Trauma geheilt: Schiller lebt!

Theater Seit einem traumatischen Weimar-Besuch vermisste unsere Autorin Schillers Geist. Nun hat sie ihn gefunden – in Philipp Hochmairs „Schiller Balladen Rave“
Da ravt der kleine Dichterfürst
Da ravt der kleine Dichterfürst

Foto: Heike Blenk

Vor ein paar Jahren überkam mich das bildungsbürgerliche Verlangen, nach Weimar zu reisen. Die Wohn- und Wirkungsstätten der Dichter und Denker, das wollte ich alles mal gesehen haben. Dort angekommen, war ich begeistert. Goethes Gartenhaus: so schön wie auf den Postkarten. Das Goethehaus: noch beeindruckender als die Schilderungen meiner kulturbeflissenen Verwandten. Ich lauschte den Audio-Guides und tippte die Nummern für „Weitere Informationen“, kaufte stapelweise Biografien in den Museumsshops, aß Gerichte mit Namen wie „Mephisto“ in Cafés, die Gretchen hießen, wurde halb hysterisch, weil ich schon viel gesehen hatte, aber eben noch nicht alles.

Am letzten Tag besuchte ich das Wohnhaus von Schiller. Plötzlich, in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach, durchfuhr mich Zweifel. Das, was in seinen Texten für mich lebte, fand ich hier nicht. Wo war hier Schiller, verdammt? Gab es vielleicht Reste von atomaren Staubpartikeln, die seit über 200 Jahren durch dieses Zimmer flogen und die ich jetzt einatmete? Ich betastete die liebenswürdige Bäumchen-Tapete, die er selbst entworfen hatte, sah gebannt auf sein Sterbebett. Ich wollte etwas fühlen, nur was eigentlich? Ich schloss sogar die Augen: Nichts geschah. Ich war einfach nur eine Touristin, ich trampelte durch totes Museumsgebälk.

Schiller Balladen Rave in Neuhardenberg

Dieses Weimar-Trauma hätte ich vermutlich noch lange mit mir herumgeschleppt, wenn ich nicht letzte Woche, an einem lauen Sommerabend im brandenburgischen Neuhardenberg, den Schiller Balladen Rave von Philipp Hochmair und der Band Die Elektrohand Gottes erlebt hätte. Das Projekt, das bei vielen Fans Kultstatus besitzt, ist ein heftiger Gegenentwurf zum Glasglockencharakter der sehr deutschen Dichterverehrung.

Der Schauspieler hämmert gleich zu Beginn auf dieses Glas ein, wenn er in Bauarbeiter-Montur mit seinen Werkzeugen auf der Bühne herumklopft und ruft: „Schiller! Wo bist du? Komm zu uns! Steh uns bei!“ Aus dieser vehementen Geisterbeschwörung spricht von vornherein eine schöne, wilde Liebe zu den Texten, die den ganzen Abend trägt – denn Liebe ist nun einmal dreist und gibt sich nur mit konkretem Kontakt zufrieden.

Auf diesen Herzfaden also reiht Philipp Hochmair die Balladen, breitet mit großer Energie die Texte vor dem Publikum aus, öffnet deren Bildräume. Zigarre rauchend, Bier trinkend, ins Megafon sprechend. Er nimmt sich Zeit, verfällt in keine Reimerei, lässt den Gedanken Vortritt, stöbert in den Zeilen, entdeckt die Worte, lässt nachhallen, wiederholt. Während er so mit geschlossenen Augen durch seine inneren Textgebäude läuft, wird alles aufgefangen und wieder losgelassen in den drängend-treibenden oder flirrend-abhebenden Soundteppichen seiner drei begabten Musiker.

Schillers Welt des 18. Jahrhunderts und diese alles einreißende Baustellen-Ästhetik: Nichts könnte gegensätzlicher sein, und doch saß ich da und dachte: Nur so und nicht anders kann Schiller es gemeint haben. Es war absolut erstaunlich. Der Humor in der Ballade Der Handschuh zum Beispiel, ihre verspielten Rhythmuswechsel. Oder die Jetzt-Themen wie unbezahlte Care-Arbeit von Frauen, von menschlichem Wahn erzeugte Kriege, unsere radikale Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen: Wussten Sie, dass es eine hochaktuelle Ballade dazu gibt, die Die Glocke heißt?

Schiller war jedenfalls anwesend an diesem Abend, das kann ich bezeugen. Dass seine Energie noch um uns schwirrt, wurde besonders in dem Moment spürbar, als das Publikum chorisch die letzte Zeile der Bürgschaft vollendete. So schön war das. Kollektives Wissen is alive. Und wenn Sie die Worte jetzt nicht wissen, dann horchen Sie einfach in sich rein.

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