Pfeifen im Wald

Es geht eng zu auf dem Arbeitsamt, viele Leute stehen auf den Gängen, denn die reichlich vorhandenen Sitze in den Warteräumen sind schon besetzt. Man ...

Es geht eng zu auf dem Arbeitsamt, viele Leute stehen auf den Gängen, denn die reichlich vorhandenen Sitze in den Warteräumen sind schon besetzt. Man sitzt hier dicht an dicht, es ist still, die meisten lesen Zeitung oder dösen vor sich hin. Eine benommene, angespannte Ruhe beherrscht den Raum. Da fällt es schon auf, wenn plötzlich einer anfängt zu pfeifen, demonstrativ fröhlich und unbeschwert. Ein untersetzter, breitschultriger Mitvierziger mit Hornbrille und lichtem Haar. Trägt einen grauen, leicht verbeulten Sakko, ebenso graue Jeans - und pfeift drauflos. Mit ausladendem Schwung schlägt er ein Bein über das andere und blättert geräuschvoll in der Zeitschrift Berufschance. Die Leute links und rechts rücken von ihm ab - so weit es eben geht. Aber das stört ihn nicht, er pfeift einfach weiter. Keinen Song, keinen Schlager, sondern improvisierte Töne über das Thema wir schmeißen den Laden, wir machen das schon, wir stehen drüber. Jähe Auf- und Abschwünge der Melodie, stoßartig vorgetragen. Jetzt reißt er mit großer Geste ein Blatt aus der Zeitschrift, dass es kracht, worauf einige der Dösenden um ihn herum zusammenzucken. Als er dann noch aufspringt und mit knallenden Absätzen den Raum durchquert, um sich neue Flyer aus dem Regal zu holen, verwandeln sich die etwa 50 wartenden Leute, die ihm mit erstaunten Blicken folgen, gezwungenermaßen in Zuschauer. Allen im Raum ist nun klar, welche Rolle er gibt. Es ist die allgemein anerkannte, tausendmal vorgeführte und bewunderte: Auftreten, Durchdonnern, Plattwalzen, alles im Griff! Typ Durchreißer, Variante Macker.

Während er auf seinen Platz zurückkehrt und die Flyer betrachtet, pfeift er unverdrossen weiter. Die Zuschauer sind nun gespannt. An seiner Darbietung hat sich bis jetzt nichts verändert, es ist immer noch das stoßartige Staccato leidlich gepfiffener Melodiefetzen.

Die Zeit vergeht. Hin und wieder wird jemand aufgerufen und verschwindet in einem der Büros. Der freigewordene Sitzplatz wird sofort von einem der auf dem Gang Wartenden eingenommen.

Immer noch drängt der Pfeifer seinen Zuhörern dasselbe Programm auf, und allmählich sind sie genervt. Wie lange will er die 200-Prozent-Macker-Pose noch durchhalten? Er scheint nicht zu wissen, dass man heutzutage drei bis vier Stunden auf dem Arbeitsamt herumsitzt. Die aber wollen gestaltet sein, und bislang hat er nichts als eine Einführung in seine Rolle abgeliefert. Jetzt sollte ein Konflikt kommen, er brauchte Dialogpartner, müsste dann allerdings das Pfeifen aufgeben und einen der Wartenden ins Gespräch ziehen. Und überhaupt - was ist der Plot?

Da kommt ein dreijähriger Junge angetippelt und wirft ihm sein Plüschtier auf die Knie. Er hatte dem Macker mit großen Augen beim Pfeifen zugeschaut, vom sicheren Schoß seiner Mutter aus. Jetzt glaubt er, endlich einen Spielkameraden gefunden zu haben, den einzigen in dieser Halle der Erschöpften, mit dem sich etwas anfangen ließe. "Mein Schwein heißt Susi!" erklärt der Junge und strahlt. Der Macker schaut das Kind erschrocken an. Aber er nimmt die Eröffnung nicht an, er ist vollkommen irritiert. "Ja. Hm", brummt er nur, gibt dem Kind sein Stofftier zurück und wendet sich schroff von ihm ab.

Nun, da er sein Pfeifen unterbrochen hat, nimmt er es nicht wieder auf. Plötzlich sitzt er zusammengesunken auf seinem Stuhl, den Kopf zwischen den Schultern eingezogen, und blickt ängstlich um sich wie ein ertappter Schuljunge. Hat ihn das arglose Angebot des Kindes beschämt? Er sitzt jetzt still wie alle anderen, eingesponnen in das allgemeine Dösen, und betrachtet die Flyer in seiner Hand. Dann wieder hebt er zaghaft den Kopf und blickt zu seinem Nachbarn hinüber. Der ist in eine Zeitung vertieft, und so flattert sein Blick hilflos und mitleidheischend durch den Raum als wolle er die mütterlichen Instinkte einer der vielen Frauen wecken. Doch die sind gar nicht ansprechbar, sie haben sich weit in sich zurückgezogen, nachdem ihre Zuschauerrolle mangels Angebot erschöpft ist. Offenbar waren seine Macker-Posen ins Leere gestürzt, niemand hatte ihnen Gelegenheit geboten, ihren krachenden Glanz zu entfalten, die allgemeine Aufmerksamkeit ist längst erlahmt. Die Frauen starren ins Ungefähre, wie die meisten hier. Wieder kehrt eine nachdenklich-gespannte Ruhe ein, ab und zu unterbrochen von gedämpftem Türenschließen auf dem Gang.

Bis plötzlich eine pompöse, fanfarenartige Melodie die dumpfe Stille zerreißt. Das Handy des Mackers schrillt als kündige es einen König an. Sofort hat er die 200-Prozent-Pose wieder drauf: Er richtet sich kerzengerade auf, meldet sich mit lauter Stimme und bricht in dröhnendes Gelächter aus, als er erklärt, er befände sich gerade im Arbeitsamt. Was für ein Gaudi. Er kann sich kaum halten. Dann teilt er dem Anrufer mit, er sei schon gekündigt, werde in zwei Monaten entlassen und müsse jetzt einigen Papierkram erledigen. Er trifft noch ein paar Vereinbarungen mit seinem Gesprächspartner, offenbar ein Kollege seiner jetzigen Arbeitsstelle. Nachdem das Gespräch beendet ist, sackt er erneut in sich zusammen, scheu um sich blickend wie ein unberatenes Kind.

Bald darauf strafft er sich wieder und unterbricht die lastende Stille mit seinem Gepfeife.


00:00 12.12.2003

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