dabei ist es nüchtern betrachtet das gleiche, ob man für Deutschland fiebert, weil man ein Deutscher ist, oder für die italienische Mannschaft, weil die so schicke Trikots trägt.

Daraus ist zu ersehen, dass man die Motive seines Für-jemanden-Seins zwar erkennen und entschlacken kann. Das Für-jemanden-Sein bleibt aber als unhintergehbarer Rest des Sportschauens bestehen. Und da genau beginnt nun das Problem, vor das die am Samstag startende Tour de France den medialen Radsportfreund stellt. Wie soll sich auch nur in einen aus dem Heer von Fahrern eingefühlt werden, wenn nach den ersten und jüngsten Enthüllungen dieses Sommers alle unter dem Verdacht des Dopings stehen? Wo soll der Fernsehzuschauer mit seinen Gefühlen hin, die ihm doch so viel wert sind, dass er sie nicht an einen Betrüger vergeben möchte? Wir haben uns ja kaum vom emotionalen Kater erholt, den das lange, unwürdige Leiden mit Jan Ullrich verursacht hat. Schon seit Ben Johnsons nachträglich korrigiertem Olympia-Sieg über 100 Meter von 1988 hat das Doping als unterschwellige, aber eben nicht offen ausgesprochene Gewissheit das Sportschauen verändert. Das Mitfühlen endete nicht mehr an der Ziellinie, sondern dehnte sich als Angst vor Überraschungen bis in die Zeit nach dem Rennen aus, in die Verkündigungen von positiven Dopingproben fallen. Im letzten Jahr, als vor dem Start der Tour eine ganze Reihe von Fahrern suspendiert worden war, begann das Rennen für uns als Zuschauer als schales Unterfangen, in dessen Verlauf die Zweifel schwanden, wir kurzzeitig wieder "Klödi, Klödi" skandierten, ehe die höllengleiche Alleinfahrt des Floyd Landis die dunklen Wolken des Verdachts wieder auf den Horizont unseres Ahnens ziehen ließen. Das Gewitter ließ nicht lange auf sich warten.

Die Enthüllungen der Dopingpraxis haben die übertragenden Fernsehsender vor ein Dilemma gestellt, das dem von uns Zuschauern vergleichbar ist. ARD und ZDF wollen dem in ihrem pseudo-aufklärerischen Eifer entkommen, indem sie regelmäßig Berichte über Doping liefern. Das tut angemessen, hat aber nichts mehr mit Sportschauen zu tun, wenn man eine Stunde das Rennen sieht und zwei Stunden Informationen über die neuesten Erkenntnisse aus der Dopingszene erhält. Konsequenter wäre es da, Doping so in die Sportberichterstattung zu integrieren, wie man es mit Rennradtechnik und Pulsmessern schon macht. Es ließen sich bestimmt avancierte grafische Lösungen finden, um zu zeigen, an welchem Berg welche Epo-Pulle bei welchem Fahrer wirkt oder welche Reserven das frisch zugeführte Eigenblut gerade mobilisiert. Das mag zynisch klingen, erscheint aber weniger verlogen als die aktuelle Wiederbeschwörung einer nun heilen Welt. Solange der Radsport selbst nicht zum durchgreifenden Verzicht auf Doping bereit ist (wenn es den im Hochleistungssport überhaupt geben kann), der uns Zuschauern zudem kaum auffallen dürfte, weil es für das Mitfiebern egal ist, ob eine Etappe in sechs oder sieben Stunden bewältigt wird, solange kann man vor dem Fernseher entweder verdrängen. Oder muss zur "olympischen" Wahrnehmung zurückkehren. Dabei sein ist alles. Auch bei der Kirmes.


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00:00 06.07.2007

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