Perspektive: Schrumpfung

Mahner Als vor kurzem die Partei der Grünen in Berlin ihr 25-jähriges Bestehen feierte, durfte einer auf dem Podium nicht fehlen: Carl Amery, ...

Als vor kurzem die Partei der Grünen in Berlin ihr 25-jähriges Bestehen feierte, durfte einer auf dem Podium nicht fehlen: Carl Amery, jahrzehntelang die literarische Stimme eines anderen Bayern. Immerhin war er Gründungsmitglied der früher einmal radikal-pazifistischen und ökologischen Bürgerbewegungspartei. Anlässlich ihres Jubiläums allerdings sah der so gar nicht dem bayerischen Phänotypus entsprechende, weil eher asketisch und feinnervig wirkende Amery die Notwendigkeit, seinen alten Freunden ins Gewissen zu reden: Die Grünen, so Amerys Mahnung, hätten völlig neu und grundsätzlich ihre politische Ausrichtung zu überdenken. Und wenn Carl Amery in seiner gleichermaßen barock-wuchtigen wie geschliffen-intellektuellen Art von »Vorausschauen« sprach, dann meinte er sicher nicht Vier- Monatsperioden, Neuwahlen und veränderte Koalitionssituationen. Ihm, dem Mahner, der so herzhaft lachen konnte, ging es stets um mehr und seine Perspektive war immer eine viel weiter gespannte: Was ihn bedrängte, waren Fragen nach der Zukunft und Überlebensfähigkeit der menschlichen Gattung insgesamt.

Nun ist Carl Amery am 31. Mai 83-jährig in München verstorben. Er war schon die letzten Jahre gesundheitlich stark angeschlagen. Das Schreiben eines Romans, das ja auch immer etwas von einem Marathonlauf an sich hat, gelang ihm nicht mehr, obwohl er noch so viele Ideen gehabt hätte (einen Roman über den ihm in manchem verwandten bayerischen Mystiker und Naturphilosophen Franz von Baader hätte er gerne noch geschrieben). Stattdessen lieferte er bis zuletzt, weil ein Geist wie seiner nie ruhen konnte, schmale Essaybände, die es in sich hatten. Vor wenigen Wochen erst erschien die von ihm als Herausgeber betreute Anthologie Briefe an den Reichtum, die eine etwas tiefer gehende Kapitalismusanalyse bietet als lediglich Heuschrecken beleidigende Vergleiche. Dort heißt es in Amerys Vorwort: »Erste Priorität müsste eine Wirtschaftswissenschaft haben, die politisch und sozial tragbare Schrumpfungsmodelle erstellen kann.« Eine größere Gotteslästerung kann man momentan wohl kaum formulieren: Schrumpfen statt Wachstum!

Früher, vor etlichen Wahlperioden, sah man Amery sich noch im Wahlkampf für die Grünen engagieren. Gerne begann er seine Wahlkampfreden mit dem Satz: »Meine Absicht ist, Sie zu erschrecken, und zwar gründlich.« Als Intellektueller und Schriftsteller sah er genau darin seine Aufgabe. Erschreckend ist, wie die Menschheit auf ihre eigene Zerstörung hinarbeitet. Das ist Die Botschaft des Jahrtausends, und kaum jemand hat sie schärfer und drastischer formuliert, als Amery in dem gleichnamigen Groß-Essay von 1994. Intellektuell bestechend auch seine Analyse des »totalen Marktes« in Global Exit (2002), ein Gedankenversuch, in dem er für eine neue Form der Askese und Genügsamkeit warb. Dass er diese konsumverweigernde Gegenbewegung ausgerechnet von den alten Großkirchen erwartete, war einigermaßen überraschend. Denn seit seinem 1961 erschienenen Buch Die Kapitulation oder Katholizismus heute galt er eigentlich als scharfer Kirchenkritiker.

Man hat diese kirchenkritischen Schriften allerdings immer falsch verstanden. Genauso wie man Amerys kritischen bayrischen Patriotismus immer falsch beziehungsweise gar nicht verstanden hat. Etwa sein galliges »Requiem« namens Leb wohl geliebtes Volk der Bayern. Natürlich mutet dieses Buch allen Jodel-Patrioten im Trachten-Countrylook bittere Wahrheiten zu. Aber sie wurden aus Sorge um diesen Volksstamm und seine 1.500 Jahre alte Kulturtradition formuliert. Und vor allem wurde sie formuliert von einem gebildeten, metaphysischen, leisen und selbstironischen Denker. Man hätte Amery unendlich dankbar sein müssen, weil er bewies, dass es auch einen anderen Typus von Bayern gibt als den mit dem Stiernacken und dem feisten Grinsen. Bayern hat ihm indes keinen seiner großen Literaturpreise verliehen.

Wahrscheinlich war Amery zuvörderst ein Denker. Denn auch seinen großen Romanen, allen voran Die Wallfahrer und Das Geheimnis der Krypta, lag ja immer ein Gedankenexperiment zu Grunde, das neben der intellektuellen Konstruktion durch seine faszinierende Sprachmächtigkeit beeindruckte – eine Sprachmächtigkeit übrigens, die über alle Nuancen eines bayerisch grundierten Süddeutsch verfügte, von dem ich fast befürchte, es stirbt mit Carl Amery aus. Die Schlüsselfrage dieses vielfach variierten Gedankenexperiments lautete: Welche Chancen haben wir als menschliche Gattung noch, um unter dem Damoklesschwert von Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung zu überleben? Denn dass die Menschheit weiterexistiere, das wünschte sich Amery sicher. Nie war er ein Zyniker, immer ein Moralist. Und zwar ein demütiger, der den herrlich paradoxen Satz kreiert hat: Der Mensch ist nur dann die Krone der Schöpfung, wenn er weiß, dass er sie nicht ist.

Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, lebt als Schriftsteller in Waldmünchen an der bayerisch-böhmischen Grenze. Zuletzt erschien von ihm 2003 der Roman Die alte Jungfer.


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00:00 10.06.2005

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