PEN-Präsident Deniz Yücel ist mehr als eine schnöde Hausnummer

Meinung Der Journalist Deniz Yücel äußerte sich zu einer Flugverbotszone in der Ukraine, kurz darauf wird sein Rücktritt als PEN-Präsident gefordert. Die honorige Literatenvereinigung dürfte ihre Wahl von 2021 nun bereuen

Der PEN ist eine honorige Vereinigung, die ihre Legitimation aus der Verteilung von Solidaritätsadressen bezieht, die durch die Namen vornehmlich weißer Silberrücken gestärkt werden. Das geht so lange gut, wie es diese Silberrücken gibt. Bei einem auf Selbstrekrutierung basierenden Verein wie dem PEN laufen diese aber fast naturgemäß aus: Niemand will einen stärkeren Silberrücken neben sich. Folglich wird eine solche Organisation irgendwann zu einer Mischung aus gepflegter Bürokratie und sentimentalischem Stammtisch. Man weiß vielleicht nicht so recht, was der PEN gerade tut, ob er ähnlich wie die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung auch etwas zu Gender und KI sagt, aber man kann Vorsitzende nennen: Böll, Hein, solche Leute. Sie waren das viel zitierte „Gewissen der Nation“, als die Öffentlichkeit noch aus Tageszeitungen und den Büchern darin besprochener Autoren bestand. Als Lesen der gewissensbildende Akt war: Deutschland, einig Nachkriegsprotestantismus.

Die Zeiten haben sich geändert. Außerdem gibt es drei deutsche PENs, die im internationalen PEN Mitglied sind. Deren Selbstbeschäftigung wirkte zuletzt wie ein Achtsamkeitsseminar. So solidarisierte sich der PEN 2020 mit der Kabarettistin Lisa Eckhart und schwieg zur Intellektuellenverfolgung, etwa in Weißrussland. Die letzten drei deutschen PEN-Präsidenten standen für gepflegten Realismus und den richtigen Umgang mit den bösen N-Wörtern. Auf den bürokratisch wichtigsten Posten (Schatzmeister, Vizepräsident) saßen Gestalten, die gut geklüngelt und noch besser im Selbstverlag publiziert hatten. Wie gesagt, das wäre der normale Lauf der Dinge, wenn nicht 2021 in einem Akt der Verzweiflung Deniz Yücel zum Präsidenten gewählt worden wäre. Der neue Präsident war vielen aufgrund seiner Haft unter Erdoğan ein Begriff. Den Preis für „die Freiheit des Wortes“, für die der PEN eintreten soll, kannte er. In der Institution machte er also die Außensicht zur Innensicht und umgekehrt. Fast wie im Roman.

Diese Selbstliterarisierung ist der Literatenvereinigung jetzt zu avantgardistisch. Anstatt wohlabgestimmter Meldungen pro domo ist der neue Präsident hinter den Verlautbarungen als Person sichtbar. Zu sichtbar. Früheren PEN-Präsidenten, gleich fünf an der Zahl, reicht Yücels Äußerung auf der lit.COLOGNE, wonach eine Flugverbotszone über der Ukraine vielleicht keine schlechte Idee sei, für eine Rücktrittsforderung. Eine solche als PEN-Präsident geäußerte Überlegung stehe im Widerspruch zur PEN-Charta, mit „äußerster Kraft ... das Ideal einer in Frieden lebenden Menschheit“ hochzuhalten. Zudem zirkulieren im Vorstand wohl nicht sehr freundliche Mails.

Elias Canetti lehnte Autorenvereinigungen ab: „Haie bilden keinen Staat.“ Der PEN besteht offensichtlich nicht aus Haien, eher aus Schafen, die statt eines Präsidenten eine Hausnummer wollen. Bevorzugt eine, mit der man direkt an staatliche Einrichtungen grenzt. Um Solidaritätsadressen abzustimmen und zu versenden, am besten alles per Fax (man ist ja noch in Darmstadt). Womöglich ist es aber auch die Angst vor der Freiheit, einen Unterschied zu machen, die dem PEN seine Wahl von 2021 jetzt auf die Füße fallen lässt. (Ach, wenn er nur keinen Unterschied machen müsste!)

Ulrich van Loyen ist Ethnologe und Literaturwissenschaftler. Zuletzt erschien Der Pate und sein Schatten. Die Literatur der Mafia (Matthes & Seitz 2021)

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