Phantomschmerz

Arbeit am Konstrukt Sind Väter in doppelter Hinsicht unsichere Kantonisten?

Was haben Theo Waigel und Eminem gemeinsam? Beide - der deutsche Finanzminister a. D. wie der US-Rapper - sind Väter und stolz darauf. "Sie ist sechs Jahre alt, und das Einzige in meinem Leben, das mich richtig glücklich macht", bekannte Eminem kürzlich in einem taz-Interview. Und auch für den CSU-Mann und Noch-Bundestagsabgeordneten Waigel bleibt das glücklichste Ereignis in seinem Leben "die Geburt meiner Kinder".
Nun sind beide bislang nicht dafür bekannt, sonderlich viel Zeit mit ihrem Nachwuchs zu verbringen. Der eine produziert CD auf CD, dreht neben Videos neuerdings auch Filme und geht als Profimusiker regelmäßig auf Tournee. Der andere hat in seiner Zeit als Finanzminister und CSU-Vorsitzender nach eigenem Bekunden jahrelang "nur ein sehr eingeschränktes Privatleben" geführt, anschließend einen Job als Rechtsanwalt übernommen und seiner Arbeit in Berlin den Vorzug vor dem Zusammensein mit Sprössling Konstantin gegeben. Dennoch sind ihre Bekenntnisse (und die Liste emphatischer Väter ließe sich quer durch alle Schichten beliebig verlängern) ganz offensichtlich ernst gemeint. Was bedeutet es für diese Männer, Vater zu sein?

Vaterschaft - eine Fiktion?


Schon die Frage ist ein Indiz für das, was gegenwärtig als "Krise der Väterlichkeit", "Entleerung der Vaterrolle" und "Aufbruch in eine neue Väterlichkeit" beschrieben wird. Für sich genommen ist ein solcher Wandel allerdings nichts Neues. Vaterschaft, darin sind sich Anthropologen einig, ist in erster Linie ein kulturelles Konstrukt und als solches veränderbar. Unterschiedliche Gesellschaften haben Vaterschaft sehr unterschiedlich definiert.
Schon die Antwort auf die Frage, wer der Vater ist, unterliegt dabei kräftigen kulturellen Schwankungen, wie die französische Ethnologin und Psychoanalytikerin Delaisi de Parseval Anfang der achtziger Jahre herausfand: Als Väter kamen in unterschiedlichen Kulturen demnach so verschiedene Personen wie der Bruder der Mutter, ihr Beschützer während der Schwangerschaft oder derjenige, der ein Kind großzieht, in Betracht. Selbst unfruchtbare Frauen oder solche, deren Eltern keinen Sohn haben, können - etwa bei den Bavenda in Südafrika - gesellschaftlich akzeptierte Väter werden, wenn sie sich den dafür vorgesehenen Ritualen unterziehen.
Das mag auf den ersten Blick weit entfernt erscheinen. Die lange und schwierige Auseinandersetzung, die gerade hierzulande um die rechtliche Gleichstellung unehelicher Kinder geführt wurde, zeugt aber davon, dass die fehlende Evidenz biologischer Vaterschaft auch unser Konzept vom Vater tief geprägt hat. So hängt es auch nach der Kindschaftsreform von 1998 alleine von der Mutter ab, ob ein nicht verheirateter Vater das gemeinsame Sorgerecht für ein Kind erhält. Sie ist es, die seiner Anerkennung der Vaterschaft zustimmen muss oder sich umgekehrt dafür entscheiden kann, den Vater geheim zu halten. Umgekehrt gilt als Vater eines ehelich geborenen Kindes - bis zum Beweis des Gegenteils - automatisch der Ehemann der Mutter. Egal, ob man das nun für pragmatisch sinnvoll oder zutiefst ungerecht hält - in jedem Fall handelt es sich um ein Konstrukt, mit dessen Hilfe bestimmt wird, wer der (soziale) Vater sein soll und nicht, wer der (biologische) Vater ist. Dass beide im Übrigen weit weniger häufig identisch sind als gemeinhin angenommen, belegten Wissenschaftler vor einigen Jahren mit einer groß angelegten Studie: Unter den 10.000 Familien in Europa und Nordamerika, die getestet wurden, stammten zehn Prozent der Kinder nicht von ihren sozialen und zumeist nichtsahnenden Vätern ab. In einigen Landstrichen Englands war es sogar jedes dritte - "paternity may be a legal fiction", wusste schon James Joyce.

Anwesend nur in Versorgungslücken


Umso erstaunlicher ist die geringe Aufmerksamkeit, die diesem Faktum in der deutschsprachigen Väterforschung bislang zukommt. Sollte es tatsächlich belanglos sein, dass ein Vater sich der genetischen Verwandtschaft mit seinem Kind ohne kostspielige DNA-Analysen nie wirklich sicher sein kann? Schließlich neigen, wie Wissenschaftler herausfanden, sowohl Mütter als auch andere Familienangehörige dazu, junge Väter permanent der Ähnlichkeit mit ihren Babies rückzuversichern.
In der Tierwelt, so der Sozialbiologe Andreas Paul, spielt die Frage der Vatersicherheit für das väterliche Engagement jedenfalls eine nicht unwesentliche Rolle. Allerdings nicht die einzige: Ob und in welchem Umfang sich Primatenmännchen für die Jungen ihrer Herde stark machen, hängt davon ab, ob sie damit deren Überlebenschance erhöhen können. Bei Arten, in denen die Weibchen regelmäßig Zwillinge zur Welt bringen oder die Jungtiere relativ schwer sind, ist die männliche Hilfe bei der Jungenfürsorge daher stärker ausgeprägt als bei Arten, in denen die Jungen anscheinend auch ohne väterliches Zutun problemlos groß werden.
Interessanterweise gilt für menschliche Väter offenbar ähnliches. Sobald Mütter nämlich als Betreuungspersonen ganz oder teilweise ausfallen, treten die Männer zu Hause deutlich stärker in Erscheinung. Unter den verheirateten Vätern sind - verschiedenen aktuellen Studien zufolge - grundsätzlich diejenigen am engagiertesten, deren Frauen ebenfalls erwerbstätig sind. Sie verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern und beteiligen sich stärker an der Hausarbeit als Hausfrauen-Männer - obwohl auch sie nicht einmal die Hälfte aller anfallenden Arbeiten übernehmen.
Wo Väter ganz auf sich allein gestellt sind, meistern sie die Kinderversorgung offenbar nicht schlechter als Mütter. Zwar wünschte sich eine Mehrheit der allein erziehenden Väter, die Michael Matzner befragte, dass ihre Lebensform kein Dauerzustand werden soll, erfuhren 80 Prozent der Befragten von Familienangehörigen, Nachbarn, Kindergärtnerinnen oder Lehrern nach anfänglichen Zweifeln eine positive Bestätigung ihres Tuns. Ebenso viele sahen in den praktischen Anforderungen, die Hausarbeit und Kinderbetreuung an sie stellten, zum Zeitpunkt der Befragung "kein schwerwiegendes Problem".
Warum also dann nicht von Anfang an? Was hindert Väter, sich im gleichen Maß wie voll erwerbstätige Mütter am Einkaufen, Kochen, Putzen, Waschen zu beteiligen, mit ihren Kindern zu spielen, sie zum Aufräumen ihres Zimmers zu bewegen oder ihre Hausaufgaben zu kontrollieren? Wie ist es möglich, dass sich nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums nicht einmal 60 Prozent der Väter an einem Werktag in der Wohnung mit ihrem Kind beschäftigen und ein Viertel von ihnen dazu selbst sonntags außerstande ist? Tragen Mütter die Schuld an dieser väterlichen Abstinenz, weil sie - von weiblichen Allmachts- und Verschmelzungsphantasien besessen - die Väter partout nicht zum Zuge kommen lassen wollen? Oder verstehen sich Väter, abgesehen von ihrer Ernährerrolle, tatsächlich vor allem als Krisen-Interventionskräfte? Sitzt, anders gesagt, das von Paul beschworene evolutionsbiologische Erbe doch tiefer als angenommen und investieren Männer erst dann Energie in die Aufzucht ihres Nachwuchses, wenn sie ihren Reproduktionserfolg ernsthaft gefährdet sehen?
Wobei menschliche Reproduktion wohl mehr meint als die schlichte Vervielfältigung der eigenen Gene: Persönliche Fähigkeiten und Überzeugungen an die eigene Nachkommenschaft weiterzugeben, sich in den eigenen Kindern spiegeln zu können und damit auch ein Stück unsterblich zu werden, gehört zu den typischen Hoffnungen, die Männer legitimerweise mit dem Väterwerden verbinden. Geht es also immer auch um eine Art narzisstischer Reproduktion, würde dies zumindest die extreme Schieflage erklären zwischen der ungeheuren Vehemenz, mit der die Trennungsväter-Lobby zu Felde zieht und dem, sagen wir, eher verhaltenen väterlichen Interesse an einem beliebigen Grundschul-Elternabend.

Verschieden anwesend


Dass es auf diese Fragen bisher wenig Antworten gibt, ist auch das Resultat einer Väterforschung, die viele Jahre lang vor allem eines im Blick hatte: Scheidungskinder. Dabei gingen die Wissenschaftler von der simplen Annahme aus, es müsse doch genügen, vaterlose Kinder in ihrer Entwicklung mit solchen zu vergleichen, die mit ihrem Vater aufwuchsen, um den väterlichen Einfluss ein für allemal dingfest zu machen. Die Erkenntnisse, auf die sie stießen, waren erschreckend: Ob Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen, schlechte Schulleistungen, Aggressivität oder ausgeprägtes Machotum - was immer sie suchten, bei vaterlos aufgewachsenen Söhnen wurden sie fündig. Zumindest auf den ersten Blick - bei näherem Hinsehen, so der Psychologe Lothar Schon, erwiesen sich die Ergebnisse vieler Studien nämlich als widersprüchlich. So verhielten sich vaterlose Söhne mal deutlich aggressiver und stereotyp "männlicher" als ihre mit Vätern aufgewachsenen Gegenspieler und manchmal gerade nicht. Auch was ihre schulischen Leistungen betraf, schnitten sie ebenso oft besser wie schlechter ab. Schons Fazit: "Ich vermute, dass alle diese Ergebnisse richtig sind und dass sie allesamt letztlich nur eine Tatsache bekräftigen - Söhne verarbeiten die Gegebenheit, vaterlos zu sein, auf sehr verschiedene Weise."
Und Väter sind in sehr unterschiedlicher Weise präsent. Es spricht für die zutiefst identifikatorische Verstrickung mit dem Objekt ihrer Studien, dass diese simple Tatsache den meisten Forschern offenbar lange Zeit verborgen blieb. Nur so - und nicht mit methodischen Schwierigkeiten - scheint jedenfalls der Gegensatz zwischen der unüberschaubaren Fülle von Untersuchungen über vaterlose Kinder - bevorzugt Söhne - und dem eklatanten Mangel an Forschung über den anwesenden Vater erklärlich, den auch Schon beklagt.

Der deutsche Vater: nicht zuständig


Dass mit diesem Ansatz jeder Vater, der weder tot noch geschieden war, gleichsam a priori in den Rang eines "guten Vaters" erhoben wurde, ist historisch nachvollziehbar: Wer in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch einen Vater hatte, musste sich glücklich schätzen - auch wenn der Betreffende sich schnurstracks wieder in den wirtschaftlichen Wiederaufbau verabschiedete. Wem dagegen allenfalls eine diffuse Erinnerung an glücklichere Vorkriegszeiten, einen seltenen Fronturlauber und das mütterliche Entsetzen über dessen Fernbleiben blieb, dem musste Vaterlosigkeit als der Grund allen Übels erscheinen.
Das mag erklären, warum die väterliche Ernährer-Doktrin (und die sie begleitende Kinder-gehören-zu-ihren-Müttern-Ideologie) in keinem Land der Erde so zählebig ist wie in Deutschland. Es ist aber zugleich eine mögliche Begründung dafür, wieso die mütterliche Rolle hierzulande schon sehr viel früher und ausgeprägter modernisiert werden konnte als die väterliche. Öffentliche Kinderbetreuung war lange Zeit die einzige Formel, mit der Frauen eine Erwerbstätigkeit ermöglicht werden sollte, wenn sie - wie in der DDR - gesellschaftlich erwünscht oder - wie in bestimmten Milieus im Westen - schlicht ökonomisch erforderlich war. Erst sehr viel später, nämlich im Lauf der achtziger Jahre, gerieten dann auch die Väter öffentlich ins Visier. Als Menschen, deren alltägliche Beteiligung man hätte einfordern können, waren sie im allgemeinen Bewusstsein vorher schlicht nicht präsent. Väter in Deutschland - das war nach zwei Weltkriegen nicht mehr als das dumpfe Pochen eines Phantomschmerzes.
Denn auch das haben die Forscher inzwischen herausgefunden: Nur wer selbst einen guten Vater hatte oder sich mit seinem Frust über einen schlechten hinreichend auseinander gesetzt hat, kann selbst ein guter Vater werden. Umgekehrt lernen Kinder in einer funktionierenden Dreierkonstellation genau die soziale Kompetenz, die sie später als Eltern brauchen: Sich selbst und andere als autonome Wesen zu begreifen, sich in andere hineinversetzen zu können, mit allen Sinnen zu erfahren, dass Zweierbeziehungen nichts Ausschließliches sind und eben nicht auf dem - symbolischen oder realen - Ausschluss eines Dritten beruhen müssen.

Wie der Vater, so der Sohn


Das aber setzt idealerweise die körperliche Präsenz und emotionale Verfügbarkeit zweier Erwachsener - von Anfang an und in allen Phasen der Individuation - voraus. Ob es sich dabei notwendigerweise um zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts handeln muss, ist hingegen nicht erwiesen. Zwar gibt es Hinweise, dass Väter in Testsituationen anders - körperbetonter, herausfordernder, weniger kindzentriert - mit ihrem Nachwuchs spielen als Mütter, doch das könnte auch ein Ergebnis ihrer häufigen Abwesenheit sein: Wer sein Kind weniger genau kennt, wird seinen Spielstil dessen Fähigkeiten weniger stark anpassen. Wesentlicher als das Geschlecht scheint den meisten Entwicklungspsychologen, dass beide Eltern nicht nur dem Kind, sondern einander gegenseitig in einer liebevollen und gleichberechtigten Beziehung verbunden sind. Nur so können die symbolischen Plätze, die alle Beteiligten innerhalb der Triade einnehmen, nämlich variabel sein und das Kind "Mutter" wie "Vater" und sich selbst als beides erfahren: als fürsorglich und tröstend, als abwesend und autonom.
Die Neubestimmung von Eltern- und Geschlechterrollen muss also notwendig ineinander greifen. Das gilt, wie Vera King mit ihrem Beitrag über "Töchterväter" detailliert analysiert, für diese mindestens ebenso sehr wie für die Väter von Söhnen: Denn während Väter ihre Söhne nur dann zu guten Vätern (und netten Männern) erziehen können, wenn sie sich selbst nicht mit der klassischen Männerrolle zufrieden geben, müssen sie ihre Töchter zugleich in deren Weiblichkeit und in der Realisierung ihrer "unweiblichen" Autonomiewünsche unterstützen.
Bisher sind die Rollen zwischen Müttern, Vätern und ihren Kindern bekanntlich eher einseitig verteilt. Auch wenn sich einiges tut an der Väterfront - im privaten Alltag wie im allgemeinen Bewusstsein. Fußballer, die unter dem Trikot nach jedem Tor stolz die Porträts ihrer Kinder öffentlich zur Schau stellen, überwinden die eigene Abwesenheit zumindest symbolisch. Der US-Rapper Eminem ging sogar noch weiter. Er ließ sich das Porträt seiner Tochter Hailie auf den Oberarm tätowieren, "damit sie immer bei mir ist". Und Theo Waigel? Der denkt mittlerweile ernsthaft darüber nach, sich nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im Herbst verstärkt um seinen Sohn Konstantin zu kümmern. Nicht, weil er ihm so fehlt, sondern damit seine Frau politische Karriere machen kann - bei der CSU, versteht sich.

Literaturhinweis: Heinz Walter (Hg.), Männer als Väter: Sozialwissenschaftliche Theorie und Empirie, Gießen: Psychosozial-Verlag, 2002, 861 S., 49,90 EUR


00:00 21.06.2002

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