Pflanzt eine Hoffnung

Appell Eine neue Reformation tut not. Die Übermacht des Ökonomischen muss gebrochen werden
Pflanzt eine  Hoffnung
Die Fotos des Themenschwerpunkts stammen von Kolja Warnecke, der das Reformationsjahr mit seiner Kamera begleitet hat

Foto: Kolja Warnecke

Eine grundlegende Re-Formation im lokalen und im internationalen Rahmen bräuchten wir. Das steht außer Frage. Umdenken und Umsteuern, gewissensbestimmte Einkehr und einsichtsvolle Umkehr stehen an. In These 1 von Luthers 95 Thesen heißt es:

Unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: Tut Buße (Mt 4,17). Er wollte, dass das ganze Leben der Glaubenden eine Buße sei.

Diese „Buße“ ist nach intensivem Umdenken und Umkehren nichts Geringeres als die Hinkehr zu einer lebenstauglichen, lebenserhaltenden, lebensbejahenden Philosophie und Praxis auf dem gesamten Oikos. Diese Erde taumelt, driftet hier und jetzt, morgen und übermorgen in eine elementare Selbstgefährdung.

Bei dem, was wir rückblickend Reformation nennen, geht es nicht um die Befindlichkeiten eines Augustinermönchs aus Dunkeldeutschland; es geht um einen grundlegenden und umfassenden Wandel.

Martin Luther, die Wittenberger Reformation und die protestantische Gewissensbindung, das ist zuallererst die Freiheit des Einzelnen mit Bindung an den Nächsten. Das ist der Aufstand der Provinz gegen das Zentrum, des Einzelnen gegen die Institutionen, der Volkssprache gegen die Sprache des Imperiums, des gemeinen Mannes gegen die hohen Herren, des freien Gedankens gegen das festgefügte Dogma, des Konkreten gegen das Allgemeine, des lebendigen Wortes gegen die abgespulte Litanei, der inneren Entscheidung gegen den äußeren Ritus, des gemeindlichen Mitredens gegen die episkopale Vorschrift, des Ursprungs gegen die Traditionen, der freien Gnade gegen die Käuflichkeit, der theologischen Konzentration gegen das religiöse Brimborium, der Stimme des Gewissens gegen die Forderungen des Gehorsams. Die Freiheit des Glaubens gibt es nicht ohne die Bindung in der Liebe. Aus solchem Frei-sein soll kein Müssen werden – auch nicht zum Frei-sein.

Luther wäre heute pro Papst

Das Wort, das zum Bestsellertitel im apokalyptischen Szenario des 20. Jahrhunderts wurde: „Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen“, ist in den Werken Luthers unauffindbar, erstmalig 1944 nachweisbar. Und doch ist dieses Wort ganz aus seinem Geiste und findet sich bei Luther dem Sinne nach durchaus wieder, etwa in seinem Glaubens-Imperativ: „Man soll arbeiten, als wollte man ewig leben, und doch so gesinnt sein, als sollten wir diese Stunde sterben.“

Papst Franziskus hat 2015 eine so eindringliche wie ermutigende Umwelt-Enzyklika vorgelegt: Über die Sorge für das gemeinsame Haus, einen an alle Menschen, die guten Willens sind, gerichteten Weckruf. (Luther tät’s heute freuen und er verzichtete beglückt auf weitere antipäpstlichen Ausfälle.) Der Bericht des Club of Rome vom Oktober 2017 trägt den Titel Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. In dieser Dimension ist 2017 zu denken, denn durch die Globalisierung ist alles mit allem verflochten, voneinander abhängig und im Positiven wie im Negativen aufeinander bezogen.

Freiheit braucht Verantwortung und Verantwortung Freiheit. Das ist ein lutherischer Kerngedanke. Und das gilt in einer Welt neuer Zwänge. Jeder von uns steckt nolens volens drin, ist Teil der Plastetüten- und Atommüllentsorgungsfalle, der Waffengeschäfte und der Flüchtlingsströme. Was die Weltgemeinschaft trotz unterschiedlicher Geschichte und Kulturen, Religionen, Gesellschaftssysteme und Traditionen miteinander verbindet und die Unterschiede mehr und mehr einebnet, ist das seit 1990 totalitär wirkende Credo des globalen Neoliberalismus. Diesem gilt nur der möglichst schnelle, ökonomische Erfolg.

Seit Descartes mit seiner strikten Subjekt-Objekt-Dualität und seit Beginn des fossilen Zeitalters ist die Menschheit durch den räuberisch gewordenen Stoffwechselprozess zwischen Mensch und Natur vor die Herausforderung im sogenannten Anthropozän gestellt, sich der absehbaren Endlichkeit ihres Raub-Baus noch rechtzeitig „umkehrend“ zu stellen. Wir können nicht mehr nur aus gemachten Fehlern lernen. Was etwa nach einem atomaren Schlagabtausch mit unserer Welt würde, das ist unübersehbar und in seinen Eskalationsmechanismen unkalkulierbar.

Ein reformatorisches Grundsatzprogramm hat in gewisser Weise der katholische Theologe Hans Küng mit seinem Projekt Weltethos (seit 1990!) auf den Weg gebracht. Im Mittelpunkt steht die Goldene Regel als eine alle Religionen und Kulturen verbindende Maxime: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“ (Mt 7,12). Das hat sich nicht erledigt und braucht neue Akteure, Anstrengungen und Strukturen.

Die notwendigen Erkenntnisse über unser Leben „in der Gefahr“ sind längst in der Welt. Aber für eine der ganzen Erde geltende Umkehr, ein neues Denken und eine dem folgende wirkmächtige Aktivität – für eine Reform an Haupt und Gliedern – fehlen eine weltverändernde Kraft und weltverändernde, international wirkende Institutionen und Personen.

Bleibt die vielfältige christliche Welt hinter ihren Möglichkeiten und einer ihrem Auftrag entsprechenden Reaktion zurück? Wer könnte das potente, das sammelnde, das überzeugende, das mitreißende, individuelle beziehungsweise kollektive Subjekt für grundlegende Veränderungen abgeben? Wer kann zukunftsverträgliches Handeln des Menschen zur allgemein einleuchtenden Grundmaxime machen? So, dass die weltverändernden Gedanken zu einer Massenbewegung würden, so wie die Idee zur materiellen Kraft (Power, nicht Violence!) würde, wenn sie Massen so tiefgehend überzeugen und motivieren würde, dass eine Reform-Politik Gestalt gewönne. Das setzt mutige, positiv empfundene Geo-Politik voraus, die der geradezu totalitären Übermacht und Faszination des Ökonomischen – Schritt für Schritt – wirksam widerraten würde.

Einer der Väter der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948, der Holocaustüberlebende Stéphane Hessel, hat drei Flugschriften herausgegeben, in denen er Wesentliches benannt hat und das hat viele tausend vor allem junge Leser erreicht: Empört euch! Engagiert euch! Vernetzt euch!

Hessel beklagt: „Die Macht des Geldes (…) war niemals so groß, so anmaßend, so egoistisch wie heute, mit Lobbyisten bis in die höchsten Ränge des Staates. In vielen Schaltstellen der wieder privatisierten Geldinstitute sitzen Bonibanker und Gewinnmaximierer, die sich keinen Deut ums Gemeinwohl scheren. Noch nie war der Abstand zwischen den Ärmsten und den Reichsten so groß. Noch nie war der Tanz um das goldene Kalb – Geld, Konkurrenz – so entfesselt.“ Und er hat eine Forderung: „Mischt euch ein, empört euch! Die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft, die Intellektuellen, die ganze Gesellschaft dürfen sich nicht kleinmachen und kleinkriegen lassen von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Friede und Demokratie zu gefährden.“

Zischelnde Zuschauer

Ein geläuterter Zukunftsglaube verleiht Kraft, auf das Erwünschte hin zu denken und sich mit anderen selbst- und weltverändernd zu vereinen. Christen gehören zu denen, die die Hoffnung nicht aufgeben, sich deshalb unbeirrt als „naiv“ schelten lassen und ihr Apfelbäumchen pflanzen.

Mit Papst Franziskus bin ich als evangelischer Pfarrer selbstgewiss ein naiv Gescholtener, der mit dem Reformator vor 500 Jahren ein nun ökumenisches Konzil für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung für so nötig wie möglich hält. Es kommt auf jeden Einzelnen an, enkelverträglich zu leben, also in einer Mehrgenerationenperspektive.

Die Superklugen waren und sind meist abwartende Zuschauer, die zischeln: „Lasst es sein, es wird sowieso nichts und es wird schon alles nicht so schlimm werden.“ Dagegen steht das Credo von Attac, mit dem einfachen Satz, der vielfältige und komplizierte Konsequenzen hat: „Eine andere Welt ist möglich.“ Die totalitäre Faszination der Übermacht des Ökonomischen muss gebrochen werden – im Interesse des Lebens, im Interesse der Gerechtigkeit.

Ein neues Denken braucht eine neue Politik und eine neue Politik braucht ein neues Denken. Luther konstatierte 1524: „Die ganze Welt ist in der Habsucht ersoffen wie in einer Sintflut“.

1969 gab Georg Picht unter der Überschrift Mut zur Utopie Die großen Zukunftsaufgaben eine Vortragsreihe heraus, in der er ganz grundsätzlich über die Zukunft des Menschen reflektierte und schrieb: „Es scheint mir, dass der Versuch der Natur, auf dieser Erde ein denkendes Wesen hervorzubringen, gescheitert ist.“

Man muss an Gott glauben, wenn man den Glauben an die verborgene Zukunft des Menschengeschlechtes nicht verlieren soll. Wird diese Erkenntnis motivierende oder depressive bis destruktive Kräfte auslösen? Wird sie uns in der Richtung von Welterhaltung und Weltbewahrung mobilisieren, alles zu tun, was uns möglich ist – und dies in einem Prozess, der das Ökonomische wie das Pädagogische, das Psychologische wie das Technische, das Religiöse wie das Rationale umfasst? Wir können uns jedenfalls kein Lernen aus der Katastrophe mehr leisten. Lernen vor der Katastrophe ist unserer Generation abverlangt.

Wir bräuchten geistig und politisch eine grundlegende reformatio, die in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns des Einzelnen, der Einzelgesellschaften wie der Weltgesellschaft die Herausforderungen des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit mit Menschenrechten und der Bewahrung der Schöpfung stellt. Alle anderen Fragen bleiben wohl wichtig, aber hinterrangig. Dafür sind Mehrheiten zu gewinnen, dafür ist das Argumentative und das Emotionale, das Maßhaltende und das Glückversprechende zusammenzubringen.

Einen Baum der Hoffnung pflanzen. Jetzt. Hier. Und jeden Tag bereit sein, ihn den letzten sein zu lassen. Und zugleich so handeln, als ob man noch lange leben und seine Früchte selber noch ernten könnte – oder die Folgen seines Fehlverhaltens selber erleiden müsste.

Friedrich Schorlemmer ist Theologe und Publizist. Bis 2012 war er Herausgeber des Freitag. Sein aktuelles Buch Luther. Leben und Wirkung erschien im Februar bei Aufbau

06:00 30.10.2017

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