Penetration für alle!

Befreiung Man sollte Alice Schwarzers „Der kleine Unterschied“ als einen erotischen Roman verstehen. Seine Botschaft aber gehört vom Kopf auf die Füße gestellt

"Nachdem ich mich sehr gründlich mit Problemen wie Abtreibung, Berufsarbeit und Hausarbeit beschäftigt habe, ist mir klar geworden, dass die Sexualität der Angelpunkt der Frauenfrage ist“, schrieb Alice Schwarzer im Jahr 1975, und ein solcher Satz wäre heute nicht mehr möglich. Das Buch, in dem er stand, auch nicht mehr.

Der kleine Unterschied, berühmt berüchtigt, ist ein durch und durch sexuelles Buch, und zwar nicht nur wegen der These vom Sex als Knackpunkt der Frauenfrage, sondern auch aufgrund seines Inhalts und der Art, in der Schwarzer ihn entwickelt. Man kann noch heute bei der Lektüre passagenweise rote Ohren bekommen, denn die Frauenportraits im Kleinen Unterschied sind von einer eigentümlich schwülen Intimität: „Ich frage sie sehr genau nach ihren Sexualpraktiken. Hildegard wird verlegen. Ihr wie mir fehlen die Worte, die Dinge zu benennen. Sie hat es gern, wenn sie ‚nicht so wie üblich zusammen schlafen’. Das heißt, nicht koitieren, sondern sich gegenseitig bis zum Orgasmus streicheln, ohne dass er mit seinem Penis in ihre Scheide dringt.“

Schwarzer, ganz die investigative Journalistin, beharrt, sie dringt ein, benennt detailliert Gefühle und Praktiken, über die normalerweise nicht gesprochen wird. „Alexandra masturbiert während dieser ganzen Zeit, ohne dass er es weiß, kommt dabei auch zum Orgasmus ...“ – „Er wollt’ immer mit seinem Penis so total ungeschickt durchstoßen ...“. Im Gegensatz zum gnadenlos als frustrierend beschriebenen sexuellen Detail sind die Settings der Interviews selbst im Stil romantischer Stelldichein gehalten: „Um in Ruhe reden zu können, ziehen Hildegard und ich uns in das Schlafzimmer zurück.“ – „Wir erkennen uns gleich. Wir finden uns beide kühn.“ – „Sie ist ziemlich aufgewühlt durch das Gespräch mit mir ... meine Gegenwart stärkt ihr vermutlich den Rücken.“

„Alle tun es aus Angst“

Was tut Schwarzer da? Sie stellt Nähe her, eine absolute und intime Solidarität „unter Frauen“, um später ihren empörten, detaillierten Elendsbericht zu verfassen: Frauen sind sexuell ausgebeutet, Penetration ist Gewalt und tötet die weibliche Lust, der vaginale Orgasmus ist ein Mythos zur Sicherung patriarchaler Vorherrschaft. Ja, so ist es, „Renate ist seit drei Jahren total frigide und fühlt sich leer und tot.“ – „Sexuell hat sie noch nie etwas bei einem Mann empfunden, der Geschlechtsverkehr ist für sie eine Qual.“ Beim ersten Beischlaf tut keine Frau es mit Lust, „alle tun es aus Angst.“

Man muss den Kleinen Unterschied als erotischen Roman lesen, und der philosophiert ganz nietzschanisch mit dem Hammer. Umwertung aller Werte ist das Ziel dieses Buches, dem sehr zu Unrecht Lustfeindlichkeit vorgeworfen wurde, denn es ist getrieben von seiner Erregung, seiner Besessenheit und einem selbst libidinösen Begehren. Schwarzer ist empört, aufgeregt, voyeuristisch, skandalisierend, die wichtigen Passagen in den Portraits setzt sie kursiv oder fett, alle Aussagen interpretiert sie buchstabengetreu, eins zu eins, als gäbe es keine Ambivalenz: „Allen tut es weh.“

In empörter Abwehr steckt immer auch eine verborgene Lust. Wo der Lustgewinn einer lesbisch fühlenden Frau liegt, die nachweist, dass Männer ihre Gattinnen sexuell nicht befriedigen können, ist offensichtlich. Schwarzer ruft die Männer „Zipfelträger“ und erfüllt sich in ihrem Engagement einen ur-lesbischen Wunsch: Das „Sexmonopol“ der Männer brechen, Frauen retten. Denn es ist ja die Scham und die Wut und die Enttäuschung einer jeden Frauenliebenden, dass heterosexuelle Damen selbst die ungewaschensten Männer noch vorziehen, und so wettert Schwarzer, der vaginale Orgasmus sei „eine physiologische Absurdität, denn die Vagina hat so viele Nerven wie der Dickdarm, das heißt: fast keine. Ihr Hauptteil kann ohne Betäubung operiert werden“. Da gehen die Kastrationsphantasien dann gleich aufs eigene Geschlecht über.

Nie hat Schwarzer dementiert, dass sie homosexuell sei, nie hat sie darüber geredet. Sie spricht immer nur über die Sexualität der anderen. Da hakt sie in unbändiger Neugier nach, noch in einem Interview mit Margarete Mitscherlich aus dem Jahr 2010 fragt sie: „Wie oft hast du dich im Laufe der Jahre denn verliebt in einen Patienten oder eine Patientin?“ Nicht dass Schwarzer diese Fragen stellt, ist distanzlos, sondern wie sie sie ausstellt. Ihr Voyeurismus ist die Kehrseite eines hartnäckigen Schweigens, ihre Eindeutigkeit des Urteils die Kehrseite einer Ambivalenz. Als gnadenlose Furie verfolgt sie die bösen Männer, die Pornografen, die Kinderschänder, die Islamisten oder jetzt – aktuell in Bild – den der Vergewaltigung angeklagten Jörg Kachelmann. Nie hat sie ihre groben Thesen geändert, der Mann ist ein Tier und die Frau sein Opfer. Doch eigentlich versteht sie sich ganz gut mit Männern, und eigentlich haut sie Frauen gern brutal eins drüber.

Doch all das, auch das parteilich lesbische Begehren, diskreditiert den Kleinen Unterschied nicht, im Gegenteil, die Geschichten sind ja auch wahr. Sexuelle Verzweiflung ist der Kern von Revolutionen, und auf die Schwarzer von 1975 passt das Wort des Frauenhassers Otto Weiniger, der meinte, „geniale Menschen“ seien immer gekennzeichnet durch ein „Vorbeiwollen am Koitus“. Nur Perversion bringt die Gesellschaft in sexueller Hinsicht weiter.

Der kleine Unterschied ist auch ein Zeitdokument, er spiegelt, wie anders – radikaler nämlich – die 1970er Jahre mit Sexualität umgingen. Es ist die Zeit, in der die Wiener Aktionskünstlerin Valie Export breitbeinig in „Panikhosen“ ihr Geschlecht zur Schau stellte, die Zeit, in der weibliche Sexualität eine Waffe war. Davon ist heute kaum mehr etwas übrig. Irgendwo auf seinem Weg ist dem Feminismus das Thema Sex verloren gegangen. Ein Teil der Diskussion um Sex als Politik wanderte in das geschützte Reservat der Queer and Gender Studies ab, der andere Teil wurde gesamtgesellschaftlich befriedet. Frauen können heute privat für ihren Orgasmus sorgen, Schwule und Lesben dürfen Familien gründen, Männer schieben Kinderwagen. Die Aids-Angst der 1980er und 1990er Jahre hat einiges zur Aufklärung, aber auch zu einer Abklärung und einer neuen Vorsicht beigetragen. Feministische Forderungen jedenfalls beschränken sich heute auf Kinder und Karriere. Die Schlagworte sind Chancengleichheit, Erziehungsurlaub, Gendermainstreaming, Frauenquote. Sex war einmal, er scheint wie betäubt oder bis zur Unkenntlichkeit rein gewaschen, selbst Dildos werben jetzt mit antibakteriellem Schutz für sicheren Genuss. Der Geist der Zeit ist eigenartig, liberal und prüde zugleich. Die Debatten um sexuellen Missbrauch am Anfang des Jahres zeigten, dass die Gesellschaft aufgeklärter ist als die Kirche, aber wesentlich ängstlicher und korrekter als jene Zeit, in der Schwarzer über die Klitoris schrieb und reformpädagogische Ideen blühten.

Feminismus muss weh tun

Vor einigen Wochen gab es einen kurzen aber heftigen Schlagabtausch zwischen der amtierenden Frauenministerin Kristina Schröder und Alice Schwarzer, was zu einer angeblich neuen Feminismus-Debatte hochgeschaukelt wurde. Solche Debatten kommen mit schöner Regelmäßigkeit alle zwei Jahre wieder, und sie scheinen nur der Vergewisserung zu dienen, dass Alice Schwarzer zwar noch lebt, aber der Feminismus alten Schlages jetzt vorbei ist. Ministerin Schröder fand den Kleinen Unterschied, wen wundert’s, zu radikal.

Doch Feminismus muss weh tun, sonst ist er nicht echt. Alle weicheren Formen der Geschlechterpolitik mögen praktikabel, sinnvoll und gut sein, ans Eingemachte reichen sie nicht. Denn das Eingemachte ereignet sich nach wie vor am sexuellen Körper. Vielleicht sollte man heute Schwarzers altes Verdikt einfach umdrehen und ein generelles Penetrationsgebot aussprechen – für beide Seiten. Das Motto hieße demnach: Männer, lasst euch endlich ficken. Und zwar hingebungsvoll. Sexuelle Praktiken sind performative Akte, sie stellen über Körpersensationen Lust- und Machtkonstellationen her. Es verändert einen Menschen, wenn er die Erfahrung von Penetration in seiner aktiven und passiven Form macht. Eine Gesellschaft, in der die sexuellen Rollen wirklich rotieren, wird anders aussehen. Radikal gesprochen heißt das: Nur wenn alle Männer sich auch von Frauen penetrieren lassen, erfüllt sich das Anliegen des Feminismus. Das werden die meisten, allen voran die designierte Frauenministerin, shocking und eklig finden, zumal es wieder ein Homo-Element in den schönen Heterosex einführt. Die gute Nachricht aber ist, dass die Sache durchaus Spaß machen könnte, und dass frau bei dieser Form des angewandten Feminismus noch nicht einmal lesbisch werden muss.

Als Der kleine Unterschied und seine großen Folgen erschien, war Alice Schwarzer schon berühmt: 1971 hatte sie die Aktion Ich habe abgetrieben! im Stern angestoßen. 1977 gründete sie Emma.

09:00 26.12.2010

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