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  • Per Hypnose verreisen: Jakob Heins DDR-Roman „Der Hypnotiseur“ macht’s möglich

Als Anika nach Paris reiste und Alain Delon küsste

DDR-Roman Jakob Heins Roman „Der Hypnotiseur“ ist mit Alltagsdetails gespickt, aber mehr als ein DDR-Panoptikum
Michael macht Reiseträume wahr. Seine Fähigkeit trifft auf einen Riesenbedarf
Michael macht Reiseträume wahr. Seine Fähigkeit trifft auf einen Riesenbedarf

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Anika legte sich auf die Ottomane. Sie war am Ende der Welt in einem Haus ohne fließendes Wasser gelandet“ – nur, um endlich einmal nach Paris zu kommen. Und es gelingt ihr sogar. Im Flugzeug sitzt sie neben Alain Delon. Später stehen sie zusammen auf dem Tour Eiffel, und sie hält ihren breitkrempigen Sommerhut fest. Am Grab von Jim Morrison auf dem Père-Lachaise dann der erste Kuss …

Vom unteren Odertal hinaus in die weite Welt – Michael, der „Hypnotiseur“, macht Reiseträume wahr. Wie diese Fähigkeit auf einen Riesenbedarf trifft im eingemauerten Staat DDR, könnte zu einem witzig-unterhaltsamen Film taugen. Und tatsächlich kann man bei der Lektüre von Jakob Heins Roman so einen Film vor sich sehen. Zuerst sitzt man Michaels älterer Nachbarin Lieselotte Sawidski gegenüber, die sie sich über Anikas Auftauchen in Soldin mokiert, herausgeputzt wie aus der Modezeitschrift Sibylle: „Eine schwarze Kurzhaarfrisur, ein langer Mantel, Absatzschuhe, Lippenstift und so ein Köfferchen aus Kunstleder.“ Wie sie uns von den seltsamen Vorkommnissen damals erzählt, denkt man ans Heute. „So ein Dorf besteht aus lauter Widersprüchen. Keiner will was sagen, aber alle wollen alles wissen. Niemand gönnt den Nachbarn den Dreck unter den Fingernägeln, aber wenn jemand Fremdes auftaucht, halten alle zusammen.“ Weitere Frauen ziehen uns ins Gespräch. Simone, damals Sekretärin des LPG-Vorsitzenden, befürchtete eine Art Sekte in Michaels Haus. „Nicht dass im ganzen Dorf die Psychos herumrennen …“ Peggy, inzwischen Psychotherapeutin, versuchte sich selbst in Hypnose und glaubte, das Leben von Anneliese auf dem Gewissen zu haben. Was sie in Untersuchungshaft erlebt und wie sie die schöne Zeit auf dem Hof durchdenkt, gehört zu den stärksten Seiten des Buches.

Auf geradezu selbstverständliche Weise fügt sich aus vielen winzigen Details und privaten Befindlichkeiten der Mikrokosmos eines ostdeutschen Dorfes, vielleicht gar überhaupt der DDR. Beim Schreiben sah Jakob Hein wohl auch ein Publikum vor sich, das sich im Wiedererkennen amüsiert. Immer wieder gibt es im Text kursiv gesetzte Begriffe wie „Egri Bikavér“– an diesen ungarischen Rotwein erinnere ich mich gut – „öffentlicher Fernsprecher“, die Schreibmaschine „Erika“, die Zigaretten „Duett“, der Weinbrand „Goldkrone“ und, und, und. Doch dies ist mehr als ein DDR-Panoptikum. Dass wir in etwas eintauchen, das für die einen fast vergessen, von den anderen womöglich nie ganz verstanden worden ist, mag tatsächlich zum Reiz dieses Buches gehören. Allerdings ist manches davon auch in die Gegenwart gewandert. Was Juli Zeh in ihren Romanen Unterleuten und Über Menschen als befremdlich registriert, hier ist es Normalität. Und außerdem: Wer lebt nicht auch heute mit unerfüllten Hoffnungen? Würde man es nicht selber gern erleben, wie sich „hinter einem verwitterten Holztor“ ein Ausweg eröffnet?

Stimmt es, dass keine echte Reise „so schön sein kann wie eine in Hypnose“? Michael im Buch, dieser Eigenbrötler auf seinem Bauernhof, hat nur ein abgebrochenes Psychologiestudium. Der Schriftsteller Hein arbeitet auch als Psychiater, er schrieb über seine Arbeit ein Buch (der Freitag 35/2020). Der Autor macht neugierig, wie Hypnose funktioniert. Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken – das ist manch einem zu wenig. Aber eine „Gegenrealität“, die man, wenn nicht in einer Gemeinschaft, so doch in sich selbst finden kann, haben Menschen doch immer schon gebraucht. Und heute zumal.

Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken Jakob Hein Galiani 2022, 207 S., 20 €

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